Samstag, 2. Juni 2007

Memento mori

Todesanzeigen gehören schon recht lang, gut zwanzig Jahre, zu meiner regelmäßigen Lektüre. Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen, Autoren, sie alle waren früh dabei, und mit fortschreitendem Alter nimmt es zwangsläufig zu. Memento mori, Nachrichtenquelle, aber natürlich auch Vanitas-Symbol: Die toten Politiker und Wirtschaftsbosse, derer seitenlang ein Flickerlteppich von Institutionen gedenkt. Oder große Künstler wie Jörg Immendorf, für den sich ein großer Kreis an Trauernden auf eine einzige, diese Größe widerspiegelnde Anzeige in der „Süddeutschen Zeitung“ verständigt. Thomas Bach, Alfred Biolek, Daniel Barenboim und Bazon Brock finden da zueinander, um nur aus dem B zu zitieren, eine Koalition aus Olympischem Komitee, Fernsehen, Musik und Kunst. Und man fragt sich, wie so eine Koalition entsteht. Telefoniert da der Galerist sein Adreßbüchlein durch oder meldet sich Charles Saatchi aus London und sagt, Du, falls Ihr eine Anzeige schaltet, möchte ich dabei sein? Wird die Rechnung, ich schätze mal ein fünfstelliger Betrag gesplittet und bekommt jeder eine steuerlich absetzbare Quittung oder wahrt man hier die Würde? Schämt sich Gerhard Schröder seines Hannoverschen Wohnorts, daß er in der Anzeige Berlin als Heimat angibt? Und knallen bei Veronica Ferres die Champagnerkorken, weil sie in dieser illustren Runde Einlaß fand? Ganz nebensächliche Fragen in Stunden der Trauer. Aber bei einer ganzseitigen Todesanzeige komme ich einfach ins Grübeln. Vanitas vanitatum.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es befindet sich darunter auch fast keiner, der mir wirklich sympathisch wäre.

Dorin Popa hat gesagt…

Oda!