Donnerstag, 23. Juli 2009

Last man standing oder:
Die Wundersame von Offenburg

Es war im Sommer 1999 gewesen, kurz nach dem weiter unten abgebildeten Schnappschuß von Aenne und Hubert Burda, als es mich ins Badener Land verschlug. Selbst wenn ich nicht aus Berlin gekommen wäre, hätte ich das eine oder andere seltsam gefunden. Die vorsintflutliche Stechuhr, mit der ich meine Arbeitszeit im Verlag Aenne Burda dokumentieren mußte. Der Thermo-Wachsdrucker, mit dem unsere Entwicklungsredaktion („Sista“) noch im Jahr 2000 auskommen sollte. Aber es war durchaus eine Zeit des Umbruchs, denn gegenüber des 1953 von Egon Eiermann errichteten Burda-Moden-Baus entstand der moderne Medienpark. Zug um Zug wechselten Redaktionen und Verlagsleute in den Neubau, bis nur noch ich in Aennes Mausoleum übrigblieb, meiner Mannen beraubt, die auch längst vis-à-vis zu „Vivi@n“ abkommandiert worden waren, während ich wie ein einsamer Frühstücksdirektor letzter Mann an Bord blieb.
Aenne Burda bekam ich während meines Jahres in Offenburg nie zu Gesicht, auch wenn sie in den Anekdoten oder vielmehr Horrorgeschichten ihrer Angestellten allgegenwärtig schien. Wen hatte sie nicht schon fristlos gefeuert, wegen einer falschen Bemerkung oder eines falsch geparkten Autos. Gelegentlich schien sie in den Monaten vor dem Umzug noch im Verlag aufzutauchen, rastlos ihrem Austragshäusl entfliehend, wundersam bis wirr in ihrem Verhalten, bis es offenbar selbst den Geduldigsten zu bunt geworden war, so daß man sie gar nicht mehr im Hause sehen wollte, daß doch noch immer ihren Namen stolzgeschwellt trug.
Man muß nicht in Gisela M. Freisingers „Medienfürst“-Biografie gelesen haben, wie Aenne Burda ihren Sohn vor versammelter Redaktion abgewatscht hat, um die Spannung zwischen Aenne und Sohn Hubert vorgeführt zu kriegen. Es reicht ein Blick auf dieses im Juli 1999 entstandene Bild. Traute Zweisamkeit sieht anders aus. Ganz anders dagegen jetzt das Verhältnis zur 2005 verstorbenen Mutter. Ihr läßt der jüngste Sohn inzwischen einen Heldenkranz nach dem anderen flechten.
Eine Büste von Nikolai Tregor. Der auf dem DLD verliehene Aenne Burda Award, mit dem sich die strahlenden Heldinnen der Gegenwart wie Marissa Mayer (Google), Caterina Fake (flickr) und Esther Dyson schmücken – aber auch die seit dem Knast weniger strahlende Martha Stewart.
Die dieser Tage erscheinende Hagiografie „Wunder sind machbar“ aus dem konzerneigenen Petrarca-Verlag (der Anfang des Jahres Inhaber Hubert Burda mit einer eigenen Festschrift „zwischen Pop und Pantheon“ ortete). Eine Ausstellung. Schließlich ist nächste Woche der 100. Geburtstag der alten Dame zu begehen – und die Burda-Redaktionen überbieten sich im Kotau: „Bunte“, „ELLE“, „Focus“, „freundin“.
Heute abend strahlt der SWR nun um 23 Uhr Dora Heinzes Porträt „Aenne Burda“ aus. Die Phalanx der aufgebotenen Interviewpartner wie Karl Lagerfeld, Maria Furtwängler, Hubert Burda und Lothar Späth läßt vermuten, daß kein bißchen Schatten den Badener Glanz trüben wird.
In ihren persönlichen Notizen bestätigt Dora Heinze meinen Argwohn: „Als ich in meinem multinationalen Kiez in Berlin davon erzählte, was ich gerade vorbereite, sprudelten nur so die Geschichten, von Neuseeländerinnen, ehemaligen DDR-Frauen, Griechinnen, Brasilianerinnen, auch von Französinnen. Als ich dann aber eine französische Kostümbildnerin mit der Kamera interviewte, war sie leider durch eine Erkältung so heiser, dass wir die Aufnahmen im Schnitt nicht verwenden konnten.
Was auffiel, war das Lächeln auf den Gesichtern, wenn Aennes Name genannt wurde oder wenn die Frauen über ihre Erfahrungen mit der Burda Modezeitschrift erzählten. Ich habe versucht, dieses Lächeln in dem Film zu zeigen.
In der ARD fand ich viele Interviews mit ihr, einen wunderbaren Archivschatz. Und als ich vom Museum Offenburg und vom Burda-Archiv noch unausgewertetes Material bekam, lernte ich Aenne Burda immer besser kennen. Obwohl ich ihr nie begegnet bin, hatte ich das Gefühl, ich habe sie persönlich kennengelernt. Ihr Mut, ihr Charme und ihre Beharrlichkeit imponieren mir noch über den Film hinaus.
Auch wenn der Film sehr spät am Abend kommt, viel Freude beim Schauen.“

Update: „Adrett am Herd“ – die „Süddeutsche Zeitung“ zum Fernsehporträt
(Fotos: SWR/NDR, Promo)


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