Donnerstag, 24. Juni 2010

Mel Ramos: Als der Sex noch sauber schien

Das erste Mal, daß ich ein Bild ersteigern wollte, muß Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, in Berlin. Die Villa Griesebach bot einen Mel Ramos an, natürlich kein Originalbild, das hätte ich mir selbst damals nicht leisten können, sondern einen signierten Druck, aber selbst dafür überstiegen die Gebote schnell meine finanziellen Mittel.
Aber warum wollte ich ausgerechnet einen Mel Ramos, eine seiner All American Beauties? Eine dieser altbackenen Ikonen der Teflon-Erotik, bei der das nackte Fleisch noch unschuldig schien, eine verheißungsvolle Zukunft zwischen Raumfahrt und Atomenergie versprach, ganz anders als die provozierend explosive Nackheit einer „Barbarella“ oder K1-Kommune.
Ramos' Pin-Ups, die in meiner Kindheit und Jugend allgegenwärtig schienen, sind Prototypen aus der guten alten Zeit vor dem Club of Rome und AIDS, sie verkörpern für mich trotz aller Nackheit Baumwollsöckchen statt Stay-ups, Schiesser statt Agent Provocateur (wobei bis in die achtziger Jahre selbst der Beate-Uhse-Katalog eine ähnlich fetischfreie Unschuld ausstrahlte).
Bild um Bild scheint Ramos die künstliche Perfektion einer Claudia Schiffer vorweggenommen, die Pop-Kultur domestiziert zu haben, Bild für Bild hat er seine Frauen auf Zahnpastatuben, Zündkerzen und Zigarettenschachteln drapiert, wobei ich nie das Gefühl hatte, daß er da etwas parodieren oder mir mit Sex verkaufen wollte. Vielmehr wirkten die Packshots - und damit der Konsum ebenso unschuldig wie das sie umgebende nackte Fleisch. Weshalb diese Bilder – Persiflage hin oder her – gerade bei Werbetreibenden und Marketinggrößen besonders beliebt waren.
Heute ist das nicht mehr altbacken, sondern Retro, aber heutzutage gibt es in den einschlägigen Fetischforen auch Threads für Baumwollsöckchen und Feinripp.
Eine Retrospektive dieses Schaffens präsentiert nun die Münchner Stuck-Villa. Mel Ramos wird zur Vernissage (samt Sommerfest) heute abend erwartet.


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