Sonntag, 2. Januar 2011

Vive la chanson: Ein paar Lieblingsalben

Charles Aznavour: „Jazznavour“
Mehr Nightclub, denn Jazzkeller: 14 von Aznavours Klassikern wie „She“ , mit dessen Hilfe uns Julia Roberts in „Notting Hill“ zu Tränen rührte, oder die bitterböse Macho-Hymne „Tu t’laisse aller“ („Du lässt Dich gehen“), die hier aber allesamt nicht mit Leidenschaft prahlen, sondern lässigst mit Unterstützung von Dianne Reeves, Michel Petrucciani und anderen Jazzgrößen eingespielt wurden.
Capitol (EMI Austria), 1999

Benjamin Biolay: „Trash Yéyé“
Nicht vom Titel irreführen lassen, der an den Chanson Yéyé des frühen Johnny Halliday denken lässt. Biolay, Gallionsfigur des Nouvelle Chanson ist zwar wie Gainsbourg von Amerika fasziniert, schwelgt hier aber – nach der Trennung von seiner Ehefrau Chiara Mastroianni – in Pariser Melancholie und Liebeskummer. Also keine Spur von Bubblegum, sondern verführerisch-trauriges Gesäusel von meditativer Klarheit, damit einem diesen Wintert warm ums Herz wird.
Virgin (EMI), 2007

Jane Birkin: „Arabesque“
Paris-London-Algier: Serge Gainsbourg und Jane Birkin waren so etwas wie das Power-Couple des französischen Chansons – und sorgen selbst nach Gainsbourgs Tod für immer neue Facetten. In diesem Konzertmitschnitt einer Begegnung Birkins mit arabischen Musikern rund um den algerischen Geiger Djamel Benyelles werden Gainsbourgs Klassiker wie „La javanaise“, „Baby alone in Babylone“ oder „Élisa“ orientalisch interpretiert.
EMI, 2003

Georges Brassens: „Le pornographe“
Ein Säle füllender Top-Star und zugleich Anarchist, einer von Frankreichs bedeutendsten Dichter und zugleich ob seiner obszönen Texte oft nicht radiotauglich: War Brassens ein einziges Paradoxon oder eben gerade die Quintessenz der Chansonkultur? Der „Pornograf des Phonographen“ mit einem Schlüsselwerk. (Oder alternativ lieber ganz unschuldig: „Georges Brassens chante les chansons de sa jeunesse“, Mercury, 2001, französische Lieder seiner Jugend von Charles Trenet und anderen – letzteres in der Regel nur über französische Händler)
Mercury (Universal), 2009

Jacques Brel: „L'Integrale“
Gesamtausgabe mit 15 CDs in einer Samtbox – und damit eine veritable Bibliothek des Belgiers, der mit jedem Chanson in drei Minuten ausdrücken wollte, wozu ein Schriftsteller einen ganzen Roman braucht. Wem das zu viel ist, der kann stattdessen zu Brels prägnanten Livemitschnitten greifen. Seine Auftritte 1961 und 1964 in der Pariser Music-Hall Olympia, dem wichtigsten Auftrittsort der Chansonniers, findet man einzeln (Philips/Universal 1988 bzw. Barclay/Universal 2004) oder als Doppel-CD (mit „Ne me quitte pas“, „Amsterdam“ aber auch einigen bei beiden Auftritten gespielten Dubletten. D.R.G. 2007).
Mercury (Universal), 2004

Camille: „Le fil“
Fast schon a cappella, sehr zurückhaltend nur mit Kontrabaß und gelegentlich auch noch einem Klavier instrumentiert, mit einer extrem ausdrucksstarken wie vielseitigen Stimme, die sich um einen alle Lieder durchziehenden Halteton windet, ihn umspielt und dann immer wieder auf eine andere Weise geradezu explodiert. (Und damit so ziemlich das Gegenteil zu Camilles säuselnden Mitwirkung bei Nouvelle Vague.) Ihre Videoclips (etwa auf YouTube oder Dailymotion) sind nicht weniger exzentrischer.
Virgin (EMI), 2005

Matthieu Chedid: „Bapteme & Je Dis Aime “
Doppel-CD mit den ersten beiden Alben von – M - alias Matthieu Chedid, der uns zwischen Rock und Chanson changierend in einen Strudel der Emotionen zieht. Nicht umsonst mit „Close to me“ von The Cure als französischsprachige Coverversion – seine eigenen Titel halten da mühelos mit. Wer eine französische Bezugsquelle hat, findet auf dem Anfang Dezember erscheinenden Live-Doppelalbum „Les saisons de passage“ (Barclay, 2010) sein aktuelles Tourneeprogramm samt einer DVD.
EMI France, 2007

Coeur de pirate: „Coeur de pirate“
Dem doch recht stupiden, aber eben gerade darum eingängigen Dance-Remix von „Comme des enfants“ ist es zu verdanken, dass die 20-jährige Béatrice Martin alias Coeur de pirate ihr Album jetzt auch in Deutschland veröffentlichen durfte. Eine unverwechselbare Stimme, mit diesem süßen frankokanadischen Akzent – und wahrscheinlich weltweit die Chansonsängerin mit den meisten Tattoos.
Le Pop (Groove Attack), 2010

Julie Delpy: „Julie Delpy“
Zwar nicht mehr lieferbar, aber gebraucht erhältlich. Und die Suche wert! Die Schauspielerin („Before sunrise“, „Homo faber“, „2 Tage Paris“) singt nicht nur vor der Kamera, sondern auch wo es sich sonst immer anbietet über Liebeskummer, One-night-stands und ihr Leben als Französin in Los Angeles. Jeder Mann, der ein Date mit ihr hat, sollte sich Mühe geben. Sonst verewigt sie ihn, kaum wieder daheim, in einem Chanson.
Pias, 2003

Jacques Dutronc: „Best Of – 3 CD “
Mit Sicherheit der coolste Hund unter all den Chansonsängern und das schon seit über 50 Jahren. Fast ebenso lange nahezu immer mit der Sonnenbrille auf der Nase, Alkohol zur Hand und an einer Zigarre herumspielend. Françoise Hardy liebt ihn trotzdem. Und ich empfehle nur ausnahmsweise eine „Best of“-Edition, nur meine Lieblingstitel wie „J’aime les filles“, „Les Playboys“, „Il est cinq heures, Paris s’eveille“ und „L’hôtesse de l’air“ beisammen sind.
Vogue (Sony Music), 2009

Serge Gainsbourg: „Comic Strip“
Zwar kein Originalalbum, sondern nur eine posthume Kompilation, die aber mit ihren Pop-Klassikern („Je t’aime“, „Bonnie and Clyde“, „Ford Mustang“) wie aus einem Guß wirkt. Und alle Klischees bedient, die Tugendwächter wie das DDR-Standardwerk zur Chansonkultur in Wallung versetzt: die „Sprache, ein verstümmeltes, von Amerikanismen und Rauschgift-Modetermini durchsetztes Französisch“, das – mit tatkräftiger Unterstützung Brigitte Bardots und Jane Birkins – „alle humanistischen Werte in Frage“ zu stellen scheint.
Philips (Universal), 1997

France Gall: „Babacar“
Kein bisschen Baby Pop wie bei ihrem Grand-Prix-Sieg 1965 mit „Poupée de cire, poupée de son“ mehr. Schließlich ließ sie sich das Material auch nicht mehr von dem zynisch-verspielten Gainsbourg schreiben, sondern von Michel Berger, ihrem Ehemann und einem der bedeutendsten Chansonkomponisten. Nicht zuletzt dank ihm war France Gall hier mit 40 auf dem Höhepunkt der Kunst. Ihre Ella-Fitzgerald-Hommage „Ella elle l’a“ und „Babacar“ wurden auch außerhalb Frankreichs zu Hits.
Wea (Warner), 1988

Katerine: „RoBOTS après tout“
Daft Punks „Human after all“ setzt Philippe Katerine die Roboter entgegen. Extrem tanzbarer Elektro-Chanson, bitterböse und so schnell, als ob ein Duracell-Hase auf Speed wäre. In den USA müsste man vor den „explicit lyrics“ warnen. In Frankreich folgerichtig Katerines erfolgreichstes Album, bei dem er nicht nur mit den Identitäten von Menschen und Maschinen spielt, sondern auch mit den Geschlechterrollen.
Bungalow (rough trade), 2006

Sandrine Kiberlain: „Manquait Plus Qu'Ça“
Vor allem wegen der Coverversion des Beatles-Songs „Girl“ (oh Gott, ist das sexy, wenn Französinnen englisch singen). Aber die rotblonde sommersprossige Schauspielerin ist auch bei ihrem eigenen Chansonmaterial mehr als überzeugend – und so ganz anders als in ihren Filmen. Während sie auf der Leinwand meist etwas Verschlossenes, Geheimnisvolles in sich trägt, ist dieses Debütalbum von einer ansteckenden Beschwingtheit.
Virgin (EMI), 2006

Louise Attaque: „Comme on a dit“
Das seltene Phänomen einer Chanson-Gruppe. Oder doch eine Rockband? Denken Sie einfach an „Element of crime“: wenn sie deren Alben mögen und als Chanson durchgehen ließen, dann erst recht auch die Jungs von Louise Attaque. Mit Akustikgitarre, Geige, Baß und Schlagzeug sehr nahe am Folk.
Atmospherique (Alive), 2007

Henri Salvador: „Chambre avec vue“
Der legendäre, seit den dreißiger Jahren an der Seite von Django Reinhardt oder Boris Vian gefeierte Jazzpianist, Chansonsänger und Schauspieler war in Vergessenheit geraten, bis Benjamin Biolay und Keren Ann dem 83–Jährigen mit diesem ausgesprochen relaxten Album ein sensationelles Comeback verschafften. Der Charme quillt hier mit jeder Note aus dem Lautsprecher.
Virgin (EMI Austria), 2001

Emilie Simon: „Végétal“
Ihren Durchbruch feierte sie mit dem englischsprachigen Soundtrack („All is white“, „The frozen world“) zu dem oscargekrönten Dokumentarfilm „Die Reise der Pinguine“, aber ihr überwiegend französisches Konzeptalbum „Végétal“ mit seinen Blumen des Bösen ist einfach sinnlicher. Als ob Alice statt ins Wunderland den botanischen Garten aufsuchte und sich dem Klatschmohn und Lotus hingäbe.
Barclay (Universal), 2008

Surftip: Le Hall de la chanson (französischsprachiges Dokumentationszentrum, aber mit vielen Bildern, Klangproben und Podcasts)
Dieser Text ist zuerst in „Sono Plus“ Dezember 2010 veröffentlicht worden


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