Mittwoch, 2. November 2011

re:publica 2012 – möglichst ohne Prekariat

Dinge ändern sich. So verläßt die re:publica die traditionelle, zu klein gewordene Wirkstätte in der Kalkscheune samt seltsamem Wurmfortsatz, dem Friedrichstadtpalast, und zieht nächstes Jahr ans Gleisdreieck und somit (zumindest für mich als ehemaligem Wahl-Berliner) ins Nichts. Und paart sich zudem mit der NEXT zur BerlinWebWeek. „Plug and play“? Nicht unbedingt!
Denn manche Dinge ändern sich nie. Es schmücken sich ja viele mit dem Rubrum „Digitale Bohème“, aber neben den besserverdienenden Werbe-Ikonen, Vortragsreisenden und Consultants gibt es eben auch genug, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Vor Konferenzen wie der re-publica liest man schon öfters den einen oder anderen Tweet, in dem nicht unbekannte Blogger um ein gesponsertes Ticket buhlen. (Wobei – nur um Mißverständnissen vorzubeugen, die re:publica mit Preisen ab 60 Euro für drei Konferenztage ausgesprochen preiswert ist! Aber das ist für manche immer noch sehr viel Geld.)
Ganz so schlimm war es bei mir noch nicht. Bisher konnte ich meine Eintrittskarte noch selber bezahlen. Da sah die Anmeldeprozedur via Amiando aber auch noch die Möglichkeit vor, das Earlybird-Blogger-Ticket online rechtzeitig zu blocken und den Kaufpreis dann zu überweisen. Heuer wurde diese Option gestrichen. Jetzt wollen die Berliner Netz-Herrschaften sofort Geld sehen: ob via Kreditkarte, Direct Debit oder PayPal (letzteres unter den politisch Denkenden in der Blogosphäre ja zumindest ein zweifelhafter Geschäftspartner seit den Vorkommnissen um Wikileaks und Kuba).
Das Team von Newthinking widersprach meinen zweifelnden Worten sofort via Twitter und behauptete erstmal, die Zahlungsmöglichkeiten hätten sich nicht geändert: „war schon immer so! (Zumindest wenn wir die Einstellung bei Amiando richtig im Griff hatte, hüstel)“ Noch bevor ich mit einem Griff in meine Buchhaltung die Belege fand, daß ich sowohl für die re:publica 2010, als auch für die re:publica 2011 das Geld überwiesen habe, die re:publica ihre Amiando-Einstellungen also offenbar über Jahre nicht im Griff hatte, korrigierten sich die Veranstalter: „OK. Für uns ist der Verwaltungsaufwand bei Überweisungen zu hoch.“ (Für uns? Läuft das nicht über Amiando?)
Nun hätte ich theoretisch vorhin sogar noch das letzte Earlybird-Blogger-Ticket abbekommen, aber ich besitze nunmal keine Kreditkarte, und sowohl mein Bankkonto, als auch mein PayPal-Koto (ja , ich gestehe, ich habe noch eines, obwohl ich deren Politik verurteile, aber ohne Kreditkarte ist es eben sehr hilfreich, wenn man öfters im Ausland bestellt), jedenfalls sind meine Konten auf null. Das wird sich zwar im Lauf der nächsten Wochen ändern, aber bis dahin sind die Blogger- oder Earlybird-Tickets vielleicht schon weg.
Man kann so eine buchhalterische Angelegenheit natürlich rein technisch, als „Verwaltungsaufwand“ betrachten. Andererseits sind Verwaltungsprozeduren immer auch der cleverste Weg zu selektieren. Wenn eine Lufthansa das Papierticket abschafft, erschwert man den Armen und Fremden, die keine Kreditkarte oder Kundenkarte besitzen, überhaupt zu fliegen. Überall wo das Handy Zahlungs- und Ticketfunktionen übernimmt, entledigt man sich des Prekariats, das kein Handy oder zumindest kein Smartphone besitzt. So jemand wie ich würde natürlich immer einen Weg finden. Die Kreditkarte von Freunden benutzen, das Direct Debit über ein fremdes Konto laufen lassen, einen Kumpel bitten, mein PayPal-Konto schnell aufzupimpen.
Aber solch eine erzwungene Entschleunigung hat auch immer ihre Vorzüge. Statt sich vom Hype mitreissen zu lassen, sich schnell ein Ticket zu sichern, hat man plötzlich Muse, darüber nachzudenken. Und wenn ich ehrlich bin, muß ich gestehen: Bei dieser re:publica habe ich ehrlich gesagt nichts zu suchen.

Update: Bloggen lohnt sich. Inzwischen bietet die re:publica auch Prepayment wieder als Zahlungsoption an.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dieses Vorgehen entspricht in keiner Weise dem Geist der Veranstaltung und trifft wieder einmal die Schwächsten besonders hart.

Wer meinte, er könne statt Kreditkarte zu Paypal greifen und vie Giropay oder Abbuchung zahlen, der hat sich getäuscht. Für diese Aktion steht nur die Option Kreditkartenzahlung zur Verfügung!

Hallo! Hier wird keine Ware nach Zahlungseingang verschickt und der Verkäufer muss um sein Geld fürchten. Hier wird ein halbes Jahr vorraus Geld eingesammelt und man kann am Ende das Ticket einfach ungültig machen.

Warum gibt es also keinen Zahlungsweg Abbuchung oder Rechnung? Geldgier oder Arroganz?

Ginge es um die Bürokratie, so muss ich sagen, dass man bei Abbuchung via Paypal genauso einfach und sicher sein Geld bekommen würde. Das macht keinen Klick mehr Arbeit.

Lieber wäre mir eine Lösung ohne Paypal, da ich diesen Anbieter wegen seiner Kuba-Politik und anderen Ungereimtheiten gerne meide.

Ich konnte auf meine Kreditkarte ausweichen, ich befürchte nur, dass viele Blogger da passen mussten. Schämt Euch!

Johnny Haeusler hat gesagt…

Tut mir leid, wenn du Probleme beim Ticketkauf hattest, verstehen tue ich da nicht, ich habe es gerade selbst getestet: Man kann neben der Kreditkarte auch per Konto-Einzug, per Überweisung oder mit Paypal (die auch vom Konto abbuchen) bezahlen.

Gerhard hat gesagt…

sinn und zweck eines earlybird tickets ist nun mal, dass der veranstalter das geld "early" bekommt und es somit noch ein paar zinsen abwirft. ob das geld heute von deinem konto abgebucht wird, oder ob du in 14 tagen überweist, spielt doch nun auch keine rolle mehr. natürlich ist es schade, wenn du gerade kein geld auf dem konto hast, aber dafür kann doch beim besten willen der veranstalter nichts dafür.

Dorin Popa hat gesagt…

@Johnny Die Option Prepayment gab es heute am frühen Nachmittag nicht. Habe es dreimal gecheckt, zweimal über mobiles Internet, einmal vom Rechner daheim aus.

Und Newthinking hat es ja via Twitter auch bestätigt.

Inzwischen gbt es diese Option aber wie die letzten Jahre auch wieder. Danke!

@Gerhard Mal abgesehen davon, daß die re:publica auf die 14 Tage Zinsgewinn wohl weniger angewiesen ist als der durchschnittliche Besucher, es stellt sich doch immer die Frage, warum ein eingeführtes Verfahren, das in den letzten Jahren kein Problem darstellte, plötzlich abgeschafft wird.
Nachdem es die Zahlungsvariante Prepayment jetzt plötzlich doch wieder gibt, offenbar nur eine Panne bei den Amiando-Einstellungen.

Johnny Haeusler hat gesagt…

Okay, jetzt blicke ich etwas mehr durch, gut, dass sich das geklärt hat. Schreib doch aber bitte beim nächsten Mal einfach kurz eine Mail, fast alles lässt sich ja klären.

Auf Twitter und hier zu verbreiten, man könne nur mit KK bezahlen (was nicht stimmte) und wir würden Leute ausschließen wollen (was auch nicht stimmt)… das ist ein bisschen… voreilig. :)

Dorin Popa hat gesagt…

@Johnny Nachdem ich es selbst mehrfach online gecheckt hatte und die Jungs von Newthinking es via Twitter zweimal bestätigt hatten, schien es mir eindeutig genug, um darüber zu bloggen.

Aber das nächste Mal gerne auf dem kleinen Dienstweg.