Freitag, 10. August 2012

Otto Preminger: Die Wahrheit der Blicke

Die Retrospektive des Filmfestivals in Locarno dieser Tage ist Otto Preminger gewidmet. Als die Berlinale 1999 gleiches tat, habe ich diesen kleinen Beitrag in der „Berliner Morgenpost“ veröffentlicht.

Frank Sinatra, Harry Belafonte, Marilyn Monroe, Jean Seberg: Die Besetzungsliste seiner Filme böte genug Objekte der Begierde. Doch bei Otto Preminger spielten nicht die Stars die Hauptrolle, sondern das Verlangen an und für sich, fand Hollywood zu einem Kino der Sehnsucht – und des Elends, wenn das Ersehnte eintrifft.

Denn Glück ist ein kurzer Moment, wenn man es mit Mitteln erzwingt, die nur der Zweck heiligt, und die Moral dabei zum kategorischen Konjunktiv wird. Die Quintessenz juristischer und menschlicher Winkelzüge in „Anatomie eines Mordes“ oder „Sturm über Washington“ gewinnen nach O.J. Simpson und Monica Lewinsky an Aktualität.

Premingers Charaktere sind keine Helden, sie lügen, intrigieren, morden für ihre Sehnsucht nach innerem Frieden, die sie sehenden Auges ins Verderben führt – oder ins gelobte Land („Exodus“), das sich bei aller Parteinahme eher als Kampfplatz von Kain und Abel entpuppt denn als Quelle von Milch und Honig. Dabei begleitet der Zuschauer die Zerrissenen nicht nur, er begreift sie als Mensch gewordene Figuren, die in ihren wechselhaften Gefühlen selten nur gut oder böse sind, sondern in beunruhigendem Ausmaße sowohl als auch.

Der „Kardinal“, der den Tod seiner Schwester zu verantworten hat und Buße in quälendem Masochismus sucht. Die Täter-Opfer des Film noir („Faustrecht der Großstadt“, „Engelsgesicht“). Robert Mitchum als Cowboy, der einem anderen in den Rücken schoß („Fluß ohne Wiederkehr“). Jean Seberg als selbstsüchtige Halbwaise, die eine potentielle Stiefmutter in den Tod treibt („Bonjour Tristesse“):

Preminger gibt ihnen allen im wahrsten Sinne des Wortes Raum, zeigt sie am Arbeitsplatz, in Bars, in ihrem Zuhause, stets auf „der Suche nach einer besonders winzigen, kaum wahrnehmbaren Wahrheit: der Wahrheit der Blicke, der Gesten und der Haltungen“, wie François Truffaut seinen Kollegen charakterisierte. Kein Regisseur hatte ein ähnliches Gespür für die Isoliertheit in fremder Umgebung, für die Einsamkeit und das unbehauste Leben ohne wirkliche Heimat.

Erfahrungen eines Wiener Juden, dessen Vater die Krönung seiner Laufbahn nicht zuteil wurde, weil er nicht zum Katholizismus übertrat, wie auch Otto selbst nicht konvertieren wollte, obwohl ihm dafür die Direktion des Burgtheaters angedient worden war. Preminger, der unter Reinhardt als Schauspieler begann, nach erfolgreichem Jurastudium zur Regie wechselte und schließlich das Theater in der Josefstadt leitete, wanderte nicht als Verfolgter in die USA aus, sondern wurde 1935 als gefeiertes Wunderkind von der 20th Century Fox angeworben.

Mit seinem Filmwerk schließt die Berlinale eine ganz eigene Trilogie ab, einen Blick auf die Arbeitsemigranten Erich von Stroheim, William Wyler, Otto Preminger und deren europäischen Touch in Hollywood. Wobei sich für Wolfgang Jacobsen, der die Reihe verantwortet, in Premingers Arbeit Stroheims Obsession mit Wylers handwerklichem Geschick und Gespür für spannende Stoffe verbindet.

Die bei dieser Trilogie erreichte Planungssicherheit der Stiftung Deutsche Kinemathek, die nicht mehr nur von Jahr zu Jahr ihre Retrospektiven plant, erlaubte es, zahlreiche neue Kopien zu ziehen, Premingers österreichischen Debütfilm „Die große Liebe“ (1931) zu rekonstruieren und den farbverspielten „Bonjour Tristesse“ zu restaurieren. Beides Klassiker, die auch die morgen auf dem TV-Sender arte beginnende Preminger-Hommage krönen.

Daß der Geehrte keine Künstlernatur war, die an Magengeschwüren litt, sondern ein Regie-Titan, der anderen Magengeschwüre bereitete, zeichnen Jacobsen und seine Ko-Autoren in einem kurzweiligen „Portrait“ nach, das sie für das Festival und arte gedreht haben. Doch auch sie wissen keine definitive Antwort, ob Premingers Tabubrüche und Konfliktstoffe bloß geschäftstüchtiges Kalkül waren, reines Business, wie Preminger gern untertrieb.

Er hat ab 1953 nicht nur als einer der ersten Filmemacher in Hollywood unabhängig von festen Studiobedingungen produziert, sondern auch das skandalträchtige Marketingpotential soziopolitischer Debatten erkannt. Hat Themen wie Entjungferung („The Moon is Blue“) und Drogenabhängigkeit („Der Mann mit dem goldenen Arm“) unverblümt wie niemand zuvor inszeniert. In „Carmen Jones“ Bizets Oper mit ausschließlich farbiger Besetzung produziert. Und diese ureuropäische Liberalität immer recht unsentimental mit Geschäftsfreiheit und den First Amendments der US-Verfassung begründet. Seine politische Einstellung nahm der 1986 verstorbene Preminger wie so viele seiner guten Taten mit ins Grab.


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