Freitag, 24. Juni 2011

Literafé: Tagesgerichte zu Taschenbuchpreisen

Was ist noch anspruchsvoller, als eine Buchhandlung zu eröffnen? Ein Geschäft zu eröffnen, das zugleich Gastronomie bietet. Als Susanne Kuschel und Sonja Pavic Anfang März ihren „Kleinmädchentraum“ realisierten und in der Münchner Georgenstraße das Literafé (Literatur & Café) eröffneten, hatten sie einen Crashkurs in gleich zwei Branchen zu absolvieren.
Schließlich sind beide Quereinsteiger: Pavic, Logistikleiterin in der Automobilbranche, wollte schon immer etwas mit ihren Händen machen und verwirklicht sich jetzt als Köchin mit einem großen Faible für österreichische Mehlspeisen. Kuschel hatte zwar ursprünglich Verlagskauffrau im juristischen Fachverlag Jehle Rehm gelernt, aber danach als Kontakterin in der Werbebranche gearbeitet.
Die Liebe zum Gedruckten blieb ihr jedoch, und so bastelte sie – als die Freundinnen beschlossen, sich mit einem gemeinsamen Geschäft selbständig zu machen – monatelang an einem Sortiment, begann, quer durch die Verlage zu bestellen, und verabredete sich mit Vertretern – bis sie das Gefühl hatte, sich zu verzetteln und das Startsortiment bündeln zu müssen. Also beriet sie sich mit Koch, Neff & Volckmar, wo man begeistert war, aber auch zugleich warnte: „Tolle Bücher, aber die kauft keiner“.
„In diesem Moment“,  so Kuschel, „habe ich erkannt, dass ich Beratung brauche. Ich bin zwar sehr belesen, aber eben keine Buchhändlerin, die schon zwanzig Jahre im Geschäft ist.“
Auf 70 Regalmetern (vom Messebauer) bietet sie nun ein allgemeines Sortiment aus Kinderbüchern, Romanen, Klassikern, Krimis und ein paar Sachbüchern an. Keine Stapel, kein Buch in mehr als drei Exemplaren, und wenn ein Titel ausverkauft ist, will sie nicht nachbestellen, sondern ihn durch einen anderen ersetzen.
Vor der Tür stehen auch keine Bücherwannen, sondern nur die für ein Café üblichen Tische und Stühle, wie auch sonst die immer noch unübliche Mischung aus Literatur und Leckereien für Irritation sorgt: wer zum Essen und Trinken kommt, wundert sich, dass innen so viele Bücher herumstehen und diese auch noch eingeschweißt sind. Und die Literaturliebhaber fragen sich, warum sie in der Buchhandlung auch noch Kaffee trinken oder gar essen sollen.
Lesungen und Themenabende könnten diese Hemmschwelle abbauen helfen und das Literafé im Viertel als Begegnungsort von Geist und Schlemmerei etablieren. Der Trick mit der Liebe durch den Magen wirkte zumindest beim benachbarten Antje Kunstmann Verlag. Die Mitarbeiter kamen nach der Eröffnung eigentlich zum Essen – jetzt will Kuschel ihre nächste Lesung gemeinsam mit dem Verlag organisieren.
Nachdem sich das Sortiment anfangs „wie verrückt“ verkaufte und sogar zur Hälfte des Umsatzes beitrug, hat schon jetzt die „Sommerflaute“ eingesetzt, sodass momentan die Gastronomie, die auch den 90 qm großen, auf zwei Ebenen verteilten Laden- und Gastraum dominiert, das Geschäft trägt. Mit einem Frühstücksangebot, selbstgemachten Pralinen, frisch zubereiteten Crêpes und Kaiserschmarrn sowie drei Tagesgerichten (zu Taschenbuchpreisen!) bietet man nicht etwa nur die in immer mehr Buchhandlungen verbreitete Kaffee-, Kuchen- und Sandwich-Ecke, sondern anspruchsvolle Schmausereien, wie z.B. Schweinefilet in Apfel-Calvadosrahm, Rote-Beete-Ananas-Salat, Hackfleisch-Rote-Linsen-Bällchen mit Minzjoghurt oder Spaghetti mit Tapenade, Feta und Tomaten.
Anspruchsvoll sind auch die Bestseller der ersten Wochen: das bildungsbürgerliche Schwabinger Publikum, mit Philine Meyer-Clasons Tucholsky-Buchhandlung oder dem Literabella in unmittelbarer Nähe bereits gut versorgt, fragt auch bei Kuschel und Pavic nach Erlesenem wie Herta Müller, Sylvia Plath und Haruki Murakami.
Für die Bücherratten von Morgen und die berüchtigten Latte-Macchiato-Mütter gibt es ebenerdig eine Bilderbuch- und Spielecke, in der es auch einmal lauter werden darf, während im Hochparterre Schmökersessel, Kaffeehaustische und eine kuschlige Couch Ruhe und Entspannung bieten. „Wir werden bestimmt kein Partylokal daraus machen“, betont Kuschel ihre Gratwanderung, „aber es muß hier auch nicht wie in der Kirche zugehen“.
Freigeist herrscht auch bei der künftigen Sortimentspolitik: „Ich bin mit KNV sehr zufrieden, aber ich muß auch wirtschaftlich denken“, sprich: in Zukunft auch direkt bei den Verlagen ordern und Messe- wie Reiserabatte nutzen.

*Dieser Artikel erschien zuerst im „BuchMarkt“ Juni 2011


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