Nice Bastard Blog
Disorderly conduct in Munich
Freitag, 8. Mai 2026
Buchhaltung à la MVG – oder wie eine Rechnung bei Twitter & Co. über 300.000 Aufrufe generierte
Mittwoch, 6. Mai 2026
Derzeit keine Münchner Sozialtickets mehr aus den DB-Fahrkartenautomaten (Updates)
Der Fortschritt, sprich: der Trend zu Entbürokratisierung und Digitalisierung führt höchstens dazu, dass man sich beim Verkauf der Fahrausweise zunehmend aus der dinglichen Welt verabschiedet. Das Deutschlandticket: ein Handyticket und in Ausnahmefällen vielleicht noch als Chipkarte. Die Bahncard: digital in der Bahn-App hinterlegt, dort aber keineswegs mit den Fahrkarten verknüpft, sondern gesondert zum Nachweis aufzurufen. Die örtlichen Verkaufsstellen für Fahrkarten wie Lottoannahmestellen, Kioske oder Servicecenter der Beförderungsunternehmen: radikal abgebaut. Und die MVG reduziert selbst die Fahrkartenautomaten an den Bus- und Tramhaltestellen massiv.
Der in den Augen von Bahn, MVV und MVG gute Fahrgast ist digital unterwegs, also für die Unternehmen dank bargeldlos gezahlten Abonnements und In-App-Käufen kostengünstig und für die Verkehrsforschung leicht auslesbar.
Mit einer Ausnahme: allen das Sozialticket Nutzenden. Die MVV-Monatskarte S ist ein Relikt. Um sie zu nutzen, anerkannt arm zu sein, braucht man noch einen mehrseitigen, mit Stempeln und Passbild versehenen, befristet ausgestellten und daher alle sechs bis zwölf Monate zu erneuernden Berechtigungsausweis, den München-, Rosenheim- oder Landkreispass.
Nun hat sich die Nachfrage nach der Monatskarte S seit der Einführung des Deutschlandtickets natürlich von durchschnittlich 26.550 monatlichen Sozialtickets Anfang 2023 auf 13.621 im Jahr 2024 nahezu halbiert. Aber je teurer das Deutschlandticket wird, desto interessanter bleibt das Sozialticket. Statt aktuell 63 Euro für das Deutschlandticket kostet die MVV-Monatskarte S für eine Landkreiszone gerade mal 27,90 Euro und für zwei Landkreiszonen oder die städtische Zone M 31,10 Euro. Erst ab zehn Zonen beziehungsweise M plus sieben Zonen ist ein Deutschlandticket günstiger. Wer etwa als Empfänger von Grund- oder Alterssicherung jeden Cent zweimal umdrehen muss, wird es sich also gut überlegen, für welche Fahrkarte er sich entscheidet.
Die MVG verzeichnet seit diesem Winter denn auch einen Anstieg von vier Prozent beim Verkauf der MVV-Monatskarte S. Das muss aber nicht an der Preiserhöhung des Deutschlandtickets von 58 auf 63 Euro liegen, sondern kann auch darauf zurückzuführen sein, dass der ÖPNV im Winter generell stärker genutzt wird als im Sommer.
Im Unterschied zum Deutschlandticket kann man die MVV-Monatskarte S aber nicht abonnieren und es gibt sie auch nicht als Handyticket. Sie ist – wie beispielsweise auch das BayernTicket – nicht übertragbar. Aber während man beim BayernTicket nur die Namen der Reisenden eintragen muss, ob bereits bei Buchung als Online-Ticket oder erst handschriftlich beim aus dem Automaten gezogenen Fahrausweis, ist es bei der MVV-Monatskarte S natürlich komplizierter.
Und auch wenn die Landeshauptstadt in den nächsten Jahren den München-Pass als digitalisierte Variante anbieten will, darf man gespannt sein, ob sich an der bürokratischen Ausstellung des monatlichen Sozialtickets für den Nahverkehr etwas ändern wird.
Denn im Städte- oder Landkreispass ist, dem Amtsschimmel sei Dank, eine siebenstellige Kontrollnummer eingetragen. Und diese Kontrollnummer muss man beim Kauf der Monatsmarke für den MVV angeben, damit das Ticket personalisiert wird. (Und die ausgedruckte Monatsmarke ist natürlich auch ein paar Millimeter zu groß, um problemlos in die dafür im Sozialpass vorgesehene Hülle zu passen.)
Die Alternative zu einer Kontrollnummer, die Monatsmarke ähnlich dem BayernTicket nur mit einer Namensangabe zu versehen, ist ausgeschlossen. Vielleicht damit zwei zufällig gleich heißende Grundsicherungsempfänger nicht den Staat hintergehen, indem sie sich ein Sozialticket teilen.
Kauft man nun eine Monatskarte S an einem der wenigen verbliebenden Fahrkartenautomaten der MVG, so gibt man während des Bestellvorgangs diese siebenstellige Nummer ein und erhält prompt die Marke. (Die MVG vertreibt 72 Prozent ihrer Sozialtickets via Automaten, drei Prozent über ihre Kundencenter und 25 Prozent über andere Verkaufsstellen.)
An den schicken neuen Bahnland-Bayern-Fahrkartenautomaten der DB an S- und Regionalbahnhöfen funktioniert das seit Mitte April nicht mehr. Natürlich kann man im Menü das MVV-Angebot aufrufen und dort wiederum die Monatskarte S. Dann fordert die DB, ähnlich der MVG, die Kundschaft auf, die siebenstellige Kontrollnummer aus dem Pass einzutippen. Doch welche Nummer man auch eingibt, stets erfolgt die Meldung: „Fehler. Prüfung der Eingabe erforderlich. Bitte überprüfen Sie die eingegebenen Ziffern und beachten Sie den Hinweis oben links.“Tilt. So oft man es auch versucht. Und selbst wenn man etwa aus dem Vormonat eine Monatsmarke S mit QR-Code besitzt und den alternativen Weg über den im Automaten eingebauten Scanner geht, führt das nicht zum Erfolg.
Die Deutsche Bahn bestätigte gestern auf Anfrage den Fehler, der ihr seit über einer Woche bekannt ist: „Ursächlich ist ein fehlerhaftes Softwareupdate der Automaten, das Mitte April aufgespielt wurde. Erst seit diesem Zeitpunkt ist der Erwerb des Tickets nicht mehr möglich, da die Berechtigungsnummer nicht akzeptiert wird.
Um den Fehler zuverlässig und nachhaltig zu beheben, spielt DB Vertrieb seit gestern ein entsprechendes Softwareupdate probeweise zunächst an einzelnen Automaten auf. Wenn diese Tests positiv verlaufen, kann das Update schon in den nächsten Tagen ausgerollt werden, sodass die Monatskarte S wieder an allen Automaten erworben werden kann.
Wir wurden über den Hinweis eines Kunden auf den Fehler aufmerksam, der Ende April bei uns einging. Darüber hinaus verzeichnet der Kundendialog keine ungewöhnliche Häufung von Beschwerden zum Thema.“
Update vom 6. Mai 2026: Offenbar war das Landratsamt Fürstenfeldbruck für die Problemerkennung mit ursächlich, das den Ablauf auch etwas anders schildert. „Am 29. und 30. April gingen im Landratsamt vereinzelte Rückfragen wegen Problemen beim Erwerb der Monatskarte S ein. Betroffen waren Fahrkartenautomaten an verschiedenen Bahnhöfen im Landkreis. Wir haben im Sinne der Fahrgäste unverzüglich Kontakt mit der Deutschen Bahn AG (DB) aufgenommen, damit das Problem dort schnellstmöglich lokalisiert und gelöst werden kann.
Die DB hat festgestellt, dass ein für die Automaten der S-Bahn München vorgenommenes Update des Hintergrundsystems zu einem Fehler geführt hat. Deshalb konnten an allen S-Bahn-Automaten im MVV-Raum ab diesem Zeitpunkt keine Monatskarten S für Mai erworben werden. Andere Verkaufsstellen waren nicht betroffen.
Zwischenzeitlich hat die DB einen sogenannten Hotfix aufgespielt, mit dem die Fehlfunktion nun behoben wurde. Probehalber am 5. Mai 2026 erst für den Landkreis Fürstenfeldbruck und ab 6. Mai nach dem erfolgreichen Test dann auch MVV-weit. Die Monatskarten S können inzwischen wieder über die Fahrkartenautomaten der S-Bahn-München bezogen werden.“
Auch den Landratsämtern Starnberg und München lagen vor rund zwei Wochen Beschwerden dazu vor.
Montag, 4. Mai 2026
L'art pour l'art – ein Schlag Fürst Pückler für die Ludwigstraße
Nach Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner nun also ein Schuss Hermann Fürst von Pückler-Muskau für München, womit Friedrich von Sckells nie realisierte Planung einer Alleepflanzung auf der Ludwigstraße doch irgendwie noch Gestalt annehmen könnte. Nur wilder, pücklerischer, mit unterschiedlich großen, unregelmäßig verteilten „Hainen“, um das heute bei der Wettbewerbspräsentation bemühte Wort für mehrere zusammenstehende Bäume zu strapazieren. Auf dem Papier wird München grüner, schattiger, um dem Klimawandel Rechnung zu tragen. Aber Papier ist geduldig.
Mehr Vegetation, Rückzugsmöglichkeiten, Stadtmobiliar, das Instrumentarium für die Ludwigstraße kommt einem bekannt vor. Gleich um die Ecke, für den Raum zwischen Königsplatz und Pinakotheken, gab es vorletzten Sommer auch eine stadtplanerische Wettbewerbspräsentation für das sogenannte Open Kunstareal. Den Wettbewerb gewann auch ein Pariser Büro, das Atelier Roberta. Deren Entwurf eines Kunstgartens mit mehr Vegetation, Rückzugsmöglichkeiten und Stadtmobiliar wird aber wohl nie umgesetzt werden, weil der Landeshauptstadt das nötige Kleingeld fehlt.
Darauf heute von mir angesprochen, beruft sich Ehbauer auf den geplanten Umbau des U-Bahnhofs Odeonsplatz von 2028 bis wohl 2031. Für die groß angelegte Sanierung und Umgestaltung der Haltestellen und Übergangswege der U3, U4, U5 und U6, samt der Schaffung öffentlicher Toiletten, wird man den Platz zwischen Odeonsplatz und Von-der-Tann-Straße aufreißen und danach, vielleicht 2032, wieder herrichten müssen. „Dann können wir es auch gleich richtig machen.“
Nun kostet aber die allein für diese Teilstrecke der Ludwigstraße geplante Bepflanzung mit rund 100 Bäumen deutlich mehr, als wenn man nur Trottoir, Fahrrad(schnell)wege und Fahrbahnen wieder herstellen müsste. Von Stadtmobiliar, Wasserspielen oder ästhetischer Bepflasterung der Fahrbahn mit Naturstein ganz zu schweigen.Gerade angesichts der leeren städtischen Kassen bleibt eine Realisierung des Siegerentwurfs schwer vorstellbar. So schön er auch klingt: Während der Hauptverkehrsstrom an der Von-der-Tann-Straße und am Oskar-von-Miller-Ring abgeleitet wird, verwandelt sich der Raum bis zum Odeonsplatz zu einem planen Platz, auf dem nur noch eine Fahrspur in jede Richtung für Busse, Taxis, Anlieger und Lieferanten existiert. Am Boden Naturstein, über den Platz verteilt Schatten spendende Baumgruppen. Stadtmobiliar zum Verweilen.
Und in einem zweiten Schritt dann eine Verlängerung der Oase mit 200 weiteren Bäumen bis hin zum Siegestor. Nur zur Erinnerung: Bei den Plänen für eine Bepflanzung der Fußgängerzone ging man von bis zu 95.000 Euro für einen Baum aus.
Die Münchner Realität sieht doch eher so aus: Nachdem der Wedekindplatz ähnlich aufwendig umgestaltet wurde, fehlt heute das Geld, beschädigte Steine der Fahrbahn zu ersetzen. Stattdessen wird asphaltiert.Wochenplan (Updates)
Sonntag, 3. Mai 2026
Mein Großvater Ion Dragu, Vichy und Paul Morand
„Wie ich bereits erwähnte, wählte man als Presseattachés meistens Externe aus, darunter hochangesehene Persönlichkeiten aus der Kultur wie Lucian Blaga, Aron Cotruș oder den Italien-Experten George Boncescu. Ganz zu schweigen vom Berufsjournalisten Ion Dragu, Presseattaché in Warschau (1929), danach in Genf (1930–1931), stellvertretender Pressechef im Außenministerium (1932–1934), Pressechef (Mai 1935–November 1936), erneut Presseattaché, diesmal in Athen und Ankara (1936-1939), schließlich Pressechef im Unterstaatssekretariat für Presse und Propaganda (Februar–September 1939), Generalsekretär des Propagandaministerium (Dezember 1939–Februar 1940) und anschließend wieder Presseattaché in Paris und dann in Vichy.“
Montag, 27. April 2026
Wochenplan (Updates)
Montag, 20. April 2026
Wochenplan (Updates)
{Foto: Faye Dunaway in „Network“, Turner Entertainment/Goldwyn-Mayer-Studios/arte)
Sonntag, 19. April 2026
Ioan Dragu şi Diplomația culturală a României în perioada interbelică
Fundsachen (46): Das Münchner Internet in den Jahren 2008 und 2011 laut jetzt.de
Lisa: Vielleicht Don Alphonso, wenn der noch zu München zählt.
Patrick: Der ist eher in Ingolstadt, oder? Ich glaube, das ist schwierig. Eine Zeitlang war Klaus Eck mit seinem PR-Blog recht bekannt, aber eine Münchner Blogstimme ...
Donnerstag, 16. April 2026
Wer hat an den AGB geschraubt? Oder: wie ich einmal Amazon erpresste
„From the early days of Amazon, I kept an empty chair (for the customer) in the meeting room. The reason is to create an environment where we are always thinking about what kind of opinion the customer might have, or how our decisions in the meeting will affect the customer“, so Jeff Bezos.
Mit dem Erfolg schwand die Kundenbindung. Für einen ganzen Sitzplatz reicht es schon lange nicht mehr. Selbst wenn Amazon neu bauen lässt, wie sein maßgeschneidertes, 45.000 Quadratmeter großes neues deutsches Headquarter in der Münchner Parkstadt Schwabing, das heute von Ministerpräsident Markus Söder und dem designierten Oberbürgermeister Dominik Krause eröffnet werden soll.
Inzwischen reicht es bei Amazon im Hause gerade mal noch für ein Kissen, das die Kundschaft symbolisieren soll, wie es Rocco Bräuniger, Chef von Amazon in Österreich, Deutschland und der Schweiz, hier im Bild bei einem ersten Presserundgang in seinen neuen Räumlichkeiten in der Anni-Albers-Straße präsentierte. (Ob das gegenderte Kissen dem Ministerpräsidenten heute erspart bleibt?)
Wenn man schon bei symbolischen Akten kneift, kann man sich vorstellen, dass es im Geschäftlichen quer durch die zahlreichen Abteilungen noch weit arger zugeht, auch wenn Amazon „das kundenorientierteste Unternehmen der Welt sein möchte“. Am bekanntesten ist wohl der Streit um die einseitige Preiserhöhung der Amazon-Prime-Abos für Bestandskunden im Jahr 2022, das ist inzwischen Gegenstand einer Verbandsklage mit mehr als 90.000 beteiligten Abonnent*innen. Am aktuellsten ist die Entscheidung des Bundeskartellsamts, die es Amazon untersagt, die Preise von Händlern auf dem deutschen Amazon Marketplace zu beeinflussen.Dieser Marketplace ist nun ein ganz besonderes Konstrukt, weil Amazon nicht nur einer Kundenseite gegenübersitzt, sondern gleich zwei. Ginge es nicht um Amazon, könnte man es sich vielleicht sogar wie ein Mexican Standoff vorstellen. Doch Amazon verliert nie. Im Marketplace stellt es seine Verkaufsplattform einerseits Drittanbieter*innen zur Verfügung, die dort Waren einstellen. Dabei kann es sich um Neuware handeln, aber auch um Sammlerstücke und gebrauchte Artikel wie etwa antiquarische Bücher. Diese Artikel stehen laut Amazon inzwischen für mehr als die Hälfte aller bei Amazon verkauften Produkte. Auf der anderen Seite sind die diese Ware bestellenden Verbraucher*innen. Beide Seiten sind für Amazon Kund*innen, nur dass die einen etwas verkaufen und die anderen kaufen wollen. Amazon verdient an beiden.
Nun gibt es auf der Händlerseite zum einen die gewerbsmäßigen Geschäftsleute, die im großen Stil Ware über Amazon verticken. Allein in Deutschland sind das über 45.000 kleine und mittlere Unternehmen. Amazon stellt ihnen die virtuelle Verkaufsplattform zur Verfügung, erledigt das Finanzielle, indem es die Käufer*innen abkassiert und der Ertrag abzüglich einer satten Provision an die Händler*innen weiterreicht und bietet bei Bedarf auch Lagerung und Versand in seinen Logistikzentren.
Lief das Geschäft mit einem Produkt besonders gut, bekam es Amazon natürlich mit. Und da kam es durchaus vor, dass Amazon systematisch Bestseller kopierte und als Eigenmarke selbst anbot.
Wer so denkt, ist natürlich auch anderen gegenüber besonders mißtrauisch. Ungewöhnlich erfolgreichen Händlern schickt Amazon auch schon mal die Detektei Pinkerton vorbei, die dann in der Nachbarschaft Erkundigungen einzieht und die Geschäftsräume auskundschaftet. Pinkerton, deren Detektive im Auftrage Amazons auch Gewerkschaftsmitglieder auskundschaften, ist übrigens ein Tochterunternehmen von Securitas, die auch im neuen Headquarter von Amazon in der Anni-Alber-Straße für die Sicherheit zuständig ist.
Der Marketplace ist aber auch bei nichtgewerblichen Verkäufer*innen eine beliebte Plattform für Secondhand-Artikel, ähnlich wie eBay, Momox (Bücher, CD, DVD, Kleidung), Bookbot oder Vinted (Mode, Elektronik, Möbel, Bücher, Sport- und Hobbyartikel). Auf Amazon konnte man oft einen etwas höheren Verkaufspreis erzielen, wenn man die Geduld besaß, so lange zu warten, bis eine interessierte Person das Angebot entdeckte und zugriff.
Das lässt sich Amazon gut honorieren. Wer etwa ein Buch für 4,15 Euro zuzüglich 3 Euro Versand über Amazon verkauft, erhält von den 7,15 Euro, die Amazon beim Endkunden kassiert, gerade mal 3,73 Euro ausgezahlt und muss davon auch noch das Versandporto bestreiten. Die restlichen 3,42 Euro behält Amazon als Gebühren ein. Das sind fast 48 Prozent.
Dennoch hat es sich jahrelang, vermutlich sogar jahrzehntelang für mich gelohnt, Bücher, DVDs und CDs über Amazon zu verkaufen. Wie lange ich genau dabei bin, kann ich schwer sagen, denn Amazon hat mich aus der den Marketplace verwaltenden Seller Central ausgesperrt. Oder in den Worten von Amazon: Mein Konto ist plötzlich inaktiv.
Erfahren habe ich es nur, weil über Amazon eine Bestellung eingegangen ist. Um Empfänger*in und Anschrift der Bestellung zu erfahren, musste ich mich in die Seller Central einloggen. Was aber nicht mehr ging.
Jahrelang hat meine Bankverbindung ausgereicht, um den Marketplace zu nutzen. Doch offensichtlich hat Amazon auch hier mal wieder einseitig den Deal geändert, an den AGB gedreht und postuliert, dass man eine Kreditkarte hinterlegen müsse, um über den Marketplace weiter verkaufen zu dürfen.
Genau weiß ich es nicht, denn Amazon säuselt nur schwammig: „In einigen Amazon Stores müssen sie a) eine neue Kreditkarte hinzufügen oder b) eine vorhandene Kreditkarte aktualisieren.“ Ob, seit wann und warum ich zu den „einigen Amazon Stores“ zähle, bleibt offen.
Amazon verprellt in diesem Dreiecksverhältnis namens Marketplace die Kundschaft gleich auf beiden Seiten. Den oder die Besteller*in des Buches, der oder die vergeblich darauf wartet. Und mich, der das Buch besitzt, es gerne verschicken würde, aber von Amazon nicht erfährt, wer es bestellt hat, so lange ich nicht „zwingenderweise“ meine Kreditkarteninformationen bei Amazon hinterlege.
Und mit Kreditkarte meint Amazon auch Kreditkarten. Debitkarten, wie sie beispielsweise Paypal und Klarna gerade massiv auf den Markt werfen, akzeptierte Amazon laut dem Seller Support und aus praktischer Erfahrung für den Marketplace nicht: „Beachten Sie auch, so genannte Prepaid-Kreditkarten werden nicht akzeptiert“. Obwohl es Amazon in seinen Finanzinformationen anders darstellt. (Update: Inzwischen scheinen auch Debitkarten zu funktionieren.)
Nur zur Erinnerung: Amazon ist in dem Fall nicht mein Gläubiger. Amazon ist bei jedem meiner Verkäufe über den Marketplace mein Schuldner, weil sie das Inkasso für meine Ware übernehmen und mir den Betrag, abzüglich ihrer satten Provision, überweisen müssen. Wenn ich etwas bei Amazon bestelle, genügt ihnen zur gleichen Zeit meine altbewährte Bankverbindung als Bonitätsnachweis und sie liefern mir Waren im dreistelligen Wert frei Haus. Ganz ohne hinterlegte Kreditkarteninformationen.
Wie löst man also diese Blockade? Auf die gute jahrelange Geschäftsbeziehung setzend, indem ich mich an den Kundendienst wandte, den Amazon in der Seller Central längst nicht mehr per Mail, sondern als Chat mit dem Selling Partner Support abwickelt, der sich weniger als Partner auf Augenhöhe entpuppt, sondern als kafkaesker Albtraum.
Im neuen Amazon Headquarter in der Parkstadt Schwabing, das mich deshalb inzwischen eher an Kafkas Schloss erinnert, gibt es 2500 Arbeitsplätze. Mitarbeitende aller möglichen Abteilungen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob da auch Angehörige des Kundenchats dabei sind. Anfangs kämpft man wohl mit der – verdeckterweise eingesetzten – KI, die bei ungewöhnlichen Fragen schnell an ihre Grenzen gerät, wie Kund*innen weltweit beklagen und Amazon selbst einräumt: „Der Kundenservice-Chat lernt noch und wird Probleme wie diese bald lösen können“.Ich hatte natürlich kein neues Konto angegeben, sondern nur die alte, seit vielen Jahren verifizierte Bankverbindung bestätigt. Mein Account blieb inaktiv, von den Kollegen habe ich nie gehört. Der Fall wurde weder gelöst noch als gelöst markiert.
Nicht nur dieses Mal wurde behauptet, das Anliegen an eine höhere zuständige Stelle weitergeleitet zu haben, die sich kümmern würde. Was nie geschah.
Chattet man werktags, zu den üblichen Bürozeiten, gerät man mit etwas Glück in einer Chatstaffette, bei der man von Pontius zu Pilatus weitergereicht wird und dann doch einmal an eine scheinbar fachkundige Person, womöglich sogar jemanden aus der Parkstadt?
Doch selbst diese Fachkraft scheint nicht willens oder in der Lage, Details preiszugeben oder gar eine Ausfertigung der AGB zur Verfügung zu stellen, auf die man mit einem inaktiven Konto offenbar keinen Zugriff hat. „Ich weigere mich nicht, Sie diese Richtlinie lesen zu lassen, es ist einfach technisch nicht möglich, da diese in den Hilfeseiten zu finden sind und Sie nicht auf diese zugreifen können, da das Konto vom System als ein inaktives eingestuft wurde.“ Was nicht ganz stimmt, weil manche Hilfeseiten, etwa für die Kunden der kostenpflichtigen Business Solutions, allgemein zugänglich sind. Nur scheinbar nicht die Hilfeseiten für nichtgewerbliche Privatkunden.
Nun wird im Marketplace seitens von Amazon viel Wert auf Höflichkeit gelegt. „Seien Sie höflich und geduldig, wenn Kunden Informationen, Warenrücksendungen oder Erstattungen anfordern“, heißt es in der Seller Central. Für die eigenen Mitarbeitenden wie beispielsweise G. scheint das bei Amazon nicht zwingend zu sein.
Ich weiß nicht, ob G. zu den glücklichen Parkstadt-Pendlern zählt, die im neuen Headquarter mit seinen zahllosen Grillterrassen, Billardtischen, Kickern und Flippern sitzen. So oder so scheint bei ihm aber die Lunte recht kurz zu sein.Auf meinen Hinweis, dass ich mich an höherer Stelle schlau machen muss, wenn der Kundendienst keine Antworten hat, entgegnet G.: „Wenn Sie meinen mich mit diesen Hinweisen erpressen zu wollen, um dann keine Kreditkarte hinterlegen zu müssen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass dies dennoch nichts an der Tatsache ändern wird, dass Sie eine Kreditkarte hinterlegen müssen.“
Laut eines Sprechers der EU-Kommission kann diese die einseitige Änderung der AGB durch Amazon noch nicht kommentieren. „Wir bewerten sie derzeit.“









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