Nice Bastard Blog
Disorderly conduct in Munich
Montag, 3. August 2026
Wochenplan
Freitag, 31. Juli 2026
Ist das Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt presse- wie technologiefeindlich?
Dennoch habe ich meine Instagram-Story dazu mit „Gerade von Scharpf ausgeladen worden“ übertitelt, was im Hause für Unmut und Widerspruch sorgte. Das war meinerseits zum einen der Zeilenlänge geschuldet, weil Referat für Arbeit und Wirtschaft ein Ungetüm ist und die Abkürzung RAW wenigen was sagt. Es war sicherlich auch boulevardesk zugespitzt, aber ich gehöre noch zu einer Generation, in der man Behördenchefs die Fehler ihres Hauses anrechnet. Genauso legitim ist es, mir diese Zeile vorzuwerfen.
Aber gehen wir auf Anfang zurück. In dieser Stunde findet in der Gaststätte Das Bad am Bavariaring, gegenüber der Theresienwiese, die jährliche Auftakt-Pressekonferenz Oktoberfest statt, an der ich letztes Jahr bereits als Journalist teilgenommen hatte.
Angekündigt wurde der Termin in der „Rathaus-Umschau“, der werktäglich zugemailten und online gestellten PR-Postille der Stadt München, mit deren Inhalten Lokaljournalist*innen nicht unbeträchtlich redaktionellen Raum füllen.
Über einen Link konnte man sich vor zehn Tagen für die Veranstaltung anmelden und erhielt daraufhin eine automatisch generierte Akkreditierungsbestätigung. Vorgestern Nachmittag folgte nun eine ebenfalls automatisch generierte Stornierung meiner Akkreditierung: „Leider müssen wir Ihre Teilnahme an der Auftakt-Pressekonferenz Oktoberfest 2026 am Freitag, den 31. Juli, um 10 Uhr in der Gaststätte "Das Bad" ablehnen, obwohl Sie bereits eine automatisch ausgestellte Bestätigung erhalten haben.“ Unterschrieben vom Presseteam Oktoberfest. Absender der Mail: noreply@muenchen.de.
Nun gibt es auf der Online-Seite zu der Veranstaltung den Disclaimer: „Unsere Pressetermine sind Veranstaltungen für journalistisch tätige Personen, die sich der neutralen und objektiven Berichterstattung verpflichtet haben. Grundsätzlich nicht zugelassen sind Influencer und Blogger (m/w/d) der Kanäle TikTok, Instagram, YouTube, X oder anderer Social Media Plattformen.“Das liest sich wie zwei unterschiedliche Punkte. Es geht – scharf getrennt – um Journalist*innen. Und es geht zudem um Influencer*innen und Blogger*innen.
Die Diskussion, ob Blogs journalistische Formate sein können, hielt ich seit rund 20 Jahren für erledigt. Der 2004 gegründete „BILDblog“, Stefan Aigners „Regensburg digital“ (2008), Hardy Prothmanns „Rheinneckarblog“, Kurt Nane Jürgensens „Flensburg Online“ waren Pioniere in den Nullerjahren.
Vor drei Wochen erst hat der Bayerische Journalisten-Verband auf seiner Mitgliederversammlung bestätigt, dass Blogger*innen selbstverständlich Mitglied werden können oder Presseausweise erhalten, wenn sie hauptberuflich journalistisch bloggen.
Jede*r Blogger*in mit amtlich anerkanntem Presseausweis, den das RAW nur des Bloggens wegen von Presseterminen ausschließt, könnte die Landeshauptstadt vor dem Verwaltungsgericht in Grund und Boden klagen.
Während längst Altmedien wie der BR, das ZDF, „Die Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ & Co. selbstverständlich auf diesen Plattformen Journalismus betreiben.
Aber ausgerechnet das RAW, das sich gerne selber auf die Schulter klopft, weil es allein Niederlassungen von Technologiekonzernen wie Amazon, Apple, Google oder TikTok nach München geholt hätte, hält im Jahre 2026 Blogs, Instagram, TikTok & Co. für neumodischen Schnickschnack und weist Journalist*innen, die sich darauf konzentrieren, die Tür.
Letztes Jahr wurde Supermunich von der Auftaktpressekonferenz Oktoberfest wieder ausgeladen. Heuer traf es vier weitere Social-Media-Kanäle. Und eben mich.
Denn manchmal sperrt das RAW Journalist*innen aus, weil man bei einer flüchtigen Recherche entdeckt, dass die Person (auch) bloggt. Also ab ins Kröpfchen.
Die Pressestelle Oktoberfest behauptet in einer schriftlichen Erklärung zu dem Vorgang: „Da Sie bei Ihrer Anmeldung keine Zugehörigkeit zu einer Redaktion oder eine Tätigkeit als freier Journalist angegeben, sondern der von Ihnen angegebene Link ausschließlich auf Ihren Blog (https://nice-bastard.blogspot.com/) führt, wurden sie automatisch als Blogger eingestuft und erhielten - ebenso wie vier weitere Angemeldete – eine Absage.
Nach den für diese Veranstaltung geltenden Akkreditierungsrichtlinien werden Blogs sowie Kanäle auf Social-Media-Plattformen grundsätzlich nicht berücksichtigt. Aufgrund von erhöhtem Arbeitsaufkommen auch im Vorfeld der Pressekonferenz war uns eine weitergehende Prüfung nicht möglich und wir entschuldigen uns dafür.
In Ihrer Funktion als hauptberuflicher Journalist sind Sie selbstverständlich auf unserer PK morgen willkommen.“
Montag, 27. Juli 2026
Wochenplan (Updates)
Sonntag, 26. Juli 2026
Von der Angst und gelebtem Widerstand: Maxim Znak als Hausgast im Literarischen Colloquium Berlin
Damals saß der zu zehn Jahren Haft verurteilte Jurist noch zusammen mit Maria Kalesnikawa und den anderen Mitgliedern des oppositionellen belarussischen Koordinierungsrates im Gefängnis.
Die Buchpremiere seiner bei Suhrkamp verlegten, großartig verdichteten Knast-Anekdoten wurde daher am 5. Februar 2023 in seiner Abwesenheit im Berliner Gorki-Theater gefeiert. Herta Müller (Foto) las die Miniaturen aus dem Gefängnisalltag. Tatsiana Khomich – Schwester der Aktivistin und Künstlerin Kalesnikawa und Repräsentantin für politische Gefangene des Koordinierungsrates von Belarus, die Lektorin Katharina Raabe und Müller sprachen anschließend über die Texte Znaks und die Situation der politischen Gefangenen in Belarus.Nach mehreren Jahren Einzelhaft und dann gelockerten Bedingungen wurde Znak schließlich gemeinsam mit Kalesnikawa und weiteren 121 Gefangenen auf Vermittlung der USA am 13. Dezember 2025 freigelassen und in die Ukraine abgeschoben.
Zur Zeit wohnt der sonst in Warschau lebende Znak im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee mit 17 weiteren Autor*innen aus aller Welt. Alle paar Wochen stellen sich ein paar von ihnen in einer Art literarischem Speed-Dating vor: „Food for Thoughts – Das Hausgäste-Bankett“ tischt für günstige neun Euro Eintritt – so lange der Vorrat reicht – ein Drei-Gänge-Menü auf, das letzten Dienstag sieben Mal durch einen siebenminütigen Auftritt dort residierender Schriftsteller*innen unterbrochen wurde. Mal gibt es Lyrik, mal ein paar Seiten aus einem unveröffentlichten Romanmanuskript. Am 24. August etwa mit Zuzana Husárová, Chris Lauer, Dror Mishani, Júlia Sentís, Gerd Sulzenbacher und Zach Williams sowie am 24. September mit Banu Mushtaq, Dahlia de la Cerda, Annegret Liepold, Hugo Tepest und Marit Heuß.Znak trat letzte Woche gleich zweimal auf. Zu Beginn empfing er bereits die eintrudelnden Besucher*innen mit ein paar belarussischen Liedern, ohne vorgestellt zu werden. Am Ende der Veranstaltung, sozusagen als Haupt-Act und ohne jede zeitliche Beschränkung auf nur sieben Minuten, wurde er dann namentlich eingeführt und sang weitere Lieder auf Englisch und Belarussisch.
Er erzählte von den Bedingungen der Einzelhaft und wie er seine Manuskripte aus dem Gefängnis schmuggelte. Während die Oppositionellen zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt worden waren, saßen unter ihnen auch normale Kriminelle, die bereits nach wenigen Monaten auf freien Fuß kamen. Und freundlicherweise Znaks Schriften mitnahmen.
Diesen Herbst wird sein nächstes Buch auf Belarussisch und dann im Februar bei Suhrkamp auf Deutsch erscheinen.
Zuvor wird der Jurist auf einer Vortragsreihe die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten abklappern, um mit Rechtswissenschaftler*innen darüber zu reden, wie man verhindern kann, dass ein Rechtsstaat in den Totalitarismus abgleitet.
Znak singt und schreibt aber nicht nur. Er schwimmt auch täglich vor der Haustür im Wannsee. Dem Vernehmen nach eine mehrere Kilometer weite Strecke bis zum Grunewald und zurück.Montag, 20. Juli 2026
Wochenplan (Updates)
Sonntag, 19. Juli 2026
Es läuft dank Peter Thiel, Bari Weiss und dem Axel-Springer-Verlag
Dank dem Axel-Springer-Verlag mal wieder ein Tweet mit sechsstelliger Reichweite … Sonst muss ich dafür die AfD trollen.
Freitag, 17. Juli 2026
Eine grobe Kostenschätzung nach der Heimlichtuerei um die Kinderoase der Technischen Universität München
Ein Prestigebau mit Leuchtturmfunktion auf dem Stammgelände der TUM. Entworfen vom „Star-Architekten“, Pritzker-Preisträger und TUM-Professor Francis Kéré. Die Ausführungsplanung übernahm der emeritierte TUM-Professor Hermann Kaufmann.
Auf fünf Stockwerke verteilte 700 Quadratmeter für 60 Kinder. Die Stifterin: „Mit dieser Kinderoase erfüllt sich mein Wunsch, leistungsstarke Frauen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen.“ Wobei man jetzt diskutieren könnte, ob Pohl tatsächlich der Überzeugung ist, dass Kinderbetreuung weiterhin ausschließlich Frauensache sei und nicht auch Männer an der TUM davon profitieren könnten.
Durchaus diskutiert wurden dagegen die Kosten dieser Schenkung oder vielmehr das Schweigen dazu. Die Mäzenin Pohl, deren Vermögen der Wasseraufbereitung für Schwimmbäder und Whirlpools (Bayrol) zu verdanken ist, will sich nicht dazu äußern.Um zumindest die Größenordnung abzuschätzen, bat ich eine Architektin und Spezialistin für Projektsteuerung um eine grobe Einschätzung: „Entscheidend für den Preis ist z.B. die Holzbauweise, die beengte Innenstadtlage und die geringe Größe des Bauvorhabens. Meine grobe Schätzung liegt bei 12 Millionen Euro plus/minus 20 Prozent (2,5 Millionen).
Ohne Inneneinrichtung wie Möbel, Lampen, Gardinen, etc. Das kommt bei einem schlüsselfertigen Geschenk noch obendrauf.
Die Inneneinrichtung ist so speziell, dass sie nicht über Vergleichsprojekten zu schätzen ist, sie muss aber extrem teuer gewesen sein. Es gibt sehr komplexe Einbauten wie in der Holzwand integrierte Sitzgelegenheiten usw.“In den Sozialen Medien wird Pohl das Zitat zugeschrieben: „Andere reiche Menschen sammeln Villen und Yachten, ich investiere lieber in Wissenschaft und das Empowering von Frauen.“
Montag, 13. Juli 2026
Wochenplan (Updates)
Donnerstag, 9. Juli 2026
München entsorgt seine Wertstoffmobile (Update)
Die beiden Wertstoffmobile waren in zwei alltagstauglichen Touren, Ost und West, an täglich bis zu fünf Standorten jeweils 30 bis 45 Minuten erreichbar. Insgesamt 41 Standorte, zwischen Mangfallplatz und Moosacher St. Martinsplatz, Partnachplatz und Curt-Mezger-Platz, quer durch die ganze Stadt, und somit meist einer in fußläufiger Nähe für die Münchner*innen. Dezentral und zugleich flächendeckend. Ein „Wertstoffhof vor Ort“ statt weitab in der Vorstadt.
Anfang Mai wurde das Angebot dann eher still und heimlich um die Hälfte gekürzt. Statt täglich paralleler Touren in Ost und West wechselten sich die Strecken jetzt im Turnus ab. In geraden Kalenderwochen war ein Wertstoffmobil auf der Tour Ost unterwegs, in ungeraden Kalenderwochen auf der Tour West. Auf der Webseite wurde darauf hingewiesen, wer aber nur auf die Wochentage achtete und nicht auf die diese wöchentliche Einschränkung erwähnende Präambel, wartete oft vergebens.
Und während die Stadtverwaltung sonst serviceorientiert jede kleinste Änderung in ihrer „Rathaus-Umschau“ vermeldet, wurde die radikale Eindampfung des Wertstoffmobil-Kalenders verschwiegen.
Und selbst in der richtigen Kalenderwoche gab es keine Gewähr fürs Wertstoffmobil. Aus „personellen Gründen“ fiel schon mal eine Tour oder ein Teil davon weg. wie etwa heute. Die Tour West musste vorzeitig abgebrochen werden. Die Standplätze Giesinger Bahnhof und Bad-Schachener-Straße entfielen.
Auf meine Anfrage vorgestern hinsichtlich einer Erklärung für die Reduzierung reagierte heute die Pressestelle des Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) mit einer Hammer-Antwort. Man plant, das Angebot zum Jahresende vollständig einzustellen: „Das Wertstoffmobil war von Anfang an als Pilotprojekt konzipiert. Die Auswertung des Pilotprojekts zeigt, dass dieses Angebot von den Bürger*innen nur in vergleichsweise geringem Umfang angenommen wurde. Gleichzeitig verursacht der Betrieb weiterhin einen erheblichen personellen und finanziellen Aufwand, der in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Nutzung steht. In die Bewertung sind neben wirtschaftlichen und organisatorischen Aspekten auch ökologische Gesichtspunkte eingeflossen. Da den Münchner*innen weiterhin flächendeckend stationäre Wertstoffhöfe und weitere Entsorgungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, lässt sich der zusätzliche Ressourceneinsatz für das Wertstoffmobil insgesamt nicht mehr rechtfertigen.
Immer noch nur ein „Pilotprojekt“, selbst nach rund 15 Jahren? Statt Abfallvermeidung und Recycling gewinnt nun das Spardiktat die Oberhand. Einserseits ist der AWM gesetzlich verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten. Aber dieser radikale Einschnitt klingt auch nach einer Abkehr von der Ressourcen schonenden Kreislaufwirtschaft um jeden Preis und einer möglichen strategischen Neuausrichtung des AWM, jetzt, wo das alte Abfallwirtschaftskonzept ausläuft. Die Zeiten, in denen das Kommunalreferat versprach, beim Service nicht sparen zu wollen, scheinen vorbei. Die vom AWM vorgestellte Alternative ist nur eine Blendgranate:
Bürger*innen können Elektroaltgeräte problemlos im Handel abgeben. Alle Händler*innen, die Elektrogeräte verkaufen und eine bestimmte Verkaufsfläche aufweisen (400 m2 für Elektrogeräte und 800 m2 Gesamtverkaufsfläche bei Supermärkten/ Discountern, die Elektrogeräte anbieten) sind dazu verpflichtet, kleinere Elektroaltgeräte zurückzunehmen.“
Dabei bilden Elektroaltgeräte nur einen Teil des vom Wertstoffmobil verantwortungsbewusst einzusammelnden Mülls. Kunststoffschüsseln, Eimer, Gießkannen, Kochtöpfe, Pfannen, Armaturen, Beschläge für Türen und Fenster, Besteck, Metallwerkzeuge, Rohrabschnitte, Blechreste, Flaschenkorken, DVDs, CDs, Kunststoffröhren und E-Zigaretten werden wohl damit wieder ein Fall für den Restmüll – oder im Glücksfall teilweise auch für die neue gelbe Tonne.
Update vom 14. Juli 2026: Bei einem kleinen Fact-Check heute am Josephsplatz scheint die Pressestelle des AWM widerlegt: Das Wertstoffmobil erfreut sich großer Nachfrage, ständig bringen die Leute Nachschub zum Recyceln. Einige haben offenbar schon davon gehört, dass der bereits ausgedünnte Service zum Jahresende vollständig eingestellt wird und äußern ihr Bedauern. Die Mitarbeiter des AWM teilen ihr Bedauern und bestätigen den von der Stadtverwaltung bestrittenen Erfolg ihres Angebot: „Angenommen wird's wie blöd. Gerade von den älteren Leuten, die kein Auto haben, um zum Wertstoffhof zu fahren.“
(Fotos: Benjamin Neudek, Dorin Popa)
Mittwoch, 8. Juli 2026
Wenn Ministerien halluzinieren: Am Tag nach dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis für besonderen Courage gegen Antisemitismus
Montag, 6. Juli 2026
Wochenplan (Updates)
(Foto: Luca Bagazzi/arte)





















