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Freitag, 23. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (23) Ion Popa, Curzio Malaparte und wie sie ein Partisanenlager plünderten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Ion Popa als Frontberichterstatter unterwegs. Er schüttelte Adolf Hitler die Hand, begegnete dem finnischen Oberbefehlshaber Carl Gustav Mannerheim, und war wiederholt in Kriegsgebieten wie Finnland oder dem Balkan mit Curzio Malaparte unterwegs, der seinerseits für den „Corriere della Sera“ berichtete. In seinem Roman „Kaputt“ erwähnt Malaparte einmal das Redaktionsgebäude von „Curentul“ in Bukarest, wo mein Vater eine Zeit lang geschäftsführender Redakteur gewesen war.

Malaparte und mein Vater griffen bei ihrer Arbeit auch zu ungewöhnlicheren Methoden. So waren sie in Jugoslawien mit einem Beobachtungsballon unterwegs, der aber in einem Feld notlanden musste. Dort hatten sich Partisanen versteckt, denn Malaparte und mein Vater entdeckten ein offenbar fluchtartig verlassenes Lagerfeuer, auf dem noch Hähnchen brutzelten. Ausgehungert wie die Journalisten waren, ergriffen sie die Chance und aßen alles auf.

Dienstag, 20. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
 
Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das vom faschistischen Diktator General Ion Antonescu geführte Rumänien zu den Achsenmächten. Das war im Ersten Weltkrieg noch anders gewesen. Da kämpfte Rumänien in der Entente an der Seite Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland und Italien, worauf es von den Deutschen besetzt wurde. Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, der über seine Kriegserlebnisse eine Bestseller-Triologie geschrieben hatte, erzählte mir Jahrzehnte später mit größtem Bedauern, dass er damals einen bayerischen Gebirgsjäger erschossen hätte. Der Deutsche hatte seine Arme hoch gerissen, um sich zu ergeben. Aber bis mein Opa das begriff, hatte er schon reflexhaft abgedrückt.

Am 23. August 1944 stürzte der junge König Mihai I. in einem Staatsstreich den Militärdiktator Antonescu und Rumänien wechselte an die Seite der Allierten. Daraufhin wurden die rumänischen Diplomat*innen in Berlin und Wien, sowie weitere Journalist*innen und Künstler*innen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, interniert.

Drei Tage und Nächte lang sollen sie im Zugwaggon unterwegs gewesen sein, ohne zu wissen, wohin man sie bringt. Mein Vater, seine erste Ehefrau Hortensia und ihre wenige Monate alte Tochter kamen mit der „diplomatischen Austauschgruppe“ ins niederschlesische Krummhübel (auf Polnisch Karpacz), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie am Rande von Rübezahls Riesengebirge das Haus Brandenburg bezogen.

Weitere Bewohner in den Häusern Brandenburg und Brodtbaude waren der Dichter Vintilă Horia mit seiner Frau Olguța, der Maler Eugen Drăguţescu, der Dirigent Ionel Perlea, der Opernsänger Tomel Spataru, Viorel Gligore, Arzt an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, Hildegard Marie Praglowski vom Generalkonsulat in Wien, Maria Panteli, Henry Holban, Bucur Ţincu, Darascu Padureanu, Ioan Enescu. (Es fielen auch die Namen Silvestri und Solaculu). Manche sprachen von der Elite Rumäniens.

Ein Teil der rumänischen Austauschgruppe kam im benachbarten Brückenberg ins Haus Ermel.

In den Arolsen Archives findet sich eine Akte mit „Gesuchen von rumänischen Internierten (diplomatische Austauschgruppen) an das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes um die Erlaubnis der Übermittlung von Nachrichten an ihre Angehörigen“ in Rumänien. 

Der darin auftauchende Ion Popa war aber wohl nur ein Namensvetter, da er in Brașov ansässig war, mein Vater dagegen in Bukarest.

Auch wenn Krummhübel das Außenlager eines Konzentrationslagers war, wurde die rumänische Gruppe deutlich besser behandelt als die übrigen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter*innen. Sie sollten nicht vernichtet, sondern nur interniert werden. Wie man auf dem Foto sieht, behielten sie ihre Garderobe. Mangels Weihnachtsdekoration sollen die rumänischen Lagerinsass*innen zu Heiligabend 1944 ihren Christbaum mit ihren eigenen Juwelen und Schmuckstücken verziert haben.

Für meine Schwester bastelte man als Geschenk an ihrem ersten Weihnachsfest eine Mappe, die ein ihr gewidmetes Weihnachts- und Heimatgedicht Horias und zwei Porträtzeichnungen aus der Hand Drăguţescus enthielt.

Mein Vater und seine Familie blieben im Lager, bis sie von den Russen im Frühjahr 1945 befreit wurden. Vintilă Horia scheint zuvor ins österreichische Mariapfarr verlegt worden zu sein, wo ihn die Briten befreiten.

Doch auch wenn die Lagerbedingungen vergleichsweise gut gewesen zu sein scheinen, traumatisierten sie meinen Vater. Als er Jahrzehnte später im Krankenhaus war, triggerte der Umgang mit dem deutschen Arzt- und Pflegepersonal Ängste aus der KZ-Zeit.

Montag, 19. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (19) Ion Popa und das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater öfters ferngesehen hätte. Das war eher die Domäne meiner Mutter, während mein Vater lieber am Radio hing, das den ganzen Tag lief und Nachrichten lieferte.

Eines Abends war aber ein rumänisches Folklore-Ensemble in einer deutschen Fernsehshow zu Gast. (In meiner vagen Erinnerung war es Wim Thoelkes „Der große Preis“, aber das Format scheint eher keine solchen Programmelemente ausgestrahlt zu haben.)

Mein Vater schaute sich den Auftritt an. Und es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah.


Samstag, 17. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (17) Ion Popa und warum er uns Söhnen die Initialen D.P. für Displaced Person verpasste

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

Mein Vater Ion Popa hat mehr Zeit im Exil verbracht, als in seiner rumänischen Heimat. Dennoch blieb er durch und durch Rumäne. Wir sprachen daheim nur Rumänisch, sind  – wie mein Bruder Dinu auf dem Foto – rumänisch-orthodox getauft worden und hatten zwar keine rumänischen Pässe, waren aber staatenlose, politische Flüchtlinge rumänischer Herkunft, obwohl meine beiden Brüder in Paris geboren sind und ich in München. In meinem Falle lag der ererbte Status nahe, denn Deutschland setzt auf das ius sanguinis, die Staatsangehörigkeit qua Abstammung.

In Frankreich gilt aber wie in Großbritannien oder den USA das ius soli, das Recht des Geburtsortes. Wer in Frankreich geboren wurde, war Franzose. Vorausgesetzt, die Eltern entscheiden sich dafür – oder bei Erreichen der Volljährigkeit man selbst. Mein Vater lehnte das ab, und so wuchsen meine Brüder trotz ihres Anspruchs staatenlos auf, mit einem weitgehend nutzlosen Konventionspass für staatenlose Flüchtlinge.

Und natürlich wurden wir alle drei in der rumänisch-orthodoxen Église des Saints-Archanges in Paris-St. Germain getauft. In meinem Fall bedeutete es, dass ich nach meiner Geburt in der Münchner Geisenhofer Frauenklinik, vis-à-vis von Radio Freies Europa am Englischen Garten, bereits im zarten Alter von sechs Monaten meine erste Reise antrat. Nach Paris, um getauft zu werden.

Uns Brüder verbindet nicht nur die rumänische Muttersprache und die orthodoxe Taufe, wir drei, 1952, 1953 und 1961 Geborenen tragen auch alle dieselben Initialen: D. P. Mein Vater entschied sich bewusst für Vornamen, die daran erinnern sollten, dass seine nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Kinder D. P. sind, displaced persons.

Freitag, 16. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (16), Radio Freies Europa und die Sicherheitsbedingungen am Englischen Garten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.

Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.

Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.

Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.

Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.

Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.

Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.

Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.

Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.

Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (14) Ion Popa und seine Schwester Vasilica Balaban

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Stammt mein Vater nun aus der Kreisstadt Focșani oder dem dörflichen Vereşti? Die Angaben dazu weichen voneinander ab. Doch seinen Erzählungen zufolge vermutete ich immer eine eher ländliche denn städtische Herkunft. Andererseits lebten seine Mutter und zwei seiner Geschwister, seine Schwester Vasilica Balaban und sein Bruder Dumitru („Mitică“), laut der Securitate nach dem Krieg in Focșani, während Polixenia („Pusy“) offenbar wie mein Vater zwischen den Weltkriegen nach Bukarest gezogen und dort verheiratet war. 

Meine Halbschwester Anka betont, dass sich die Securitate auch mal irren konnte, und mein Vater definitiv in Focșani geboren war.

Als einzige der Geschwister meines Vaters hat Vasilica uns einmal im Münchner Exil Anfang der 1970er-Jahre besucht. Und sie stammte für mich eindeutig vom Land. Andererseits: Was weiß ich von den Lebensbedingungen in einer rumänischen Kreisstadt zu dieser Zeit?Jedenfalls sah Vasilica am Stachus zum ersten Mal in ihrem Leben eine Rolltreppe.

Und auf dem Klo hielt sie es, wie sie es offenbar von daheim gewohnt war. Sie warf das benutzte Toilettenpapier nicht ins Klo, sondern durch das kleine Fenster auf den Balkon.

Wir Brüder machten uns darüber lustig, was meinen Vater sehr aufregte. Er hatte zu Recht wenig Verständnis für unsere städtische Arroganz.

Sonntag, 11. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (11) Ion Popa, Pamfil Șeicaru und Joseph Goebbels

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

 
Pamfil Șeicaru. Der Name fiel oft bei uns daheim in der Münchner Tizianstraße. Gesehen, habe ich ihn nie. Und mein Vater hat ihn nie empfangen oder besucht, obwohl Șeicaru nach vielen Jahren im spanischen Exil 1975 in die Münchner Region gezogen war. Wobei mein Vater zumindest in meiner Erinnerung grundsätzlich keinen einzigen Menschen besuchte oder empfing, mit zwei Ausnahmen, seiner Schwester Vasilica und seiner Tochter Anka, wenn sie das kommunistische Rumänien mal für wenige Tage verlassen durften.

Pamfil Șeicarus 1923 geborene Tochter Ana Viorela (hier 1931 porträtiert von Nicolae Tonitza) habe ich dagegen oft getroffen, denn sie war eine der besten Freundinnen meiner 1922 geborenen Mutter. Regelmäßig besuchte Viorela Șeicaru meine Mutter Florica Popa in München. Und wann immer meine Mutter und ich in Paris waren, trafen wir uns mit ihr. Sie lebte mit Mann und Tochter, nunmehr als Viorela Vergne, in Paris und oft holten wir Viorela nach Feierabend in einer Parfümerie ab, in der sie entweder arbeitete oder die ihr vielleicht auch gehörte. Viorelas Tochter übernachtete auch einmal bei uns, als sie zu Besuch in München war. 

Viorela starb Anfang der 1980er-Jahre bei einem tragischen Unfall in Frankreich. Eine Wespe oder Biene war in ihr Auto eingedrungen, woraufhin sie die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. 

Ich weiß nicht, ob Viorela und meine Mutter sich über meinen Vater oder über meinen Großvater kennengelernt hatten. Mein Großvater mütterlicherseits, Ioan Dragu, hat mit Pamfil Șeicaru gemeinsam 1924 in der Gründungsredaktion der Tageszeitung „Cuvântul“ (Das Wort) gearbeitet. 1928 trat mein Großvater in den diplomatischen Dienst ein und wurde Presseattaché an der Botschaft in Warschau, während Șeicaru „Cuvântul“ 1927 verlassen hatte, um seine eigene Tageszeitung, „Curentul“ (Die Aktuelle), zu gründen. Wie Mircea Carp schrieb, war mein Vater dort später leitender Redakteur („secretar general de redacție“).

Das war nicht nur eine beliebige Tageszeitung in Bukarest und Pamfil Șeicaru keiner von vielen Blattmachern. Șeicaru gilt als einer der wichtigsten Journalisten Rumäniens aller Zeiten und „Curentul“ als technisch wie inhaltlich herausragende Tageszeitung, wobei inhaltlich in einem negativen Sinn.

Die Zeitung war 1928 von Șeicaru als Geschäftsführer und Chefredakteur gegründet worden und zog 1938 in einen futuristischen Palast in der Str. Eforie 5 um. (Nach dem Zweiten Weltkrieg soll hier laut MDR die Securitate residiert haben.) Das nationalistische Massenblatt stand politisch rechts, wird von vielen sogar als rechtsextrem eingestuft. Wobei Șeicaru laut Fănel Teodoraşcus 2010 veröffentlichten Artikel „The Newspaper Editorial Board, the Strength of the Journalistic Success (The Case of Curentul)“ seinen hoch bezahlten Redakteuren die Freiheit ließ, so ziemlich jede Meinung zu vertreten, von den faschistischen Ansichten der Eisernen Garde über liberale Standpunkte bis hin zu sozialistischen Thesen.

Technisch war man laut Teodoraşcu auf der Höhe: „Seicaru's financial strength became evident in 1936 when Curentul opened its own printing press, equipped with most modern printing techniques at the time. Pamfil Seicaru showed that, in 1939, at Curentul, he installed, in addition to the rotating Frankental, 18 linotypies manufactured in 1938 and also the last rotation model, created by MAN. »For that type only two copies were made, one for Prensa newspaper in Buenos Aires and another one for Curentul.«

Șeicaru mit seiner wortgewaltigen, aggressiven, gar pamphletischen Redaktionslinie wird angerechnet, die Presse als vierte Gewalt in Rumänien etabliert zu haben. Zugleich wird ihm aber vorgeworfen, Bestechung, möglicherweise durch die italienischen Faschisten und deutschen Nazis, und erpresserische Methoden gegenüber heimischen Politikern, Prominenten und Unternehmen in der rumänischen Presse etabliert zu haben. Der legendäre Historiker Nicolae Iorga soll Șeicaru einmal gefragt haben, ob es stimme, dass er jedes Stockwerk seines Verlagspalastes mit einer Erpressung finanziert habe. Im Rumänischen reimt sich auch Erpressung auf Stockwerk: şantajul und etajul. Șeicaru hätte erwidert, dass das Gebäude dann bis in den Himmel ragen müsste.

„His reputation of a blackmailer, appeared in the interwar period and reinforced in the Communist regime, overshadowed his journalistic achievements and compromised Curentul editorial board, built in the 16 years of activity“, schreibt Teodoraşcu über Șeicaru. In seiner sehr lesenswerten Studie „Germany's Empire in the East – Germans and Romania in an Era of Globalization and Total War“ hat David Hamlin dargelegt, dass die rumänische Presse bereits vor und während des Ersten Weltkriegs käuflich war: „A memorandum presumably drafted by Roselius in October 1914 suggested that a newspaper could, at lower cost, have the impact of an army corp. “ (…) „Newspapers that the Germans could not bribe were assumed to have been bought previously by the French and Russians. »It is an open secret that the publisher of the Bucharest newspaper Adverul had accepted a million franc bribe even before the outbreak of the war and that with very small exceptions all the Bucharest papers were paid for anti-German propaganda.«

1944 verließ Șeicaru für immer Rumänien. Manche Quellen sagen, der rumänische Außenminister hätte ihn mit einer diplomatischen Mission in Spanien beauftragt. Andere behaupten, er wäre aus Eigeninitiative über Deutschland nach Spanien geflohen. Jedenfalls gerade noch rechtzeitig, bevor König Mihai I. den faschistischen Dikator Ion Antonescu stürzte und Rumänien von den Achsenmächten zu den Alliierten wechselte. 

Șeicaru, inzwischen von Rumäniens Kommunisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt, blieb mehrere Jahrzehnte im spanischen Exil und wechselte schließlich 1974, ein Jahr vor Francos Tod, nach Bayern, zuerst nach München oder Karlsfeld und später nach Dachau. Währendessen begnadigte Nicolae Ceaușescu 1966 Șeicaru im Exil und die Securitate bezahlte ihn, um Rumäniens Sonderweg im Ostblock in Artikeln zu feiern. 1976 oder 1977 war er sogar auf Einladung der Securitate heimlich in Rumänien zu Besuch. Als Șeicaru 1980 in Dachau starb, würdigte ihn Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einem Beileidstelegramm als herausragenden rumänischen Journalisten, Patrioten und Freiheitskämpfer. 

Mein Vater hat oft von seinen Erlebnissen als Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs erzählt, aber nie von seiner Arbeit unter Șeicaru oder seinen im „Curentul“ veröffentlichten Beiträgen. Bis auf einziges Mal. Da bedauerte er zutiefst, einst einen Artikel geschrieben zu haben, in dem er Joseph Goebbels gelobt hatte. 

Samstag, 10. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (10): In absentia

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Asylland meiner Eltern, Brüder und auch von mir  – trotz meiner Geburt in München – war viele Jahrzehnte Frankreich. Selbst nach dem Umzug zu Radio Freies Europa in München behielten meine Eltern und wir Kinder als Staatenlose und politische Flüchtlinge lange Zeit den französischen Tître de Voyage.

Zuständig war aufgrund des deutschen Wohnsitzes nunmehr die Préfecture administrative de la région Grand Est et du Bas-Rhin in Straßburg. Regelmäßig fuhren wir alle dorthin. Der Sender übernahm die Bahnfahrt 1. Klasse und zahlte uns auch das Hotel.

In Straßburg hatte ich als Kind meinen ersten Rausch. Wir waren mittags in einem Restaurant essen, und ich hatte so viel Cola getrunken, dass ich plötzlich zu lachen anfing und es nicht mehr abstellen konnte. Mein Bruder Dinu musste mit mir vor die Tür, bis sich der Anfall wieder legte.

Das Straßburg der 1960er- und 1970er-Jahre ist nicht mit dem aufgebrezelten Strasbourg der Gegenwart zu vergleichen. Der Bahnhof war noch nicht in eine pseudomoderne Plexiglashülle gewandet und die ganze Stadt, ob Straßen oder Kanäle, war etwas heruntergekommen, Ratten allgegenwärtig. Aber ich mochte die Stadt. So sehr, dass ich später, 1999, gerne für ein Jahr dorthin gezogen bin.

Zu meinem 14. Geburtstag änderte sich plötzlich die Routine. Ich sollte allein nach Strasbourg fahren, um meinen Konventionspass zu verlängern, dessen Gültigkeitsdauer wohl in dem Jahr von der meiner Eltern abwich. Der Sender zahlte wieder Bahnfahrt und dasselbe Hotel wie jedes Mal, aber eben nur für mich. Und so reiste ich allein nach Frankreich.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich überhaupt Französisch gelernt hatte. Rumänisch ist meine Muttersprache, denn daheim sprachen wir nur das. Deutsch hatte ich mit ungefähr drei Jahren auf den Straßen in Gern gelernt. Mein erstes Wort soll Polizei gewesen sein. In Kindergarten und Schule perfektionierte ich dann meine Kenntnisse.

Als ich noch ein kleines Kind war, wechselten meine Eltern ins Französische, wenn ich ihre Unterhaltung nicht verstehen sollte. Am Wittelsbacher-Gymnasium fing ich erst 1975 in der 9. Klasse, also im Alter von 14 Jahren, mit dem Französisch-Unterricht an, aber da konnte ich es längst.

Irgendwie haben die jährliche Aufenthalte mit meinen Eltern in Paris und Straßburg, die daheim herumliegenden französischen Zeitungen und Zeitschriften sowie der Umstand, dass daheim der französische Sender Europe 1 ständig lief, mir die Sprache eingetrichtert.

Auch Behördengänge waren mir nicht fremd, hatte ich diese doch schon jahrelang für meine Eltern übernommen, wenn auch nur in München, und auf Deutsch.

So stand ich nun 1975 in Strasbourg allein vor einem Beamten, der mir erklärte, dass mir Frankreich das Asyl aufkündigt, mir keinen neuen Reiseausweis für Flüchtlinge ausstellt, und ich also in deutsche Obhut wechseln würde.

Der Zweck dieser ganzen Reise war offensichtlich gewesen, diesen Verwaltungsakt an mir persönlich durchführen zu können. Man könnte es auch ein abgekartetes Spiel nennen, wobei meine Eltern nichts davon geahnt haben dürften, sonst hätten sie mich vorgewarnt. Wir waren zwar eine dysfunktionale Familie und nicht sonderlich gut darin, untereinander zu kommunizieren, aber wir logen uns nicht an.

Nicht weniger merkwürdig und genauso länderübergreifend war es sieben Jahre später, als mein Vater starb. Meine Mutter war nach Paris gereist, ich sollte ihr folgen. Vormittags hatte mein Vater mir noch zu Hause das Frühstück gemacht, dann flog ich auch nach Paris. Wir hausten in der Wohnung einer Freundin meiner Mutter, im roten Vorstadtgürtel von Paris.

Ich war abends aus gewesen, und als ich nach Hause kam, saßen meine Mutter und eine Freundin mit ernsten Mienen da. Ich sagte „Oh, Scheiße“, mir war sofort klar, dass mein Vater gestorben war.

Einer meiner Brüder organisierte sofort für den nächsten Morgen ein Flugticket, damit meine Mutter nach München zurückkehren konnte. Ich dagegen sollte am Flughafen versuchen, meinen ursprünglichen Rückflug eine Woche später umzubuchen, damit ich gemeinsam mit meiner Mutter einchecke.

Natürlich hat das nicht geklappt. Weder ich, noch meine Mutter hatten Geld, um auf eigene Kosten ein Ticket für mich zu erstehen. Und so flog meine Mutter allein nach München, während ich mit meinem Gepäck in die  Wohnung zurückkehrt bin. Ich blieb die volle Woche in Paris, und es war ein merkwürdiger Zustand, einerseits zu trauern, andererseits aber ins Kino zu gehen, Konzerte zu besuchen und all das zu tun, was ich mir für Paris vorgenommen hatte.

Ich kam gerade noch rechtzeitig für die Trauerfeier am Westfriedhof zurück und hatte mich dennoch nie wirklich von meinem Vater verabschieden können.

Über vierzig Jahre später erreichte mich dann in München das Gerücht, dass mein Vater Suizid begangen hätte. Ein Freund meiner Brüder behauptete es. Ich kann es mir nicht vorstellen, so, wie ich ihn in seinen letzten Wochen erlebt hatte. Und es zirkulierten über uns auch immer die unsinnigsten Gerüchte in unserem deutschen Umfeld. Etwa, dass ich von Personenschützern zur Schule begleitet worden wäre, weil mein Vater ein wichtiger Dissident gewesen sei. Aber was weiß ich schon.


 


Freitag, 9. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (9) und was ich von ihm gelernt habe

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat mich so ziemlich machen lassen, was ich mwollte. Man könnte auch sagen, dass er sich – wie meine Mutter – nicht sonderlich für mich interessiert hat. Nach der Volksschule und dem Mittagessen konnte ich zwischen Grünwaldpark und Nymphenburger Kanal einerseits sowie den Ruinen der Gerner Brauerei und dem Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal, den wir nur Würmkanal nannten, andererseits treiben, was ich wollte.

Während meiner gesamten Schulzeit war er nur ein einziges Mal, zu Grundschulzeiten, gekommen, um mit einer Lehrkraft über mich zu sprechen. Ich hatte im Zwischenzeugnis im Fach Schrift statt der über Jahre stabilen 4, ausreichend, eine 5 erhalten („Die Schrift könnte bei größerer Sorgfalt besser sein.“) und mein Vater war zur Sprechstunde in die Dom-Pedro-Schule erschienen, wo er die arme Lehrerin so zusammenschrie, dass ich es bis auf den Gang hörte.

Ansonsten interessierten sich meine Eltern weder für meine schulischen Leistungen, noch für meine außerschulischen Aktivitäten. Sie haben auch nie einen einzigen journalistischen Text von mir gelesen.

Das soll keinesfalls bedeuten, dass mich mein Vater nie abgefragt hätte. Historisches Wissen, Politik, Geografie, Literatur, im Gespräch prüfte er unermüdlich Wissen, das in keinem Zusammenhang mit dem Schulstoff stand. Und wenn ich etwas nicht wusste, lehrte er mich, es immer sofort nachzuschlagen. Das mache ich bis heute. Selbst, wenn ich ins Kino gehe oder eine Serie streame, recherchiere ich gern hinterher zu den Machern, Schauspieler*innen, literarischen Vorlagen oder den in der Handlung erwähnten Ereignissen.

Schon früh verfiel ich, durchaus als Verteidigung gegen meinen mitunter cholerischen, aber stets fordernden Vater, mich dümmer zu stellen, als ich war. Er fragte etwas ab, und ich kannte die richtige Antwort, sprach sie aber nicht aus. Es genügte mir, sie innerlich zu wissen, aber für mich zu behalten. Wollte ihm aber nicht die Befriedigung geben, richtig zu antworten. Es war eben auch zwischen uns beiden ein dysfunktionales Verhältnis, von der gesamten Familie ganz zu schweigen.

Mein Vater hatte aber, bei aller Intellektualität, auch eine animistische Seite. Er war überzeugt, dass allem, selbst einem Stein eine Seele innewohne, und lehrte mich, nicht nur mit Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern mit jedem Gegenstand respektvoll umzugehen. 

Andere Dinge, die er mir beigebracht hat, waren weit praktischer. Immer Streichhölzer dabei zu haben. Kleingeld für Münzfernsprecher. Und niemals, niemals einer Tram hinterherzulaufen, um sie noch zu erwischen. 

Mittwoch, 7. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (7): Alles außer Krebs

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meinen Vater habe ich nahezu ausschließlich als kranken Mann in Erinnerung. Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren litt er ständig an irgendetwas, ob daheim oder im Krankenhaus. Er hatte ein Magengeschwür und bekam einen Teil des Magens operativ entfernt, wurde an der Prostata operiert, hatte Herzinfarkte, einen Leistenbruch und vor allem eine unerträgliche Migräne, weshalb er daheim meistens einen nass-kalten Waschlappen mit einem Mulltuch an seiner Stirn befestigte.

Rückblickend klingt das nicht nach viel, aber auf die Frage, woran mein Vater denn leide, antwortete ich damals immer: Alles außer Krebs.

Wir rechneten ständig mit seinem Tod, aber als er dann nach vielen Krankheiten am 28. Oktober 1982 tatsächlich starb, waren wir überrascht, weil die Jahrzehnte in wiederholter Todesangst ihn für uns irgendwie auch unsterblich haben werden lassen.

Während eines seiner Herzinfarkte war ich daheim. Mein Schulkamerad Christian Stolberg und ich wollten gerade Tee trinken, als der Infarkt zuschlug. Christian schickte ich heim, und dann fuhr ich mit im Notarztwagen ins Krankenhaus.

Auch sonst war ich als Kind und Jugendlicher ein steter Begleiter meines Vaters im Krankenhaus. Als er beim Leibarzt von Franz Josef Strauß, Valentin Argirov, in dessen Privatklinik in Kempfenhausen lag,  mein Vater war sowohl über den Sender als auch privat und damit sehr gut krankenversichert, besuchte ich ihn ständig. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Starnberg und lief von dort zu Fuß am Nordufer des Starnberger Sees bis zur Klinik.

Anfangs war mein Vater Patient bei unserem Hausarzt, der, wenn ich mich recht erinnere, in der Böcklinstraße praktizierte. Später ließ sich ein Arzt rumänischer Herkunft schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße nieder, was mir erst jetzt im Nachhinein eher verdächtig vorkommt.

Medikamente waren ein steter Begleiter meines Vaters. Die Rollkur gegen das Magengeschwür, Nitro für die Angina Pectoris. Aber am meisten schluckte mein Vater gegen die Kopfschmerzen Dolviran, dessen alte Version als Kombipräparat 1983 verboten wurde. Er schluckte es über Jahre, gar Jahrzehnte in einem Ausmaß, dass es seinen Körper vergiftete. Manchmal verfiel er selbst in besseren Zeiten, in denen er seiner Arbeit bei Radio Freies Europa nachging, in einen Dämmerzustand. Wenn er etwa abends nicht vom Sender heimkam, lief ich ihm entgegen und fand ihn dann auf einer Bank im Grünwaldpark sitzend.

Manchmal verfiel er aber auch daheim in einen Wahnzustand, in dem ihn schlimme Erinnerungen aus seiner Vergangenheit heimsuchten. Meine Mutter und ich mussten ihn dann mit vereinter Kraft bändigen und in die Gegenwart zurückholen.

Klinikaufenthalte machten das nicht unbedingt besser. Denn die deutschen Ärzte und Krankenschwestern triggerten bei meinem Vater Erinnerungen ans KZ.

Dienstag, 6. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (6): Gute Amis, böse Amis – und ein bisschen Schleuserkriminalität

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Radio Freies Europa war eine Erfindung des 1949 gegründeten, antikommunistischen National Committee for a Free Europe, hinter dem die CIA steckte. Der Sender wurde in der Münchner Oettingenstraße am Englischen Garten (Foto) angesiedelt, wo seit dem Umzug von RFE nach Prag 1995 die Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem mit ihren Kommunikationswissenschaftlern residiert. Nur hieß die Adresse damals noch: One English Garden. Der Sendebetrieb wurde 1950 aufgenommen. 1951 starteten die ersten regelmäßigen Sendungen in die Tschechoslowakei. Es folgten Sendungen auf Ungarisch, Polnisch, Rumänisch. Um die Sowjetunion kümmerte sich das ebenfalls in München, am Oberwiesenfeld angesiedelte Radio Liberty, das erst in den 1970er-Jahren zu RFE in den Englischen Garten zog.

Meine Eltern lebten damals im Pariser Exil, wo auch meine Brüder 1952 und 1953 geboren wurden. 1955 begann mein Vater in München für den Romanian Desk von Radio Free Europe zu arbeiten, auf manchen Unterlagen auch Rumanian Department genannt.

Die CIA stellte nicht nur die Sendeanlage zur Verfügung, es war auch sonst ein rundum amerikanisches Unterfangen, unterstützt durch das Besatzungsstatut, das den US-Amerikanern in der Bundesrepublik recht weit gehende Verfügungsgewalt einräumte. Die Wohnungen der Mitarbeitenden wurden vom Sender angemietet und waren für deutsche Behörden fast schon wie ein exterritoriales Gebiet tabu. Die Möbel kamen aus den Lagern der US-Streitkräfte, weshalb unsere Betten etwas länger und breiter waren als die deutschen Durchschnittsbetten.

Mein Vater wurde anfangs in Militärdollar bezahlt, den sogenannten Military Payment Certificates (MPC). Später erfolgte die Gehaltszahlung in normalen US-Dollar, wobei damals noch der recht vorteilhafte Wechselkurs von rund vier D-Mark für einen US-Dollar galt.

Neben der privaten deutschen Krankenversicherung war die ganze Familie auch über den Sender betrieblich krankenversichert. In den Jahren, in denen ich mich um die Arzt- und Krankenhauskosten meiner Eltern kümmerte, also so ab Mitte der 1970er-Jahre, war es erst die Aetna, später die Cigna.

Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahren bekam mein Vater vom Sender das Angebot, der gesamten Familie die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Inklusive einem jährlichen Freiflug in die Staaten. Wie sonst auch meistens, war das meinem Vater vollkommen egal, und er ließ die Familie darüber entscheiden. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und nach kurzer heftiger Diskussion entschieden wir uns alle dagegen, weil wir das Vorgehen der Amerikaner in Indochina für ein Verbrechen hielten. Bei meinen Brüdern im wehrfähigeren Alter spielten vielleicht auch andere Gründe eine Rolle. Schließlich verzichteten sie auch auf die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen dank ihrer Geburt in Paris zugestanden hätte, um dem Wehrdienst zu entgehen.

So behielten wir als Staatenlose alle den blauen Pass, den Reiseausweis für Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Vorläufer dieses Konventionspasses war der sogenannte Nansen-Pass für Flüchtlinge und Staatenlose, der auch Nonsense-Pass genannt wurde, weil er nicht viel brachte.

So ein Pass verleiht keine Freiheit, er nimmt sie dir, um die Schriftstellerin Naja Ebrahimi zu zitieren. Mit unserem von Frankreich als Asylgeber ausgestellten Titre de Voyage brauchten wir für die meisten Länder dieser Welt ein Visum, um einreisen zu dürfen. Wenn man uns überhaupt einreisen ließ. Auch das benachbarte Österreich verlangte einen Sichtvermerk, selbst wenn wir nur mit der Bahn im Transit über Bregenz Richtung italienische Riviera oder Südfrankreich reisen wollten.

Von den Deutschen benötigte mein Vater eine regelmäßig zu erneuernde Arbeitserlaubnis und der Rest der Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Bereits als Kind übernahm ich auch diesen Behördengang. Mit dem Stapel blauer Pässe ging es in die Ausländerbehörde der Landeshauptstadt München, die damals noch im Polizeipräsidium in der Ettstraße angesiedelt war. Und jedes Mal spielten die Beamten eine Schmierenkomödie vor, drohten, zetterten, erklärten mir, dass wir nicht willkommen wären, das Land verlassen müssten, hier nichts verloren hätten.

Aber auf den Pässen waren kleine weiße Aufkleber angebracht, mit der magischen Formel RFE/RL. Und dank des Besatzungsstatuts hatten sie keine andere Wahl, als dem bei den Amis Beschäftigten und seiner Familie Arbeit und Aufenthalt zu gewähren.

Wir Osteuropäer waren damals in Deutschland nicht besser gelitten als heute die afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge. In Behörden und Redaktionen herrschten noch ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere. Selbst in der Hamburger Kampfpresse „Stern" und „Spiegel“ war die Rede von osteuropäischen Untermenschen. Als die Olympischen Spiele 1972 in München anstanden, sollten erst Mitarbeitende von Radio Free Europe die englischsprachige Postille betreuen. Doch bei den deutschen Veranstaltern gab es entschiedenen Widerstand dagegen, wie ein damaliger deutscher Mitarbeiter des Senders 2011 auf der Tagung „Voices of Freedom – Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe in Munich and Prague“ in der LMU erzählte. Stattdessen überließ man die Aufgabe der Frankfurter Redaktion von „Stars and Stripes“ bei den US-Streitkräften.  

Die vermeintlich große Stunde der deutschen Ämter kam erst, als mein Vater es schaffte,  seiner im kommunistischen Rumänien verbliebenen Tochter Anka-Maria, samt Gatten und Töchter Raluca und Ruxandra, die legale Ausreise zu arrangieren. Nicolae Ceaușescu ließ sie gehen. Aber die deutsche Botschaft in Bukarest weigerte sich, der Familie Visa für die Einreise in die Bundesrepublik auszustellen. Also flogen sie nach Wien, wo mein Bruder Dinu sie abholte und als Schleuser über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern schmuggelte.

In München brachten wir sie zur CIA-Niederlassung in der McGraw-Kaserne. Und ab diesem Augenblick, Besatzungsstatut sei Dank, waren sie safe und durften legal in Deutschland bleiben. Dass sie es nach diesem Erlebnis auf Dauer nicht mehr wollten, ist ein anderes Kapitel. Erst wanderten sie in die USA aus, siedelten sich später aber auf Dauer in der Schweiz an.

Montag, 5. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (5): Zwangsarbeit in einem jugoslawischen Bergwerk und danach, nicht zufällig, Auslandskorrespondent in Israel

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

Mein Vater Ion Popa war mindestens zweimal in Jugoslawien. Während des Zweiten Weltkriegs als Frontberichterstatter gemeinsam mit Curzio Malaparte, um über den Partisanenkampf gegen die Deutschen zu berichten. Und das letzte Mal unfreiwillig für längere Zeit nach seiner Flucht aus dem kommunistischen Rumänien Ende der 1940er-Jahre. Ihm gelang es zwar, die erste Grenze zu überwinden, dafür wurde er aber in Titos Jugoslawien erwischt und kam zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk.

Dort gelang es ihm wiederum, zu entkommen. Aber nur mit Unterstützung Dritter. Eine jüdische Gruppe organisierte in der Mine die Flucht mehrerer jüdischer Zwangsarbeiter aus dem Bergwerk und Jugoslawien. Und obwohl wir keine Juden sind, sondern rumänisch-orthodox, halfen sie meinem Vater und nahmen ihn mit.

Er war sein Leben lang den Juden und dem Staat Israel dankbar. Und es ist kein Zufall, dass er – vor seiner Zeit als Ion Măgureanu bei Radio Free Europe – um 1950, 1951 herum für die Pariser „Radio Orient Telegram Press“, wohl unter den Pseudonymen J. P. Niopa und J. P. Lorkonits, sowie für „La libre Belgique“, möglicherweise unter der anonymen Autorenzeile „Correspondance particulière de la Libre Belgique“, auf Rumänisch und Französisch als Korrespondent aus Tel Aviv berichtete. Beiträge meines Vaters über Rumänien und Israel für „Radio Orient Telegram Press“ fanden sich im Archivnachlass des Exilpolitikers Ion Rațiu.

Wohl aus dieser Zeit in Israel besaß mein Vater ein antiquarisches, hebräisch-französisches „Livre de prières“ (pour jours de semaine, sabbat et fètes à l'usage des Israélites du rites Sephardi traduit en Français par A. Crehange, nouvelle édition corrigée et remaniée par Dr. Joseph Schaechter, avec trois gravures colorées, Vienne 1932, Librairie Jos. Schlesinger, 1, Seitenstettengasse 5), aus dem die obige Illustration stammt.




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Sonntag, 4. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (4): Der an „Ion Măgureanu, Westeuropa“ adressierte Brief

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Die Journalist*innen und Moderator*innen von Radio Freies Europa (Foto) arbeiteten unter Pseudonym. Mihai Cismărescu nannte sich in seinen Sendungen Radu Gorun, Victor Cernescu war Romilo Lemonidis, Radu Vrancea war Cornel Ianatoș und mein Vater Ion Popa firmierte unter Ion Măgureanu. Man kann es naiv finden, aber die falschen Namen sollten schützen. Die Journalist*innen selbst vor den mitunter tödlichen Nachstellungen der östlichen Geheimdienste und die Verwandtschaft hinter dem Eisernen Vorhang vor Vergeltungsmaßnahmen. 

Es waren keine ständig wechselnden Pseudonyme, die vielleicht tatsächlich gewirkt hätten. Die über Jahre, Jahrzehnte genutzten Namen sollten durchaus zur unverwechselbaren Marke werden. Wann immer ich Leute traf, die als Erwachsene im Rumänien der 1970er-Jahre gelebt hatten, kannten sie das Pseudonym, die Stimme und die Begrüßungsformel meines Vaters in seiner werktäglichen Sendung: „Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni“ (Meine Damen und Herren, liebe Hörer, geliebte Freunde).

Der Sender betrieb sogar Marktforschung hinter dem eisernen Vorhang. Keine Ahnung, wie er oder die Geheimdienste es methodisch anstellten, aber es kursierten in Washington wie auch am Englischen Garten Statistiken. Und meinen Vater Ion Măgureanu soll in den 1970er-Jahren eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im kommunistischen Rumänien gehört und gekannt haben.

Entsprechend gab es auch Hörer*innenbriefe. Und eines Tages erreichte meinen Vater in München eine in Rumänien abgesandte Fanpost mit nicht mehr als „Ion Măgureanu, Westeuropa“ als Zieladresse. Der Brief kam an.

Ich als Kind fand das sensationell. Wenn man aber bedenkt, dass der Briefwechsel zwischen den Blöcken damals ein engmaschig betreuter Postweg war, erscheint das nicht mehr ganz so wundersam. Jede Sendung, die Ceaușescus Regime verlassen sollte, wurde natürlich von der Securitate bearbeitet.

Weniger bekannt war, dass aber auch auf der Gegenseite alle Post, die aus dem Ostblock eintraf, auch private Briefe, erst einmal von den westlichen Geheimdiensten als Open Source Intelligence empfangen und ausgewertet wurde. In Deutschland übernahm das der Bundesnachrichtendienst, wie der „Stern“ seinerzeit in einer Enthüllungsgeschichte publik machte. Im Rahmen seiner „strategischen Kontrolle“ öffnete der BND jährlich rund 1,6 Millionen Briefe im Postverkehr zwischen Ost und West. 

Samstag, 3. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (3): Ion Popa, Jacques Chaban-Delmas und die Grande Loge de France

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater war im Münchner Exil kein geselliger Mensch. Er fuhr mit der Tram zu seiner Arbeit in der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa (RFE) im Englischen Garten, mied aber – zumindest so wie ich ihn erlebte – ansonsten jeden Umgang mit allen außer der eigenen Familie.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.

So habe ich ihn in den 21 Jahren, die wir gemeinsam erlebten, nicht gekannt. Er traf – soweit ich mich erinnere – niemals Kolleg*innen außerhalb der Arbeit. Verkehrte nicht in der rumänischen Community. Ging auf keine Veranstaltungen. Auch aus Eigenschutz. Es herrschte der Kalte Krieg und der Einfluß der Securitate reichte bis nach München, wo der eine oder andere Kollege vergiftet oder ermordet wurde. Drei Kollegen meines Vaters, Noël Bernard, Mihai Cismărescu und Vlad Georgescu sind an Krebs gestorben, und es wurde vermutet, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen den Krebs ausgelöst hätte. Zudem wimmelte es in diesen Kreisen von Doppelagenten. Es war, als hätte er in unserer Wohnung in der Tizianstraße 16a noch mal ein Exil im Exil gefunden, in dem er Schutz vor einer feindlichen, aber sicherlich auch seinen Ansprüchen nicht genügenden Welt suchte und fand.

Mit einer einzigen Ausnahme. Mitte Januar 1976 war der Bürgermeister von Bordeaux und ehemalige französische Premierminister Jacques Chaban-Delmas in der Librairie Française zu Besuch, um sein neues Buch „L'ardeur“ vorzustellen. Mein Vater fuhr mit mir in die Schellingstraße, um der Veranstaltung beizuwohnen und mit dem Politiker zu reden. Von einem Wiesnbesuch abgesehen war das das einzige Mal, dass mein Vater mit mir etwas unternahm, und ich kann mir bis heute nicht erklären, was ihn mit dem Gaullisten verband. Ob sie sich möglicherweise aus der Pariser Zeit meines Vaters kannten.

Viele Jahrzehnte später, ein paar Monate bevor er selbst gestorben ist, meinte mein neun Jahre älterer, in Paris geborener Bruder Dinu, als wir darüber sprachen, dass Chaban-Delmas und mein Vater eine gemeinsame Vergangenheit als Freimaurer gehabt hätten. 

Wie ich bereits vor zehn Jahren hier im Blog erwähnte, war mein Vater Ion „Iani“ Popa (aka Ion Măgureanu aka Popicu aka Pancrator) Mitte der 1950er-Jahre in Paris Mitglied bei den Freimaurern der Grande Loge de France (G.L.D.F. – „Liberté - Égalité - Fraternité“).   

Meiner Erinnerung an unsere Gespräche darüber zufolge aber nur, um für die Loge oder deren rumänische Abteilung „La Roumanie Unie“ Pressearbeit zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Mitgliedschaft nach seinem Umzug nach München in irgendeiner Form aktiv gewesen wäre. Bis zuletzt bewahrten er oder vielmehr meine Mutter aber noch den Mitgliedsausweis, diverse Drucksachen, die weißen Stoffhandschuhe und einen weißen, zierlosen Maurerschurz. 

Erst nach dem Tod meines Vaters im Oktober 1982, bei der Trauerfeier am Münchner Westfriedhof, erschien unvermittelt ein Vertreter der Freimaurer, den ich entfernt kannte, und legte eine Rose vor die Urne. Es könnte René Alecu de Flers gewesen sein, der später auch ein Buch über Radio Freies Europa („Radio Europa Liberă şi exilul românesc“) schrieb, aber meine Erinnerung an den Tag sind eher getrübt.  Es war wohl Roger Constantinescu. Im Nachlass meines Vaters findet sich ein Brief von ihm an „Jany Popa“ anläßlich eines Jubiläums des Grand Council of Royal and Select Masters of Germany. Constantinescu arbeitete auch bei Radio Freies Europa und war laut dem rumänischen Wikipedia im Monitoring beschäftigt.

Meine Halbschwester Anka schreibt in ihren Erinnerungen, dass vor der Einäscherung die französische Flagge und Freimaurersymbole den Sarg meines Vaters geschmückt hätten. Ich kann mich an nichts davon erinnern.








Freitag, 2. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (2): Ion Popa und Comandorul Constantin Copaciu

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu.
Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Ion Popa mit seiner ersten Ehefrau Hortensia und der gemeinsamen, 1944 in Wien geborenen Tochter, meiner Halbschwester Anka-Maria, nach Rumänien zurückgekehrt. Aber nicht auf Dauer. Irgendwann, wohl zwischen 1947 und 1949, 1948 floh er über Nacht. Allein. Ließ Frau und seine vierjährige Tochter Tochter zurück.

Nur einem einzigen Menschen, seinem besten Freund, Comandorul Constantin Copaciu soll er laut Copaciu davon erzählt. Angeblich wollte er alle anderen vor den Nachstellungen der Kommunisten schützen, indem er ihnen nichts erzählte, und sie dann guten Gewissens sagen konnten, nichts davon gewusst zu haben. 

Copaciu wurde anschließend verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Er kam ins rumänische Archipel Gulag, dem Zwangsarbeiterlager für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals. 

Anfang der 1980er-Jahre, mein Vater war bereits gestorben, traf ich Copaciu und seine Frau Valentina erstmals und wiederholt. Er war inzwischen aus der Haft entlassen worden, ein guter Freund von Jacques Cousteau und arbeitete in leitender Funktion im Institut des Ozeanographischen Museums von Monaco.

Er hegte keinen Groll gegen meinen Vater, war sehr glücklich, mich kennenzulernen, und meinte, der Fluchtgrund meines Vaters wäre eine spontane Wette gewesen: Dass er es trotz aller Widrigkeiten schaffen würde, die Grenzkontrollen zu überwinden und aus dem kommunistischen Rumänien wie aus dem gesamten Ostblock zu fliehen.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass diese freundschaftliche Beziehung der Grund für seine Verurteilung gewesen wäre. Doch Copaciu gehörte laut dem Jurnalul nach dem Krieg als Rumäniens führender Hydrograf der rumänisch-sowjetischen Kommission an, die die Grenze zwischen beiden Ländern festlegen sollte. Und da er die in der Kommission vereinbarten Gebietsabtretungen, etwa der Schlangeninsel, nicht abzeichnen wollte, soll er 1949 verhaftet, degradiert und zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden sein.

Erst nach 15 Jahren wurde Copaciu 1964 aus der Haft und mit seiner Frau Valentina ins Exil entlassen, nachdem Fürst Rainier von Monaco und der UNO-Generalsekretär U Thant sich für ihn eingesetzt haben. Mit Rainier war wiederum mein Vater in den 1950er-Jahren im Pariser Nachtleben unterwegs gewesen.

Meine Halbschwester bekam die Geschichte von der Flucht meines Vaters etwas anders erzählt. Offenbar musste mein Vater Rumänien verlassen, weil ihm die Verhaftung und Hinrichtung drohte. Zusammen mit seinem Freund Coca Romanos soll er die Flucht vorbereitet haben, etwa indem sie weiße Laken sammelten, um sich in den verschneiten Bergen damit tarnen zu können.

Er hat sich von seiner Frau verabschiedet und später behauptet, dass er geblieben wäre, wenn sie ihn darum gebeten hätte.

Als er mit Romanos dann aufbrach, soll jahrelang niemand gewusst haben, ob sie tatsächlich entkommen sind. Selbst die Securitate soll noch lange immer wieder in Rumänien nach ihm gefahndet haben.

Donnerstag, 1. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (1) Ion Popa aka Ion Măgureanu

Mit Geburtstagen und Weihnachten verbinde ich keine schönen Erinnerungen, ich habe sie schon als Kind gehasst. Aber Silvester war etwas anderes. Weil ich da zündeln durfte. Und wohl auch weil mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu an einem 1. Januar geboren wurde, Neujahr also sein Geburtstag war und wir Silvester hineingefeiert haben, auch wenn mein Vater zumindest im Alter niemand war, der irgendetwas groß gefeiert hätte.

Am 1. Januar 1913 ist mein Vater laut seinem Flüchtlingspass im rumänischen Focșani geboren worden, der Kreishauptstadt von Vrancea im Westmoldauischen. Laut den Fahndungsunterlagen der Securitate dagegen in dem 248 Kilometer weiter nödlich gelegenen Vereşti. Letzteres hält meine Halbschwester Anka für falsch. Er war also schon 48 Jahre alt, als ich 1961 geboren wurde. Meine Mutter 39. Ich war, nach zwei 1952 und 1953 geborenen Brüdern das Nesthäkchen. Zwischendurch hatte meine Mutter abgetrieben. Und dass ich überhaupt zur Welt kommen durfte, ist ihrer Hoffnung auf ein Mädchen geschuldet, das Dorina heißen sollte. Es wurde stattdessen der dritte Sohn, das a gestrichen und ein Dorin daraus.

So wild und bewegt das Leben meines Vaters in den 1930-er und 1940er-Jahren gewesen sein mag, so sehr er im französischen Exil der späten 1940-er und 1950er-Jahre ums Überleben gekämpft haben muss, so ruhig und zurückgezogen lebte er dann im nächsten Exilland, in Deutschland, wo meine Eltern nie länger zu bleiben planten. Nächstes Jahr in Paris war die Lebenslüge, mit der ich aufwuchs.

Die letzten Jahrzehnte war mein Vater auch schwer krank, was dazu führte, dass er oft krankgeschrieben war und viel Zeit daheim verbrachte. Meine Brüder waren schon ausgezogen, meine Mutter anderweitig beschäftigt und so verbrachte ich als Kind und Jugendlicher wohl mehr Zeit mit meinem Vater als jeder andere.

Und er erzählte viel. So viel, dass ich dieses Jahr alles, woran ich mich noch erinnern kann, hier aufzuschreiben versuche. Erinnerungen sind natürlich stets mit Vorsicht zu genießen. Die Gespräche liegen 40 bis 60 Jahre zurück. Ich war damals noch ein Kind oder Heranwachsender und habe vielleicht manches nicht nur falsch in Erinnerung, sondern schon von Anfang an falsch oder gar nicht verstanden. Aber so lange ich mich noch überhaupt an etwas erinnern kann,  möchte ich es festhalten. Zumindest für die paar Jahre, bevor Google diesen Blog irgendwann mangels Aktivität löscht.

Sonntag, 4. Mai 2025

Trauer muss man sich leisten können

Meine erste Leiche war Frau Ritter. Ich war im Grundschulalter und sie war die Besitzerin des Mehrfamilienhauses in der Wilhelm-Düll-Straße, bei mir um die Ecke. Im ersten Stock mit der Terrasse lebte sie. Im zweiten Stock wohnte eine Polizistenfamilie, deren Sohn damals mein bester Freund war. Das Erdgeschoss hatten meine Eltern mal gemietet. Als erste Wohnung meiner großen Brüder. Später kam dann auch mein Vater kurze Zeit mal dort unter. Nach ihrem Tod wurde Frau Ritter im offenen Sarg aufgebahrt. Meine erste Leiche.

Dann kam fast zwei Jahrzehnte lang keine Leiche. Nur der Tod. Mein Vater Iani Popa starb am 28. Oktober 1982. Ich war 21 und der letzte, der ihn lebend sah. Meine Brüder waren ausgezogen, meine Mutter zu Besuch in Paris. Am Morgen hatte mein Vater mir Frühstück gemacht, dann war ich auch nach Paris geflogen. Dort ereilte uns die Nachricht, dass er gestorben sei. Wir brachen den Urlaub ab. Für meine Mutter hatte einer meiner Brüder ein Flugticket hinterlegt. Ich fuhr mit zum Flughafen. Mit der naiven Vorstellung, ich könnte das Bodenpersonal überreden, mein Flugticket für eine Woche später aufgrund des Todesfalles auf einen sofortigen Rückflug umzubuchen. Ging natürlich nicht. Und so flog meine Mutter allein zurück, während ich die Woche in Paris blieb und erst mit meinem ursprünglich geplanten Flug nach München zurückkehrte. Ich selbst hätte mir kein neues Flugticket leisten können. Und von meiner Familie sah wohl keiner die Notwendigkeit, mich auch sofort zurückzuholen. Und so kehrte ich erst gerade rechtzeitig für die Trauerfeier heim. Ohne meinen toten Vater wiedergesehen zu haben. 

Die erste Leiche, die ich als Erwachsener zu sehen bekam, war ein Fremder. Ein Bruder meines Vaters. Da mein Vater 1945 bei Nacht und Nebel und wohl eher aus einer spontanen Laune heraus aus dem kommunistischen Rumänien geflohen war, wo er Frau und Tochter zurückließ, und später dann auch noch für das regimekritische Radio Freies Europa gearbeitet hatte, gab es nahezu keinen Kontakt zu unseren Verwandten väterlicherseits. Meine Halbschwester und ihre Familie besuchten uns in München und irgendwie schaffte es mein Vater auch, alle vier legal aus Ceaușescus Reich loszueisen und illegal nach Deutschland zu bringen. Von seinen Geschwistern hatten mit Ausnahme seiner Vasilica aber alle anderen den Kontakt abgebrochen, um es sich nicht mit dem kommunistischen Regime zu verderben. 

Nach der Revolution konnte ich nun aber endlich auch nach Rumänien reisen. Weggefährten und Verwandte meiner Eltern kennenlernen. Und einen Bruder meines Vaters. Oder zumindest dessen Leiche. Er war während eines meiner Aufenthalte in Bukarest gestorben und ein gemeinsamer Cousin nahm mich selbstverständlich zum Trauern mit. Der Leichnam war auf der Couch im Wohnzimmer aufgebahrt. Die Wohnung war voll mit Verwandten, Kollegen und Klageweibern. Denn wir Verwandte mussten still sein, durften nicht lauthals trauern. Das übernahmen die Klageweiber.

Dann wurde der Leichnam in einen offenen Sarg gelegt. Die Sargträger hatten Handtücher auf der Schulter, die anschließend an den Außenspiegeln der Autos in der Trauerkolonne gebunden wurden. Der Sarg selbst lag offen auf der Ladefläche eines Transporters. Der Korso fuhr durch die Stadt an sämtlichen Stationen seines Lebens vorbei, an den Filialen seiner Bäckerei, hin zum Friedhof, wo die Sargträger wieder die Handtücher von den Autos losbanden, auf die Schulter legten und darauf den Sarg zum Grab trugen, wo neben den Trauernden auch bereits viele Arme warteten. Denn bei jeder Beerdigung wird Essen mit ihnen geteilt.

In meinem Alter verbringe ich inzwischen mehr Zeit am Friedhof denn im Nachtleben. Das allgegenwärtige Sterben begann mit den Vorbildern, Mentoren, Tanten und Onkeln. Schließlich die Eltern. Dann erwischte es die eigene Generation: Schulkameraden, Kolleg*innen, Freund*innen, Geschwister. Aber trotz all dieser Gelegenheiten habe ich bis heute nicht verstanden, welche Regeln greifen. Wer wo sitzt. Ob der Leichenschmaus Pflicht ist und wer dazu einlädt. Jede Trauerfeier, jede Beerdigung oder Einäscherung unterscheidet sich von den anderen. Je nach Nationalität oder Glaubensgemeinschaft. Je nachdem, ob Hinterbliebene, die Nachbarn oder die Stadt die letzten Dinge geregelt hat.

Als meine Mutter Rica Popa nach jahrelanger Pflege daheim starb, fand ich die Vorstellung, für sie eine Trauerfeier abzuhalten, absurd. Die letzten neun Jahre hatte außer uns drei Söhnen niemand sie mehr besucht. Ich hatte sie noch schwer schnaufen gehört, als ich die Einkäufe in der Küche abgestellt hatte. War dann in der Burda-Bar nebenan frühstücken gewesen und als ich wieder kam, um sie zu wecken und ihr Frühstück zu machen, lag sie tot im Bett. Zumindest wirkte sie tot. Und es war ein absurdes, nahezu slapstickhaftes Unterfangen, festzustellen, ob sie es tatsächlich war. Soll man da nicht den Puls fühlen? Sie zwiscken oder piksen? Einen Spiegel vor den Mund halten? 

Meine Mutter hatte sich immer gewünscht, eingeäschert und im Meer verstreut zu werden. Mein Frankfurter Bruder und ich wollten keine Trauerfeier, mein Münchner Bruder hat trotzdem eine bestellt und bezahlt. Florica Popa, Hausfrau, stand in der Tageszeitung bei den Traueranzeigen. Zur Trauerfeier ist wohl niemand erschienen, auch nicht derjenige, der sie bestellt hat. Ich hätte die Asche im Schwarzen Meer verstreut, wo meine Mutter ihre schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen hatte. Auch als Rückkehr in ihre Heimat. Mein Bruder bestand auf die Côte d'Azur, wo sie als Erwachsene schöne Erlebnisse hatte. Ich hätte ihn dorthin begleiten können, aber ich meide meinen Bruder und ich denke, dass das alles für meine tote Mutter auch keine Rolle mehr spielt, Trauerfeiern den Lebenden Trost spenden sollen, wo das noch möglich ist.

Der Bruder meiner Mutter, Jean „Ţuţi“ Dragesco, ebenfalls ein Kind des Exils, starb in den Corona-Jahren in seiner französischen Wahlheimat. Bei Montpellier. Und ich wäre gern hingefahren. Aber meine Cousins und Cousinen verständigten mich leider recht kurzfristig von der Trauerfeier. Ich hätte ein, zwei Tage Zeit gehabt, um von München dorthin zukommen. Angesichts der Reisebeschränkungen während der Pandemie kaum machbar und so kurzfristig wohl für mich auch nicht finanzierbar.

Wenn ich andere Expats und Familien im Exil erlebe, bin ich immer erstaunt, wie sie durch die Welt reisen. Ob zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen. Bei uns war das immer anders, und ich weiß nicht, ob das an der Zurückgezogenheit meines Vaters lag, der zu Zeiten von Radio Freies Europa den Kontakt zu den meisten Menschen abgebrochen hatte, oder ob es daran lag, dass meine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg mittellos waren und lange auf jeden Pfennig achten mussten. Vielleicht strahlte die Dysfunktionalität meiner Familie auch nur auf den Umgang mit weiteren Verwandten aus.

Dann erwischte es meinen Frankfurter Bruder Dinu Popa. Creutzfeldt-Jacob. Als die Diagnose kam und die Krankheit so wild wie schnell voranschritt, reiste ich kurzfristig zu ihm ins Krankenhaus nach Mainz, um ihn zumindest noch halbwegs so zu erleben, wie ich ihn in Erinnerung behalten will. Und wahrscheinlich spricht man über solche Banalitäten nicht, aber einfach von heute auf morgen die hundert Euro für die Zugfahrt morgens hin und abends zurück zu organisieren, war nur mit Anstrengung und einigen Problemen in den darauf folgenden Wochen möglich.

Wenige Wochen später dann sein Tod und die Trauerfeier. Und wieder keine Ahnung, wie so etwas abläuft und wie man sich zu verhalten hat. In der Traueranzeige, auf der Trauerkarte und auf einem Kranz stand mein Name, ohne dass jemand mit mir darüber gesprochen hätte. Und wer entscheidet darüber, wer allein genannt wird und wer mit Partner*in oder Familie? Zum Leichenschmaus hatte mich niemand eingeladen. Aber vielleicht muss man dafür auch nur einfach nach der Trauerfeier vor der Kirche rumstehen, bis einen jemand mitnimmt. Die Urnenbeisetzung sollte laut Traueranzeige „zum späteren Zeitpunkt im engsten Kreis der Familie“ stattfinden. Ich erfuhr davon erst im Nachhinein durch ein Foto vom Grab. Auf welchem Friedhof das ist, weiß ich bis heute nicht.