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Sonntag, 3. Mai 2026

Mein Großvater Ion Dragu, Vichy und Paul Morand

Mein Großvater mütterlicherseits, Ion „Ionel“ Dragu, war nicht nur Offizier und Journalist gewesen, sondern in den 1930er und 1940er-Jahren auch Diplomat. 

Nicolae Dascălu zählt in seinem schmalen Bändchen „Propaganda externă a României Mari (1918–1940)“ (Großrumäniens Auslandspropaganda 1918–1940) die diplomatischen Berufsstationen meines Großvaters im Presseamt des rumänischen Außenministeriums bzw. im Propagandaministerium auf: „Așa cum am mai menționat, majoritatea atașaților de presă au fost licitați, chiar oameni de cultură de mare prestigiu, ca Lucian Blaga şi Aron Cotruș sau experți de talia lui George Boncescu. Ca să nu reamintim și pe lon Dragu, ziarist de profesie, atașat de presă la Varșovia (1929) și apoi la Geneva (1930–1931), subdirector în centrală (1932–1934), director (mai 1935–noiembrie 1936), din nou ataşat de presă la Atena și apoi la Ankara (1936–1939), pentru a ajunge directorul presei în subsecretariatul de stat (februarie–sep-tembrie 1939), secretar general al Ministerului Propagandei Naționale (decembrie 1939–februarie 1940), după care îl regăsim consilier de presă la Paris, ulterior la Vichy.“

„Wie ich bereits erwähnte, wählte man als Presseattachés meistens Externe aus, darunter hochangesehene Persönlichkeiten aus der Kultur wie Lucian Blaga, Aron 
Cotruș oder den Italien-Experten George Boncescu. Ganz zu schweigen vom Berufsjournalisten Ion Dragu, Presseattaché in Warschau (1929), danach in Genf (1930–1931), stellvertretender Pressechef im Außenministerium (1932–1934), Pressechef (Mai 1935–November 1936), erneut Presseattaché, diesmal in Athen und Ankara (1936-1939), schließlich Pressechef im Unterstaatssekretariat für Presse und Propaganda (Februar–September 1939), Generalsekretär des Propagandaministerium (Dezember 1939–Februar 1940) und anschließend wieder Presseattaché in Paris und dann in Vichy.“

Meine Mutter Florica „Rica“ Popa erzählte immer, dass man wegen der häufigen Ortswechsel auch ihre Ausweispapiere manipuliert hätte. Eigentlich sei sie 1921 geboren worden, aber um die Einschulung (ins Gymnasium?) um ein Jahr hinauszuzögern, hätte man in ihrem Pass das Geburtsjahr in 1922 abgeändert. Für einen gut vernetzten Mann wie meinen Großvater, der ja auch seinen eigenen Namen geändert und mit royalem Dispens seine Cousine geheiratet hatte, war das keine große Herausforderung. Das falsche Geburtsdatum begleitete meine Mutter dann ein Leben lang in ihren amtlichen Dokumenten bis zum Totenschein.

Dass rumänische Diplomaten wie mein Großvater auf dem Foto Uniform trugen, war relativ neu. Mein Onkel Jean „Ţuţi“ Dragesco schrieb in seinen unveröffentlichten Memoiren 1988/1989 dazu,  dass der in Uniformen vernarrte rumänische König Carol II. sich an den deutschen Nazis und italienischen Faschisten orientiert hätte und 1939 alle Staatsfunktionäre zwang, in Uniform zur Arbeit zu erscheinen. Die Uniformen und Dienstgrade hätte der König selbst entwickelt. Mein Großvater hätte als Pressechef den Rang eines Colonel bekleidet.

Die Arbeit als Presseattaché und Pressechef war vielseitig. Er betreute ausländische Journalisten und hochrangige Gäste, die in Rumänien arbeiteten oder zu Besuch waren. Sorgte dafür, dass im Ausland über Rumänien berichtet und für Urlaub in Rumänien geworben wurde. Förderte die Veröffentlichung von Zeitungsbeilagen und Büchern im Ausland, die sich rumänischen Themen widmeten. Organisierte Ausstellungen und Konzerttourneen. Unterstützte die Gründung und den Erhalt rumänischer Lehrstühle,  Bibliotheken und Sprachkurse im Ausland. Produzierte Drucksachen für Weltausstellungen und andere Veranstaltungen.

Besonders schwierig war die Situation nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 in Frankreich. Die rumänische Gesandtschaft zog mit der französischen Regierung von Paris ins „freie Frankreich“ nach Vichy. Und stand so mit im Abseits, denn ob Politik, Medien oder Kultur, alles spielte sich im besetzten  Paris ab oder in den nicht von den Deutschen besetzten regionalen Zentren des Pétain-Regimes wie Clermont-Ferrand, Limoges, Lyon, Marseille, Montpellier, Nizza oder Toulouse, nur nicht in Vichy.

Ana-Maria Stan geht in ihrem Buch „Relațiile franco-române în timpul regimului de la Vichy 1940–1944“ (Die französisch-rumänischen Beziehungen während des Vichy-Regimes 1940–1944) recht ausführlich auf die Arbeit meines Großvaters ein, der das Manko erkannt und die Präsenz rumänischer Kultur- und Presseattachés im „freien Frankreich“ ausgebaut, aber auch die rumänische Interessen im besetzten Paris gefördert hätte. In diesem Kontext kam auch Eugène Ionesco in den Dienst der rumänischen Gesandtschaft in Vichy, wobei Ionesco und mein Großvater beruflich offenbar nicht viel voneinander hielten.

Auch auf der Gegenseite waren Schriftsteller tätig. Mein Großvater hielt etwa Kontakt zu dem Schriftsteller und Kollaborateur Paul Morand, der mit einer Rumänin verheiratet war und 1943 als französischer Botschafter nach Rumänien ging.

Sonntag, 19. April 2026

Ioan Dragu şi Diplomația culturală a României în perioada interbelică

In Lucian Joras Buch „Diplomația culturală a României în perioada interbelică“  über die kulturellen Aktivitäten der rumänischen Außen- und Propagandaministerien im Ausland vor und während des Zweiten Weltkriegs werden neben Schriftstellern wie Eugène Ionesco (Seite 15), Emil Cioran und Mircea Eliade auch Diplomaten wie mein Großvater Ioan Dragu (als Ion Dragu auf den Seiten 109 und 169) erwähnt, der – obwohl Diplomat – dem im Zuge des Zweiten Weltkriegs am 3. Oktober 1939 neu geschaffenen Propagandaministerium unterstand und nicht mehr dem Außenministerium.

Freitag, 10. April 2026

Erinnerungen (46) an meinen Vater Ion Popa als Berliner Korrespondent der Agentur Rador

Im „Curentul“ vom 4. April 1942 wurde ein Ion Popa als Berliner Korrespondent der Agentur Rador zitiert. Demnach hat mein Vater nicht nur nach dem Krieg für eine Radio Orient Telegram Press (Rador Telepress) aus Israel berichtet, sondern bereits während des Zweiten Weltkriegs für die gleichnamige Nachrichtenagentur Rador als Korrespondent im Deutschen Reich.

Die Frage ist nur, ob er das nach seiner Tätigkeit als Presseattaché der rumänischen Gesandtschaft in Berlin getan hat, parallel zu seiner diplomatischen Tätigkeit oder ob er seine Tätigkeit als Presseattaché an der Gesandtschaft überhaupt nur als Vertreter der seit 1926 verstaatlichten Nachrichtenagentur Rador ausübte. Seit dem 10. März 1938 unterstand die Agenția Rador der neu geschaffenen Direcția generală a presei și propagandei (Generaldirektion für Presse und Propaganda), welche bei der Preşedinţia Consiliului de Miniştri (Vorsitz des Ministerrats) angesiedelt war. 

Nach Deutschlands Überfall auf Polen gründete Rumänien am 3. Oktober 1939 ein Propagandaministerium, das sowohl Einrichtungen wie die Nachrichtenagentur Rador als auch die Arbeit der Presseattachés in den rumänischen Gesandtschaften kontrollierte, wie Lucian Jora in seinem Buch „Diplomația culturală a României în perioada interbelică“ (Rumäniens Kulturdiplomatie zwischen den Weltkriegen) ausführlich beleuchtet.

Jora zitiert Überlegungen, die Presseattachés an den wichtigsten Gesandtschaften in Kulturattachés umzuwandeln und die Kontakte zur Presse den Repräsentanten der Nachrichtenagentur Rador in diesen Städten zu überlassen. Adrian Viţalaru schreibt dagegen in seinem Aufsatz „Diplomacy and war. Diplomatic missions of Romania during WWII“, dass die rumänische Gesandtschaft in Berlin 1941 allein vier Presseattachés beschäftigt hätte und die rumänischen Botschaften in den Jahren bis 1944 oft ihren Personalbestand noch weiter deutlich erhöht hätten.

Die Bukarester Tageszeitung „Timpul“ berichtete am 4. September 1942 von einem Empfang, den mein Vater Ion Popa zum einjährigen Bestehen des Berliner Korrespondentenbüros gegeben hätte. Da Dumitru Cristian Amzăr in seinem „Jurnal Berlinez“ (Berliner Tagebuch) am 23. August 1941 die bevorstehende Ankunft meines Vaters an der Berliner Gesandtschaft erwähnte, scheint die Rolle meines Vaters in der Gesandtschaft wohl darin bestanden zu haben, Rador in der Reichshauptstadt zu vertreten. Weitere Korrespondenten gab es beispielsweise in Rom, Vichy, Paris und Sofia. Ein Organigramm von 1942 erwähnt auch noch Madrid, Bern, Zagreb, London, Ankara, Helsinki, Stockholm, Budapest, Lissabon, Bratislava und Moskau.

Die rumänische Nachrichtenagentur Rador (Agenţia Orient-Radio – Agence Radio Orient) wurde am 16. Juni 1921 mit „ideeller und materieller Unterstützung des rumänischen Außenministeriums“ (Dumitru Preda 2001 im Vorwort zu Noti Constantinides „Valiza diplomatică“) als Kapitalgesellschaft gegründet, lieferte Nachrichten auf Rumänisch sowie Französisch und war zwischen den Weltkriegen die wichtigste Nachrichtenagentur des Landes. 

Carmen Ionescu nennt in ihrem Buch „Agenţiile de presă din România“ Noti Constantinide, Legationssekretär an der rumänischen Gesandtschaft in Paris, und Sebastian Șerbescu, Anwalt und Doktorand an der Sorbonne, als wichtigste Gesellschafter von Rador. Die französische Nachrichtenagentur Havas unterstützte die Gründung, das rumänische Außenministerium war der wichtigste Kunde und subventionierte zudem Rador. Im Gegenzug verpflichtete sich die Nachrichtenagentur, die politischen und militärischen Interessen Rumäniens zu wahren und der Propaganda zu dienen. Weitere Gesellschafter waren Grigore Gafencu, Ioan Cantacuzino, Dimitrie Ghika, Emil Sturdza, Grigore Trancu, D. Leonida und die Chrissoveloni-Bank. Geleitet wurde die Nachrichtenagentur anfangs von Vasile Stoica.

1925 übernahmen das Außenministerium, die Nationalbank und die Industrie- und Handelskammer alle Anteile. Ein Jahr später wurde die Nachrichtenagentur Rador verstaatlicht. Florica Vrânceanu geht in ihrem Buch „Un secol de agenţii de presă româneşti 1889-1989“ sehr detailliert auf die Gründungsgeschichte von Rador und die Entwicklung der Nachrichtenagentur vor und während des Zweiten Weltkriegs ein. Nach Kriegsende und der Machtübernahme durch die Kommunisten wurde Rador 1949 in Agerpress umbenannt bzw. von Agerpress übernommen. 

Nach dem Sturz der Kommunisten 1989 griff der öffentlich-rechtliche rumänische Rundfunk, Radio România, auf den bewährten Namen zurück und gründete eine Nachrichtenagentur Rador, ohne dass die beiden gleichnamigen Agenturen eine Verbindung hätten. Die Abkürzung stand nun für Radio Observator.

Die in Paris ansässige Radio Orient Telegram Press (Rador Telepress), für die mein Vater in den 1950er-Jahren gearbeitet hat, war wiederum auch nicht identisch mit der gleichnamigen staatlichen rumänischen Nachrichtenagentur der 1930er- und 1940er-Jahre, aber es scheint wohl personelle Kontinuitäten gegeben zu haben. Möglicherweise wurde sie von Exil-Rumänen gegründet oder übernommen. Denn es könnte sich um das Pariser Korrespondentenbüro der staatlichen Agentur Rador gehandelt haben, das sich vielleicht nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in Rumänien abgespalten hat. 

Disclaimer: Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Freitag, 3. April 2026

Erinnerungen (45) an meinen Vater und seinen pathetischen königstreuen Leitartikel

Im Sommer 1940 war Rumäniens faschistische Eiserne Garde erstmals an der Regierung beteiligt. Am 3. September versuchte sie dann, gegen König Carol II. zu putschen, der zu seiner Verteidigung am folgenden Tag General Ion Antonescu zum Ministerpräsidenten mit diktatorischer Vollmacht ernannte. Antonescu verbündete sich mit der Eisernen Garde und zwang den König zum Rücktritt und ins Exil. Sein 18-jähriger Sohn Mihai I. folgte ihm auf den Thron.

Das politische Klima verschärfte sich weiterhin drastisch. Die Eiserne Garde, die bereits seit Jahren auch vor politischen Morden nicht zurückgeschreckt war, steigerte sich in ihrem Blutrausch und startete Pogrome und eine Mordserie, der auch Nicolae Iorga zum Opfer fiel. Sicherheitshalber war der von der Eisernen Garde bedrohte Direktor der Bukarester Tageszeitung „Curentul“, Pamfil Șeicaru (46), zu seinem Schutz von Benito Mussolini nach Italien eingeladen worden. Mein damals gerade mal 28-jähriger Vater Ion Popa vertrat ihn derweil. Vom 21. bis 23. Januar versuchten die sogenannten Legionäre der Eisernen Garde dann, die Macht zu übernehmen und gegen Antonescu zu putschen. Wenige Tage vorher, am 18. Januar 1941, veröffentlichte mein Vater den heute unangenehm pathetisch wie nationalistisch klingenden Leitartikel „Regele şi ţara lui“ („Der König und sein Land“) auf der Titelseite des „Curentul“:

„Un prinţ prin ţara Lui. Astfel se intitulează lucrarea d-lui Ion Conea, fostul profesor de geografie al Marelui Voevod de Alba-Iulia. 

Plaiurile pandurului Tudor, munţii spre semeţia cărora urcă potecile înguste, cari au călăuzit odinioară paşii nefericitului Avram Iancu, limanurile unde a durat cetăţi Ştefan Vodă al Moldovei, altarele în faţa cărora supuşi au murmurat imn de slavă atâţia Domni victorioşi în războaele purtate pentru apărarea moşiei străbune, ţinuturi de podgorie - belşug şi bună voe - toate, alături de monumentele istorice, cari stau mărturie de netăgăduit a nobleţei noastre rasiale, au însemnat lecţia vie şi legământul pentru mâine al Regelui Mihai I. 

O tinereţe împletită din suferinţă şi demnitate, o dragoste toarsă din firul fin al viitorului şi o înţelepciune zăgăzuită între adânca înţelegere şi impresionanta disciplină a şcolarului, au fost darurile Prinţului când ţara Lui L-a vrut Domn. 

In cele mai grele ceasuri din istoria acestui necăjit popor, la răscruce de vremuri, când făuritorii unei noui lumi angajează în luptă forţe cu putere de legendă, simbol al dreptăţii cauzei noastre şi chezăşie de victorie stă Regele Mihai I. 

Desprins din mintea fiecărui român, icoana Lui e în armură, ea viteaz, iubitor de ţară şi larg înţelegător al poporului Său, ea Domn, şef de oaste niciodată învins. Gloria Lui, e gloria ce I-o visăm cu toţii.

Speranţele noastre se leagă de speranţele Lui, cum se leagă pruncul de gâtul mamei. După furtună, apele se liniştesc, cerul se luminează, pădurea-şi modulează freamătul şi totul reintră în normal, ca mai ’nainte.

Când soldatul lasă puşca, mâna lui va purta sapa, iar în locul tunului, plugul va răsturna brazda, mereu dătătoare de viaţă nouă. 

Atunci Regele de azi îşi va privi mândru ţara Lui, ca Prinţul de eri.

O ţară de munte şi de şes, de dealuri şi de ape, o simfonie perfectă. una ca formă şi viaţă.

N'a fost luminiş de codru, unde Voevodul şi colegii Săi să nu poposească împreună cu profesorii, să adune şi să-şi împărtăşească fericirea că aceasta-i ţara lor şi nu alta. Iar Regele cunoaşte ţara de atunci şi peste ea va domni.

„Din primii ani de şcoală, copil, a avut ţara adusă acasă“, - spune d. Ion Conea în prefaţa minunatei sale cărţi - întrupată pe provincii, pe strate sociale, ba şi pe naţionalităţi - în colegii de clasă al căror număr a suit uneori la doisprezece. Iar excursiile şi şcoala pe teren, la fiecare sfârşit de an, au fost o continuă aplicare la realităţile patriei, pe care astfel a cunoscut-o în tot ce are ea mai de valoare şi mai caracteristic. A fost în toate acele locuri, care „te invită să reflectezi cel mai mult asupra istoriei“ şi Şi-a purtat privirile peste toate acele orizonturi peste care şi le-au purtat Decebal şi toţi marii Lui înaintaşi făuritori pe ale lor; a cunoscut pas cu pas ţara peste care va domni şi despre care S'a convins că, la fel cu Galia lui Camille Jullian, e aşa fel construită încât ea „nu poate fi rezultatul întâmplării oarbe; ci că, dimpotrivă, aşa fel este zidită, încât pare opera unui zeu, un edificiu clădit de o providenţă". S'a convins Insuşi că Ţara Lui este ca şi Galia: „un organism construit după dorinţă, parcă în virtutea unei previziuni inteligente“ (Strabo).

Şi iată ce ne invată pentru această ţară Vicarul Haţegului Ştefan Moldovan în „Foaia pentru minte, anima şi litteratura“ din 26 Septembrie 1853:

„Inchipuiţi-vă acum, cari pe această ţeară călătoriţi, cum că aceasta toate stau în sus, în primeva lor frumuseţe, înnaintea ochilor voştri - şi apoi recugeţati ce însemnează a avea patrie şi pentru ea a trăi şi a jertfi toate, apoi priviţi cum strămoşii noştri – pe cari azi mintea întunecată a strănepoţilor îi numeşte Urieşi“ - cu braţ înnalt s’au nevoit a eternă numele său prin clădiri măreţe şi strălucite, cum ei, puţin timp vieţuind, au rămas nemuritori în ostenelile sale, şi apoi căutaţi la dânşii şi vedeţi cum pentru apărarea patriei sale, sub noianul barbarilor cu arma în mână se sting sub dărâmăturile ostenelilor sale, şi strigaţi: „O cât de dulce este pentru patrie a muri!“

Ţara plânsă şi cântată de Nicolae Bălcescu şi Alecu Russo - unul aşteptând sfârşitul departe peste hotare, iar celălalt depănând din caerul vremii închis la mănăstire în ţara Vrancei – o purtăm toţi întreagă în suflet.

Cartea d-lui Ion Conea, profesorul de geografie al Măriei Sale este astăzi cartea neamului.

– „Am mers“, – scrie d-sa – „în Zarand şi am făcut, în sfârşit, la capătul celor două săptămâni de carte pe teren, cel din urmă popas la cetăţile dace – sarmisegetuzele – din munţii Orăştiei: un stol de muncele care au purtat cândva pe frunte, fiecare, coroana unei cetăţi dace. In fund departe, spre inima muntelui, se vedea - ca şi de pe Băleea, - spatele culmii Muncelului, pe versantul de sud al căreia, scăldată în soare, se înnălţa pe vremuri Sarmisegetuza lui Buerebista si a lui Decebal. După lectia de popor si de pământ românesc făcută aici, Augustul nostru şcolar mărturisea, la coborârea de pe „Cetăţuia“, colegilor Săi, dându-Şi părerea: „să stiţi voi că nicăiri nu este mai interesant ca aici“.

Aşa s'au adaos în mintea de copil, pe rând, imaginele ţărilor celor mici din vechime, care s'au topit pe rând una într'alta, spre a da astăzi Ţara cea mare şi unică“.

„Astăvarăîn celălalt triplex confinium carpatic, lângă hotarul de miazănoapta, a străbătut pasul Mestecănisului, din ţara Câmpulungului lui Cantemir în aceea a Dornelor, marea cetate internă „leagăn de veche viaţă românească în inimă de munţi” cum stă scris în caetul de note al Măriei Sale. A mers apoi din Dorna spre miază-noapte, pe valea de aur a Bistriţei până în pasul Prislopului, sus, şi a făcut acolo popas de lecţie poate în acelaş loc în care, pornind la descălecarea Moldovei, s’au oprit să odihnească Dragoş şi Bogdan... A mers la stâna din Prislop, a fotografiat-o de zeci de ori, a stat de vorbă cu păcurarii, i-a cinstit şi le-a gustat din produsele laptelui”. 

Regele şi ţara Lui. 

Dragostea poporului nu se împarte, ea se revarsă cu aceeaşi căldură şi intensitate şi pentru Rege şi pentru ţară.“

(Übersetzung folgt.)

Mittwoch, 25. März 2026

Erinnerungen (44) an meinen Vater, als ihn die faschistische Eiserne Garde festnahm

Zwischen dem 21. und 23. Januar 1941 versuchte Rumäniens faschistische Eiserne Garde gegen den faschistischen Diktator Ion Antonescu zu putschen. „Curentul“, die Bukarester Tageszeitung, in der mein Vater arbeitete und in diesen Tagen auch den aus Gründen der Sicherheit vorübergehend nach Italien geflüchteten Verleger, Herausgeber und Chefredakteur Pamfil Șeicaru vertrat, hielt zum Regime.

Daraufhin besetzte die Eiserne Garde Redaktion und Druckerei. Mein Vater, damals gerade mal 28 Jahre alt, wurde vorübergehend festgenommen, da er einen Aufruf des Generals Antonescu gegen die Putschisten veröffentlichen wollte.

Doch der Staatsstreich scheiterte. In der Ausgabe vom 27. Januar 1941 erschien Antonescus Appell auf der ersten Seite, neben einem Bericht zum Überfall der faschistischen Schergen auf die Zeitung und meinen Vater:

„După luni de zile de teroare, in noaptea in care s'a incercat atentatul impotriva Țării, și a Armatei, »Curentul« a fost invadat de bande fără ideologie, fără crez, fără inimă românească. Secretarul nostru general de redacție, colegul lon Popa, a fost arestat pentru vina de a fi vrut să publice apelul la ordine semnat de Generalul Antonescu, Conducătorul Statului. 

Tipografia ziarului a fost ocupată. Membrii Redacției alungați, terorizați, insultați. In aceeaşi noapte, s'a introdus in coloanele noastre, textul de indemn la revoluție, și concomitent a fost radiat de pe frontispiciul ziarului, numele Directorului nostru, Pamfil Șeicaru, după ce, de mai multe zile, printr'o măsură samavolnică, ni se interzisese publicarea articolelor sale.“

„Nach monatelangem Terror wurde »Curentul« in der Nacht, in der man einen Anschlag auf die Heimat und die Streitkräfte versuchte, von einer Bande ohne Werte, ohne Glauben, ohne rumänisches Herz überfallen. Unser Redaktionsgeneralsekretär, der Kollege Ion Popa, wurde festgenommen, weil er einen Aufruf des Staatsführers General Ion Antonescu zur öffentlichen  Ordnung abdrucken wollte.

Die Druckerei der Zeitung wurde besetzt. Die Redaktionsmitglieder mussten sich in Reih und Glied aufstellen. Sie wurden terrorisiert und beschimpft. In dieser Nacht wurde auf unseren Seiten ein Aufruf zur Revolution veröffentlicht, während der Name unseres Direktors, Pamfil Șeicaru, von der Titelseite verschwand. Die Veröffentlichung seiner Beiträge war bereits einige Tage zuvor willkürlich untersagt worden.“

Dienstag, 17. März 2026

Erinnerungen (43) an meinen Vater, meinen Großvater und deren schwieriges Verhältnis untereinander

Mein Vater Ion Popa und sein Schwiegervater Ion Dragu mochten sich nicht sonderlich. Dabei verband sie einiges: Beide waren Journalisten, beide lebten in den 1930er-Jahren in Bukarest, beide arbeiteten zeitweise für Pamfil Șeicarus Tageszeitungen, beide flüchteten ins Pariser Exil, teilten dort während der 1950er-Jahre dieselbe Adresse in der 6, rue Albert Samain im 17. Arrondissement, wenn nicht sogar dieselbe Wohnung, und als meine Großmutter nach einem häuslichen Unfall querschnittgelähmt war, zogen Opa und Oma in den 1970er-Jahren vorübergehend aus Paris zu uns nach München, wo wir dann zu siebt in einer 5-Zimmer-Wohnung lebten.

Ich dachte immer, dass mein Vater als geborener Journalist meinen eher großspurig zwischen Offizierskarriere, Diplomatie, Regierungsarbeit und Presse changierenden Großvater nie wirklich ernst genommen hat.

Meine Schwester erzählte dagegen neulich, dass umgekehrt mein elitärer Großvater wohl meinen Vater als Selfmademan und Emporkömmling aus schlichten Verhältnissen nie sonderlich geschätzt hätte. 

Auf der Suche nach Bildern meines Vaters in den 1930er- und 1940er-Jahren bin ich nun auf ein Foto gestoßen, das in der Zeitschrift „Realitatea Ilustrata“ vom 3. Oktober 1939 erschienen ist. 

In der Mitte steht mein Großvater Ion Dragu im Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch. Er war damals Pressesprecher des rumänischen Außenministeriums. Ganz rechts am Bildrand steht nun ein Mann, bei dem es sich meines Erachtens um meinen Vater Ion Popa handelt. 

Und vom selben Termin beim neu ernannten rumänischen Propagandaminister Alexandru Radian ist am 1. Oktober 1939 ein weiteres Foto in der Bukarester Tageszeitung „Curentul“ abgedruckt worden, wo mein Vater Redakteur war, mit meinem Großvater am linken Bildrand und meinem Vater am rechten Bildrand.

Samstag, 14. März 2026

Erinnerungen an meinen Vater (41) Ion Popa und seine erste Notlandung mit einem Ballon 1936

Wie oft im Leben fährt man mit einem Gas- oder Heißluft-Ballon? Und vor allem: Wie oft stürzt man beinahe damit ab? Mein Vater offenbar mindestens zweimal.

Mir selbst hat er von seinem Aufklärungsflug als Frontberichterstatter im Zweiten Weltkrieg erzählt, der vorzeitig abgebrochen werden musste. Einige Jahre zuvor war ihm aber offenbar bereits einmal Ähnliches widerfahren. 

Bei der Durchsicht von Archivexemplaren der rumänischen Tageszeitung „Curentul“ entdeckte ich in der Ausgabe vom 3. Juni 1936 einen Bericht, wie der Redakteur Ion Popa, mutmaßlich mein Vater, als einziger Passagier mit dem polnischen Gasballon Katowice unterwegs war. Als der Ballon nach 14 Stunden wegen starkem Regen und Hagel notlanden musste, verletzte er sich leicht am Fuß.


Samstag, 21. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (40) und Weimar

Mein Vater Ion Popa (links) im August 1941 mit einer noch nicht identifizierten Person vor dem Goethe-Haus in Weimar.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (39) und Berlin

In den Jahrzehnten, in denen mein Vater Ion Popa unter dem Pseudonym Ion Măgureanu bei Radio Free Europe in München arbeitete, betonte er wiederholt, dass er nicht nach Berlin reisen könne. Aus Furcht, dort entführt zu werden.

Diese Furcht scheinen nicht alle bei RFE geteilt zu haben. Der Leiter der rumänischen Redaktion, Noël Bernard, war, wie seine Witwe in ihrem Erinnerungsbuch berichtete, wiederholt in Westberlin, etwa um eine dort auftretende rumänische Theatertruppe zu besuchen. Aber Bernard wäre sogar einer Einladung ins kommunistische Bukarest gefolgt, wenn ihm das nicht aus Washington verboten worden wäre, schreibt zumindest Nestor Ratesh in seinem Kapitel „Radio Free Europe's Impact in Romania During the Cold War“ des Sammelbands „Cold War Broadcasting“.

Nun ist mein Vater während meiner Kindheit und damit während des Kalten Kriegs grundsätzlich wenig gereist, hat aber auch nie ähnliches von anderen Städten wie etwa Wien erwähnt.

Berlin schien etwas besonderes zu sein. 

Erst lange nach seinem Tod erfuhr ich von seinem Schwager Eugen „Nicu“ Filimon, dass mein Vater in Bukarest dafür bekannt gewesen sei, dass er die schicksten Krawatten aus Berlin trug.

Mein Vater hatte auch erzählt, dass er den Dirigenten Sergiu Celibidache von früher her kannte. Sie könnten sich in Iași begegnet sein, wo beide studierten, wenn auch sehr unterschiedliche Fächer. Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass sie sich in Berlin kennengelernt haben, wo Celibidache seit 1936 lebte. Etwa im Grunewalder Salon der mit Werner Sombart verheirateten Rumänin Corina Leon. Als Celibidache dann 1979 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker wurde, nahm mein Vater aber keinen Kontakt zu ihm auf.

Nun berichtet meine Schwester, dass mein Vater und seine erste Ehefrau Hortensia in Berlin gelebt hätten, weil er von 1937 bis 1944 Presseattaché an der Rumänischen Gesandtschaft gewesen sei. Das stünde nun meines Erachtens im Widerspruch zu seiner Arbeit als leitender Redakteur Ende der 1930er-, Anfang der 1940er-Jahre in Bukarest bei den Tageszeitungen „Cuvântul“ und „Cutrentul“ wie auch zu seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter. 

Und sowohl René Al. de Flers wie auch Ioanna Măgură Bernard betonen später, dass mein Vater unter all den ehemaligen Diplomaten bei Radio Free Europe einer der wenigen Berufsjournalisten gewesen wäre und eben kein ehemaliger Diplomat.

Aber es muss wohl einen Grund gegeben haben, dass mein Vater mit seiner schwangeren Frau ausgerechnet 1944 im zerbombten Berlin lebte und vielleicht schon früher dorthin gezogen war. 

Vielleicht war er nach seiner Entlassung 1941 als Redaktionssekretär bei „Curentul“ tatsächlich in den diplomatischen Dienst gewechselt. Adrian Viţalaru schreibt in seinem Aufsatz „Diplomacy and war. Diplomatic missions of Romania during WWII“, dass die rumänische Gesandtschaft in Berlin 1941 allein vier Presseattachés beschäftigt hätte und die rumänischen Botschaften in den Jahren bis 1944 oft ihren Personalbestand noch weiter deutlich erhöht hätten. 

Und tatsächlich schreibt der Presseattaché der rumänischen Gesandtschaft in Berlin (und Werner-Sombart-Schüler) Dumitru Cristian Amzăr in seinem „Jurnal Berlinez“ (Berliner Tagebuch) in einem Eintrag vom 23. August 1941: „Ion Popa, corespondentul »Rânduieli«, a fost detaşat la serviciul nostru de presă – el fiind funcționar la Ministerul Propagandei. Bănuiesc o manevră din partea lui (Ovidiu) Ciordaș, care va fi aranjat acum în țară rechemarea mea. El are nevoie de un »colaborator« docil, care să nu mai facă altceva în afară de ceea ce-i spune gi dorește el. Nu mi-a spus înainte de a pleca la București că lui nu-i place că eu public recenzii despre cărți românești în limba germană?“

„Ion Popa, Korrespondent der „Rânduieli“ (eigentlich der Genetiv oder Plural von Rânduiala, deutsch: Verordnung, so hieß seltsamerweise auch eine von Amzăr gegründete, von 1935 bis 1937 erschienene Zeitschrift), wurde als Vertreter des Propagandaministeriums in unsere Presseabteilung beordert. Ich vermute darin einen Schachzug von (Ovidiu) Ciordaș, der in Rumänien meine Abberufung in die Wege geleitet haben könnte. Er braucht einen fügsamen Mitarbeiter, der seine Wünsche erfüllt und seine Anweisungen ausführt. Hat er mir nicht vor seiner Abreise nach Bukarest gesagt, dass es ihm nicht gefällt, dass ich Rezensionen rumänischer Bücher auf Deutsch veröffentliche?“

Tatsächlich scheint mein Vater im September 1941, möglicherweise an der rumänischen Gesandtschaft, das Berliner Korrespondentenbüro der staatlichen rumänischen Nachrichtenagentur Rador (Radio Orient) gegründet und geleitet zu haben. In dieser Funktion hat er dann propagandistische rumänische Interessen in der Reichshauptstadt vertreten.

Es gibt aus den späten 1930er- und frühen 1940er-Jahren aber auch Fotos, die meinen Vater und seine erste Ehefrau in Rumänien zeigen. Sie scheinen sich also nicht ausschließlich in Berlin aufgehalten zu haben. Das Bild beider hier oben habe ich noch nicht verorten können.

Unbestreitbar ist, dass sie 1944 immer noch in Berlin lebten. Hortensia war schwanger und statt im zerbombten Berlin zu bleiben, fuhr sie nach Wien, wo meine Schwester Anka Maria dann am 26. Juli 1944 zur Welt kam.

Disclaimer: Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

(Screenshot ganz oben aus Guy Hamiltons Len-Deighton-Verfilmung „Funeral in Berlin“ mit Michael Caine als Harry Palmer)

Mittwoch, 18. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (38) und seinen Wandel zum Eremiten

Zwischen den Kriegen und auch während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater offenbar kein Kind von Traurigkeit und selbst später im Exil und den damit verbundenen prekären Lebensumständen schien er das Beste daraus zu machen, pflegte regen Umgang und war auch dem Pariser Nachtleben nicht abgeneigt.

Nach dem Umzug mit Frau und Söhnen zu Radio Freies Europa in München war die Familie finanziell aus dem Gröbsten raus und mein Vater zeigte offenbar weiter Präsenz. Es gibt viele Fotos mit Kolleg*innen (hier der zweite von links auf dem 1959 entstandenen Bild), er ließ sich auch allein im Sender fotografieren und René Al. de Flers zufolge erschien mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu samt Frau und Kindern auch außerhalb der Arbeitszeit, wenn der Chef zu sich nach Hause einlud. 

In seinem Erinnerungsbuch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte) schreibt de Flers über Weihnachten 1959 (deutsche Rohübersetzung nach dem rumänischen Original): „În perioada lui Ghiță Ionescu, de când fusese numit director la Departamentul Român de Emisiuni, se stabilise un obicei; când veneau sărbătorile nașterii lui lisus Christos, el organiza sărbătoarea pomului de Crăciun la el acasă, la care erau invitați toți membrii Departamentului. Anul acesta fusesem invitat și eu. Secretara lui, Malila Szabados, fata profesorului universitar român Constantinescu de la Roma, mă anunțase de invitație, dar nu întrebase dacă aveam copii. Spunându-i soției, dânsa n-a vrut să mă însoțească. Mi-a răspuns că rămâne acasă cu copiii, dar eu să mă duc. M-am dus la Ghiță Ionescu împreună cu Madeleine. Ajuns acolo, lani Popa a venit la mine, se uita oarecum mirat și m-a întrebat imediat: Da unde este soția și unde sunt copiii? Nu știam ce să răspund, și am spus că eu fiind nou la München, nu cunoșteam obiceiurile de aici.
- Domnule Popa, nu mi-a spus nimeni că trebuia să-i aduc. Apoi, încă nu cunosc datinile voastre. 

La pomul de Crăciun este obiceiul din străbuni să se împartă cadouri la copi, exact cum s-a petrecut și în seara aceea. Uitându-mă la copiii colegilor de sus care primeau cadouri, aveam o plăcere imensă să văd nesfarșita fericire care strălucea în ochii lor. Mã gândeam că nu mai era mult până voi remarca aceeași bucurie și în ochii copiilor mei, dar la mine acasă. Sărbătorile trecuseră, mă găseam din nou la mine în birou și m-am pomenit cu Malila venind să-și ceară scuze că nu mă invitase la Pomul de Crăciun împreună cu toată familia. Îmi adusese cadouri și pentru copii. N-am idee cine o fi spus lui Ghiță Ionescu că aveam copii, dar bănuiam că vinovatul era Popa.“

„Seit Ghita Ionescu die rumänische Redaktion leitete, hatte es sich eingebürgert, dass er anläßlich der Geburt Jesu Christi alle Mitarbeitenden zu einem Weihnachtsfest bei sich daheim einlud. In diesem Jahr bin ich auch eingeladen worden. Seine Sekretärin, Malila Szabados, die Tochter des rumänischen Universitätsprofessor Constantinescu in Rom, hatte mich wissen lassen, dass ich eingeladen sei, aber nicht gefragt, ob ich Kinder hätte. Als ich meiner Frau von der Feier erzählte, sagte sie mir, dass sie mich nicht begleiten wollte. Sie würde mit den Kindern zu Hause bleiben, aber ich solle hingehen. Gemeinsam mit Madeleine bin ich zu Ghiță Ionescu. Als ich eingetroffen war, kam Iani Popa auf mich zu, schaute verwundert und fragte mich sofort, wo denn meine Gattin und die Kinder wären. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und erklärte ihm, dass ich als Neuankömmling in München nicht die Gepflogenheiten hier kennen würde.
- Herr Popa, es hat mir niemand gesagt, dass ich sie mitbringen sollte. Ich kenne Ihre Gebräuche noch nicht.

Am Weihnachtsbaum ist es von je her Brauch, Geschenke an die Kinder zu verteilen. Und so wurde es auch an diesem Abend gehandhabt. Als ich beobachtete, wie die Kinder der Redaktionskollegen beschert wurden, bereitete es mir großes Vergnügen, in ihren Augen die unendliche Freude erstrahlen zu sehen. Ich dachte daran, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich auch bei meinen Kindern diese glücklichen Augen sehen würde, nur eben bei mir daheim. Nach den Feiertagen schaute Malila bei mir am Arbeitsplatz vorbei, um sich zu entschuldigen, dass sie mich nicht samt meiner ganzen Familie eingeladen hatte, und brachte auch Geschenke für meine Kinder mit. Keine Ahnung, wer Ghiță Ionescu erzählt haben mag, dass ich Kinder habe, aber ich vermute, dass Popa der Schuldige war.“

Irgendwann Mitte der 1960er-Jahre änderte mein Vater dann drastisch sein Verhalten. Er verbot ausdrücklich, im Sender fotografiert zu werden, brach die Beziehungen zu allen Mitarbeitenden außerhalb der Arbeitszeit ab und fing an, sehr zurückgezogen zu leben.

Hing das mit Nicolae Ceaușescus Machtübernahme in Rumänien 1965 zusammen? Hatte sich die Gefahrenlage verändert? Oder war die Rückkehr Noël Bernards 1966 als Leiter der rumänischen Redaktion ein Auslöser? War mein Vater nur zu krank geworden, um irgendwelchen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen? Oder war er, nachdem 1963 seine in Rumänien zurückgelassene Tochter Anka Maria mit ihm plötzlich brieflich Kontakt aufgenommen hatte, nur vorsichtiger und rücksichtsvoller, um sie nicht zu gefährden und vielleicht zu ermöglichen, dass sie ihn 1968 ein erstes Mal in München besuchen durfte? Ich habe keine Ahnung. Aber der Ion Popa, den ich als Kind erlebte, war nicht zu vergleichen mit dem Lebemann, der er früher gewesen war.  Er war nun zum Eremiten geworden.

Montag, 9. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (35) und die griechische Frage

Die unterschiedlichsten, nicht unbedingt sich widersprechenden Erklärungen hört man bei der Frage, warum alle Nahestehenden meinen Vater Iani riefen. 

Laut seinen Ausweispapieren hieß er Ion Popa, manche Quellen nennen ihn Ioan, selbst bei seinem Pseudonym im Sender Freies Europa, Ion Măgureanu, behielt er seinen angestammten Vornamen.

Doch wir alle riefen ihn immer nur Iani.

Nun sind Spitznamen eine rumänische Manie. Unter unseren Verwandten und Bekannten wurden oft statt der Taufnamen kindliche Rufnamen genutzt: Gigi, Coca,Ţuţi, Maia, Pusy, Bobbie – die allesamt nichts mit dem eigentlichen Vornamen zu tun hatten.

Und dann gibt es natürlich abgekürzte Vornamen, wie bei meiner Mutter Rica statt Florica, oder Diminuitive wie bei meinem Großvater Ionel statt Ion bzw. Ioan.

Aber es kommt ausgesprochen selten vor, dass man eine ausländische Form des ursprünglich rumänischen Vornamens wählt. 

Was machte nun meinen Vater zu Iani, dem Griechen?

Die harmloseste und zugleich am wenigsten glaubwürdige Erklärung soll mein Vater selbst erzählt haben. Schon als Kind soll er zu Jähzorn geneigt haben. Und wenn seine Eltern ohne ihn und seine jüngeren Geschwister weggehen wollten, soll er sich wutentbrannt auf den Boden geworfen und gebettelt haben: „Ia-ne, ia-ne și pe noi“. Nehmt uns, nehmt uns auch mit! Aus dem Ia-ne, nehmt uns, wäre sein Spitzname Iani entstanden. So schreibt es zumindest meine Schwester. Hat er ihr das selbst gesagt, hat ihre Mutter, seine erste Ehefrau, das erzählt oder hat sie es auch nur gelesen?

Denn in René Al. de Flers' Buch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte) kommt die Anekdote fast wortgleich vor: „Într-o żi, cu toate că știam că lon Popa nu era grec, făcând aluzie la numele de lani, I-am întrebat:
- Ești grec, tovarășe ministru?
- Dar cum așa! Sunt moldovean.
- Păi... Iani nu este nume grecesc?
- Da de unde! Să-ți povestesc. Când tata pleca la oraș, voiar și noi copili să ne ducem cu el. Fiind cel mai mare, mă duceam  și-l rugam: iani și pe noi tată, și cu timpul, fiind mereu stăruitor cu una și aceeași frază, cei din casă începuseră să-mi spună lani. Așa mi s-a născut numele.“

„Obwohl ich wusste, dass Ion Popa kein Grieche war, spielte ich auf seinen griechischen Vornamen an und fragte ihn eines Tages:
- Genosse Minister, bist Du Grieche?
- Wie kommst Du da drauf? Ich bin Moldauer.
- Aber ist Iani kein griechischer Vormane?
- Von wegen! Lass es mich Dir erklären: Wenn mein Vater in die Stadt aufbrach, wollten wir Kinder ihn begleiten. Als Ältester von usn bin ich zu ihm hin und bat ihn: Nimm uns mit (Rumänisch: ia-ne), Papa. Und mit der Zeit fingen daheim alle an, mich nur noch Iani zu rufen, weil ich diesen einen Satz ständig wiederholte. So entstand mein Name.“

Glaubwürdiger ist die These, dass eine reiche Griechin, bei der seine Mutter Ecaterina möglicherweise arbeitete, seine Taufpatin gewesen sei. Meine Schwester erwähnt da Urania Polatos, zu der man tatsächlich auch Informationen online findet. Ihr Vater Anton Polatos war ein reicher Bäcker in Focșani und einer ihrer Brüder hieß auch Iani. Die Familie scheint dann aber 1914, ein Jahr nach der Geburt meines Vaters pleite gegangen zu sein. Für die Taufpaten-Version würde auch sprechen, dass eine weitere Schwester meines Vaters, Pusy, auf den ebenfalls griechischen Namen Polixenia getauft worden war. 

Als grenznahe Handelsstadt war Focșani Anfang des 20. Jahrhunderts Wohnort vieler griechischer Bänker und Kaufleute.  

Eine Cousine von mir hat wiederum gehört, dass es in unserer Familie einen griechischen Ahnen gegeben hätte. Dass aber auch ein Familienmitglied adoptiert worden sei.

Als ich in den 1990er-Jahren erstmals in Bukarest zu Besuch war, erzählte man mir wiederum eine ganz andere Geschichte. Der tatsächliche Vater meines Vaters sei nicht Ecaterinas Ehemann Ignat gewesen, sondern ein griechischer Bojar, ein Großgrundbesitzer in Focșani. Er hätte meinem Vater auch das Studium in Iași finanziert, wo mein Vater Latein und Altgriechisch studierte. Zur Uni begleitet hätte meinen Vater sein Halbbruder, der legitime Sohn des Griechen, der zugleich auch der beste Freund meines Vaters gewesen wäre.

Die Auswertung meiner DNA durch My Heritage scheint den griechischen Ahnen väterlicherseits zu bestätigen. Demnach bin ich zu 41,8 Prozent Balkanbewohner, zu 34,4 Prozent Grieche, zu 15,2 Prozent aschkenasischer Jude und zu 8,6 Prozent Osteuropäer.


Samstag, 7. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (33) und Szenen einer Ehe

So lange ich mich zurückerinnern kann, hatten meine Eltern getrennte Schlafzimmer. Und das in einer 5-Zimmer-Wohnung, in der zeitweise bis zu sieben Menschen lebten. 

Eine kurze Zeit übernachtete mein Vater auch in den Räumen in der Wilhelm-Düll-Straße 1, die sie ursprünglich für meine beiden großen Brüder angemietet hatten. Und ich meine mich erinnern zu können, dass er auch mal schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße 16 a eine kleine Wohnung nutzte: In der Tizianstraße 63, im selben Haus, wo sein Arzt Dr. Willkomm eine Praxis hatte.  

So lange ich mich zurückerinnern kann, stritten sie. Sie schrieen sich an,  Geschirr wurde zertrümmert, sie lebten mehr aneinander vorbei, denn miteinander. Es war, so lange ich mich zurückerinnern kann, keine glückliche Ehe. 

Main Vater sagte einmal voraus, dass meine Mutter sich, sobald er tot war, darüber beschweren würde, dass die Trauerfeier so früh am Morgen begänne. Und tatsächlich war es dann auch so.

Und es mag kein Zufall sein, dass wir drei Söhne, die aus dieser Beziehung hervorgegangen sind, allesamt keine Kinder haben und dieser Familienzweig mit uns aussterben wird.

Sonntag, 1. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (32) und die Kunst, eine Krawatte zu binden

Es gibt kaum Fotos meines Vaters Ion Popa, auf denen er ohne Krawatte zu sehen ist. Selbst auf der Wiesn trug er Schlips. Als junger Mann im Bukarest der 1930er- und 1940er-Jahre soll er für seine schicken Krawatten berühmt gewesen sein, wie ich bereits erzählt habe.

Und so habe ich, neben den bereits erwähnten eher theoretischen Dingen, als Kind von ihm auch gelernt, wie man eine Krawatte bindet. 

Ich bin zwar, wie meistens mit meinen Händen, nicht sonderlich geschickt darin und brauche es nur alle ein, zwei Jahre mal, da ich äußerst ungern einen Schlips anlege. Aber ein einziges Mal gezeigt und irgendwie doch nie mehr vergessen.

Samstag, 31. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (31) und das Capșa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Jeden Abend nach dem Andruck des „Curentul“ um 1940 herum ging mein Vater Ion Popa ins Capșa. Das legendäre, bis heute existierende Lokal in der Calea Victoriei, einer der Hauptstraßen von Bukarest, war nicht nur für Journalisten der Treffpunkt.

Das Lokal spielte laut René Al. de Flers auch eine Rolle bei der Entlassung meines Vaters. Pamfil Şeicaru, der Verleger und Chefredakteur von „Curentul“, war 1940 vor einem Mordkomplott der faschistischen Eisernen Garde nach Rom geflüchtet. Als Statthalter nahm mein Vater daraufhin einige Änderungen und Neuerungen vor, so veröffentlichte er statt Şeicarus Leitartikel Beiträge des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels. Nach dem Scheitern der Machtergreifung durch die Eiserne Garde kehrte Şeicaru 1941 zurück. Die gesamte Redaktion empfing ihn im Verlagsgebäude. Nur mein Vater fehlte. Er weilte im Capșa und wartete dort auf Şeicaru. Der empfand das als unverschämt und feuerte ihn.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre erstmals selbst nach Rumänien reisen konnte, schaute ich natürlich im Capșa vorbei. Und traf später auch einen Schwager meines Vaters, Eugen „Nicu“ Filimon, der damals noch lebte. Filimon war mit Polixenia „Pusy“, einer der Schwestern meines Vaters, verheiratet gewesen und hatte zwischen den Kriegen und/oder während des Zweiten Weltkriegs eine leitende Funktion bei der Rumänischen Nationalbank bekleidet.

Nicu bestätigte mir nicht nur, dass mein Vater gern und oft im Capșa feierte, sondern dass damals auch regelmäßig auf jedem seiner Oberschenkel eine Frau gesessen hätte. Wer wie ich oder meine Schwester unseren Vater erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte, kann sich schwer vorstellen, dass dieser eher schwermütige, depressive, zurückgezogen lebende Mann in den 1930er- und 1940er-Jahren offenbar ein Schwerenöter und latin lover gewesen sei.

Mein Vater soll in Bukarest auch dafür bekannt gewesen sein, dass er die schicksten Krawatten der ganzen Stadt getragen hat, die er sich regelmäßig in Berlin besorgte.

Freitag, 30. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (30) und unsere Flugreise nach Zürich

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Während meiner Kindheit und Jugend lebte mein Vater sehr zurückgezogen. Anfangs fuhr er noch mit uns im Auto in den Urlaub nach Italien. Selbstverständlich war er dabei, wenn die ganze Familie ihre Flüchtlingspässe in der Straßburger Präfektur verlängerte beziehungsweise erneuerte. Und ganz selten, vielleicht auch nur einmal begleitete er in den 1960er- und 1970er-Jahren meine Mutter und mich auf unseren ständigen Bahnreisen nach Paris. 

Erinnern kann ich mich an kein einziges Mal, aber es gibt zumindest ein Gruppenfoto mit uns, der Familie meines Onkels mütterlicherseits und dessen Schwiegereltern Joffé in Le Vésinet. Da mein Onkel Jean „Ţuţi“ Dragesco nicht auf dem Bild ist, stand er wohl hinter der Kamera.

Um so merkwürdiger ist daher die einzige Reise, die mein Vater und ich allein unternahmen. Wir flogen Mitte bis Ende der 1960er-Jahre nach Zürich. Meine erste Flugreise. Und ich habe nicht die leiseste Vorstellung, warum wir diesen Tagestrip, morgens hin, abends zurück, unternommen haben. Hat er jemanden getroffen? Musste er etwas erledigen? 

Ich kann mich auch nur noch an ein einziges Detail genauer erinnern. Wir suchten einen Spielwarenladen auf und ich freute mich, an einem Märchenautomaten mir eine Geschichte über Kopfhörer vorspielen zu lassen. Nur verstand ich kein einziges Wort. Das Märchen war auf Schwizerdütsch.

(Foto: Aero Icarus/Wikipedia) 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (29) und seine Abscheu vor dem Münchner Hauptbahnhof

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Als Jugendlicher liebte ich den Münchner Hauptbahnhof, weil es dort die ganzen internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu kaufen gab, von den „Cahiers du Cinéma“ über „Libération“ bis hin zum französischen „lui“ und den US-amerikanischen „Penthouse Letters“.

Mein Vater hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Nicht wegen der erotischen Heftchen, sondern wegen des Ortes an und für sich. Für ihn verkehrten an Bahnhöfen nur Spione und Sex Worker.

Mittwoch, 28. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (28) und die Bombardierung von Dresden

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater erzählte, wie er die Bombardierung von Dresden erlebt hat. Die Detonationen, das Feuer, aus der Ferne, aber doch nah genug, dass er den Zug, in dem er damals unterwegs war, verlassen musste, um am Bahndamm Schutz zu suchen.

Nun waren mein Vater, seine Ehefrau, die gemeinsame Tochter und viele mit ihnen aus Berlin, Wien und dem übrigen Deutschen Reich deportierte Rumän*innen im Winter 1944/1945 in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, interniert, bis sie die russische Armee im Frühjahr befreite.

Weshalb nur der erste Luftangriff der „8th Air Force der USAAF mit 65 B-17 Flying Fortress auf die Industrie in Freital (Mineralölwerk der Rhenania-Ossag in Birkigt), das Industriegelände Gittersee und Wohnanlagen“ (Wikipedia) am 24. August 1944 in Frage käme. „Eine Bombe fiel auf Coschütz. Bei dem Angriff starben 241 Menschen.“

Deportiert und interniert worden waren die Rumän*innen wegen des sogenannten Königsputsches einen Tag zuvor am 23. August 1944, bei dem der junge König Mihai I. den Militärdiktator Ion Antonescu stürzte und Rumänien damit die Achsenmächte verließ und sich den Alliierten anschloss.  

Dienstag, 27. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (27) Ion Popa alias Ion Măgureanu und Noël Bernard bei Radio Freies Europa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Noël Bernard leitete von 1955 bis 1958 sowie von 1966 bis 1981 die rumänische Redaktion von Radio Freies Europa. In ihrem 2007 veröffentlichten Erinnerungsbuch „Directorul postului nostru de radio“ (Der Direktor unseres Radiosenders) schrieb seine Witwe Ioana Măgură Bernard (1940–2022) auch über meinen Vater (deutsche Übersetzung weiter unten):

„Prezentatorul programului politic a fost, vreme de vreo 20 de ani, lon Măgureanu. Nu era rudă nici cu cel de la SRI, serviciul român de informații, nici cu vreun altul, pentru bunul motiv că acesta era tot un pseudonim. Numele lui adevărat era lon Popa; lani pentru familie și prietenii apropiați; Popicu pentru colegi. Ziarist de profesie, se bucura de o mare popularitate pentru ascultători. Era un tip romantic, un gazetar democrat de factură veche și de stil latin, spre deosebire de pildă de Noël, prin excelență tipul de jurnalist anglo-saxon, riguros, sintetic și strict la obiect. Numele lui lon Măgureanu era legat indisolubil de programul politic. Într-un fel, se poate spune că și-au creat reciproc celebritatea. Prezentările lui Popicu erau directe, calde, originale și adesea pline de floricele. Ele debutau invariabil cu «dragi prieteni». Cînd începea să depene amintiri și să se lanseze în divagații, care veneau în contradicție cu însăși natura programului, Noël îi tăia pasaje întregi, ceeace îl supăra foarte tare, căci Popicu pe acestea le considera cele mai valoroase. Nu era vorba de cenzură, dar Noël nu voia ca prezentarea să se dilueze și, prin îndepărtarea de subiect și obiect, să piardă din acuitate și in ultimă instanță din impact. Cu toate acestea, îl aprecia mult pe lani – Noël așa îi spunea - atît ca ziarist cît și ca om. Popicu era un profesionist talentat, cu multă imaginație –  poate chiar prea multă – și un personaj deosebit de pitoresc. Avea chiar la 50 de ani înfățișarea unui bunic sfătos destul de scund, rotofei, cu părul alb și sprincene stufoase, oricînd bucuros să stea la taifas și să vorbească in pilde. Mi-l amintesc ieșind uneori din biroul lui Noël, încins și roșu la față, după vreo dispută profesională, care nu avea însă niciodată urmări. Dovada prețuirii de care se bucura, stă in faptul că Popicu a fost titularul programului politic pînă cînd a ieșit la pensie, în 1978.“

Grobe Übersetzung: Ungefähr 20 Jahre lang präsentierte lon Măgureanu die politische Sendung. Er war weder mit dem rumänischen Geheimdienstchef Virgil Măgureanu verwandt noch mit sonst jemandem diesen Namens, weil es sich bei diesem Nachnamen um ein Pseudonym handelte. In Wahrheit hieß er Ion Popa; Iani für seine Familie und engen Freunde; Popicu unter Kollegen. Als Berufsjournalist erfreute er sich großer Beliebtheit bei der Hörerschaft. Er war ein Romantiker, ein demokratischer Journalist alter Schule und romanischen Stils, im Unterschied zu Noël Bernard (Foto), der ein Paradebeispiel englischen Journalismus war, rigoros, prägnant und auf den Punkt. lon Măgureanu war untrennbar mit dem politischen Programm verbunden. Man könnte sagen, dass diese Kombination den Erfolg des Moderators und der Sendung begründete. Popicus Moderation war direkt, warmherzig, originell und somit auch blumig. Stets eröffnete er das Programm mit den Worten „liebe Freunde“. Wann immer er zu sehr abschweifte und sich nicht streng an den Kern des Programms hielt, strich ihm Noël ganze Passagen, was Popicu sehr erzürnte, weil er gerade diese Momente für die wertvollsten hielt. Man kann nicht von Zensur sprechen. Noël wollte nur nicht, dass die Inhalte verwässert werden und das Programm durch den Verlust an Focus auch an Schärfe und letztendlich an Wirkung einbüßt. Nichtsdestotrotz schätzte Noël Iani – so nannte er ihn – sowohl als Journalisten als auch als Menschen. Popicu war ein begabter Profi, mit großem, vielleicht sogar zu großem Einfallsreichtum und einer auffälligen Erscheinung. Mit gerade mal 50 Jahren wirkte er schon wie ein weiser Großvater, ziemlich klein und pummelig, weißhaarig und mit buschigen Augenbrauen. Stets zu einem Schwatz aufgelegt und bereit, Geschichten zum besten zu geben.Ich kann mich erinnern, wie er manchmal nach einem heftigen Streit aus Noëls Büro kam, erregt und im Gesicht rot angelaufen. Doch diese Auseinandersetzungen hatten niemals Folgen. Wie sehr Popicu geschätzt wurde, sieht man daran, dass er bis zu seinem Ruhestand 1978 die politische Sendung behielt.

Samstag, 24. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (24) und die italienischen Verhältnisse

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Nachdem die Russen meinen Vater Ion Popa, seine erste Frau Hortensia und die gemeinsame Tochter Anka aus dem Außenlager Krummhübel des KZ Groß-Rosen befreit hatten, ging die Familie 1945 erst einmal nach Italien. Sie lebten in Rom, wo Anka getauft worden ist. Mein Vater soll auch viel Zeit in Assisi verbracht haben. Offenbar hat man ihnen die Wohnung oder das Haus in Rom zum Kauf angeboten, aber sie schlugen das Angebot aus. Ob nur aus finanzieller Not oder aus anderen Beweggründen, ist unbekannt. 

1946 zogen sie zum Schwager nach Nizza, von wo aus mein Vater allein nach Rumänien zurückkehrte. Seine Frau folgte ein Jahr später mit der gemeinsamen Tochter. Dann fiel der Eiserne Vorhang, und mein Vater flüchtete schließlich allein aus Rumänien in de Westen, wo er später erneut heiratete.

Italien war nun nur noch ein Urlaubs- oder Reportageziel. Erst Venedig mit seiner zweiten Ehefrau Florica, geborene Dragu. Dann für Radio Freies Europa zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom, wo ich angeblich gezeugt worden bin, wobei das rechnerisch nicht aufgeht.

Später mit uns Söhnen nach Rimini, Albenga und Ischia. Eine meine ersten Erinnerungen ans Kino führt auch nach Albenga zurück. Neben unserem Hotel gab es ein Freilufttheater, das 1968 oder 1969 Peter Sellers' „Der Partyschreck“ zeigte. Vom Balkon aus konnte ich den Film sehen. 

Das war auch die letzte Urlaubsreise, die mein Vater mit uns unternahm. Danach verließ er München nicht mehr. Mit meiner Mutter war ich noch einmal in Rom, bevor das italienische Kapitel endgültig geschlossen wurde, und meine Mutter mit mir nur noch nach Nizza an die Côte d'Azur fuhr.