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Donnerstag, 19. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (39) und Berlin

In den Jahrzehnten, in denen mein Vater Ion Popa unter dem Pseudonym Ion Măgureanu bei Radio Free Europe in München arbeitete, betonte er wiederholt, dass er nicht nach Berlin reisen könne. Aus Furcht, dort entführt zu werden.

Diese Furcht scheinen nicht alle bei RFE geteilt zu haben. Der Leiter der rumänischen Redaktion, Noël Bernard, war, wie seine Witwe in ihrem Erinnerungsbuch berichtete, wiederholt in Westberlin, etwa um eine dort auftretende rumänische Theatertruppe zu besuchen. Aber Bernard wäre sogar einer Einladung ins kommunistische Bukarest gefolgt, wenn ihm das nicht aus Washington verboten worden wäre, schreibt zumindest Nestor Ratesh in seinem Kapitel „Radio Free Europe's Impact in Romania During the Cold War“ des Sammelbands „Cold War Broadcasting“.

Nun ist mein Vater während meiner Kindheit und damit während des Kalten Kriegs grundsätzlich wenig gereist, hat aber auch nie ähnliches von anderen Städten wie etwa Wien erwähnt.

Berlin schien etwas besonderes zu sein. 

Erst lange nach seinem Tod erfuhr ich von seinem Schwager Eugen „Nicu“ Filimon, dass mein Vater in Bukarest dafür bekannt gewesen sei, dass er die schicksten Krawatten aus Berlin trug.

Mein Vater hatte auch erzählt, dass er den Dirigenten Sergiu Celibidache von früher her kannte. Sie könnten sich in Iași begegnet sein, wo beide studierten, wenn auch sehr unterschiedliche Fächer. Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass sie sich in Berlin kennengelernt haben, wo Celibidache seit 1936 lebte. Etwa im Grunewalder Salon der mit Werner Sombart verheirateten Rumänin Corina Leon. Als Celibidache dann 1979 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker wurde, nahm mein Vater aber keinen Kontakt zu ihm auf.

Nun berichtet meine Schwester, dass mein Vater und seine erste Ehefrau Hortensia in Berlin gelebt hätten, weil er von 1937 bis 1944 Presseattaché an der Rumänischen Gesandtschaft gewesen sei. Das stünde nun meines Erachtens im Widerspruch zu seiner Arbeit als leitender Redakteur Ende der 1930er-, Anfang der 1940er-Jahre in Bukarest bei den Tageszeitungen „Cuvântul“ und „Cutrentul“ wie auch zu seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter. 

Und sowohl  René Al. de Flers wie auch Ioanna Măgură Bernard betonen später, dass mein Vater unter all den ehemaligen Diplomaten bei Radio Free Europe einer der wenigen Berufsjournalisten gewesen wäre und eben kein ehemaliger Diplomat.

Es gibt aus den späten 1930er- und frühen 1940er-Jahren auch Fotos, die meinen Vater und seine erste Ehefrau in Rumänien zeigen.

Unbestreitbar ist aber, dass sie zumindest 1944 in Berlin lebten. Hortensia war schwanger und statt im zerbombten Berlin zu bleiben, fuhr sie nach Wien, wo meine Schwester Anka Maria dann am 26. Juli 1944 zur Welt kam.

(Screenshot aus „Funeral in Berlin“)

Mittwoch, 18. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (38) und seinen Wandel zum Eremiten

Zwischen den Kriegen und auch während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater offenbar kein Kind von Traurigkeit und selbst später im Exil und den damit verbundenen prekären Lebensumständen schien er das Beste daraus zu machen, pflegte regen Umgang und war auch dem Pariser Nachtleben nicht abgeneigt.

Nach dem Umzug mit Frau und Söhnen zu Radio Freies Europa in München war die Familie finanziell aus dem Gröbsten raus und mein Vater zeigte offenbar weiter Präsenz. Es gibt viele Fotos mit Kolleg*innen (hier der zweite von links auf dem 1959 entstandenen Bild), er ließ sich auch allein im Sender fotografieren und René Al. de Flers zufolge erschien mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu samt Frau und Kindern auch außerhalb der Arbeitszeit, wenn der Chef zu sich nach Hause einlud. 

In seinem Erinnerungsbuch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte) schreibt de Flers über Weihnachten 1959 (deutsche Rohübersetzung nach dem rumänischen Original): „În perioada lui Ghiță Ionescu, de când fusese numit director la Departamentul Român de Emisiuni, se stabilise un obicei; când veneau sărbătorile nașterii lui lisus Christos, el organiza sărbătoarea pomului de Crăciun la el acasă, la care erau invitați toți membrii Departamentului. Anul acesta fusesem invitat și eu. Secretara lui, Malila Szabados, fata profesorului universitar român Constantinescu de la Roma, mă anunțase de invitație, dar nu întrebase dacă aveam copii. Spunându-i soției, dânsa n-a vrut să mă însoțească. Mi-a răspuns că rămâne acasă cu copiii, dar eu să mă duc. M-am dus la Ghiță Ionescu împreună cu Madeleine. Ajuns acolo, lani Popa a venit la mine, se uita oarecum mirat și m-a întrebat imediat: Da unde este soția și unde sunt copiii? Nu știam ce să răspund, și am spus că eu fiind nou la München, nu cunoșteam obiceiurile de aici.
- Domnule Popa, nu mi-a spus nimeni că trebuia să-i aduc. Apoi, încă nu cunosc datinile voastre. 

La pomul de Crăciun este obiceiul din străbuni să se împartă cadouri la copi, exact cum s-a petrecut și în seara aceea. Uitându-mă la copiii colegilor de sus care primeau cadouri, aveam o plăcere imensă să văd nesfarșita fericire care strălucea în ochii lor. Mã gândeam că nu mai era mult până voi remarca aceeași bucurie și în ochii copiilor mei, dar la mine acasă. Sărbătorile trecuseră, mă găseam din nou la mine în birou și m-am pomenit cu Malila venind să-și ceară scuze că nu mă invitase la Pomul de Crăciun împreună cu toată familia. Îmi adusese cadouri și pentru copii. N-am idee cine o fi spus lui Ghiță Ionescu că aveam copii, dar bănuiam că vinovatul era Popa.“

„Seit Ghita Ionescu die rumänische Redaktion leitete, hatte es sich eingebürgert, dass er anläßlich der Geburt Jesu Christi alle Mitarbeitenden zu einem Weihnachtsfest bei sich daheim einlud. In diesem Jahr bin ich auch eingeladen worden. Seine Sekretärin, Malila Szabados, die Tochter des rumänischen Universitätsprofessor Constantinescu in Rom, hatte mich wissen lassen, dass ich eingeladen sei, aber nicht gefragt, ob ich Kinder hätte. Als ich meiner Frau von der Feier erzählte, sagte sie mir, dass sie mich nicht begleiten wollte. Sie würde mit den Kindern zu Hause bleiben, aber ich solle hingehen. Gemeinsam mit Madeleine bin ich zu Ghiță Ionescu. Als ich eingetroffen war, kam Iani Popa auf mich zu, schaute verwundert und fragte mich sofort, wo denn meine Gattin und die Kinder wären. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und erklärte ihm, dass ich als Neuankömmling in München nicht die Gepflogenheiten hier kennen würde.
- Herr Popa, es hat mir niemand gesagt, dass ich sie mitbringen sollte. Ich kenne Ihre Gebräuche noch nicht.

Am Weihnachtsbaum ist es von je her Brauch, Geschenke an die Kinder zu verteilen. Und so wurde es auch an diesem Abend gehandhabt. Als ich beobachtete, wie die Kinder der Redaktionskollegen beschert wurden, bereitete es mir großes Vergnügen, in ihren Augen die unendliche Freude erstrahlen zu sehen. Ich dachte daran, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich auch bei meinen Kindern diese glücklichen Augen sehen würde, nur eben bei mir daheim. Nach den Feiertagen schaute Malila bei mir am Arbeitsplatz vorbei, um sich zu entschuldigen, dass sie mich nicht samt meiner ganzen Familie eingeladen hatte, und brachte auch Geschenke für meine Kinder mit. Keine Ahnung, wer Ghiță Ionescu erzählt haben mag, dass ich Kinder habe, aber ich vermute, dass Popa der Schuldige war.“

Irgendwann Mitte der 1960er-Jahre änderte mein Vater dann drastisch sein Verhalten. Er verbot ausdrücklich, im Sender fotografiert zu werden, brach die Beziehungen zu allen Mitarbeitenden außerhalb der Arbeitszeit ab und fing an, sehr zurückgezogen zu leben.

Hing das mit Nicolae Ceaușescus Machtübernahme in Rumänien 1965 zusammen? Hatte sich die Gefahrenlage verändert? Oder war die Rückkehr Noël Bernards 1966 als Leiter der rumänischen Redaktion ein Auslöser? War mein Vater nur zu krank geworden, um irgendwelchen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen? Oder war er, nachdem 1963 seine in Rumänien zurückgelassene Tochter Anka Maria mit ihm plötzlich brieflich Kontakt aufgenommen hatte, nur vorsichtiger und rücksichtsvoller, um sie nicht zu gefährden und vielleicht zu ermöglichen, dass sie ihn 1968 ein erstes Mal in München besuchen durfte? Ich habe keine Ahnung. Aber der Ion Popa, den ich als Kind erlebte, war nicht zu vergleichen mit dem Lebemann, der er früher gewesen war.  Er war nun zum Eremiten geworden.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (37) als „Genosse Minister“

Unter den mir vorliegenden Erinnerungsbüchern diverser ehemaliger Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa geht René Al. de Flers' Buch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte) am ausführlichsten auf meinen Vater Ion Popa ein.

1959 traf er meinen Vater zum ersten Mal im Münchner Sender (deutsche Rohübersetzung jeweils nach dem rumänischen Original):

„În drum spre Sectia românilor, ne-a ieșit în cale un domn scund, grăsuț, cu sprâncene stufoase, care de la distanță strigase lui Madeleine un sărut mâna. S-a oprit lângă noi și Madeleine mi l-a prezentat. Era Iani Popa care se ducea la studio. Creierul începuse iar să-mi bâzâie. Nu-l cunoșteam personal, dar pentru mine nu era nici el o persoană necunoscută. Ştiam cine era și eram chiar foarte documentat despre persoana lui. Fusese secretar de redacție la Curentul, ziarul lui Pamfil Şeicaru. Popa avea o voce caldă și plăcută. Mi se părea un om cu caracter blajin, foarte simpatic și iradia căldură. Nu făcea parte din grupul foştilor diplomați, era jurnalist de meserie. Celor care în România stăteau cu urechea lipită la radio, le era cunoscut ca lon Măgureanu.“

„Auf dem Weg zur rumänischen Redaktion kam uns ein kleiner, dicklicher Mann mit buschigen Augenbrauen entgegen. Von weitem begrüßte er Madeleine mit den Worten: Küß die Hand. Er blieb bei uns stehen, und Madeleine stellte ihn mir vor. Es war Iani Popa auf dem Weg ins Studio. Mein Kopf fing zu summen an. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber für mich war er kein Unbekannter. Ich wusste, wer er war, und war sogar recht gut über ihn informiert. Er war Redaktionssekretär bei Curentul gewesen, der Tageszeitung von Pamfil Şeicaru. Popa besaß eine warme, angenehme Stimme. Er zählte nicht zu den ehemaligen Diplomaten, sondern war Berufsjournalist. Wer in Rumänien mit dem Ohr am Radiogerät klebte, kannte ihn als lon Măgureanu.“

Nestor Ratesh erwähnt in seinem Kapitel „Radio Free Europe's Impact in Romania During the Cold War“ des Sammelbands „Cold War Broadcasting“ auch, wie schwer es RFE in den 1950er-Jahren fiel, gelernte Journalisten im Exil zu finden, weshalb so viele ehemalige Diplomaten beschäftigt worden wären.

Wie sehr die rumänische Hörerschaft meinen Vater schätzte, führt de Flers anhand einer Anekdote aus: „Ajuns la Europa Liberă, Popa preluase prezentarea Programului politic, la care colaborau Vladimir Ionescu, Constantin Vulcan, Ion Haralamb și din când în când directorul sau adjunctul de director. Pentru cei care îl ascultau în România, prezentarea programului făcută de Popa era o desfătare. Le vorbea cu o voce caldă, pe limba lor simplă și fără ocolișuri. Vorbea pitoresc ca un bunic, de factura unui Ion Creangă. Faptul că prezentările politice făcute de Popa erau într-adevăr cele mai ascultate în România, se confirmase la revenirea lui Bernard. 

Într-o zi, Bernard primise vizita unui evreu din România. Se oprise la München și cum le era obiceiul, trebuia să treacă pe la radio să stea de vorbă cu... directorul postului nostru de radio. Popa având nevoie de un o.k., n-avea idee că la Bernard se găsea cineva. Fiind grăbit să se ducă în studio, dăduse buzna pe uşă. Bernard cum l-a văzut, s-a întors către vizitator, spunându-i ironic: - lată, îți fac cunoștință cu lon Măgureanu. Ce a urmat a fost un lucru foarte penibil pentru Bernard. Evreul se uita buimăcit la Popa, nu-i venea să creadă că Ion Măgureanu stătea în fața lui. Emoționat, s-a ridicat, s-a dus la Ion Popa și l-a luat în brate: - Domnule Măgureanu, nu mă aşteptam să am fericirea să te văd în carne și oase. Vocea dumitale este cea mai cunoscută voce în țară. Emisiunile dumitale sunt ascultate cu o evlavie de nedescris. 

Cine cunoaște exagerările lui Bernard în ceea ce privește prețuirea calităților proprii, își poate da seama de reacția ce a avut. Alb ca varul, a dat la repezeală o.k-ul și aproape că l-a împins pe Popa cu forța să iasă pe ușă afară.“

„Bei Radio Freies Europa übernahm Popa die Präsentation des politischen Programms, bei dem Vladimir Ionesco, Constantin Vulcan, Ion Haralamb und hin und wieder auch der Direktor und sein Stellvertreter mitwirkten. Bei der Hörerschaft in Rumänien kam Popas Art, das Programm zu präsentieren, gut an. Er moderierte mit warmer Stimme, in einfachen, unverblümten Worten. Dabei drückte er sich malerisch, großväterlich aus, im volkstümlichen Stil eines Ion Creangă. Der Umstand, dass Popas politischen Beiträge die meist gehörten in Rumänien waren, bestätigte sich auch nach der Rückkehr Noël Bernards 1966 als Direktor des rumänischen Programms im Sender.

Eines Tages empfing Bernard einen jüdischen Gast aus Rumänien. Dieser war auf Durchreise in München und ein Besuch beim Leiter des Radioprogramms war Pflicht. Zufällig brauchte Popa da gerade Bernards Zustimmung in einer Angelegenheit. Er hatte es eilig, da er ins Studio musste, weshalb er zur Tür hereinplatzte, nicht ahnend, dass Bernard gerade Besuch hatte. Bernard wandte sich daraufhin dem Gast zu und erklärte nicht ganz ernst gemeint: Darf ich Ihnen lon Măgureanu vorstellen? Daraufhin wurde es für Bernard etwas peinlich. Denn der jüdische Besucher blickte verwirrt auf Popa. Er konnte nicht glauben, dass tatsächlich lon Măgureanu vor ihm stand. Aufgewühlt erhob er sich, ging auf Ion Popa zu und umarmte ihn: Herr Măgureanu, ich hätte nicht das Glück erwartet, Dich leibhaftig erleben zu dürfen. Deine Stimme ist die Bekannteste im ganzen Land. Deinen Sendungen lauscht man mit unbeschreiblicher Ehrfurcht.

Wer Bernards überzogene Vorstellung hinsichtlich seiner eigenen Fähigkeiten kennt, mag sich vorstellen, wie er darauf reagierte, dass ein anderer in diesem Ausmaß gelobt wurde. Leichenblass nickte er Popas eigentliches Anliegen schnell ab und schob ihn dann nahezu gewaltsam aus seinem Büro. “

Mein Vater scheint eine Zeit lang auch die Hoffnung gehegt zu haben, dass Rumänien sich vom kommunistischem Joch befreien könnte und er dann auch eine politische Rolle übernähme. Zumindest schildert es de Flers so:

„Odată, găsindu-mă la Popa in pauza de prânz, începuse să-mi povestească planurile lui de viitor, în caz că țara va fi eliberată, spunându-mi și ce misiune mi s-ar da mie într-un nou guvern democrat. Må uitam amuzat la el și nu-mi puteam permite să-i spun că erau numai iluzii. Dar din ziua aceea începusem să-l numesc tovarășe ministru. Ceea ce nu știa Popa, era faptul că înaintea lui și alții îmi făcuseră astfel de propuneri. Mi se dăduse de înțeles că eram predestinat să preiau Ministerul de Interne și Serviciul Secret, ei fiind convinși că asta ar fi meseria mea. 

Ion Popa, sau lani Popa, sau Popicul cum îi spuneau mai toți la radio, era moldovean. Bun, chiar un excelent jurnalist. Avea o voce moale, care te atingea la inimă. Înainte de război fusese redactor-șef la Cuvântul, ziar înființat de Pamfil Şeicaru cu ajutorul lui Titus Enacovici, iar în anii '40, fusese secretar de redacție la Curentul. A doua lui soție era fiica lui Ion Dragu, unul dintre cei mai străluciți jurnalişti din România. Dragu era o personalitate distinsă, elegant și cu o vastă cultură. Locuia la Paris, unde fusese ataşat de presă. Avea părul alb colilie și mergea drept de parcă ar fi înghițit o sabie. Vorbea o franceză excelentă. Discuțiile avute cu el au fost pentru mine întotdeauna o plăcere de nedescris. Știa despre mine ca persoană nu numai din Franța sau de la tovarășul ministru, ci și de la Pamfil Şeicaru, cu care era prieten.“

„Als ich einmal meine Mittagspause bei Popa verbrachte, begann er mir von seinen Plänen zu erzählen, falls unsere Heimat befreit werden würde. Und welche Aufgabe mir in einer neuen demokratischen Regierung zugeteilt werden würde. Ich schaute ihn amüsiert an, wagte es aber nicht, ihm zu sagen, dass das nur Wunschvorstellungen seien. Aber seit dem Tag hieß er bei mir nur noch Genosse Minister. Popa ahnte nicht, dass zuvor schon andere mit ähnlichen Vorschlägen an mich herangetreten waren. Man hatte mir zu verstehen gegeben, dass ich das Innenministerium und den Geheimdienst übernehmen sollte, weil man überzeugt war, dass das mein Beruf gewesen sei.

Ion Popa oder Iani Popa oder Popicu, wie ihn alle beim Sender riefen, war Moldauer. Ein guter, sogar herausragender Journalist. Er besaß eine weiche Stimme, die einen im Herzen berührte. Vor dem Krieg war er Chefredakteur von Cuvântul, einer Tageszeitung, die Pamfil Şeicaru mit Hilfe von Titus Enacovici gegründet hatte. In den 1940er-Jahren dann Redaktionssekretär bei Curentul. Seine zweite Ehefrau war die Tochter von Ion Dragu, einem der brillantesten Journalisten Rumäniens. Dragu war eine herausragende Persönlichkeit, elegant und mit einer breit gefächerten Bildung. Seine weißen Haare waren lockig und er ging so aufrecht, als ob er ein Schwert verschluckt hätte. Er sprach ausgezeichnet Französisch. Mit ihm zu diskutieren war für mich immer eine unbeschreibliche Freude. Er kannte mich nicht nur aus Frankreich und den Erzählungen des Genossen Minister, sondern auch aus den Erzählungen von Pamfil Şeicaru, mit dem er befreundet war.“

In seinem Buch streift de Flers auch die Fragen, wieso mein Vater einen griechischen Rufnamen trug, welche Rolle das Bukarester Lokal Capșa spielte, was meinen Vater mit dem französischen Politiker und Freimaurer Jacques Chaban-Delmas verband, wie mein Vater samt Familie Weihnachten mit seinem Chef feierte  und wie der Skandal mit Goebbels stattgefunden haben mag.

Dienstag, 10. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (36) und das Schicksal, vergessen worden zu sein

Wohl die meisten Kinder halten ihren Vater für einen Helden. In meinem Falle wurde diese Vorstellung gefördert. Nicht von meinem Vater selbst, den ich eher immer nur leidend, zweifelnd, zurückgezogen erlebte, sondern von der Außenwelt. 

Dass ihn in den 1960er-Jahren ein Brief aus Rumänien erreichte, auf dem nicht mehr als sein Pseudonym Ion Măgureanu und die Ortsangabe Westeuropa stand, machte ihn in meinen Augen recht einzigartig.

Und jahrzehntelang schien jeder, der aus Rumänien stammte, meinen Vater Ion Popa zu kennen oder vielmehr sein Pseudonym und seine Stimme, weil sie seinen politischen Radiosendungen gelauscht hatten.

Nach der rumänischen Revolution 1989 hatte ich fest damit gerechnet, dass die Geschichte von Radio Europa Liberă und damit auch das Arbeitsleben meines Vaters aufgearbeitet werden würde. Doch nichts geschah. Zumindest mein Vater geriet in Vergessenheit. Es existiert nicht einmal ein Wikipedia-Beitrag.

Das lag zum einen sicher daran, dass er die letzten Jahrzehnte sehr zurückgezogen lebte und später als Rentner weiter schwieg und im Unterschied zu Kolleg*innen wie René Al. de Flers oder Ioana Măgură Bernard keine Erinnerungsbücher schrieb.

Und in den Werken Dritter tauchte er, wenn überhaupt, eher am Rand auf. Besonders auffällig erscheint mir das in Liviu Tofans „Antologia Radio Europa Liberă“. Tofan war 1973 aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert, fing bei Radio Freies Europa an, wechselte dann aber in die Theaterwelt nach Konstanz und kehrte erst später wieder zu RFE zurück. Insofern hatte er zwar meinen Vater sicherlich noch anfangs kurz im Sender als Kollegen erlebt, aber den Schwerpunkt seiner redaktionellen Arbeit bei Radio Free Europe erst gehabt, als mein Vater bereits im Ruhestand war. 

In seiner Anthologie geht Tofan sehr detailverliebt auf das rumänische Programm des Senders ein. Die erste Sendung auf Rumänisch sei bereits am 14. Juli 1950 ausgestrahlt worden, die rumänische Redaktion aber erst am 29. Oktober 1951 gegründet worden.

Anfangs hätte man täglich nur eine halbe Stunde Sendezeit produziert, dann eine Stunde, schließlich fünf Stunden in den 1960er-Jahren. Zwischen 1970 und 1980 wären es täglich zwölf Stunden gewesen und sonntags sogar 17 Stunden.

Angefangen hätte die rumänische Redaktion mit drei Mitarbeiter*innen und schließlich mit 46 Leuten, inklusive Direktion, Redaktion, Verwaltung, Sekretariat und Technik den Höchststand erreicht. Nach der bulgarischen Redaktion sei es die zweitkleinste Redaktion im Haus gewesen. Trotz der kleinen Redaktion hätte aber das rumänische Programm die meisten Hörer*innen unter allen Programmen von RFE erreicht.

Das 50 Minuten dauernde „Programul Politic“ (Political Program) meines Vaters wäre immer um 17 Uhr ausgestrahlt und dann um 20.10 Uhr und 23.10 Uhr wiederholt worden.

Als Basisteam des „Programul Politic“ erwähnt Tofan nur Mircea Carp, Romilo Lemonidis, Raluca Petrulian, Ricks Vater Thomas Kavinian, Mircea Vasiliu und Viictor Eskenazy. Mein Vater bleibt in dem Zusammenhang unerwähnt.

Erst Seiten später schreibt Tofan dann, dass bei den rumänischen Redakteur*innen aus der Zeit von 1950 bis 1970 15 weitere erwähnt werden könnten. Darunter eben auch mein Vater Ion Popa. Im Personenregister des Buches taucht mein Vater überhaupt nicht auf.

Das ist zumindest seltsam, weil Ioana Măgură Bernard und Mircea Morariu zufolge mein Vater eben nicht nur ein Mitarbeiter unter vielen gewesen sei, sondern das politische Programm präsentierte und mit dessen Erfolg untrennbar verbunden gewesen sei.

Sonntag, 8. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (34) und die goldene Uhr zum Ruhestand

Als mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu 1978 bei Radio Freies Europa nach 24 Jahren in den Ruhestand trat, gab es nicht nur einen Abschiedsbrief von seinem Chef Noël Bernard, sondern auch eine goldene, na ja, goldfarbene Uhr sowie 30.000 Mark.

Da mein Vater, soweit ich mich zurückerinnere, nie eine Uhr trug, gab er sie mir. Es war eine Seiko, mit einer Gravur auf der Rückseite, an deren Wortlaut ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Ich selbst besaß zuvor und danach auch nie eine Armbanduhr, aber diese trug ich, bis sie ihren Geist aufgab.

Die 30.000 Mark teilte mein Vater gleichmäßig unter seinen drei Söhnen auf. Ich legte meine 10.000 DM bei der Bank für Gemeinwirtschaft in Sparbriefe an und finanzierte damit vor allem Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre meine Reisen nach Paris.

Dienstag, 27. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (27) Ion Popa alias Ion Măgureanu und Noël Bernard bei Radio Freies Europa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Noël Bernard leitete von 1955 bis 1958 sowie von 1966 bis 1981 die rumänische Redaktion von Radio Freies Europa. In ihrem 2007 veröffentlichten Erinnerungsbuch „Directorul postului nostru de radio“ (Der Direktor unseres Radiosenders) schrieb seine Witwe Ioana Măgură Bernard (1940–2022) auch über meinen Vater (deutsche Übersetzung weiter unten):

„Prezentatorul programului politic a fost, vreme de vreo 20 de ani, lon Măgureanu. Nu era rudă nici cu cel de la SRI, serviciul român de informații, nici cu vreun altul, pentru bunul motiv că acesta era tot un pseudonim. Numele lui adevărat era lon Popa; lani pentru familie și prietenii apropiați; Popicu pentru colegi. Ziarist de profesie, se bucura de o mare popularitate pentru ascultători. Era un tip romantic, un gazetar democrat de factură veche și de stil latin, spre deosebire de pildă de Noël, prin excelență tipul de jurnalist anglo-saxon, riguros, sintetic și strict la obiect. Numele lui lon Măgureanu era legat indisolubil de programul politic. Într-un fel, se poate spune că și-au creat reciproc celebritatea. Prezentările lui Popicu erau directe, calde, originale și adesea pline de floricele. Ele debutau invariabil cu «dragi prieteni». Cînd începea să depene amintiri și să se lanseze în divagații, care veneau în contradicție cu însăși natura programului, Noël îi tăia pasaje întregi, ceeace îl supăra foarte tare, căci Popicu pe acestea le considera cele mai valoroase. Nu era vorba de cenzură, dar Noël nu voia ca prezentarea să se dilueze și, prin îndepărtarea de subiect și obiect, să piardă din acuitate și in ultimă instanță din impact. Cu toate acestea, îl aprecia mult pe lani – Noël așa îi spunea - atît ca ziarist cît și ca om. Popicu era un profesionist talentat, cu multă imaginație –  poate chiar prea multă – și un personaj deosebit de pitoresc. Avea chiar la 50 de ani înfățișarea unui bunic sfătos destul de scund, rotofei, cu părul alb și sprincene stufoase, oricînd bucuros să stea la taifas și să vorbească in pilde. Mi-l amintesc ieșind uneori din biroul lui Noël, încins și roșu la față, după vreo dispută profesională, care nu avea însă niciodată urmări. Dovada prețuirii de care se bucura, stă in faptul că Popicu a fost titularul programului politic pînă cînd a ieșit la pensie, în 1978.“

Grobe Übersetzung: Ungefähr 20 Jahre lang präsentierte lon Măgureanu die politische Sendung. Er war weder mit dem rumänischen Geheimdienstchef Virgil Măgureanu verwandt noch mit sonst jemandem diesen Namens, weil es sich bei diesem Nachnamen um ein Pseudonym handelte. In Wahrheit hieß er Ion Popa; Iani für seine Familie und engen Freunde; Popicu unter Kollegen. Als Berufsjournalist erfreute er sich großer Beliebtheit bei der Hörerschaft. Er war ein Romantiker, ein demokratischer Journalist alter Schule und romanischen Stils, im Unterschied zu Noël Bernard (Foto), der ein Paradebeispiel englischen Journalismus war, rigoros, prägnant und auf den Punkt. lon Măgureanu war untrennbar mit dem politischen Programm verbunden. Man könnte sagen, dass diese Kombination den Erfolg des Moderators und der Sendung begründete. Popicus Moderation war direkt, warmherzig, originell und somit auch blumig. Stets eröffnete er das Programm mit den Worten „liebe Freunde“. Wann immer er zu sehr abschweifte und sich nicht streng an den Kern des Programms hielt, strich ihm Noël ganze Passagen, was Popicu sehr erzürnte, weil er gerade diese Momente für die wertvollsten hielt. Man kann nicht von Zensur sprechen. Noël wollte nur nicht, dass die Inhalte verwässert werden und das Programm durch den Verlust an Focus auch an Schärfe und letztendlich an Wirkung einbüßt. Nichtsdestotrotz schätzte Noël Iani – so nannte er ihn – sowohl als Journalisten als auch als Menschen. Popicu war ein begabter Profi, mit großem, vielleicht sogar zu großem Einfallsreichtum und einer auffälligen Erscheinung. Mit gerade mal 50 Jahren wirkte er schon wie ein weiser Großvater, ziemlich klein und pummelig, weißhaarig und mit buschigen Augenbrauen. Stets zu einem Schwatz aufgelegt und bereit, Geschichten zum besten zu geben.Ich kann mich erinnern, wie er manchmal nach einem heftigen Streit aus Noëls Büro kam, erregt und im Gesicht rot angelaufen. Doch diese Auseinandersetzungen hatten niemals Folgen. Wie sehr Popicu geschätzt wurde, sieht man daran, dass er bis zu seinem Ruhestand 1978 die politische Sendung behielt.

Montag, 26. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (26), den 54er-Bus und die Tramlinien 4, 20 und 22

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meine Eltern besaßen bis in die 1970er-Jahre ein Auto, einen Ford Taunus 17 M, aber mein Vater fuhr immer öffentlich zum Sender.  Auf dem Weg zu Radio Freies Europa am Englischen Garten nahm er wohl, wie ich nach Rücksprache mit dem Stadtneurotiker vermute, am Rotkreuzplatz die Tramlinie 22 und stieg dann am Nikolaiplatz auf den 54er-Bus Richtung Tivolistraße um.

Zum Rotkreuzplatz lief er von  unserer Wohnung in der Tizianstraße zu Fuß, vielleicht nahm er für das Stück gelegentlich die Tramlinie 4.

Wann immer ich meinen Vater im Sender besuchte, nahm ich auch Tram und/oder Bus.

In den Tagen, in denen meinen Vater aufgrund seines Dolviran-Missbrauchs Ausfallserscheinungen hatte, kam es, wie ich bereits erzählt habe, vor, dass er abends überfällig war und ich dann Richtung Rotkreuzplatz lief. Meist fand ich ihn dann auf einer Parkbank im Grünwaldpark im Dämmerzustand.

Jahre zuvor will mein Vater beim Umstieg am Rotkreuzplatz meinen Bruder Dinu beim Betteln auf der Straße gesehen haben. Aber weder er noch ich sprachen mit ihm jemals darüber.

Gelegentlich müssen wir aber eine andere Route genommen haben, als die über Schwabing. Wohl die Tramlinie 20 von RFE Richtung Innenstadt und dann der Umstieg auf die Linie 4 über Maximilianstraße und Lenbachplatz Richtung Gern.

Denn ich kann mich erinnern, dass wir einmal am Stiglmaierplatz ausgestiegen sind, weil mein an der Prostata erkrankter Vater dringend aufs Klo musste. Er ging in den Löwenbräukeller, um sich zu erleichtern, während ich als Kind davor wartete. Seitdem bin ich auch so auf das Thema Öffentliche Toiletten fixiert.

(Oberes Foto: Reinhard Fuchs/Sammlung Straßenbahnfreunde München e.V.)

Sonntag, 25. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (25) als Raucher

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat immer viel geraucht. Während seiner Zeit als Ion Măgureanu bei Radio Freies Europa scheint die Zigarette in seiner Linken nahezu unvermeidlich gewesen zu sein und auch daheim wurde gepafft. Wenn auch etwas diskreter. Meine Mutter ließ ihn in der Tizianstraße nur auf dem hinteren Klo mit dem kleinen Fenster seiner Sucht frönen.

In den ersten Jahren, an die ich mich zurückerinnern kann, rauchte er noch P&S aus dem hellblauen Softpack. Später stieg er auf Marlboro um.

Die Zigaretten kaufte er in der Regel in dem inzwischen längst abgerissenen Kiosk an der Waisenhausstraße, unweit der Klugstraße, den ein Sinti oder Roma führte. Herr Paluch, wenn ich mich richtig erinnere. Auf dessen Unterarm habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine KZ-Häftlingsnummer tätowiert gesehen.

Oft holte ich für meinen Vater die Zigaretten im Kiosk, und es kam auch vor, dass ich das Geld auslegte, wenn mein Vater gerade nicht mehr flüssig war.



Donnerstag, 22. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (22) und die CIA, die selbst meinen Bruder Dinu im Blick hatte

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Bruder Dinu Popa war Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre Kommunist oder sympathisierte zumindest mit ihnen. In der von meinen Eltern für meine beiden älteren Brüder angemieteten Wohnung um die Ecke in der Wilhelm-Düll-Straße 1 unterhielt er eine am Boden sitzende Lesegruppe, in der man gemeinsam „Das Kapital“ von Karl Marx studierte, während ich gelegentlich daneben saß.

Es dürfte auch kein Zufall gewesen sein, dass er zeitweise an der Ludwig-Maximilians-Universität Chinesisch studierte.

Und eines Tages hat er offenbar vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat an der Königinstraße gegen die Amis demonstriert und dabei auch Tomaten auf das Gebäude geworfen. Es wird wohl, wie bei unserer Diskussion daheim in diesen Jahren, um den Vietnamkrieg gegangen sein.

Dieser Demobesuch blieb nicht unbemerkt. Die CIA fotografierte meinen Bruder nicht nur, sondern scheint ihn auch identifiziert zu haben. Denn am Arbeitsplatz meines Vaters, dem erst Anfang der 1970er Jahre der Aufsicht durch die CIA entzogenen Sender Radio Free Europe, wurde meinem Vater ein Foto meines demonstrierenden Bruders gezeigt. 

Ausgerechnet bei der Trauerfeier für meinen Bruder Dinu im Januar 2025 hielt dann ein Exilrumäne eine flammende Rede, in der er meine Familie als antikommunistische Elite gefeiert wurde, was bei jedem anderen Anlass ein Grund zum Lachen gewesen wäre.

Freitag, 16. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (16), Radio Freies Europa und die Sicherheitsbedingungen am Englischen Garten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.

Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.

Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.

Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.

Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.

Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.

Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.

Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.

Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.

Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Dienstag, 13. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (13) und Leonid Breschnew

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Bei Radio Freies Europa konnten selbst Kleinigkeiten Wellen schlagen. Als etwa der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew (Foto) an einer Erkältung litt, wünschte ihm mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu in seiner politischen Radiosendung gute Besserung. Was sich nicht versendete, sondern für rege Diskussion sorgte. Selbst das galt im Kalten Krieg schon als Regelbruch.

Montag, 12. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (12), Frau Dr. Popa und den BND

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater Ion Popa hatte zusammen mit seinem besten Jugendfreund und mutmaßlichen Halbbruder in Iași studiert und auch promoviert. Den geisteswissenschaftlichen Doktortitel benutzte er aber nie und hatte ihn auch nicht in seinen Personaldokumenten vermerkt. 

Meine Eltern waren eher darüber amüsiert, wie im Unterschied etwa zu Rumänien oder Frankreich hier in Deutschland jeder seinen Dr. wie eine Monstranz vor sich hertrug, egal, in welchem Fach man promoviert hatte. Für uns war ein Dr. immer nur der Arzt.

Um so erstaunter war meine Mutter, als sie einmal bei uns in Gern die Metzgerei in der Kratzerstraße betrat und dort als Frau Dr. Popa begrüßt wurde. Meine Mutter besaß keinen Doktortitel und hatte zu ihrem Leidwesen auch nie studieren dürfen. Architektur wäre das Fach ihrer Wahl gewesen.

Von der Metzgerfamilie wurde sie entsprechend auch nur so begrüßt, weil sie die Frau von Herrn Dr. Popa war. Aber woher wußten die das überhaupt? Denn wie gesagt, mein Vater führte den Titel nie. Er war nicht in seinen Flüchtlingspapieren vermerkt. Und er bekam keine an Dr. Ion Popa  adressierte Post, womit auch der Briefträger als Informant fürs Viertel ausfiel.

Die Quelle war vielmehr der Bundesnachrichtendienst gewesen, der bei uns in der Nachbarschaft Erkundigungen zu meinem Vater sammelte und dabei eben nach Herrn Dr. Popa fragte.

Bloß weil mein Vater als Ion Măgureanu für Radio Free Europe arbeitete und somit unter dem Schutz der CIA und USA stand, bedeutete noch lange nicht, dass ihn der verbündete BND mit Nachstellungen verschont hätte.

Rund zehn Jahre später tauchte der BND dann bei einem meiner Brüder auf. Der war inzwischen Werbeleiter eines Münchner Tradionsunternehmens, und die Geheimdienstler wollten, dass er einem geflüchteten Rumänen, der unter der Protektion des Bundesnachrichtendienstes stand, einen Job gab. Mein Bruder schmiß sie hochkantig wieder raus.

Freitag, 9. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (9) und was ich von ihm gelernt habe

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat mich so ziemlich machen lassen, was ich mwollte. Man könnte auch sagen, dass er sich – wie meine Mutter – nicht sonderlich für mich interessiert hat. Nach der Volksschule und dem Mittagessen konnte ich zwischen Grünwaldpark und Nymphenburger Kanal einerseits sowie den Ruinen der Gerner Brauerei und dem Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal, den wir nur Würmkanal nannten, andererseits treiben, was ich wollte.

Während meiner gesamten Schulzeit war er nur ein einziges Mal, zu Grundschulzeiten, gekommen, um mit einer Lehrkraft über mich zu sprechen. Ich hatte im Zwischenzeugnis im Fach Schrift statt der über Jahre stabilen 4, ausreichend, eine 5 erhalten („Die Schrift könnte bei größerer Sorgfalt besser sein.“) und mein Vater war zur Sprechstunde in die Dom-Pedro-Schule erschienen, wo er die arme Lehrerin so zusammenschrie, dass ich es bis auf den Gang hörte.

Ansonsten interessierten sich meine Eltern weder für meine schulischen Leistungen, noch für meine außerschulischen Aktivitäten. Sie haben auch nie einen einzigen journalistischen Text von mir gelesen.

Das soll keinesfalls bedeuten, dass mich mein Vater nie abgefragt hätte. Historisches Wissen, Politik, Geografie, Literatur, im Gespräch prüfte er unermüdlich Wissen, das in keinem Zusammenhang mit dem Schulstoff stand. Und wenn ich etwas nicht wusste, lehrte er mich, es immer sofort nachzuschlagen. Das mache ich bis heute. Selbst, wenn ich ins Kino gehe oder eine Serie streame, recherchiere ich gern hinterher zu den Machern, Schauspieler*innen, literarischen Vorlagen oder den in der Handlung erwähnten Ereignissen.

Schon früh verfiel ich, durchaus als Verteidigung gegen meinen mitunter cholerischen, aber stets fordernden Vater, mich dümmer zu stellen, als ich war. Er fragte etwas ab, und ich kannte die richtige Antwort, sprach sie aber nicht aus. Es genügte mir, sie innerlich zu wissen, aber für mich zu behalten. Wollte ihm aber nicht die Befriedigung geben, richtig zu antworten. Es war eben auch zwischen uns beiden ein dysfunktionales Verhältnis, von der gesamten Familie ganz zu schweigen.

Mein Vater hatte aber, bei aller Intellektualität, auch eine animistische Seite. Er war überzeugt, dass allem, selbst einem Stein eine Seele innewohne, und lehrte mich, nicht nur mit Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern mit jedem Gegenstand respektvoll umzugehen. 

Andere Dinge, die er mir beigebracht hat, waren weit praktischer. Immer Streichhölzer dabei zu haben. Kleingeld für Münzfernsprecher. Und niemals, niemals einer Tram hinterherzulaufen, um sie noch zu erwischen. 

Donnerstag, 8. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (8), seine Anfänge bei Radio Freies Europa und meine vermeintliche Zeugung bei den Olympischen Spielen in Rom

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Im April 1951, wohl nach seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Israel, ist mein Vater Ion Popa in Paris als Flüchtling rumänischer Herkunft anerkannt worden, wobei das Dokument der Organisation Internationale pour les Réfugiés auf Ioan Popa ausgestellt wurde.

Das früheste Foto, auf dem meine Eltern Ion und Florica Popa gemeinsam zu sehen sind, stammt aber laut der rückseitigen Beschriftung bereits von 1950. Ich weiß nicht, wann und wo sie sich kennengelernt haben. Laut meinem Bruder Dinu sei es im Pariser Atelier des rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși gewesen. Brâncuși war 1903 zu Fuß von Rumänien über München nach Paris gewandert und hatte sich dann dort 1904 niedergelassen. Seine Ateliers waren nicht nur für die Pariser Künstlerszene, sondern auch für die rumänische Community ein Treffpunkt.

Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, wie auch der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Jean Dragesco, kannten Brâncuși nachweislich (1, 2). Es ist aber für mich kaum vorstellbar, dass meine Eltern sich nicht bereits früher andernorts begegnet waren. Mein Großvater als Journalist, Regierungssprecher und Diplomat verkehrte sicherlich in denselben Kreisen wie mein Vater. Meine Mutter war zwar wohl aufgrund des Diplomatenlebens das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien gewesen, aber das schließt nicht aus, dass sich meine Eltern, mein 1913 geborener Vater und meine 1922 geborene Mutter, bereits in Berlin, Rom, Paris oder Vichy begegnet wären.

Geheiratet haben sie in der rumänisch-orthodoxen Kirche des Saints-Archanges in Paris-St. Germain, wo früher auch Brâncuși Messdiener gewesen war. Offenbar hatte sich die erste Ehefrau meines Vaters, Hortensia, nach seiner Flucht aus Rumänien in Abwesenheit von ihm scheiden lassen. Am 3. Oktober 1952 kam als erster Sohn Dinu zur Welt, im Jahr darauf mein zweiter Bruder. Finanziell ging es meinen Eltern im Exil so schlecht, dass beide Kinder im Pariser Armenkrankenhaus Hôtel des Invalides geboren wurden. Meine Eltern hatten nicht einmal Geld, um zum Zahnarzt zu gehen, und meine Mutter, die mit Hauspersonal und Chauffeur aufgewachsen war und als junge Frau Maßgeschneidertes trug, fing an, sich ihre Kleider selbst zu schneidern.

Das Angebot, 1954 bei Radio Freies Europa in München anzufangen, war für meinen Vater der Ausweg aus der Armut. Dennoch blieb es ein Hin und Her zwischen Anstellung und Kündigung, München und Paris. 

Diese erste Anstellung als News Writer ab dem 22. Mai 1954 wurde mit monatlich 190 US-Dollar bezahlt. Der Sender übernahm die Unterbringung in einem Hotel oder einer Pension sowie die Reisekosten für die gesamte Familie. Da mein Vater weiterhin in Frankreich polizeilich gemeldet blieb, fielen keine Steuern oder Sozialabgaben in Deutschland oder den USA an. Die Familie war in dieser Zeit aber auch noch nicht über den Arbeitgeber krankenversichert. Adressiert war das vom European Director Richard J. Condon unterzeichnete Schreiben vom 25. Mai 1954 an meinen Vater im Park Hotel, Maximiliansplatz.

Am 6. Juli 1954 erhielt meine offenbar mitgereiste Mutter ihre Aufenthaltserlaubnis. Wohnhaft war sie in der Pension Elisabeth in der Schwabinger Jakob-Klar-Straße. 

Aber zehn Tage später kündigte mein Vater bereits wieder seine Redaktionsstelle bei Radio Freies Europa von einem Tag auf den anderen während der Probezeit.

Offensichtlich kehrte die Familie nach Paris zurück, weil mein Vater sich 1955 dort einen Presseausweis ausstellen ließ.

Am 13. April 1955 schrieb dann der Personalmanager Francis W. Erickson meinem Vater, dass eine Stelle als Romanian Researcher bei Radio Free Europe im News and Information Service ausgeschrieben worden sei und bot ein Vorstellungsgespräch an. Das Jahresgehalt betrug 1750 US-Dollar, also rund 146 US-Dollar im Monat und damit weniger als im Vorjahr.

Offensichtlich war das Vorstellungsgespräch gut verlaufen, so es überhaupt eins gab, denn bereits am 21. April 1955 begann mein Vater für 145 US-Dollar im Monat erneut bei Radio Free Europe zu arbeiten. Der Sender übernahm wieder die Reise- und Unterbringungskosten, aber keine Krankenversicherung.

Am 28. November 1955 wurde mein Vater dann versetzt. War er bislang Researcher im Bereich Evaluation & Resarch des News and Information Service gewesen, wurde er nun Editor Writer im Romanian Desk. Einen Monat später gab es eine Gehaltserhöhung von 145 auf 235 US-Dollar im Monat.



Zum Jahreswechsel gab es eine Danksagung von Noël Bernard, dem damaligen Leiter der rumänischen Redaktion.

Drei Jahre später erfolgte durch den Personalchef Donald L. Hershey die Beförderung meines Vaters zum Editor, also Redakteur, samt einer Gehaltserhöhung von inzwischen monatlich 263 auf 288 US-Dollar. Zudem gab es eine jährliche GFSA von 600 US-Dollar.  

Die Pariser Wohnung in der 6, rue Albert Samain existierte aber fort, denn am 18. Oktober 1958 ließ sich meine Mutter auf die Adresse einen französischen Führerschein ausstellen. Vermutlich handelte es sich dabei um die Wohnung meiner Großeltern und Angele „Maia“ Dragu, denn meine Mutter gab bereits 1944 dieselbe Adresse als Schülerin bei der École du Louvre an und ihr Bruder Jean Dragesco 1946 auf einer Visitenkarte

Im Grunde war mein Vater immer Journalist im Politik-Ressort gewesen, weshalb auch ich als Journalist mich lange Zeit geweigert habe, mich im selben Ressort zu betätigen, und lieber über die „schönen Dinge des Lebens“ schrieb. Deshalb kam für mich auch Radio nie in Frage. Ich wollte meine eigenen Wege gehen. 

In seinen Anfängen bei Radio Freies Europa soll er aber im Sport-Ressort angesiedelt gewesen sein, wie er mir erzählte. Aus den mir vorliegenden schriftlichen Unterlagen lässt sich das nicht konkretisieren. News sind News, ob Sport oder Politik. Er war aber auf jeden Fall 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom. Und meine Mutter hat ihn dort offenbar besucht oder die ganze Zeit begleitet, denn dort soll ich gezeugt worden sein. Was rechnerisch aber nicht ganz hinhaut, wenn die Spiele Ende August 1960 begannen, ich aber bereits Ende März 1961 geboren wurde.

Die ersten Monate 1954 bei Radio Freies Europa scheinen nicht angerechnet worden zu sein, denn für seine 10-jährige Betriebszugehörigkeit erhielt mein Vater erst 1965 eine Urkunde.

Zum 25-jährigen Bestehen der rumänischen Abteilung bei Radio Freies Europa gab es am 29. Oktober 1976 ein Stehrumchen im Studio 22 des Senders, zu dem der Direktor Albert E. Hemsing auf Rumänisch einlud.Die offizielle Postanschrift hatte sich inzwischen von One English Garden zu einem wesentlich profaneren Oettingenstraße 67 am Englischen Garten geändert. Unter Englischer Garten 1a firmiert heute die Orangerie, unter der Hausnummer 3 der Biergarten am Chinesischen Turm. 

Am 1. Januar 1978, im Alter von 65 Jahren, ging mein Vater schließlich in den Ruhestand. Zum Abschied schrieb ihm am 8. Februar 1978 noch einmal Noël Bernard, der zwischendurch 1958 den Sender verlassen hatte, aber 1965 oder 1966 wieder als Leiter der rumänischen Redaktion zurückgekehrt war. 
Bernard starb 1981 unter mysteriösen Umständen, ein Jahr vor meinem Vater. Flori Bălănescu und Cristian Troncotă weisen in „România 1945–1989, Enciclopedia Regimului Comunist – Represiunea“, Vol. I, A–E, Bucureşti 2011, darauf hin, dass drei Leiter der rumänischen Abteilung: Noël Bernard 1981, Mihai Cismărescu 1983 und Vlad Georgescu 1988 an Krebs gestorben sind, und vermuten, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen die Krankheit ausgelöst hätte. 

Mittwoch, 7. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (7): Alles außer Krebs

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meinen Vater habe ich nahezu ausschließlich als kranken Mann in Erinnerung. Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren litt er ständig an irgendetwas, ob daheim oder im Krankenhaus. Er hatte ein Magengeschwür und bekam einen Teil des Magens operativ entfernt, wurde an der Prostata operiert, hatte Herzinfarkte, einen Leistenbruch und vor allem eine unerträgliche Migräne, weshalb er daheim meistens einen nass-kalten Waschlappen mit einem Mulltuch an seiner Stirn befestigte.

Rückblickend klingt das nicht nach viel, aber auf die Frage, woran mein Vater denn leide, antwortete ich damals immer: Alles außer Krebs.

Wir rechneten ständig mit seinem Tod, aber als er dann nach vielen Krankheiten am 28. Oktober 1982 tatsächlich starb, waren wir überrascht, weil die Jahrzehnte in wiederholter Todesangst ihn für uns irgendwie auch unsterblich haben werden lassen.

Während eines seiner Herzinfarkte war ich daheim. Mein Schulkamerad Christian Stolberg und ich wollten gerade Tee trinken, als der Infarkt zuschlug. Christian schickte ich heim, und dann fuhr ich mit im Notarztwagen ins Krankenhaus.

Auch sonst war ich als Kind und Jugendlicher ein steter Begleiter meines Vaters im Krankenhaus. Als er beim Leibarzt von Franz Josef Strauß, Valentin Argirov, in dessen Privatklinik in Kempfenhausen lag,  mein Vater war sowohl über den Sender als auch privat und damit sehr gut krankenversichert, besuchte ich ihn ständig. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Starnberg und lief von dort zu Fuß am Nordufer des Starnberger Sees bis zur Klinik.

Anfangs war mein Vater Patient bei unserem Hausarzt, der, wenn ich mich recht erinnere, in der Böcklinstraße praktizierte. Später ließ sich ein Arzt rumänischer Herkunft schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße nieder, was mir erst jetzt im Nachhinein eher verdächtig vorkommt.

Medikamente waren ein steter Begleiter meines Vaters. Die Rollkur gegen das Magengeschwür, Nitro für die Angina Pectoris. Aber am meisten schluckte mein Vater gegen die Kopfschmerzen Dolviran, dessen alte Version als Kombipräparat 1983 verboten wurde. Er schluckte es über Jahre, gar Jahrzehnte in einem Ausmaß, dass es seinen Körper vergiftete. Manchmal verfiel er selbst in besseren Zeiten, in denen er seiner Arbeit bei Radio Freies Europa nachging, in einen Dämmerzustand. Wenn er etwa abends nicht vom Sender heimkam, lief ich ihm entgegen und fand ihn dann auf einer Bank im Grünwaldpark sitzend.

Manchmal verfiel er aber auch daheim in einen Wahnzustand, in dem ihn schlimme Erinnerungen aus seiner Vergangenheit heimsuchten. Meine Mutter und ich mussten ihn dann mit vereinter Kraft bändigen und in die Gegenwart zurückholen.

Klinikaufenthalte machten das nicht unbedingt besser. Denn die deutschen Ärzte und Krankenschwestern triggerten bei meinem Vater Erinnerungen ans KZ.