Radio Freies Europa war eine Erfindung des 1949 gegründeten, antikommunistischen National Committee for a Free Europe, hinter dem die CIA steckte. Der Sender wurde in der Münchner Oettingenstraße am Englischen Garten (Foto) angesiedelt, wo seit dem Umzug von RFE nach Prag 1995 die Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem mit ihren Kommunikationswissenschaftlern residiert. Der Sendebetrieb wurde 1950 aufgenommen. 1951 starteten die ersten regelmäßigen Sendungen in die Tschechoslowakei. Es folgten Sendungen auf Ungarisch, Polnisch, Rumänisch. Um die Sowjetunion kümmerte sich das ebenfalls in München, am Oberwiesenfeld angesiedelte Radio Liberty, das erst in den 1970er-Jahren zu RFE in den Englischen Garten zog.
Meine Eltern lebten damals im Pariser Exil, wo auch meine Brüder 1952 und 1953 geboren wurden. 1955 begann mein Vater in München für den Romanian Desk von Radio Free Europe zu arbeiten, auf manchen Unterlagen auch Rumanian Department genannt.
Die CIA stellte nicht nur die Sendeanlage zur Verfügung, es war auch sonst ein rundum amerikanisches Unterfangen, unterstützt durch das Besatzungsstatut, das den US-Amerikanern in der Bundesrepublik recht weit gehende Verfügungsgewalt einräumte. Die Wohnungen der Mitarbeitenden wurden vom Sender angemietet und waren für deutsche Behörden fast schon wie ein exterritoriales Gebiet tabu. Die Möbel kamen aus den Lagern der US-Streitkräfte, weshalb unsere Betten etwas länger und breiter waren als die deutschen Durchschnittsbetten.
Mein Vater wurde anfangs in Militärdollar bezahlt, den sogenannten Military Payment Certificates (MPC). Später erfolgte die Gehaltszahlung in normalen US-Dollar, wobei damals noch der recht vorteilhafte Wechselkurs von rund vier D-Mark für einen US-Dollar galt.
Neben der privaten deutschen Krankenversicherung war die ganze Familie auch über den Sender betrieblich krankenversichert. In den Jahren, in denen ich mich um die Arzt- und Krankenhauskosten meiner Eltern kümmerte, also so ab Mitte der 1970er-Jahre, war es erst die Aetna, später die Cigna.
Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahren bekam mein Vater vom Sender das Angebot, der gesamten Familie die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Inklusive einem jährlichen Freiflug in die Staaten. Wie sonst auch meistens, war das meinem Vater vollkommen egal, und er ließ die Familie darüber entscheiden. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und nach kurzer heftiger Diskussion entschieden wir uns alle dagegen, weil wir das Vorgehen der Amerikaner in Indochina für ein Verbrechen hielten. Bei meinen Brüdern im wehrfähigeren Alter spielten vielleicht auch andere Gründe eine Rolle. Schließlich verzichteten sie auch auf die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen dank ihrer Geburt in Paris zugestanden hätte, um dem Wehrdienst zu entgehen.
So behielten wir als Staatenlose alle den blauen Pass, den Reiseausweis für Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Vorläufer dieses Konventionspasses war der sogenannte Nansen-Pass für Flüchtlinge und Staatenlose, der auch Nonsense-Pass genannt wurde, weil er nicht viel brachte.
So ein Pass verleiht keine Freiheit, er nimmt sie dir, um die Schriftstellerin Naja Ebrahimi zu zitieren. Mit unserem von Frankreich als Asylgeber ausgestellten Titre de Voyage brauchten wir für die meisten Länder dieser Welt ein Visum, um einreisen zu dürfen. Wenn man uns überhaupt einreisen ließ. Auch das benachbarte Österreich verlangte einen Sichtvermerk, selbst wenn wir nur mit der Bahn im Transit über Bregenz Richtung italienische Riviera oder Südfrankreich reisen wollten.
Von den Deutschen benötigte mein Vater eine regelmäßig zu erneuernde Arbeitserlaubnis und der Rest der Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Bereits als Kind übernahm ich auch diesen Behördengang. Mit dem Stapel blauer Pässe ging es in die Ausländerbehörde der Landeshauptstadt München, die damals noch im Polizeipräsidium in der Ettstraße angesiedelt war. Und jedes Mal spielten die Beamten eine Schmierenkomödie vor, drohten, zetterten, erklärten mir, dass wir nicht willkommen wären, das Land verlassen müssten, hier nichts verloren hätten.
Aber auf den Pässen waren kleine weiße Aufkleber angebracht, mit der magischen Formel RFE/RL. Und dank des Besatzungsstatuts hatten sie keine andere Wahl, als dem bei den Amis Beschäftigten und seiner Familie Arbeit und Aufenthalt zu gewähren.
Wir Osteuropäer waren damals in Deutschland nicht besser gelitten als heute die afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge. In Behörden und Redaktionen herrschten noch ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere. Selbst in der Hamburger Kampfpresse „Stern" und „Spiegel“ war die Rede von osteuropäischen Untermenschen. Als die Olympischen Spiele 1972 in München anstanden, sollten erst Mitarbeitende von Radio Free Europe die englischsprachige Postille betreuen. Doch bei den deutschen Veranstaltern gab es entschiedenen Widerstand dagegen, wie ein damaliger deutscher Mitarbeiter des Senders 2011 auf der Tagung „Voices of Freedom – Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe in Munich and Prague“ in der LMU erzählte. Stattdessen überließ man die Aufgabe der Frankfurter Redaktion von „Stars and Stripes“ bei den US-Streitkräften.
Die vermeintlich große Stunde der deutschen Ämter kam erst, als mein Vater es schaffte, seiner im kommunistischen Rumänien verbliebenen Tochter Anka-Maria, samt Gatten und Töchter Raluca und Ruxandra, die legale Ausreise zu arrangieren. Nicolae Ceaușescu ließ sie gehen. Aber die deutsche Botschaft in Bukarest weigerte sich, der Familie Visa für die Einreise in die Bundesrepublik auszustellen. Also flogen sie nach Wien, wo mein Bruder Dinu sie abholte und als Schleuser über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern schmuggelte.
In München brachten wir sie zur CIA-Niederlassung in der McGraw-Kaserne. Und ab diesem Augenblick, Besatzungsstatut sei Dank, waren sie safe und durften legal in Deutschland bleiben. Dass sie es nach diesem Erlebnis auf Dauer nicht mehr wollten, ist ein anderes Kapitel. Erst wanderten sie in die USA aus, siedelten sich später aber auf Dauer in der Schweiz an.

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