Die Journalist*innen und Moderator*innen von Radio Freies Europa (Foto) arbeiteten unter Pseudonym. Mihai Cismărescu nannte sich in seinen Sendungen Radu Gorun, Victor Cernescu war Romilo Lemonidis, Radu Vrancea war Cornel Ianatoș und mein Vater Ion Popa firmierte unter Ion Măgureanu. Man kann es naiv finden, aber die falschen Namen sollten schützen. Die Journalist*innen selbst vor den mitunter tödlichen Nachstellungen der östlichen Geheimdienste und die Verwandtschaft hinter dem Eisernen Vorhang vor Vergeltungsmaßnahmen.
Es waren keine ständig wechselnden Pseudonyme, die vielleicht tatsächlich gewirkt hätten. Die über Jahre, Jahrzehnte genutzten Namen sollten durchaus zur unverwechselbaren Marke werden. Wann immer ich Leute traf, die als Erwachsene im Rumänien der 1970er-Jahre gelebt hatten, kannten sie das Pseudonym, die Stimme und die Begrüßungsformel meines Vaters in seiner werktäglichen Sendung: „Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni“ (Meine Damen und Herren, liebe Hörer, geliebte Freunde).
Der Sender betrieb sogar Marktforschung hinter dem eisernen Vorhang. Keine Ahnung, wie er oder die Geheimdienste es methodisch anstellten, aber es kursierten in Washington wie auch am Englischen Garten Statistiken. Und meinen Vater Ion Măgureanu soll in den 1970er-Jahren eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im kommunistischen Rumänien gehört und gekannt haben.
Nestor Rathesh zitiert in seinem Aufsatz „Radio Free Europe's Impact in Romania During the Cold War“ im Sammelband „Cold War Broadcasting“ viele statistische Zahlen, denen zufolge Radio Free Europe vor Mitbewerbern wie BBC, Deutsche Welle oder Voice of America der meist gehörte Sender in Rumänien gewesen sei und Einschaltquoten von bis zu 66 Prozent erzielt hätte. Grundlage der Auswertung sei die Befragung von Rumänen gewesen, die im westlichen Ausland auf Reisen waren. Im Unterschied zu den anderen Auslandssendern hätte man das rumänische Programm von RFE auch als heimisches Programm empfunden.
Entsprechend gab es auch Hörer*innenbriefe. Und eines Tages erreichte meinen Vater in München eine in Rumänien abgesandte Fanpost mit nicht mehr als „Ion Măgureanu, Westeuropa“ als Zieladresse. Der Brief kam an.
Ich als Kind fand das sensationell. Wenn man aber bedenkt, dass der Briefwechsel zwischen den Blöcken damals ein engmaschig betreuter Postweg war, erscheint das nicht mehr ganz so wundersam. Jede Sendung, die Ceaușescus Regime verlassen sollte, wurde natürlich von der Securitate bearbeitet.
Weniger bekannt war, dass aber auch auf der Gegenseite alle Post, die aus dem Ostblock eintraf, auch private Briefe, erst einmal von den westlichen Geheimdiensten als Open Source Intelligence empfangen und ausgewertet wurde. In Deutschland übernahm das der Bundesnachrichtendienst, wie der „Stern“ seinerzeit in einer Enthüllungsgeschichte publik machte. Im Rahmen seiner „strategischen Kontrolle“ öffnete der BND jährlich rund 1,6 Millionen Briefe im Postverkehr zwischen Ost und West.

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