Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.
Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.
Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.
Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.
Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.
Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.
Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.
Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.
Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.
Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen