Mein Vater war im Münchner Exil kein geselliger Mensch. Er fuhr mit der Tram zu seiner Arbeit in der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa (RFE) im Englischen Garten, mied aber – zumindest so wie ich ihn erlebte – ansonsten jeden Umgang mit allen außer der eigenen Familie.
Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.
Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.
So habe ich ihn in den 21 Jahren, die wir gemeinsam erlebten, nicht gekannt. Er traf – soweit ich mich erinnere – niemals Kolleg*innen außerhalb der Arbeit. Verkehrte nicht in der rumänischen Community. Ging auf keine Veranstaltungen. Auch aus Eigenschutz. Es herrschte der Kalte Krieg und der Einfluß der Securitate reichte bis nach München, wo der eine oder andere Kollege vergiftet oder ermordet wurde. Drei Kollegen meines Vaters, Noël Bernard, Mihai Cismărescu und Vlad Georgescu sind an Krebs gestorben, und es wurde vermutet, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen den Krebs ausgelöst hätte. Zudem wimmelte es in diesen Kreisen von Doppelagenten. Es war, als hätte er in unserer Wohnung in der Tizianstraße 16a noch mal ein Exil im Exil gefunden, in dem er Schutz vor einer feindlichen, aber sicherlich auch seinen Ansprüchen nicht genügenden Welt suchte und fand.
Mit einer einzigen Ausnahme. Mitte Januar 1976 war der Bürgermeister von Bordeaux und ehemalige französische Premierminister Jacques Chaban-Delmas in der Librairie Française zu Besuch, um sein neues Buch „L'ardeur“ vorzustellen. Mein Vater fuhr mit mir in die Schellingstraße, um der Veranstaltung beizuwohnen und mit dem Politiker zu reden. Von einem Wiesnbesuch abgesehen war das das einzige Mal, dass mein Vater mit mir etwas unternahm, und ich kann mir bis heute nicht erklären, was ihn mit dem Gaullisten verband. Ob sie sich möglicherweise aus der Pariser Zeit meines Vaters kannten.
Viele Jahrzehnte später, ein paar Monate bevor er selbst gestorben ist, meinte mein neun Jahre älterer, in Paris geborener Bruder Dinu, als wir darüber sprachen, dass Chaban-Delmas und mein Vater eine gemeinsame Vergangenheit als Freimaurer gehabt hätten.
Wie ich bereits vor zehn Jahren hier im Blog erwähnte, war mein Vater Ion „Iani“ Popa (aka Ion Măgureanu aka Popicul aka Pancrator) Mitte der 1950er-Jahre in Paris Mitglied bei den Freimaurern der Grande Loge de France (G.L.D.F. – „Liberté - Égalité - Fraternité“). Meiner Erinnerung an unsere Gespräche darüber zufolge aber nur, um für die Loge oder deren rumänische Abteilung „La Roumanie Unie“ Pressearbeit zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Mitgliedschaft nach seinem Umzug nach München in irgendeiner Form aktiv gewesen wäre. Bis zuletzt bewahrten er oder vielmehr meine Mutter aber noch den Mitgliedsausweis, diverse Drucksachen, die weißen Stoffhandschuhe und einen weißen, zierlosen Maurerschurz.
Erst nach dem Tod meines Vaters im Oktober 1982, bei der Trauerfeier am Münchner Westfriedhof, erschien unvermittelt ein Vertreter der Freimaurer, den ich entfernt kannte, und legte eine Rose vor die Urne. Es könnte René Alecu de Flers gewesen sein, der später auch ein Buch über Radio Freies Europa („Radio Europa Liberă şi exilul românesc“) schrieb, aber meine Erinnerung an den Tag sind eher getrübt.







1 Kommentar:
Die weißen Freimaurerhandschuhe habe ich 2009 für mein Weihnachtsmann-Outfit benutzt, als ich bei meinen Patenkindern für die Bescherung zuständig war.
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