Samstag, 3. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (3): Ion Popa, Jacques Chaban-Delmas und die Grande Loge de France

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater war im Münchner Exil kein geselliger Mensch. Er fuhr mit der Tram zu seiner Arbeit in der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa (RFE) im Englischen Garten, mied aber – zumindest so wie ich ihn erlebte – ansonsten jeden Umgang mit allen außer der eigenen Familie.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.

So habe ich ihn in den 21 Jahren, die wir gemeinsam erlebten, nicht gekannt. Er traf – soweit ich mich erinnere – niemals Kolleg*innen außerhalb der Arbeit. Verkehrte nicht in der rumänischen Community. Ging auf keine Veranstaltungen. Auch aus Eigenschutz. Es herrschte der Kalte Krieg und der Einfluß der Securitate reichte bis nach München, wo der eine oder andere Kollege vergiftet oder ermordet wurde. Drei Kollegen meines Vaters, Noël Bernard, Mihai Cismărescu und Vlad Georgescu sind an Krebs gestorben, und es wurde vermutet, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen den Krebs ausgelöst hätte. Zudem wimmelte es in diesen Kreisen von Doppelagenten. Es war, als hätte er in unserer Wohnung in der Tizianstraße 16a noch mal ein Exil im Exil gefunden, in dem er Schutz vor einer feindlichen, aber sicherlich auch seinen Ansprüchen nicht genügenden Welt suchte und fand.

Mit einer einzigen Ausnahme. Mitte Januar 1976 war der Bürgermeister von Bordeaux und ehemalige französische Premierminister Jacques Chaban-Delmas in der Librairie Française zu Besuch, um sein neues Buch „L'ardeur“ vorzustellen. Mein Vater fuhr mit mir in die Schellingstraße, um der Veranstaltung beizuwohnen und mit dem Politiker zu reden. Von einem Wiesnbesuch abgesehen war das das einzige Mal, dass mein Vater mit mir etwas unternahm, und ich kann mir bis heute nicht erklären, was ihn mit dem Gaullisten verband. Ob sie sich möglicherweise aus der Pariser Zeit meines Vaters kannten.

Viele Jahrzehnte später, ein paar Monate bevor er selbst gestorben ist, meinte mein neun Jahre älterer, in Paris geborener Bruder Dinu, als wir darüber sprachen, dass Chaban-Delmas und mein Vater eine gemeinsame Vergangenheit als Freimaurer gehabt hätten.

Eine mögliche Erklärung für das Zusammentreffen liefert vielleicht auch René Al. de Flers in seinem Erinnerungsbuch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte)“:

„Câțiva ani mai târziu, la München venise neoficial o personalitate din Franța care, din punct de vedere politic, avea o poziție foarte importantă. El cunoștea multe din viața mea, fiind cel care, cu toate că nu eram frate, adică francmason ca el, îmi dăduse în 1972 posibilitatea să mă reîntorc în Franța, să-mi petrec acolo vacanțele cu copiii. Popa fiind pe timpuri francmason și luând parte la mai multe sesiuni ale lojei masonice franceze de la Paris, făcuse cunoștință cu el. Pe atunci, ca frate, persoana respectivă jucase un rol politic important în mişcarea generalului Charles de Gaulle. In discuțiile pe care Popa le avusese în trecut cu mine, discutasem tangențial despre această persoană, iar el rămăsese uimit că știam atâtea nimicuri despre cel care venise la München. Curios din natură, profitase de ocazie. L-a întrebat cine sunt eu și i s-a răspuns chiar mai mult decât aș fi dorit. Popa ar fi trebuit să-și țină gura, dar, ca român, n-a putut. A povestit celor de sus ce descoperise el. Unii, neîncrezători, îl luaseră peste picior, dar pentru o bună parte dintre ei devenisem o persoană și mai misterioasă.“

„Einige Jahre später war ein bedeutender Franzose in nichtoffizieller Mission zu Gast in München. Politisch betrachtet war er von großer Bedeutung. Er wusste sehr viel über meine Vergangenheit, denn ihm verdankte ich, obwohl ich kein Bruder, also Freimaurer war, dass ich 1972 nach Frankreich zurückkehren durfte, um dort den Urlaub mit meinen Kindern zu verbringen. Als früherer Freimaurer, der an einigen Zusammenkünften in Paris teilgenommen hatte, kannte Popa ihn. Damals hatte diese Person noch eine bedeutende Rolle in den Reihen von General de Gaulle gespielt. Bei den Diskussionen, die Popa und ich in der Vergangenheit geführt hatten, ging es am Rand auch um ihn. Um so mehr war er erstaunt, wie wenig ich über den Mann wusste, der nach München gekommen war. Von Natur aus neugierig nutzte er die Gelegenheit und fragte ihn über mich aus. Die Antwort war ausführlicher als mir lieb gewesen wäre. Popa hätte es für sich behalten sollen, aber Rumäne, der er war, erzählte er den Leuten, was er entdeckt hatte. Einige reagierten misstrauisch, überrascht, aber auf andere wirkte ich nun noch geheimnisvoller als zuvor.“

Wie ich bereits vor zehn Jahren hier im Blog erwähnte, war mein Vater Ion „Iani“ Popa (aka Ion Măgureanu aka Popicu aka Pancrator) Mitte der 1950er-Jahre in Paris Mitglied bei den Freimaurern der Grande Loge de France (G.L.D.F. – „Liberté - Égalité - Fraternité“).   

Meiner Erinnerung an unsere Gespräche darüber zufolge aber nur, um für die Loge oder deren rumänische Abteilung „La Roumanie Unie“ Pressearbeit zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Mitgliedschaft nach seinem Umzug nach München in irgendeiner Form aktiv gewesen wäre. Bis zuletzt bewahrten er oder vielmehr meine Mutter aber noch den Mitgliedsausweis, diverse Drucksachen, die weißen Stoffhandschuhe und einen weißen, zierlosen Maurerschurz. 

Erst nach dem Tod meines Vaters im Oktober 1982, bei der Trauerfeier am Münchner Westfriedhof, erschien unvermittelt ein Vertreter der Freimaurer, den ich entfernt kannte, und legte eine Rose vor die Urne. Es könnte René Alecu de Flers gewesen sein, der später auch ein Buch über Radio Freies Europa („Radio Europa Liberă şi exilul românesc“) schrieb, aber meine Erinnerung an den Tag sind eher getrübt.  Es war wohl Roger Constantinescu. Im Nachlass meines Vaters findet sich ein Brief von ihm an „Jany Popa“ anläßlich eines Jubiläums des Grand Council of Royal and Select Masters of Germany. Constantinescu arbeitete auch bei Radio Freies Europa und war laut dem rumänischen Wikipedia im Monitoring beschäftigt.

Meine Halbschwester Anka schreibt in ihren Erinnerungen, dass vor der Einäscherung die französische Flagge und Freimaurersymbole den Sarg meines Vaters geschmückt hätten. Ich kann mich an nichts davon erinnern.








1 Kommentar:

Dorin hat gesagt…

Die weißen Freimaurerhandschuhe habe ich 2009 für mein Weihnachtsmann-Outfit benutzt, als ich bei meinen Patenkindern für die Bescherung zuständig war.