Jeden Abend nach dem Andruck des „Curentul“ um 1940 herum ging mein Vater Ion Popa ins Capșa. Das legendäre, bis heute existierende Lokal in der Calea Victoriei, einer der Hauptstraßen von Bukarest, war nicht nur für Journalisten der Treffpunkt.
Das Lokal spielte laut René Al. de Flers auch eine Rolle bei der Entlassung meines Vaters. Pamfil Şeicaru, der Verleger und Chefredakteur von „Curentul“, war 1940 vor einem Mordkomplott der faschistischen Eisernen Garde nach Rom geflüchtet. Als Statthalter nahm mein Vater daraufhin einige Änderungen und Neuerungen vor, so veröffentlichte er statt Şeicarus Leitartikel Beiträge des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels. Nach dem Scheitern der Machtergreifung durch die Eiserne Garde kehrte Şeicaru 1941 zurück. Die gesamte Redaktion empfing ihn im Verlagsgebäude. Nur mein Vater fehlte. Er weilte im Capșa und wartete dort auf Şeicaru. Der empfand das als unverschämt und feuerte ihn.
Als ich Anfang der 1990er-Jahre erstmals selbst nach Rumänien reisen konnte, schaute ich natürlich im Capșa vorbei. Und traf später auch einen Schwager meines Vaters, Eugen „Nicu“ Filimon, der damals noch lebte. Filimon war mit Polixenia „Pusy“, einer der Schwestern meines Vaters, verheiratet gewesen und hatte zwischen den Kriegen und/oder während des Zweiten Weltkriegs eine leitende Funktion bei der Rumänischen Nationalbank bekleidet.
Nicu bestätigte mir nicht nur, dass mein Vater gern und oft im Capșa feierte, sondern dass damals auch regelmäßig auf jedem seiner Oberschenkel eine Frau gesessen hätte. Wer wie ich oder meine Schwester unseren Vater erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte, kann sich schwer vorstellen, dass dieser eher schwermütige, depressive, zurückgezogen lebende Mann in den 1930er- und 1940er-Jahren offenbar ein Schwerenöter und latin lover gewesen sei.
Mein Vater soll in Bukarest auch dafür bekannt gewesen sein, dass er die schicksten Krawatten der ganzen Stadt getragen hat, die er sich regelmäßig in Berlin besorgte.


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