Asylland meiner Eltern, Brüder und auch von mir – trotz meiner Geburt in München – war viele Jahrzehnte Frankreich. Selbst nach dem Umzug zu Radio Freies Europa in München behielten meine Eltern und wir Kinder als Staatenlose und politische Flüchtlinge lange Zeit den französischen Tître de Voyage.
Zuständig war aufgrund des deutschen Wohnsitzes nunmehr die
Préfecture administrative de la région Grand Est et du Bas-Rhin in Straßburg. Regelmäßig fuhren wir alle dorthin. Der Sender übernahm die Bahnfahrt 1. Klasse und zahlte uns auch das Hotel.
In Straßburg hatte ich als Kind meinen ersten Rausch. Wir waren mittags in einem Restaurant essen, und ich hatte so viel Cola getrunken, dass ich plötzlich zu lachen anfing und es nicht mehr abstellen konnte. Mein Bruder Dinu musste mit mir vor die Tür, bis sich der Anfall wieder legte.
Das Straßburg der 1960er- und 1970er-Jahre ist nicht mit dem aufgebrezelten Strasbourg der Gegenwart zu vergleichen. Der Bahnhof war noch nicht in eine pseudomoderne Plexiglashülle gewandet und die ganze Stadt, ob Straßen oder Kanäle, war etwas heruntergekommen, Ratten allgegenwärtig. Aber ich mochte die Stadt. So sehr, dass ich später, 1999, gerne für ein Jahr dorthin gezogen bin.
Zu meinem 14. Geburtstag änderte sich plötzlich die Routine. Ich sollte allein nach Strasbourg fahren, um meinen Konventionspass zu verlängern, dessen Gültigkeitsdauer wohl in dem Jahr von der meiner Eltern abwich. Der Sender zahlte wieder Bahnfahrt und dasselbe Hotel wie jedes Mal, aber eben nur für mich. Und so reiste ich allein nach Frankreich.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich überhaupt Französisch gelernt hatte. Rumänisch ist meine Muttersprache, denn daheim sprachen wir nur das. Deutsch hatte ich mit ungefähr drei Jahren auf den Straßen in Gern gelernt. Mein erstes Wort soll Polizei gewesen sein. In Kindergarten und Schule perfektionierte ich dann meine Kenntnisse.
Als ich noch ein kleines Kind war, wechselten meine Eltern ins Französische, wenn ich ihre Unterhaltung nicht verstehen sollte. Am Wittelsbacher-Gymnasium fing ich erst 1975 in der 9. Klasse, also im Alter von 14 Jahren, mit dem Französisch-Unterricht an, aber da konnte ich es längst.
Irgendwie haben die jährliche Aufenthalte mit meinen Eltern in Paris und Straßburg, die daheim herumliegenden französischen Zeitungen und Zeitschriften sowie der Umstand, dass daheim der französische Sender Europe 1 ständig lief, mir die Sprache eingetrichtert.
Auch Behördengänge waren mir nicht fremd, hatte ich diese doch schon jahrelang für meine Eltern übernommen, wenn auch nur in München, und auf Deutsch.
So stand ich nun 1975 in Strasbourg allein vor einem Beamten, der mir erklärte, dass mir Frankreich das Asyl aufkündigt, mir keinen neuen Reiseausweis für Flüchtlinge ausstellt, und ich also in deutsche Obhut wechseln würde.
Der Zweck dieser ganzen Reise war offensichtlich gewesen, diesen Verwaltungsakt an mir persönlich durchführen zu können. Man könnte es auch ein abgekartetes Spiel nennen, wobei meine Eltern nichts davon geahnt haben dürften, sonst hätten sie mich vorgewarnt. Wir waren zwar eine dysfunktionale Familie und nicht sonderlich gut darin, untereinander zu kommunizieren, aber wir logen uns nicht an.
Nicht weniger merkwürdig und genauso länderübergreifend war es sieben Jahre später, als mein Vater starb. Meine Mutter war nach Paris gereist, ich sollte ihr folgen. Vormittags hatte mein Vater mir noch zu Hause das Frühstück gemacht, dann flog ich auch nach Paris. Wir hausten in der Wohnung einer Freundin meiner Mutter, im roten Vorstadtgürtel von Paris.
Ich war abends aus gewesen, und als ich nach Hause kam, saßen meine Mutter und eine Freundin mit ernsten Mienen da. Ich sagte „Oh, Scheiße“, mir war sofort klar, dass mein Vater gestorben war.
Einer meiner Brüder organisierte sofort für den nächsten Morgen ein Flugticket, damit meine Mutter nach München zurückkehren konnte. Ich dagegen sollte am Flughafen versuchen, meinen ursprünglichen Rückflug eine Woche später umzubuchen, damit ich gemeinsam mit meiner Mutter einchecke.
Natürlich hat das nicht geklappt. Weder ich, noch meine Mutter hatten Geld, um auf eigene Kosten ein Ticket für mich zu erstehen. Und so flog meine Mutter allein nach München, während ich mit meinem Gepäck in die Wohnung zurückkehrt bin. Ich blieb die volle Woche in Paris, und es war ein merkwürdiger Zustand, einerseits zu trauern, andererseits aber ins Kino zu gehen, Konzerte zu besuchen und all das zu tun, was ich mir für Paris vorgenommen hatte.
Ich kam gerade noch rechtzeitig für die Trauerfeier am Westfriedhof zurück und hatte mich dennoch nie wirklich von meinem Vater verabschieden können.
Über vierzig Jahre später erreichte mich dann in München das Gerücht, dass mein Vater Suizid begangen hätte. Ein Freund meiner Brüder behauptete es. Ich kann es mir nicht vorstellen, so, wie ich ihn in seinen letzten Wochen erlebt hatte. Und es zirkulierten über uns auch immer die unsinnigsten Gerüchte in unserem deutschen Umfeld. Etwa, dass ich von Personenschützern zur Schule begleitet worden wäre, weil mein Vater ein wichtiger Dissident gewesen sei. Aber was weiß ich schon.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen