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Dienstag, 10. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (36) und das Schicksal, vergessen worden zu sein

Wohl die meisten Kinder halten ihren Vater für einen Helden. In meinem Falle wurde diese Vorstellung gefördert. Nicht von meinem Vater selbst, den ich eher immer nur leidend, zweifelnd, zurückgezogen erlebte, sondern von der Außenwelt. 

Dass ihn in den 1960er-Jahren ein Brief aus Rumänien erreichte, auf dem nicht mehr als sein Pseudonym Ion Măgureanu und die Ortsangabe Westeuropa stand, machte ihn in meinen Augen recht einzigartig.

Und jahrzehntelang schien jeder, der aus Rumänien stammte, meinen Vater Ion Popa zu kennen oder vielmehr sein Pseudonym und seine Stimme, weil sie seinen politischen Radiosendungen gelauscht hatten.

Nach der rumänischen Revolution 1989 hatte ich fest damit gerechnet, dass die Geschichte von Radio Europa Liberă und damit auch das Arbeitsleben meines Vaters aufgearbeitet werden würde. Doch nichts geschah. Zumindest mein Vater geriet in Vergessenheit. Es existiert nicht einmal ein Wikipedia-Beitrag.

Das lag zum einen sicher daran, dass er die letzten Jahrzehnte sehr zurückgezogen lebte und später als Rentner weiter schwieg und im Unterschied zu Kolleg*innen wie René Al. de Flers oder Ioana Măgură Bernard keine Erinnerungsbücher schrieb.

Und in den Werken Dritter tauchte er, wenn überhaupt, eher am Rand auf. Besonders auffällig erscheint mir das in Liviu Tofans „Antologia Radio Europa Liberă“. Tofan war 1973 aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert, fing bei Radio Freies Europa an, wechselte dann aber in die Theaterwelt nach Konstanz und kehrte erst später wieder zu RFE zurück. Insofern hatte er zwar meinen Vater sicherlich noch anfangs kurz im Sender als Kollegen erlebt, aber den Schwerpunkt seiner redaktionellen Arbeit bei Radio Free Europe erst gehabt, als mein Vater bereits im Ruhestand war. 

In seiner Anthologie geht Tofan sehr detailverliebt auf das rumänische Programm des Senders ein. Die erste Sendung auf Rumänisch sei bereits am 14. Juni 1950 ausgestrahlt worden, die rumänische Redaktion aber erst am 29. Oktober 1951 gegründet worden.

Anfangs hätte man täglich nur eine halbe Stunde Sendezeit produziert, dann eine Stunde, schließlich fünf Stunden in den 1960er-Jahren. Zwischen 1970 und 1980 wären es täglich zwölf Stunden gewesen und sonntags sogar 17 Stunden.

Angefangen hätte die rumänische Redaktion mit drei Mitarbeiter*innen und schließlich mit 46 Leuten, inklusive Direktion, Redaktion, Verwaltung, Sekretariat und Technik den Höchststand erreicht. Nach der bulgarischen Redaktion sei es die zweitkleinste Redaktion im Haus gewesen. Trotz der kleinen Redaktion hätte aber das rumänische Programm die meisten Hörer*innen unter allen Programmen von RFE erreicht.

Das 50 Minuten dauernde „Programul Politic“ (Political Program) meines Vaters wäre immer um 17 Uhr ausgestrahlt und dann um 20.10 Uhr und 23.10 Uhr wiederholt worden.

Als Basisteam des „Programul Politic“ erwähnt Tofan nur Mircea Carp, Romilo Lemonidis, Raluca Petrulian, Ricks Vater Thomas Kavinian, Mircea Vasiliu und Viictor Eskenazy. Mein Vater bleibt in dem Zusammenhang unerwähnt.

Erst Seiten später schreibt Tofan dann, dass bei den rumänischen Redakteur*innen aus der Zeit von 1950 bis 1970 15 weitere erwähnt werden könnten. Darunter eben auch mein Vater Ion Popa. Im Personenregister des Buches taucht mein Vater überhaupt nicht auf.

Das ist zumindest seltsam, weil Ioana Măgură Bernard und Mircea Morariu zufolge mein Vater eben nicht nur ein Mitarbeiter unter vielen gewesen sei, sondern das politische Programm präsentierte und mit dessen Erfolg untrennbar verbunden gewesen sei.

Montag, 9. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (35) und die griechische Frage

Die unterschiedlichsten, nicht unbedingt sich widersprechenden Erklärungen hört man bei der Frage, warum alle Nahestehenden meinen Vater Iani riefen. 

Laut seinen Ausweispapieren hieß er Ion Popa, manche Quellen nennen ihn Ioan, selbst bei seinem Pseudonym im Sender Freies Europa, Ion Măgureanu, behielt er seinen angestammten Vornamen.

Doch wir alle riefen ihn immer nur Iani.

Nun sind Spitznamen eine rumänische Manie. Unter unseren Verwandten und Bekannten wurden oft statt der Taufnamen kindliche Rufnamen genutzt: Gigi, Coca,Ţuţi, Maia, Pusy, Bobbie – die allesamt nichts mit dem eigentlichen Vornamen zu tun hatten.

Und dann gibt es natürlich abgekürzte Vornamen, wie bei meiner Mutter Rica statt Florica, oder Diminuitive wie bei meinem Großvater Ionel statt Ion bzw. Ioan.

Aber es kommt ausgesprochen selten vor, dass man eine ausländische Form des ursprünglich rumänischen Vornamens wählt. 

Was machte nun meinen Vater zu Iani, dem Griechen?

Die harmloseste und zugleich am wenigsten glaubwürdige Erklärung soll mein Vater selbst erzählt haben. Schon als Kind soll er zu Jähzorn geneigt haben. Und wenn seine Eltern ohne ihn und seine Geschwister weggehen wollten, soll er sich wutentbrannt auf den Boden geworfen und gebettelt haben: „Ia-ne, ia-ne și pe noi“. Nehmt uns, nehmt uns auch mit! Aus dem Ia-ne, nehmt uns, wäre sein Spitzname Iani entstanden.

Glaubwürdiger ist die These, dass eine reiche Griechin, bei der seine Mutter Ecaterina möglicherweise arbeitete, seine Taufpatin gewesen sei. Meine Schwester erwähnt da Urania Polatos, zu der man tatsächlich auch Informationen online findet. Ihr Vater Anton Polatos war ein reicher Bäcker in Focșani und einer ihrer Brüder hieß auch Iani. Die Familie scheint dann aber 1914, ein Jahr nach der Geburt meines Vaters pleite gegangen zu sein. Für die Taufpaten-Version würde auch sprechen, dass eine weitere Schwester meines Vaters, Pusy, auf den ebenfalls griechischen Namen Polixenia getauft worden war. 

Als grenznahe Handelsstadt war Focșani Anfang des 20. Jahrhunderts Wohnort vieler griechischer Bänker und Kaufleute.  

Eine Cousine von mir hat wiederum gehört, dass es in unserer Familie einen griechischen Ahnen gegeben hätte. Dass aber auch ein Familienmitglied adoptiert worden sei.

Als ich in den 1990er-Jahren erstmals in Bukarest zu Besuch war, erzählte man mir wiederum eine ganz andere Geschichte. Der tatsächliche Vater meines Vaters sei nicht Ecaterinas Ehemann Ignat gewesen, sondern ein griechischer Bojar, ein Großgrundbesitzer in Focșani. Er hätte meinem Vater auch das Studium in Iași finanziert, wo mein Vater Latein und Altgriechisch studierte. Zur Uni begleitet hätte meinen Vater sein Halbbruder, der legitime Sohn des Griechen, der zugleich auch der beste Freund meines Vaters gewesen wäre.


Sonntag, 8. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (34) und die goldene Uhr zum Ruhestand

Als mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu 1978 bei Radio Freies Europa nach 24 Jahren in den Ruhestand trat, gab es nicht nur einen Abschiedsbrief von seinem Chef Noël Bernard, sondern auch eine goldene, na ja, goldfarbene Uhr sowie 30.000 Mark.

Da mein Vater, soweit ich mich zurückerinnere, nie eine Uhr trug, gab er sie mir. Es war eine Seiko, mit einer Gravur auf der Rückseite, an deren Wortlaut ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Ich selbst besaß zuvor und danach auch nie eine Armbanduhr, aber diese trug ich, bis sie ihren Geist aufgab.

Die 30.000 Mark teilte mein Vater gleichmäßig unter seinen drei Söhnen auf. Ich legte meine 10.000 DM bei der Bank für Gemeinwirtschaft in Sparbriefe an und finanzierte damit vor allem Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre meine Reisen nach Paris.

Samstag, 7. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (33) und Szenen einer Ehe

So lange ich mich zurückerinnern kann, hatten meine Eltern getrennte Schlafzimmer. Und das in einer 5-Zimmer-Wohnung, in der zeitweise bis zu sieben Menschen lebten. 

Eine kurze Zeit übernachtete mein Vater auch in den Räumen in der Wilhelm-Düll-Straße 1, die sie ursprünglich für meine beiden großen Brüder angemietet hatten. Und ich meine mich erinnern zu können, dass er auch mal schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße 16 a eine kleine Wohnung nutzte: In der Tizianstraße 63, im selben Haus, wo sein Arzt Dr. Willkomm eine Praxis hatte.  

So lange ich mich zurückerinnern kann, stritten sie. Sie schrieen sich an,  Geschirr wurde zertrümmert, sie lebten mehr aneinander vorbei, denn miteinander. Es war, so lange ich mich zurückerinnern kann, keine glückliche Ehe. 

Main Vater sagte einmal voraus, dass meine Mutter sich, sobald er tot war, darüber beschweren würde, dass die Trauerfeier so früh am Morgen begänne. Und tatsächlich war es dann auch so.

Und es mag kein Zufall sein, dass wir drei Söhne, die aus dieser Beziehung hervorgegangen sind, allesamt keine Kinder haben und dieser Familienzweig mit uns aussterben wird.

Sonntag, 1. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (32) und die Kunst, eine Krawatte zu binden

Es gibt kaum Fotos meines Vaters Ion Popa, auf denen er ohne Krawatte zu sehen ist. Selbst auf der Wiesn trug er Schlips. Als junger Mann im Bukarest der 1930er- und 1940er-Jahre soll er für seine schicken Krawatten berühmt gewesen sein, wie ich bereits erzählt habe.

Und so habe ich, neben den bereits erwähnten eher theoretischen Dingen, als Kind von ihm auch gelernt, wie man eine Krawatte bindet. 

Ich bin zwar, wie meistens mit meinen Händen, nicht sonderlich geschickt darin und brauche es nur alle ein, zwei Jahre mal, da ich äußerst ungern einen Schlips anlege. Aber ein einziges Mal gezeigt und irgendwie doch nie mehr vergessen.

Samstag, 31. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (31) und das Capșa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Jeden Abend nach dem Andruck des „Curentul“ Ende der 1930er, Anfang der 1940er-Jahre ging mein Vater Ion Popa ins Capșa. Das legendäre, bis heute existierende Lokal in der Calea Victoriei, einer der Hauptstraßen von Bukarest, war nicht nur für Journalisten der Treffpunkt.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre erstmals selbst nach Rumänien reisen konnte, schaute ich natürlich im Capșa vorbei. Und traf später auch einen Schwager meines Vaters, Eugen „Nicu“ Filimon, der damals noch lebte. Filimon war mit Polixenia „Pusy“, einer der Schwestern meines Vaters, verheiratet gewesen und hatte zwischen den Kriegen und/oder während des Zweiten Weltkriegs eine leitende Funktion bei der Rumänischen Nationalbank bekleidet.

Nicu bestätigte mir nicht nur, dass mein Vater gern und oft im Capșa feierte, sondern dass damals auch regelmäßig auf jedem der beiden Oberschenkel meines Vaters jeweils eine Frau gesessen hätte. Wer wie ich oder meine Schwester unseren Vater erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte, kann sich schwer vorstellen, dass dieser eher schwermütige, depressive, zurückgezogen lebende Mann in den 1930er- und 1940er-Jahren offenbar ein Schwerenöter und latin lover gewesen sei.

Mein Vater soll in Bukarest auch dafür bekannt gewesen sein, dass er die schicksten Krawatten der ganzen Stadt getragen hat, die er sich regelmäßig in Berlin besorgte.

Freitag, 30. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (30) und unsere Flugreise nach Zürich

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Während meiner Kindheit und Jugend lebte mein Vater sehr zurückgezogen. Anfangs fuhr er noch mit uns im Auto in den Urlaub nach Italien. Selbstverständlich war er dabei, wenn die ganze Familie ihre Flüchtlingspässe in der Straßburger Präfektur verlängerte beziehungsweise erneuerte. Und ganz selten, vielleicht auch nur einmal begleitete er in den 1960er- und 1970er-Jahren meine Mutter und mich auf unseren ständigen Bahnreisen nach Paris. 

Erinnern kann ich mich an kein einziges Mal, aber es gibt zumindest ein Gruppenfoto mit uns, der Familie meines Onkels mütterlicherseits und dessen Schwiegereltern Joffé in Le Vésinet. Da mein Onkel Jean „Ţuţi“ Dragesco nicht auf dem Bild ist, stand er wohl hinter der Kamera.

Um so merkwürdiger ist daher die einzige Reise, die mein Vater und ich allein unternahmen. Wir flogen Mitte bis Ende der 1960er-Jahre nach Zürich. Meine erste Flugreise. Und ich habe nicht die leiseste Vorstellung, warum wir diesen Tagestrip, morgens hin, abends zurück, unternommen haben. Hat er jemanden getroffen? Musste er etwas erledigen? 

Ich kann mich auch nur noch an ein einziges Detail genauer erinnern. Wir suchten einen Spielwarenladen auf und ich freute mich, an einem Märchenautomaten mir eine Geschichte über Kopfhörer vorspielen zu lassen. Nur verstand ich kein einziges Wort. Das Märchen war auf Schwizerdütsch.

(Foto: Aero Icarus/Wikipedia) 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (29) und seine Abscheu vor dem Münchner Hauptbahnhof

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Als Jugendlicher liebte ich den Münchner Hauptbahnhof, weil es dort die ganzen internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu kaufen gab, von den „Cahiers du Cinéma“ über „Libération“ bis hin zum französischen „lui“ und den US-amerikanischen „Penthouse Letters“.

Mein Vater hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Nicht wegen der erotischen Heftchen, sondern wegen des Ortes an und für sich. Für ihn verkehrten an Bahnhöfen nur Spione und Sex Worker.

Mittwoch, 28. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (28) und die Bombardierung von Dresden

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater erzählte, wie er die Bombardierung von Dresden erlebt hat. Die Detonationen, das Feuer, aus der Ferne, aber doch nah genug, dass er den Zug, in dem er damals unterwegs war, verlassen musste, um am Bahndamm Schutz zu suchen.

Nun waren mein Vater, seine Ehefrau, die gemeinsame Tochter und viele mit ihnen aus Berlin, Wien und dem übrigen Deutschen Reich deportierte Rumän*innen im Winter 1944/1945 in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, interniert, bis sie die russische Armee im Frühjahr befreite.

Weshalb nur der erste Luftangriff der „8th Air Force der USAAF mit 65 B-17 Flying Fortress auf die Industrie in Freital (Mineralölwerk der Rhenania-Ossag in Birkigt), das Industriegelände Gittersee und Wohnanlagen“ (Wikipedia) am 24. August 1944 in Frage käme. „Eine Bombe fiel auf Coschütz. Bei dem Angriff starben 241 Menschen.“

Deportiert und interniert worden waren die Rumän*innen wegen des sogenannten Königsputsches einen Tag zuvor am 23. August 1944, bei dem der junge König Mihai I. den Militärdiktator Ion Antonescu stürzte und Rumänien damit die Achsenmächte verließ und sich den Alliierten anschloss.  

Dienstag, 27. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (27) Ion Popa alias Ion Măgureanu und Noël Bernard bei Radio Freies Europa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Noël Bernard leitete von 1955 bis 1958 sowie von 1966 bis 1981 die rumänische Redaktion von Radio Freies Europa. In ihrem 2007 veröffentlichten Erinnerungsbuch „Directorul postului nostru de radio“ (Der Direktor unseres Radiosenders) schrieb seine Witwe Ioana Măgură Bernard (1940–2022) auch über meinen Vater (deutsche Übersetzung weiter unten):

„Prezentatorul programului politic a fost, vreme de vreo 20 de ani, lon Măgureanu. Nu era rudă nici cu cel de la SRI, serviciul român de informații, nici cu vreun altul, pentru bunul motiv că acesta era tot un pseudonim. Numele lui adevărat era lon Popa; lani pentru familie și prietenii apropiați; Popicu pentru colegi. Ziarist de profesie, se bucura de o mare popularitate pentru ascultători. Era un tip romantic, un gazetar democrat de factură veche și de stil latin, spre deosebire de pildă de Noël, prin excelență tipul de jurnalist anglo-saxon, riguros, sintetic și strict la obiect. Numele lui lon Măgureanu era legat indisolubil de programul politic. Într-un fel, se poate spune că și-au creat reciproc celebritatea. Prezentările lui Popicu erau directe, calde, originale și adesea pline de floricele. Ele debutau invariabil cu «dragi prieteni». Cînd începea să depene amintiri și să se lanseze în divagații, care veneau în contradicție cu însăși natura programului, Noël îi tăia pasaje întregi, ceeace îl supăra foarte tare, căci Popicu pe acestea le considera cele mai valoroase. Nu era vorba de cenzură, dar Noël nu voia ca prezentarea să se dilueze și, prin îndepărtarea de subiect și obiect, să piardă din acuitate și in ultimă instanță din impact. Cu toate acestea, îl aprecia mult pe lani – Noël așa îi spunea - atît ca ziarist cît și ca om. Popicu era un profesionist talentat, cu multă imaginație –  poate chiar prea multă – și un personaj deosebit de pitoresc. Avea chiar la 50 de ani înfățișarea unui bunic sfătos destul de scund, rotofei, cu părul alb și sprincene stufoase, oricînd bucuros să stea la taifas și să vorbească in pilde. Mi-l amintesc ieșind uneori din biroul lui Noël, încins și roșu la față, după vreo dispută profesională, care nu avea însă niciodată urmări. Dovada prețuirii de care se bucura, stă in faptul că Popicu a fost titularul programului politic pînă cînd a ieșit la pensie, în 1978.“

Grobe Übersetzung: Ungefähr 20 Jahre lang präsentierte lon Măgureanu die politische Sendung. Er war weder mit dem rumänischen Geheimdienstchef Virgil Măgureanu verwandt noch mit sonst jemandem diesen Namens, weil es sich bei diesem Nachnamen um ein Pseudonym handelte. In Wahrheit hieß er Ion Popa; Iani für seine Familie und engen Freunde; Popicu unter Kollegen. Als Berufsjournalist erfreute er sich großer Beliebtheit bei der Hörerschaft. Er war ein Romantiker, ein demokratischer Journalist alter Schule und romanischen Stils, im Unterschied zu Noël Bernard (Foto), der ein Paradebeispiel englischen Journalismus war, rigoros, prägnant und auf den Punkt. lon Măgureanu war untrennbar mit dem politischen Programm verbunden. Man könnte sagen, dass diese Kombination den Erfolg des Moderators und der Sendung begründete. Popicus Moderation war direkt, warmherzig, originell und somit auch blumig. Stets eröffnete er das Programm mit den Worten „liebe Freunde“. Wann immer er zu sehr abschweifte und sich nicht streng an den Kern des Programms hielt, strich ihm Noël ganze Passagen, was Popicu sehr erzürnte, weil er gerade diese Momente für die wertvollsten hielt. Man kann nicht von Zensur sprechen. Noël wollte nur nicht, dass die Inhalte verwässert werden und das Programm durch den Verlust an Focus auch an Schärfe und letztendlich an Wirkung einbüßt. Nichtsdestotrotz schätzte Noël Iani – so nannte er ihn – sowohl als Journalisten als auch als Menschen. Popicu war ein begabter Profi, mit großem, vielleicht sogar zu großem Einfallsreichtum und einer auffälligen Erscheinung. Mit gerade mal 50 Jahren wirkte er schon wie ein weiser Großvater, ziemlich klein und pummelig, weißhaarig und mit buschigen Augenbrauen. Stets zu einem Schwatz aufgelegt und bereit, Geschichten zum besten zu geben.Ich kann mich erinnern, wie er manchmal nach einem heftigen Streit aus Noëls Büro kam, erregt und im Gesicht rot angelaufen. Doch diese Auseinandersetzungen hatten niemals Folgen. Wie sehr Popicu geschätzt wurde, sieht man daran, dass er bis zu seinem Ruhestand 1978 die politische Sendung behielt.

Montag, 26. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (26), den 54er-Bus und die Tramlinien 4, 20 und 22

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meine Eltern besaßen bis in die 1970er-Jahre ein Auto, einen Ford Taunus 17 M, aber mein Vater fuhr immer öffentlich zum Sender.  Auf dem Weg zu Radio Freies Europa am Englischen Garten nahm er wohl, wie ich nach Rücksprache mit dem Stadtneurotiker vermute, am Rotkreuzplatz die Tramlinie 22 und stieg dann am Nikolaiplatz auf den 54er-Bus Richtung Tivolistraße um.

Zum Rotkreuzplatz lief er von  unserer Wohnung in der Tizianstraße zu Fuß, vielleicht nahm er für das Stück gelegentlich die Tramlinie 4.

Wann immer ich meinen Vater im Sender besuchte, nahm ich auch Tram und/oder Bus.

In den Tagen, in denen meinen Vater aufgrund seines Dolviran-Missbrauchs Ausfallserscheinungen hatte, kam es, wie ich bereits erzählt habe, vor, dass er abends überfällig war und ich dann Richtung Rotkreuzplatz lief. Meist fand ich ihn dann auf einer Parkbank im Grünwaldpark im Dämmerzustand.

Jahre zuvor will mein Vater beim Umstieg am Rotkreuzplatz meinen Bruder Dinu beim Betteln auf der Straße gesehen haben. Aber weder er noch ich sprachen mit ihm jemals darüber.

Gelegentlich müssen wir aber eine andere Route genommen haben, als die über Schwabing. Wohl die Tramlinie 20 von RFE Richtung Innenstadt und dann der Umstieg auf die Linie 4 über Maximilianstraße und Lenbachplatz Richtung Gern.

Denn ich kann mich erinnern, dass wir einmal am Stiglmaierplatz ausgestiegen sind, weil mein an der Prostata erkrankter Vater dringend aufs Klo musste. Er ging in den Löwenbräukeller, um sich zu erleichtern, während ich als Kind davor wartete. Seitdem bin ich auch so auf das Thema Öffentliche Toiletten fixiert.

(Oberes Foto: Reinhard Fuchs/Sammlung Straßenbahnfreunde München e.V.)

Sonntag, 25. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (25) als Raucher

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat immer viel geraucht. Während seiner Zeit als Ion Măgureanu bei Radio Freies Europa scheint die Zigarette in seiner Linken nahezu unvermeidlich gewesen zu sein und auch daheim wurde gepafft. Wenn auch etwas diskreter. Meine Mutter ließ ihn in der Tizianstraße nur auf dem hinteren Klo mit dem kleinen Fenster seiner Sucht frönen.

In den ersten Jahren, an die ich mich zurückerinnern kann, rauchte er noch P&S aus dem hellblauen Softpack. Später stieg er auf Marlboro um.

Die Zigaretten kaufte er in der Regel in dem inzwischen längst abgerissenen Kiosk an der Waisenhausstraße, unweit der Klugstraße, den ein Sinti oder Roma führte. Herr Paluch, wenn ich mich richtig erinnere. Auf dessen Unterarm habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine KZ-Häftlingsnummer tätowiert gesehen.

Oft holte ich für meinen Vater die Zigaretten im Kiosk, und es kam auch vor, dass ich das Geld auslegte, wenn mein Vater gerade nicht mehr flüssig war.



Samstag, 24. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (24) und die italienischen Verhältnisse

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Nachdem die Russen meinen Vater Ion Popa, seine erste Frau Hortensia und die gemeinsame Tochter Anka aus dem Außenlager Krummhübel des KZ Groß-Rosen befreit hatten, ging die Familie 1945 erst einmal nach Italien. Sie lebten in Rom, wo Anka getauft worden ist. Mein Vater soll auch viel Zeit in Assisi verbracht haben. Offenbar hat man ihnen die Wohnung oder das Haus in Rom zum Kauf angeboten, aber sie schlugen das Angebot aus. Ob nur aus finanzieller Not oder aus anderen Beweggründen, ist unbekannt. 

1946 zogen sie zum Schwager nach Nizza, von wo aus mein Vater allein nach Rumänien zurückkehrte. Seine Frau folgte ein Jahr später mit der gemeinsamen Tochter. Dann fiel der Eiserne Vorhang, und mein Vater flüchtete schließlich allein aus Rumänien in de Westen, wo er später erneut heiratete.

Italien war nun nur noch ein Urlaubs- oder Reportageziel. Erst Venedig mit seiner zweiten Ehefrau Florica, geborene Dragu. Dann für Radio Freies Europa zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom, wo ich angeblich gezeugt worden bin, wobei das rechnerisch nicht aufgeht.

Später mit uns Söhnen nach Rimini, Albenga und Ischia. Eine meine ersten Erinnerungen ans Kino führt auch nach Albenga zurück. Neben unserem Hotel gab es ein Freilufttheater, das 1968 oder 1969 Peter Sellers' „Der Partyschreck“ zeigte. Vom Balkon aus konnte ich den Film sehen. 

Das war auch die letzte Urlaubsreise, die mein Vater mit uns unternahm. Danach verließ er München nicht mehr. Mit meiner Mutter war ich noch einmal in Rom, bevor das italienische Kapitel endgültig geschlossen wurde, und meine Mutter mit mir nur noch nach Nizza an die Côte d'Azur fuhr.





Freitag, 23. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (23) Ion Popa, Curzio Malaparte und wie sie ein Partisanenlager plünderten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Ion Popa als Frontberichterstatter unterwegs. Er schüttelte Adolf Hitler die Hand, begegnete dem finnischen Oberbefehlshaber Carl Gustav Mannerheim, und war wiederholt in Kriegsgebieten wie Finnland oder dem Balkan mit Curzio Malaparte unterwegs, der seinerseits für den „Corriere della Sera“ berichtete. In seinem Roman „Kaputt“ erwähnt Malaparte einmal das Redaktionsgebäude von „Curentul“ in Bukarest, wo mein Vater eine Zeit lang geschäftsführender Redakteur gewesen war.

Malaparte und mein Vater griffen bei ihrer Arbeit auch zu ungewöhnlicheren Methoden. So waren sie in Jugoslawien mit einem Beobachtungsballon unterwegs, der aber in einem Feld notlanden musste. Dort hatten sich Partisanen versteckt, denn Malaparte und mein Vater entdeckten ein offenbar fluchtartig verlassenes Lagerfeuer, auf dem noch Hähnchen brutzelten. Ausgehungert wie die Journalisten waren, ergriffen sie die Chance und aßen alles auf.

Donnerstag, 22. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (22) und die CIA, die selbst meinen Bruder Dinu im Blick hatte

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Bruder Dinu Popa war Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre Kommunist oder sympathisierte zumindest mit ihnen. In der von meinen Eltern für meine beiden älteren Brüder angemieteten Wohnung um die Ecke in der Wilhelm-Düll-Straße 1 unterhielt er eine am Boden sitzende Lesegruppe, in der man gemeinsam „Das Kapital“ von Karl Marx studierte, während ich gelegentlich daneben saß.

Es dürfte auch kein Zufall gewesen sein, dass er zeitweise an der Ludwig-Maximilians-Universität Chinesisch studierte.

Und eines Tages hat er offenbar vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat an der Königinstraße gegen die Amis demonstriert und dabei auch Tomaten auf das Gebäude geworfen. Es wird wohl, wie bei unserer Diskussion daheim in diesen Jahren, um den Vietnamkrieg gegangen sein.

Dieser Demobesuch blieb nicht unbemerkt. Die CIA fotografierte meinen Bruder nicht nur, sondern scheint ihn auch identifiziert zu haben. Denn am Arbeitsplatz meines Vaters, dem erst Anfang der 1970er Jahre der Aufsicht durch die CIA entzogenen Sender Radio Free Europe, wurde meinem Vater ein Foto meines demonstrierenden Bruders gezeigt. 

Ausgerechnet bei der Trauerfeier für meinen Bruder Dinu im Januar 2025 hielt dann ein Exilrumäne eine flammende Rede, in der er meine Familie als antikommunistische Elite gefeiert wurde, was bei jedem anderen Anlass ein Grund zum Lachen gewesen wäre.

Dienstag, 20. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
 
Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das vom faschistischen Diktator General Ion Antonescu geführte Rumänien zu den Achsenmächten. Das war im Ersten Weltkrieg noch anders gewesen. Da kämpfte Rumänien in der Entente an der Seite Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland und Italien, worauf es von den Deutschen besetzt wurde. Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, der über seine Kriegserlebnisse eine Bestseller-Triologie geschrieben hatte, erzählte mir Jahrzehnte später mit größtem Bedauern, dass er damals einen bayerischen Gebirgsjäger erschossen hätte. Der Deutsche hatte seine Arme hoch gerissen, um sich zu ergeben. Aber bis mein Opa das begriff, hatte er schon reflexhaft abgedrückt.

Am 23. August 1944 stürzte der junge König Mihai I. in einem Staatsstreich den Militärdiktator Antonescu und Rumänien wechselte an die Seite der Allierten. Daraufhin wurden die rumänischen Diplomat*innen in Berlin und Wien, sowie weitere Journalist*innen und Künstler*innen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, interniert.

Drei Tage und Nächte lang sollen sie im Zugwaggon unterwegs gewesen sein, ohne zu wissen, wohin man sie bringt. Mein Vater, seine erste Ehefrau Hortensia und ihre wenige Monate alte Tochter kamen mit der „diplomatischen Austauschgruppe“ ins niederschlesische Krummhübel (auf Polnisch Karpacz), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie am Rande von Rübezahls Riesengebirge das Haus Brandenburg bezogen.

Weitere Bewohner in den Häusern Brandenburg und Brodtbaude waren der Dichter Vintilă Horia mit seiner Frau Olguța, der Maler Eugen Drăguţescu, der Dirigent Ionel Perlea, der Opernsänger Tomel Spataru, Viorel Gligore, Arzt an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, Hildegard Marie Praglowski vom Generalkonsulat in Wien, Maria Panteli, Henry Holban, Bucur Ţincu, Darascu Padureanu, Ioan Enescu. (Es fielen auch die Namen Silvestri und Solaculu). Manche sprachen von der Elite Rumäniens.

Ein Teil der rumänischen Austauschgruppe kam im benachbarten Brückenberg ins Haus Ermel.

In den Arolsen Archives findet sich eine Akte mit „Gesuchen von rumänischen Internierten (diplomatische Austauschgruppen) an das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes um die Erlaubnis der Übermittlung von Nachrichten an ihre Angehörigen“ in Rumänien. 

Der darin auftauchende Ion Popa war aber wohl nur ein Namensvetter, da er in Brașov ansässig war, mein Vater dagegen in Bukarest.

Auch wenn Krummhübel das Außenlager eines Konzentrationslagers war, wurde die rumänische Gruppe deutlich besser behandelt als die übrigen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter*innen. Sie sollten nicht vernichtet, sondern nur interniert werden. Wie man auf dem Foto sieht, behielten sie ihre Garderobe. Mangels Weihnachtsdekoration sollen die rumänischen Lagerinsass*innen zu Heiligabend 1944 ihren Christbaum mit ihren eigenen Juwelen und Schmuckstücken verziert haben.

Für meine Schwester bastelte man als Geschenk an ihrem ersten Weihnachsfest eine Mappe, die ein ihr gewidmetes Weihnachts- und Heimatgedicht Horias und zwei Porträtzeichnungen aus der Hand Drăguţescus enthielt.

Mein Vater und seine Familie blieben im Lager, bis sie von den Russen im Frühjahr 1945 befreit wurden. Vintilă Horia scheint zuvor ins österreichische Mariapfarr verlegt worden zu sein, wo ihn die Briten befreiten.

Doch auch wenn die Lagerbedingungen vergleichsweise gut gewesen zu sein scheinen, traumatisierten sie meinen Vater. Als er Jahrzehnte später im Krankenhaus war, triggerte der Umgang mit dem deutschen Arzt- und Pflegepersonal Ängste aus der KZ-Zeit.

Samstag, 10. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (10): In absentia

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Asylland meiner Eltern, Brüder und auch von mir  – trotz meiner Geburt in München – war viele Jahrzehnte Frankreich. Selbst nach dem Umzug zu Radio Freies Europa in München behielten meine Eltern und wir Kinder als Staatenlose und politische Flüchtlinge lange Zeit den französischen Tître de Voyage.

Zuständig war aufgrund des deutschen Wohnsitzes nunmehr die Préfecture administrative de la région Grand Est et du Bas-Rhin in Straßburg. Regelmäßig fuhren wir alle dorthin. Der Sender übernahm die Bahnfahrt 1. Klasse und zahlte uns auch das Hotel.

In Straßburg hatte ich als Kind meinen ersten Rausch. Wir waren mittags in einem Restaurant essen, und ich hatte so viel Cola getrunken, dass ich plötzlich zu lachen anfing und es nicht mehr abstellen konnte. Mein Bruder Dinu musste mit mir vor die Tür, bis sich der Anfall wieder legte.

Das Straßburg der 1960er- und 1970er-Jahre ist nicht mit dem aufgebrezelten Strasbourg der Gegenwart zu vergleichen. Der Bahnhof war noch nicht in eine pseudomoderne Plexiglashülle gewandet und die ganze Stadt, ob Straßen oder Kanäle, war etwas heruntergekommen, Ratten allgegenwärtig. Aber ich mochte die Stadt. So sehr, dass ich später, 1999, gerne für ein Jahr dorthin gezogen bin.

Zu meinem 14. Geburtstag änderte sich plötzlich die Routine. Ich sollte allein nach Strasbourg fahren, um meinen Konventionspass zu verlängern, dessen Gültigkeitsdauer wohl in dem Jahr von der meiner Eltern abwich. Der Sender zahlte wieder Bahnfahrt und dasselbe Hotel wie jedes Mal, aber eben nur für mich. Und so reiste ich allein nach Frankreich.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich überhaupt Französisch gelernt hatte. Rumänisch ist meine Muttersprache, denn daheim sprachen wir nur das. Deutsch hatte ich mit ungefähr drei Jahren auf den Straßen in Gern gelernt. Mein erstes Wort soll Polizei gewesen sein. In Kindergarten und Schule perfektionierte ich dann meine Kenntnisse.

Als ich noch ein kleines Kind war, wechselten meine Eltern ins Französische, wenn ich ihre Unterhaltung nicht verstehen sollte. Am Wittelsbacher-Gymnasium fing ich erst 1975 in der 9. Klasse, also im Alter von 14 Jahren, mit dem Französisch-Unterricht an, aber da konnte ich es längst.

Irgendwie haben die jährliche Aufenthalte mit meinen Eltern in Paris und Straßburg, die daheim herumliegenden französischen Zeitungen und Zeitschriften sowie der Umstand, dass daheim der französische Sender Europe 1 ständig lief, mir die Sprache eingetrichtert.

Auch Behördengänge waren mir nicht fremd, hatte ich diese doch schon jahrelang für meine Eltern übernommen, wenn auch nur in München, und auf Deutsch.

So stand ich nun 1975 in Strasbourg allein vor einem Beamten, der mir erklärte, dass mir Frankreich das Asyl aufkündigt, mir keinen neuen Reiseausweis für Flüchtlinge ausstellt, und ich also in deutsche Obhut wechseln würde.

Der Zweck dieser ganzen Reise war offensichtlich gewesen, diesen Verwaltungsakt an mir persönlich durchführen zu können. Man könnte es auch ein abgekartetes Spiel nennen, wobei meine Eltern nichts davon geahnt haben dürften, sonst hätten sie mich vorgewarnt. Wir waren zwar eine dysfunktionale Familie und nicht sonderlich gut darin, untereinander zu kommunizieren, aber wir logen uns nicht an.

Nicht weniger merkwürdig und genauso länderübergreifend war es sieben Jahre später, als mein Vater starb. Meine Mutter war nach Paris gereist, ich sollte ihr folgen. Vormittags hatte mein Vater mir noch zu Hause das Frühstück gemacht, dann flog ich auch nach Paris. Wir hausten in der Wohnung einer Freundin meiner Mutter, im roten Vorstadtgürtel von Paris.

Ich war abends aus gewesen, und als ich nach Hause kam, saßen meine Mutter und eine Freundin mit ernsten Mienen da. Ich sagte „Oh, Scheiße“, mir war sofort klar, dass mein Vater gestorben war.

Einer meiner Brüder organisierte sofort für den nächsten Morgen ein Flugticket, damit meine Mutter nach München zurückkehren konnte. Ich dagegen sollte am Flughafen versuchen, meinen ursprünglichen Rückflug eine Woche später umzubuchen, damit ich gemeinsam mit meiner Mutter einchecke.

Natürlich hat das nicht geklappt. Weder ich, noch meine Mutter hatten Geld, um auf eigene Kosten ein Ticket für mich zu erstehen. Und so flog meine Mutter allein nach München, während ich mit meinem Gepäck in die  Wohnung zurückkehrt bin. Ich blieb die volle Woche in Paris, und es war ein merkwürdiger Zustand, einerseits zu trauern, andererseits aber ins Kino zu gehen, Konzerte zu besuchen und all das zu tun, was ich mir für Paris vorgenommen hatte.

Ich kam gerade noch rechtzeitig für die Trauerfeier am Westfriedhof zurück und hatte mich dennoch nie wirklich von meinem Vater verabschieden können.

Über vierzig Jahre später erreichte mich dann in München das Gerücht, dass mein Vater Suizid begangen hätte. Ein Freund meiner Brüder behauptete es. Ich kann es mir nicht vorstellen, so, wie ich ihn in seinen letzten Wochen erlebt hatte. Und es zirkulierten über uns auch immer die unsinnigsten Gerüchte in unserem deutschen Umfeld. Etwa, dass ich von Personenschützern zur Schule begleitet worden wäre, weil mein Vater ein wichtiger Dissident gewesen sei. Aber was weiß ich schon.


 


Donnerstag, 8. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (8), seine Anfänge bei Radio Freies Europa und meine vermeintliche Zeugung bei den Olympischen Spielen in Rom

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Im April 1951, wohl nach seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Israel, ist mein Vater Ion Popa in Paris als Flüchtling rumänischer Herkunft anerkannt worden, wobei das Dokument der Organisation Internationale pour les Réfugiés auf Ioan Popa ausgestellt wurde.

Das früheste Foto, auf dem meine Eltern Ion und Florica Popa gemeinsam zu sehen sind, stammt aber laut der rückseitigen Beschriftung bereits von 1950. Ich weiß nicht, wann und wo sie sich kennengelernt haben. Laut meinem Bruder Dinu sei es im Pariser Atelier des rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși gewesen. Brâncuși war 1903 zu Fuß von Rumänien über München nach Paris gewandert und hatte sich dann dort 1904 niedergelassen. Seine Ateliers waren nicht nur für die Pariser Künstlerszene, sondern auch für die rumänische Community ein Treffpunkt.

Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, wie auch der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Jean Dragesco, kannten Brâncuși nachweislich (1, 2). Es ist aber für mich kaum vorstellbar, dass meine Eltern sich nicht bereits früher andernorts begegnet waren. Mein Großvater als Journalist, Regierungssprecher und Diplomat verkehrte sicherlich in denselben Kreisen wie mein Vater. Meine Mutter war zwar wohl aufgrund des Diplomatenlebens das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien gewesen, aber das schließt nicht aus, dass sich meine Eltern, mein 1913 geborener Vater und meine 1922 geborene Mutter, bereits in Berlin, Rom, Paris oder Vichy begegnet wären.

Geheiratet haben sie in der rumänisch-orthodoxen Kirche des Saints-Archanges in Paris-St. Germain, wo früher auch Brâncuși Messdiener gewesen war. Offenbar hatte sich die erste Ehefrau meines Vaters, Hortensia, nach seiner Flucht aus Rumänien in Abwesenheit von ihm scheiden lassen. Am 3. Oktober 1952 kam als erster Sohn Dinu zur Welt, im Jahr darauf mein zweiter Bruder. Finanziell ging es meinen Eltern im Exil so schlecht, dass beide Kinder im Pariser Armenkrankenhaus Hôtel des Invalides geboren wurden. Meine Eltern hatten nicht einmal Geld, um zum Zahnarzt zu gehen, und meine Mutter, die mit Hauspersonal und Chauffeur aufgewachsen war und als junge Frau Maßgeschneidertes trug, fing an, sich ihre Kleider selbst zu schneidern.

Das Angebot, 1954 bei Radio Freies Europa in München anzufangen, war für meinen Vater der Ausweg aus der Armut. Dennoch blieb es ein Hin und Her zwischen Anstellung und Kündigung, München und Paris. 

Diese erste Anstellung als News Writer ab dem 22. Mai 1954 wurde mit monatlich 190 US-Dollar bezahlt. Der Sender übernahm die Unterbringung in einem Hotel oder einer Pension sowie die Reisekosten für die gesamte Familie. Da mein Vater weiterhin in Frankreich polizeilich gemeldet blieb, fielen keine Steuern oder Sozialabgaben in Deutschland oder den USA an. Die Familie war in dieser Zeit aber auch noch nicht über den Arbeitgeber krankenversichert. Adressiert war das vom European Director Richard J. Condon unterzeichnete Schreiben vom 25. Mai 1954 an meinen Vater im Park Hotel, Maximiliansplatz.

Am 6. Juli 1954 erhielt meine offenbar mitgereiste Mutter ihre Aufenthaltserlaubnis. Wohnhaft war sie in der Pension Elisabeth in der Schwabinger Jakob-Klar-Straße. 

Aber zehn Tage später kündigte mein Vater bereits wieder seine Redaktionsstelle bei Radio Freies Europa von einem Tag auf den anderen während der Probezeit.

Offensichtlich kehrte die Familie nach Paris zurück, weil mein Vater sich 1955 dort einen Presseausweis ausstellen ließ.

Am 13. April 1955 schrieb dann der Personalmanager Francis W. Erickson meinem Vater, dass eine Stelle als Romanian Researcher bei Radio Free Europe im News and Information Service ausgeschrieben worden sei und bot ein Vorstellungsgespräch an. Das Jahresgehalt betrug 1750 US-Dollar, also rund 146 US-Dollar im Monat und damit weniger als im Vorjahr.

Offensichtlich war das Vorstellungsgespräch gut verlaufen, so es überhaupt eins gab, denn bereits am 21. April 1955 begann mein Vater für 145 US-Dollar im Monat erneut bei Radio Free Europe zu arbeiten. Der Sender übernahm wieder die Reise- und Unterbringungskosten, aber keine Krankenversicherung.

Am 28. November 1955 wurde mein Vater dann versetzt. War er bislang Researcher im Bereich Evaluation & Resarch des News and Information Service gewesen, wurde er nun Editor Writer im Romanian Desk. Einen Monat später gab es eine Gehaltserhöhung von 145 auf 235 US-Dollar im Monat.



Zum Jahreswechsel gab es eine Danksagung von Noël Bernard, dem damaligen Leiter der rumänischen Redaktion.

Drei Jahre später erfolgte durch den Personalchef Donald L. Hershey die Beförderung meines Vaters zum Editor, also Redakteur, samt einer Gehaltserhöhung von inzwischen monatlich 263 auf 288 US-Dollar. Zudem gab es eine jährliche GFSA von 600 US-Dollar.  

Die Pariser Wohnung in der 6, rue Albert Samain existierte aber fort, denn am 18. Oktober 1958 ließ sich meine Mutter auf die Adresse einen französischen Führerschein ausstellen. Vermutlich handelte es sich dabei um die Wohnung meiner Großeltern und Angele „Maia“ Dragu, denn meine Mutter gab bereits 1944 dieselbe Adresse als Schülerin bei der École du Louvre an und ihr Bruder Jean Dragesco 1946 auf einer Visitenkarte

Im Grunde war mein Vater immer Journalist im Politik-Ressort gewesen, weshalb auch ich als Journalist mich lange Zeit geweigert habe, mich im selben Ressort zu betätigen, und lieber über die „schönen Dinge des Lebens“ schrieb. Deshalb kam für mich auch Radio nie in Frage. Ich wollte meine eigenen Wege gehen. 

In seinen Anfängen bei Radio Freies Europa soll er aber im Sport-Ressort angesiedelt gewesen sein, wie er mir erzählte. Aus den mir vorliegenden schriftlichen Unterlagen lässt sich das nicht konkretisieren. News sind News, ob Sport oder Politik. Er war aber auf jeden Fall 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom. Und meine Mutter hat ihn dort offenbar besucht oder die ganze Zeit begleitet, denn dort soll ich gezeugt worden sein. Was rechnerisch aber nicht ganz hinhaut, wenn die Spiele Ende August 1960 begannen, ich aber bereits Ende März 1961 geboren wurde.

Die ersten Monate 1954 bei Radio Freies Europa scheinen nicht angerechnet worden zu sein, denn für seine 10-jährige Betriebszugehörigkeit erhielt mein Vater erst 1965 eine Urkunde.

Zum 25-jährigen Bestehen der rumänischen Abteilung bei Radio Freies Europa gab es am 29. Oktober 1976 ein Stehrumchen im Studio 22 des Senders, zu dem der Direktor Albert E. Hemsing auf Rumänisch einlud.Die offizielle Postanschrift hatte sich inzwischen von One English Garden zu einem wesentlich profaneren Oettingenstraße 67 am Englischen Garten geändert. Unter Englischer Garten 1a firmiert heute die Orangerie, unter der Hausnummer 3 der Biergarten am Chinesischen Turm. 

Am 1. Januar 1978, im Alter von 65 Jahren, ging mein Vater schließlich in den Ruhestand. Zum Abschied schrieb ihm am 8. Februar 1978 noch einmal Noël Bernard, der zwischendurch 1958 den Sender verlassen hatte, aber 1965 oder 1966 wieder als Leiter der rumänischen Redaktion zurückgekehrt war. 
Bernard starb 1981 unter mysteriösen Umständen, ein Jahr vor meinem Vater. Flori Bălănescu und Cristian Troncotă weisen in „România 1945–1989, Enciclopedia Regimului Comunist – Represiunea“, Vol. I, A–E, Bucureşti 2011, darauf hin, dass drei Leiter der rumänischen Abteilung: Noël Bernard 1981, Mihai Cismărescu 1983 und Vlad Georgescu 1988 an Krebs gestorben sind, und vermuten, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen die Krankheit ausgelöst hätte.