Dienstag, 10. Februar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (36) und das Schicksal, vergessen worden zu sein
Montag, 9. Februar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (35) und die griechische Frage
Laut seinen Ausweispapieren hieß er Ion Popa, manche Quellen nennen ihn Ioan, selbst bei seinem Pseudonym im Sender Freies Europa, Ion Măgureanu, behielt er seinen angestammten Vornamen.
Doch wir alle riefen ihn immer nur Iani.
Nun sind Spitznamen eine rumänische Manie. Unter unseren Verwandten und Bekannten wurden oft statt der Taufnamen kindliche Rufnamen genutzt: Gigi, Coca,Ţuţi, Maia, Pusy, Bobbie – die allesamt nichts mit dem eigentlichen Vornamen zu tun hatten.
Und dann gibt es natürlich abgekürzte Vornamen, wie bei meiner Mutter Rica statt Florica, oder Diminuitive wie bei meinem Großvater Ionel statt Ion bzw. Ioan.
Aber es kommt ausgesprochen selten vor, dass man eine ausländische Form des ursprünglich rumänischen Vornamens wählt.
Was machte nun meinen Vater zu Iani, dem Griechen?
Die harmloseste und zugleich am wenigsten glaubwürdige Erklärung soll mein Vater selbst erzählt haben. Schon als Kind soll er zu Jähzorn geneigt haben. Und wenn seine Eltern ohne ihn und seine Geschwister weggehen wollten, soll er sich wutentbrannt auf den Boden geworfen und gebettelt haben: „Ia-ne, ia-ne și pe noi“. Nehmt uns, nehmt uns auch mit! Aus dem Ia-ne, nehmt uns, wäre sein Spitzname Iani entstanden.
Glaubwürdiger ist die These, dass eine reiche Griechin, bei der seine Mutter Ecaterina möglicherweise arbeitete, seine Taufpatin gewesen sei. Meine Schwester erwähnt da Urania Polatos, zu der man tatsächlich auch Informationen online findet. Ihr Vater Anton Polatos war ein reicher Bäcker in Focșani und einer ihrer Brüder hieß auch Iani. Die Familie scheint dann aber 1914, ein Jahr nach der Geburt meines Vaters pleite gegangen zu sein. Für die Taufpaten-Version würde auch sprechen, dass eine weitere Schwester meines Vaters, Pusy, auf den ebenfalls griechischen Namen Polixenia getauft worden war.
Als grenznahe Handelsstadt war Focșani Anfang des 20. Jahrhunderts Wohnort vieler griechischer Bänker und Kaufleute.
Eine Cousine von mir hat wiederum gehört, dass es in unserer Familie einen griechischen Ahnen gegeben hätte. Dass aber auch ein Familienmitglied adoptiert worden sei.
Als ich in den 1990er-Jahren erstmals in Bukarest zu Besuch war, erzählte man mir wiederum eine ganz andere Geschichte. Der tatsächliche Vater meines Vaters sei nicht Ecaterinas Ehemann Ignat gewesen, sondern ein griechischer Bojar, ein Großgrundbesitzer in Focșani. Er hätte meinem Vater auch das Studium in Iași finanziert, wo mein Vater Latein und Altgriechisch studierte. Zur Uni begleitet hätte meinen Vater sein Halbbruder, der legitime Sohn des Griechen, der zugleich auch der beste Freund meines Vaters gewesen wäre.
Sonntag, 8. Februar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (34) und die goldene Uhr zum Ruhestand
Als mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu 1978 bei Radio Freies Europa nach 24 Jahren in den Ruhestand trat, gab es nicht nur einen Abschiedsbrief von seinem Chef Noël Bernard, sondern auch eine goldene, na ja, goldfarbene Uhr sowie 30.000 Mark.
Da mein Vater, soweit ich mich zurückerinnere, nie eine Uhr trug, gab er sie mir. Es war eine Seiko, mit einer Gravur auf der Rückseite, an deren Wortlaut ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Ich selbst besaß zuvor und danach auch nie eine Armbanduhr, aber diese trug ich, bis sie ihren Geist aufgab.
Die 30.000 Mark teilte mein Vater gleichmäßig unter seinen drei Söhnen auf. Ich legte meine 10.000 DM bei der Bank für Gemeinwirtschaft in Sparbriefe an und finanzierte damit vor allem Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre meine Reisen nach Paris.
Samstag, 7. Februar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (33) und Szenen einer Ehe
Eine kurze Zeit übernachtete mein Vater auch in den Räumen in der Wilhelm-Düll-Straße 1, die sie ursprünglich für meine beiden großen Brüder angemietet hatten. Und ich meine mich erinnern zu können, dass er auch mal schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße 16 a eine kleine Wohnung nutzte: In der Tizianstraße 63, im selben Haus, wo sein Arzt Dr. Willkomm eine Praxis hatte.
So lange ich mich zurückerinnern kann, stritten sie. Sie schrieen sich an, Geschirr wurde zertrümmert, sie lebten mehr aneinander vorbei, denn miteinander. Es war, so lange ich mich zurückerinnern kann, keine glückliche Ehe.Main Vater sagte einmal voraus, dass meine Mutter sich, sobald er tot war, darüber beschweren würde, dass die Trauerfeier so früh am Morgen begänne. Und tatsächlich war es dann auch so.
Und es mag kein Zufall sein, dass wir drei Söhne, die aus dieser Beziehung hervorgegangen sind, allesamt keine Kinder haben und dieser Familienzweig mit uns aussterben wird.
Sonntag, 1. Februar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (32) und die Kunst, eine Krawatte zu binden
Und so habe ich, neben den bereits erwähnten eher theoretischen Dingen, als Kind von ihm auch gelernt, wie man eine Krawatte bindet.
Ich bin zwar, wie meistens mit meinen Händen, nicht sonderlich geschickt darin und brauche es nur alle ein, zwei Jahre mal, da ich äußerst ungern einen Schlips anlege. Aber ein einziges Mal gezeigt und irgendwie doch nie mehr vergessen.Samstag, 31. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (31) und das Capșa
Freitag, 30. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (30) und unsere Flugreise nach Zürich
Donnerstag, 29. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (29) und seine Abscheu vor dem Münchner Hauptbahnhof
Mittwoch, 28. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (28) und die Bombardierung von Dresden
Dienstag, 27. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (27) Ion Popa alias Ion Măgureanu und Noël Bernard bei Radio Freies Europa
Montag, 26. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (26), den 54er-Bus und die Tramlinien 4, 20 und 22
Sonntag, 25. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (25) als Raucher
Samstag, 24. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (24) und die italienischen Verhältnisse
Freitag, 23. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (23) Ion Popa, Curzio Malaparte und wie sie ein Partisanenlager plünderten
Donnerstag, 22. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (22) und die CIA, die selbst meinen Bruder Dinu im Blick hatte
Dienstag, 20. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen
Samstag, 10. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (10): In absentia
Donnerstag, 8. Januar 2026
Erinnerungen an meinen Vater (8), seine Anfänge bei Radio Freies Europa und meine vermeintliche Zeugung bei den Olympischen Spielen in Rom
Das früheste Foto, auf dem meine Eltern Ion und Florica Popa gemeinsam zu sehen sind, stammt aber laut der rückseitigen Beschriftung bereits von 1950. Ich weiß nicht, wann und wo sie sich kennengelernt haben. Laut meinem Bruder Dinu sei es im Pariser Atelier des rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși gewesen. Brâncuși war 1903 zu Fuß von Rumänien über München nach Paris gewandert und hatte sich dann dort 1904 niedergelassen. Seine Ateliers waren nicht nur für die Pariser Künstlerszene, sondern auch für die rumänische Community ein Treffpunkt.









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