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Mittwoch, 21. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (21) und das kyrillische Rumänisch

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Schriftsprache war Kirchensprache. Und die orthodoxen Nationen nutzten im Unterschied zu den Katholiken nicht das lateinische Alphabet, sondern die aus dem Phönizischem abgeleiteten griechischen oder kyrillischen Schriftsysteme. So auch Rumänien seit dem 16. Jahrhundert, obwohl es sich bei Rumänisch nicht um eine slawische Sprache handelt, sondern um eine romanische.

Erst Mitte der 1860er-Jahre wurde das rumänisch-kyrillische Alphabet – nach einer Zwischenphase mit einem Übergangsalphabet, das Buchstaben beider Schriften enthielt – durch die lateinischen Schrift abgelöst. Doch die kyrillische Schrift blieb vereinzelt bis in die 1920er-Jahre in Gebrauch.

Und mein 1913 geborener Vater Ion Popa erzählte, dass er als Kind im westmoldauischen Focșani gelernt hat, noch auf Kyrillisch zu schreiben.

(Foto: Anton Panns „Bazul teoretic și practic al muzicii bisericești sau Gramatica melodică“, 1845, via Wikipedia)

Dienstag, 20. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
 
Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das vom faschistischen Diktator General Ion Antonescu geführte Rumänien zu den Achsenmächten. Das war im Ersten Weltkrieg noch anders gewesen. Da kämpfte Rumänien in der Entente an der Seite Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland und Italien, worauf es von den Deutschen besetzt wurde. Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, der über seine Kriegserlebnisse eine Bestseller-Triologie geschrieben hatte, erzählte mir Jahrzehnte später mit größtem Bedauern, dass er damals einen bayerischen Gebirgsjäger erschossen hätte. Der Deutsche hatte seine Arme hoch gerissen, um sich zu ergeben. Aber bis mein Opa das begriff, hatte er schon reflexhaft abgedrückt.

Am 23. August 1944 stürzte der junge König Mihai I. in einem Staatsstreich den Militärdiktator Antonescu und Rumänien wechselte an die Seite der Allierten. Daraufhin wurden die rumänischen Diplomat*innen in Berlin und Wien, sowie weitere Journalist*innen und Künstler*innen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, interniert.

Drei Tage und Nächte lang sollen sie im Zugwaggon unterwegs gewesen sein, ohne zu wissen, wohin man sie bringt. Mein Vater, seine erste Ehefrau Hortensia und ihre wenige Monate alte Tochter kamen mit der „diplomatischen Austauschgruppe“ ins niederschlesische Krummhübel (auf Polnisch Karpacz), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie am Rande von Rübezahls Riesengebirge das Haus Brandenburg bezogen.

Weitere Bewohner in den Häusern Brandenburg und Brodtbaude waren der Dichter Vintilă Horia mit seiner Frau Olguța, der Maler Eugen Drăguţescu, der Dirigent Ionel Perlea, der Opernsänger Tomel Spataru, Viorel Gligore, Arzt an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, Hildegard Marie Praglowski vom Generalkonsulat in Wien, Maria Panteli, Henry Holban, Bucur Ţincu, Darascu Padureanu, Ioan Enescu. (Es fielen auch die Namen Silvestri und Solaculu). Manche sprachen von der Elite Rumäniens.

Ein Teil der rumänischen Austauschgruppe kam im benachbarten Brückenberg ins Haus Ermel.

In den Arolsen Archives findet sich eine Akte mit „Gesuchen von rumänischen Internierten (diplomatische Austauschgruppen) an das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes um die Erlaubnis der Übermittlung von Nachrichten an ihre Angehörigen“ in Rumänien. 

Der darin auftauchende Ion Popa war aber wohl nur ein Namensvetter, da er in Brașov ansässig war, mein Vater dagegen in Bukarest.

Auch wenn Krummhübel das Außenlager eines Konzentrationslagers war, wurde die rumänische Gruppe deutlich besser behandelt als die übrigen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter*innen. Sie sollten nicht vernichtet, sondern nur interniert werden. Wie man auf dem Foto sieht, behielten sie ihre Garderobe. Mangels Weihnachtsdekoration sollen die rumänischen Lagerinsass*innen zu Heiligabend 1944 ihren Christbaum mit ihren eigenen Juwelen und Schmuckstücken verziert haben.

Für meine Schwester bastelte man als Geschenk an ihrem ersten Weihnachsfest eine Mappe, die ein ihr gewidmetes Weihnachts- und Heimatgedicht Horias und zwei Porträtzeichnungen aus der Hand Drăguţescus enthielt.

Mein Vater und seine Familie blieben im Lager, bis sie von den Russen im Frühjahr 1945 befreit wurden. Vintilă Horia scheint zuvor ins österreichische Mariapfarr verlegt worden zu sein, wo ihn die Briten befreiten.

Doch auch wenn die Lagerbedingungen vergleichsweise gut gewesen zu sein scheinen, traumatisierten sie meinen Vater. Als er Jahrzehnte später im Krankenhaus war, triggerte der Umgang mit dem deutschen Arzt- und Pflegepersonal Ängste aus der KZ-Zeit.

Montag, 19. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (19) Ion Popa und das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater öfters ferngesehen hätte. Das war eher die Domäne meiner Mutter, während mein Vater lieber am Radio hing, das den ganzen Tag lief und Nachrichten lieferte.

Eines Abends war aber ein rumänisches Folklore-Ensemble in einer deutschen Fernsehshow zu Gast. (In meiner vagen Erinnerung war es Wim Thoelkes „Der große Preis“, aber das Format scheint eher keine solchen Programmelemente ausgestrahlt zu haben.)

Mein Vater schaute sich den Auftritt an. Und es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah.


Sonntag, 18. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (18) Ion Popa und seine moldauischen Wurzeln

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Obwohl in München geboren, habe ich mich immer als Rumäne gefühlt, weil meine Eltern mit mir nur Rumänisch sprachen, sie mich rumänisch-orthodox getauft hatten, und ich laut den Ausweispapieren ein staatenloser Flüchtling rumänischer Herkunft war. Und selbstverständlich betonten wir gerade in München immer, richtige Rumänen zu sein und nicht etwa Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben oder irgendwelche anderen Deutsch-Rumänen.

Der moderne rumänische Staat entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Fürstentümer Walachei und Moldau. Natürlich wusste ich, dass mein Vater in der westlichen Moldau geboren wurde und in der früheren Hauptstadt des Fürstentums Moldau, in Iași studiert hatte. Meine Mutter dagegen war zwar zufällig im siebenbürgischen Cluj geboren, war aber in der Walachei verwurzelt und wuchs in Bukarest und Craiova auf.

Moldau, Walachei, für mich war das alles eine Nation. Bis ich nach der Revolution Anfang der 1990er-Jahre erstmals nach Rumänien reisen durfte. Bei meinen Recherchen in Bukarest für einen Reiseführer wollte ich mich in einem Hotel nach den Zimmerpreisen erkundigen und fragte auf Rumänisch nach dem Preis für ein Zimmer, eine odaie. Man verstand mich nicht, denn odaie ist offenbar ein eher moldauisches Wort für Zimmer, angelehnt an die entsprechenden türkischen und bulgarischen Begriffe, während man in der Walachei oder auf Hochrumänisch cameră sagt. Der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu schrieb zwar: 

„Căci perdelele-ntr-o parte când le dai, și în odaie
Luna varsă peste toate voluptoasa ei văpaie,“

In der Übersetzung von Laurent Tomaiagă 1943:

„Hat man aber die Gardinen im Gemach beiseit’ geschoben,
Giesst der Mond dann über alles wonnevoll die Glut von oben“

Aber Eminescu stammt eben auch aus dem westmoldauischen Ipotești.

Das war das erste Mal, dass ich mir meiner moldauischen Wurzeln bewusst wurde. Inzwischen bekenne ich mich offensiv dazu, indem ich auf meiner rechten Hand Capul de bour, den Ochsenkopf, die erste moldauische Briefmarke von 1856, als Tätowierung trage.

Samstag, 17. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (17) Ion Popa und warum er uns Söhnen die Initialen D.P. für Displaced Person verpasste

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

Mein Vater Ion Popa hat mehr Zeit im Exil verbracht, als in seiner rumänischen Heimat. Dennoch blieb er durch und durch Rumäne. Wir sprachen daheim nur Rumänisch, sind  – wie mein Bruder Dinu auf dem Foto – rumänisch-orthodox getauft worden und hatten zwar keine rumänischen Pässe, waren aber staatenlose, politische Flüchtlinge rumänischer Herkunft, obwohl meine beiden Brüder in Paris geboren sind und ich in München. In meinem Falle lag der ererbte Status nahe, denn Deutschland setzt auf das ius sanguinis, die Staatsangehörigkeit qua Abstammung.

In Frankreich gilt aber wie in Großbritannien oder den USA das ius soli, das Recht des Geburtsortes. Wer in Frankreich geboren wurde, war Franzose. Vorausgesetzt, die Eltern entscheiden sich dafür – oder bei Erreichen der Volljährigkeit man selbst. Mein Vater lehnte das ab, und so wuchsen meine Brüder trotz ihres Anspruchs staatenlos auf, mit einem weitgehend nutzlosen Konventionspass für staatenlose Flüchtlinge.

Und natürlich wurden wir alle drei in der rumänisch-orthodoxen Église des Saints-Archanges in Paris-St. Germain getauft. In meinem Fall bedeutete es, dass ich nach meiner Geburt in der Münchner Geisenhofer Frauenklinik, vis-à-vis von Radio Freies Europa am Englischen Garten, bereits im zarten Alter von sechs Monaten meine erste Reise antrat. Nach Paris, um getauft zu werden.

Uns Brüder verbindet nicht nur die rumänische Muttersprache und die orthodoxe Taufe, wir drei, 1952, 1953 und 1961 Geborenen tragen auch alle dieselben Initialen: D. P. Mein Vater entschied sich bewusst für Vornamen, die daran erinnern sollten, dass seine nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Kinder D. P. sind, displaced persons.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (14) Ion Popa und seine Schwester Vasilica Balaban

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Stammt mein Vater nun aus der Kreisstadt Focșani oder dem dörflichen Vereşti? Die Angaben dazu weichen voneinander ab. Doch seinen Erzählungen zufolge vermutete ich immer eine eher ländliche denn städtische Herkunft. Andererseits lebten seine Mutter und zwei seiner Geschwister, seine Schwester Vasilica Balaban und sein Bruder Dumitru („Mitică“), laut der Securitate nach dem Krieg in Focșani, während Polixenia („Pusy“) offenbar wie mein Vater zwischen den Weltkriegen nach Bukarest gezogen und dort verheiratet war. 

Meine Halbschwester Anka betont, dass sich die Securitate auch mal irren konnte, und mein Vater definitiv in Focșani geboren war.

Als einzige der Geschwister meines Vaters hat Vasilica uns einmal im Münchner Exil Anfang der 1970er-Jahre besucht. Und sie stammte für mich eindeutig vom Land. Andererseits: Was weiß ich von den Lebensbedingungen in einer rumänischen Kreisstadt zu dieser Zeit?Jedenfalls sah Vasilica am Stachus zum ersten Mal in ihrem Leben eine Rolltreppe.

Und auf dem Klo hielt sie es, wie sie es offenbar von daheim gewohnt war. Sie warf das benutzte Toilettenpapier nicht ins Klo, sondern durch das kleine Fenster auf den Balkon.

Wir Brüder machten uns darüber lustig, was meinen Vater sehr aufregte. Er hatte zu Recht wenig Verständnis für unsere städtische Arroganz.

Sonntag, 11. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (11) Ion Popa, Pamfil Șeicaru und Joseph Goebbels

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

 
Pamfil Șeicaru. Der Name fiel oft bei uns daheim in der Münchner Tizianstraße. Gesehen, habe ich ihn nie. Und mein Vater hat ihn nie empfangen oder besucht, obwohl Șeicaru nach vielen Jahren im spanischen Exil 1975 in die Münchner Region gezogen war. Wobei mein Vater zumindest in meiner Erinnerung grundsätzlich keinen einzigen Menschen besuchte oder empfing, mit zwei Ausnahmen, seiner Schwester Vasilica und seiner Tochter Anka, wenn sie das kommunistische Rumänien mal für wenige Tage verlassen durften.

Pamfil Șeicarus 1923 geborene Tochter Ana Viorela (hier 1931 porträtiert von Nicolae Tonitza) habe ich dagegen oft getroffen, denn sie war eine der besten Freundinnen meiner 1922 geborenen Mutter. Regelmäßig besuchte Viorela Șeicaru meine Mutter Florica Popa in München. Und wann immer meine Mutter und ich in Paris waren, trafen wir uns mit ihr. Sie lebte mit Mann und Tochter, nunmehr als Viorela Vergne, in Paris und oft holten wir Viorela nach Feierabend in einer Parfümerie ab, in der sie entweder arbeitete oder die ihr vielleicht auch gehörte. Viorelas Tochter übernachtete auch einmal bei uns, als sie zu Besuch in München war. 

Viorela starb Anfang der 1980er-Jahre bei einem tragischen Unfall in Frankreich. Eine Wespe oder Biene war in ihr Auto eingedrungen, woraufhin sie die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. 

Ich weiß nicht, ob Viorela und meine Mutter sich über meinen Vater oder über meinen Großvater kennengelernt hatten. Mein Großvater mütterlicherseits, Ioan Dragu, hat mit Pamfil Șeicaru gemeinsam 1924 in der Gründungsredaktion der Tageszeitung „Cuvântul“ (Das Wort) gearbeitet. 1928 trat mein Großvater in den diplomatischen Dienst ein und wurde Presseattaché an der Botschaft in Warschau, während Șeicaru „Cuvântul“ 1927 verlassen hatte, um seine eigene Tageszeitung, „Curentul“ (Die Aktuelle), zu gründen. Wie Mircea Carp schrieb, war mein Vater dort später leitender Redakteur („secretar general de redacție“).

Das war nicht nur eine beliebige Tageszeitung in Bukarest und Pamfil Șeicaru keiner von vielen Blattmachern. Șeicaru gilt als einer der wichtigsten Journalisten Rumäniens aller Zeiten und „Curentul“ als technisch wie inhaltlich herausragende Tageszeitung, wobei inhaltlich in einem negativen Sinn.

Die Zeitung war 1928 von Șeicaru als Geschäftsführer und Chefredakteur gegründet worden und zog 1938 in einen futuristischen Palast in der Str. Eforie 5 um. (Nach dem Zweiten Weltkrieg soll hier laut MDR die Securitate residiert haben.) Das nationalistische Massenblatt stand politisch rechts, wird von vielen sogar als rechtsextrem eingestuft. Wobei Șeicaru laut Fănel Teodoraşcus 2010 veröffentlichten Artikel „The Newspaper Editorial Board, the Strength of the Journalistic Success (The Case of Curentul)“ seinen hoch bezahlten Redakteuren die Freiheit ließ, so ziemlich jede Meinung zu vertreten, von den faschistischen Ansichten der Eisernen Garde über liberale Standpunkte bis hin zu sozialistischen Thesen.

Technisch war man laut Teodoraşcu auf der Höhe: „Seicaru's financial strength became evident in 1936 when Curentul opened its own printing press, equipped with most modern printing techniques at the time. Pamfil Seicaru showed that, in 1939, at Curentul, he installed, in addition to the rotating Frankental, 18 linotypies manufactured in 1938 and also the last rotation model, created by MAN. »For that type only two copies were made, one for Prensa newspaper in Buenos Aires and another one for Curentul.«

Șeicaru mit seiner wortgewaltigen, aggressiven, gar pamphletischen Redaktionslinie wird angerechnet, die Presse als vierte Gewalt in Rumänien etabliert zu haben. Zugleich wird ihm aber vorgeworfen, Bestechung, möglicherweise durch die italienischen Faschisten und deutschen Nazis, und erpresserische Methoden gegenüber heimischen Politikern, Prominenten und Unternehmen in der rumänischen Presse etabliert zu haben. Der legendäre Historiker Nicolae Iorga soll Șeicaru einmal gefragt haben, ob es stimme, dass er jedes Stockwerk seines Verlagspalastes mit einer Erpressung finanziert habe. Im Rumänischen reimt sich auch Erpressung auf Stockwerk: şantajul und etajul. Șeicaru hätte erwidert, dass das Gebäude dann bis in den Himmel ragen müsste.

„His reputation of a blackmailer, appeared in the interwar period and reinforced in the Communist regime, overshadowed his journalistic achievements and compromised Curentul editorial board, built in the 16 years of activity“, schreibt Teodoraşcu über Șeicaru. In seiner sehr lesenswerten Studie „Germany's Empire in the East – Germans and Romania in an Era of Globalization and Total War“ hat David Hamlin dargelegt, dass die rumänische Presse bereits vor und während des Ersten Weltkriegs käuflich war: „A memorandum presumably drafted by Roselius in October 1914 suggested that a newspaper could, at lower cost, have the impact of an army corp. “ (…) „Newspapers that the Germans could not bribe were assumed to have been bought previously by the French and Russians. »It is an open secret that the publisher of the Bucharest newspaper Adverul had accepted a million franc bribe even before the outbreak of the war and that with very small exceptions all the Bucharest papers were paid for anti-German propaganda.«

1944 verließ Șeicaru für immer Rumänien. Manche Quellen sagen, der rumänische Außenminister hätte ihn mit einer diplomatischen Mission in Spanien beauftragt. Andere behaupten, er wäre aus Eigeninitiative über Deutschland nach Spanien geflohen. Jedenfalls gerade noch rechtzeitig, bevor König Mihai I. den faschistischen Dikator Ion Antonescu stürzte und Rumänien von den Achsenmächten zu den Alliierten wechselte. 

Șeicaru, inzwischen von Rumäniens Kommunisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt, blieb mehrere Jahrzehnte im spanischen Exil und wechselte schließlich 1974, ein Jahr vor Francos Tod, nach Bayern, zuerst nach München oder Karlsfeld und später nach Dachau. Währendessen begnadigte Nicolae Ceaușescu 1966 Șeicaru im Exil und die Securitate bezahlte ihn, um Rumäniens Sonderweg im Ostblock in Artikeln zu feiern. 1976 oder 1977 war er sogar auf Einladung der Securitate heimlich in Rumänien zu Besuch. Als Șeicaru 1980 in Dachau starb, würdigte ihn Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einem Beileidstelegramm als herausragenden rumänischen Journalisten, Patrioten und Freiheitskämpfer. 

Mein Vater hat oft von seinen Erlebnissen als Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs erzählt, aber nie von seiner Arbeit unter Șeicaru oder seinen im „Curentul“ veröffentlichten Beiträgen. Bis auf einziges Mal. Da bedauerte er zutiefst, einst einen Artikel geschrieben zu haben, in dem er Joseph Goebbels gelobt hatte. 

Dienstag, 6. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (6): Gute Amis, böse Amis – und ein bisschen Schleuserkriminalität

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Radio Freies Europa war eine Erfindung des 1949 gegründeten, antikommunistischen National Committee for a Free Europe, hinter dem die CIA steckte. Der Sender wurde in der Münchner Oettingenstraße am Englischen Garten (Foto) angesiedelt, wo seit dem Umzug von RFE nach Prag 1995 die Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem mit ihren Kommunikationswissenschaftlern residiert. Nur hieß die Adresse damals noch: One English Garden. Der Sendebetrieb wurde 1950 aufgenommen. 1951 starteten die ersten regelmäßigen Sendungen in die Tschechoslowakei. Es folgten Sendungen auf Ungarisch, Polnisch, Rumänisch. Um die Sowjetunion kümmerte sich das ebenfalls in München, am Oberwiesenfeld angesiedelte Radio Liberty, das erst in den 1970er-Jahren zu RFE in den Englischen Garten zog.

Meine Eltern lebten damals im Pariser Exil, wo auch meine Brüder 1952 und 1953 geboren wurden. 1955 begann mein Vater in München für den Romanian Desk von Radio Free Europe zu arbeiten, auf manchen Unterlagen auch Rumanian Department genannt.

Die CIA stellte nicht nur die Sendeanlage zur Verfügung, es war auch sonst ein rundum amerikanisches Unterfangen, unterstützt durch das Besatzungsstatut, das den US-Amerikanern in der Bundesrepublik recht weit gehende Verfügungsgewalt einräumte. Die Wohnungen der Mitarbeitenden wurden vom Sender angemietet und waren für deutsche Behörden fast schon wie ein exterritoriales Gebiet tabu. Die Möbel kamen aus den Lagern der US-Streitkräfte, weshalb unsere Betten etwas länger und breiter waren als die deutschen Durchschnittsbetten.

Mein Vater wurde anfangs in Militärdollar bezahlt, den sogenannten Military Payment Certificates (MPC). Später erfolgte die Gehaltszahlung in normalen US-Dollar, wobei damals noch der recht vorteilhafte Wechselkurs von rund vier D-Mark für einen US-Dollar galt.

Neben der privaten deutschen Krankenversicherung war die ganze Familie auch über den Sender betrieblich krankenversichert. In den Jahren, in denen ich mich um die Arzt- und Krankenhauskosten meiner Eltern kümmerte, also so ab Mitte der 1970er-Jahre, war es erst die Aetna, später die Cigna.

Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahren bekam mein Vater vom Sender das Angebot, der gesamten Familie die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Inklusive einem jährlichen Freiflug in die Staaten. Wie sonst auch meistens, war das meinem Vater vollkommen egal, und er ließ die Familie darüber entscheiden. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und nach kurzer heftiger Diskussion entschieden wir uns alle dagegen, weil wir das Vorgehen der Amerikaner in Indochina für ein Verbrechen hielten. Bei meinen Brüdern im wehrfähigeren Alter spielten vielleicht auch andere Gründe eine Rolle. Schließlich verzichteten sie auch auf die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen dank ihrer Geburt in Paris zugestanden hätte, um dem Wehrdienst zu entgehen.

So behielten wir als Staatenlose alle den blauen Pass, den Reiseausweis für Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Vorläufer dieses Konventionspasses war der sogenannte Nansen-Pass für Flüchtlinge und Staatenlose, der auch Nonsense-Pass genannt wurde, weil er nicht viel brachte.

So ein Pass verleiht keine Freiheit, er nimmt sie dir, um die Schriftstellerin Naja Ebrahimi zu zitieren. Mit unserem von Frankreich als Asylgeber ausgestellten Titre de Voyage brauchten wir für die meisten Länder dieser Welt ein Visum, um einreisen zu dürfen. Wenn man uns überhaupt einreisen ließ. Auch das benachbarte Österreich verlangte einen Sichtvermerk, selbst wenn wir nur mit der Bahn im Transit über Bregenz Richtung italienische Riviera oder Südfrankreich reisen wollten.

Von den Deutschen benötigte mein Vater eine regelmäßig zu erneuernde Arbeitserlaubnis und der Rest der Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Bereits als Kind übernahm ich auch diesen Behördengang. Mit dem Stapel blauer Pässe ging es in die Ausländerbehörde der Landeshauptstadt München, die damals noch im Polizeipräsidium in der Ettstraße angesiedelt war. Und jedes Mal spielten die Beamten eine Schmierenkomödie vor, drohten, zetterten, erklärten mir, dass wir nicht willkommen wären, das Land verlassen müssten, hier nichts verloren hätten.

Aber auf den Pässen waren kleine weiße Aufkleber angebracht, mit der magischen Formel RFE/RL. Und dank des Besatzungsstatuts hatten sie keine andere Wahl, als dem bei den Amis Beschäftigten und seiner Familie Arbeit und Aufenthalt zu gewähren.

Wir Osteuropäer waren damals in Deutschland nicht besser gelitten als heute die afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge. In Behörden und Redaktionen herrschten noch ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere. Selbst in der Hamburger Kampfpresse „Stern" und „Spiegel“ war die Rede von osteuropäischen Untermenschen. Als die Olympischen Spiele 1972 in München anstanden, sollten erst Mitarbeitende von Radio Free Europe die englischsprachige Postille betreuen. Doch bei den deutschen Veranstaltern gab es entschiedenen Widerstand dagegen, wie ein damaliger deutscher Mitarbeiter des Senders 2011 auf der Tagung „Voices of Freedom – Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe in Munich and Prague“ in der LMU erzählte. Stattdessen überließ man die Aufgabe der Frankfurter Redaktion von „Stars and Stripes“ bei den US-Streitkräften.  

Die vermeintlich große Stunde der deutschen Ämter kam erst, als mein Vater es schaffte,  seiner im kommunistischen Rumänien verbliebenen Tochter Anka-Maria, samt Gatten und Töchter Raluca und Ruxandra, die legale Ausreise zu arrangieren. Nicolae Ceaușescu ließ sie gehen. Aber die deutsche Botschaft in Bukarest weigerte sich, der Familie Visa für die Einreise in die Bundesrepublik auszustellen. Also flogen sie nach Wien, wo mein Bruder Dinu sie abholte und als Schleuser über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern schmuggelte.

In München brachten wir sie zur CIA-Niederlassung in der McGraw-Kaserne. Und ab diesem Augenblick, Besatzungsstatut sei Dank, waren sie safe und durften legal in Deutschland bleiben. Dass sie es nach diesem Erlebnis auf Dauer nicht mehr wollten, ist ein anderes Kapitel. Erst wanderten sie in die USA aus, siedelten sich später aber auf Dauer in der Schweiz an.

Sonntag, 4. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (4): Der an „Ion Măgureanu, Westeuropa“ adressierte Brief

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Die Journalist*innen und Moderator*innen von Radio Freies Europa (Foto) arbeiteten unter Pseudonym. Mihai Cismărescu nannte sich in seinen Sendungen Radu Gorun, Victor Cernescu war Romilo Lemonidis, Radu Vrancea war Cornel Ianatoș und mein Vater Ion Popa firmierte unter Ion Măgureanu. Man kann es naiv finden, aber die falschen Namen sollten schützen. Die Journalist*innen selbst vor den mitunter tödlichen Nachstellungen der östlichen Geheimdienste und die Verwandtschaft hinter dem Eisernen Vorhang vor Vergeltungsmaßnahmen. 

Es waren keine ständig wechselnden Pseudonyme, die vielleicht tatsächlich gewirkt hätten. Die über Jahre, Jahrzehnte genutzten Namen sollten durchaus zur unverwechselbaren Marke werden. Wann immer ich Leute traf, die als Erwachsene im Rumänien der 1970er-Jahre gelebt hatten, kannten sie das Pseudonym, die Stimme und die Begrüßungsformel meines Vaters in seiner werktäglichen Sendung: „Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni“ (Meine Damen und Herren, liebe Hörer, geliebte Freunde).

Der Sender betrieb sogar Marktforschung hinter dem eisernen Vorhang. Keine Ahnung, wie er oder die Geheimdienste es methodisch anstellten, aber es kursierten in Washington wie auch am Englischen Garten Statistiken. Und meinen Vater Ion Măgureanu soll in den 1970er-Jahren eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im kommunistischen Rumänien gehört und gekannt haben.

Entsprechend gab es auch Hörer*innenbriefe. Und eines Tages erreichte meinen Vater in München eine in Rumänien abgesandte Fanpost mit nicht mehr als „Ion Măgureanu, Westeuropa“ als Zieladresse. Der Brief kam an.

Ich als Kind fand das sensationell. Wenn man aber bedenkt, dass der Briefwechsel zwischen den Blöcken damals ein engmaschig betreuter Postweg war, erscheint das nicht mehr ganz so wundersam. Jede Sendung, die Ceaușescus Regime verlassen sollte, wurde natürlich von der Securitate bearbeitet.

Weniger bekannt war, dass aber auch auf der Gegenseite alle Post, die aus dem Ostblock eintraf, auch private Briefe, erst einmal von den westlichen Geheimdiensten als Open Source Intelligence empfangen und ausgewertet wurde. In Deutschland übernahm das der Bundesnachrichtendienst, wie der „Stern“ seinerzeit in einer Enthüllungsgeschichte publik machte. Im Rahmen seiner „strategischen Kontrolle“ öffnete der BND jährlich rund 1,6 Millionen Briefe im Postverkehr zwischen Ost und West. 

Samstag, 3. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (3): Ion Popa, Jacques Chaban-Delmas und die Grande Loge de France

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater war im Münchner Exil kein geselliger Mensch. Er fuhr mit der Tram zu seiner Arbeit in der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa (RFE) im Englischen Garten, mied aber – zumindest so wie ich ihn erlebte – ansonsten jeden Umgang mit allen außer der eigenen Familie.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.

So habe ich ihn in den 21 Jahren, die wir gemeinsam erlebten, nicht gekannt. Er traf – soweit ich mich erinnere – niemals Kolleg*innen außerhalb der Arbeit. Verkehrte nicht in der rumänischen Community. Ging auf keine Veranstaltungen. Auch aus Eigenschutz. Es herrschte der Kalte Krieg und der Einfluß der Securitate reichte bis nach München, wo der eine oder andere Kollege vergiftet oder ermordet wurde. Drei Kollegen meines Vaters, Noël Bernard, Mihai Cismărescu und Vlad Georgescu sind an Krebs gestorben, und es wurde vermutet, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen den Krebs ausgelöst hätte. Zudem wimmelte es in diesen Kreisen von Doppelagenten. Es war, als hätte er in unserer Wohnung in der Tizianstraße 16a noch mal ein Exil im Exil gefunden, in dem er Schutz vor einer feindlichen, aber sicherlich auch seinen Ansprüchen nicht genügenden Welt suchte und fand.

Mit einer einzigen Ausnahme. Mitte Januar 1976 war der Bürgermeister von Bordeaux und ehemalige französische Premierminister Jacques Chaban-Delmas in der Librairie Française zu Besuch, um sein neues Buch „L'ardeur“ vorzustellen. Mein Vater fuhr mit mir in die Schellingstraße, um der Veranstaltung beizuwohnen und mit dem Politiker zu reden. Von einem Wiesnbesuch abgesehen war das das einzige Mal, dass mein Vater mit mir etwas unternahm, und ich kann mir bis heute nicht erklären, was ihn mit dem Gaullisten verband. Ob sie sich möglicherweise aus der Pariser Zeit meines Vaters kannten.

Viele Jahrzehnte später, ein paar Monate bevor er selbst gestorben ist, meinte mein neun Jahre älterer, in Paris geborener Bruder Dinu, als wir darüber sprachen, dass Chaban-Delmas und mein Vater eine gemeinsame Vergangenheit als Freimaurer gehabt hätten. 

Wie ich bereits vor zehn Jahren hier im Blog erwähnte, war mein Vater Ion „Iani“ Popa (aka Ion Măgureanu aka Popicu aka Pancrator) Mitte der 1950er-Jahre in Paris Mitglied bei den Freimaurern der Grande Loge de France (G.L.D.F. – „Liberté - Égalité - Fraternité“).   

Meiner Erinnerung an unsere Gespräche darüber zufolge aber nur, um für die Loge oder deren rumänische Abteilung „La Roumanie Unie“ Pressearbeit zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Mitgliedschaft nach seinem Umzug nach München in irgendeiner Form aktiv gewesen wäre. Bis zuletzt bewahrten er oder vielmehr meine Mutter aber noch den Mitgliedsausweis, diverse Drucksachen, die weißen Stoffhandschuhe und einen weißen, zierlosen Maurerschurz. 

Erst nach dem Tod meines Vaters im Oktober 1982, bei der Trauerfeier am Münchner Westfriedhof, erschien unvermittelt ein Vertreter der Freimaurer, den ich entfernt kannte, und legte eine Rose vor die Urne. Es könnte René Alecu de Flers gewesen sein, der später auch ein Buch über Radio Freies Europa („Radio Europa Liberă şi exilul românesc“) schrieb, aber meine Erinnerung an den Tag sind eher getrübt.  Es war wohl Roger Constantinescu. Im Nachlass meines Vaters findet sich ein Brief von ihm an „Jany Popa“ anläßlich eines Jubiläums des Grand Council of Royal and Select Masters of Germany. Constantinescu arbeitete auch bei Radio Freies Europa und war laut dem rumänischen Wikipedia im Monitoring beschäftigt.

Meine Halbschwester Anka schreibt in ihren Erinnerungen, dass vor der Einäscherung die französische Flagge und Freimaurersymbole den Sarg meines Vaters geschmückt hätten. Ich kann mich an nichts davon erinnern.








Freitag, 2. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (2): Ion Popa und Comandorul Constantin Copaciu

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu.
Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Ion Popa mit seiner ersten Ehefrau Hortensia und der gemeinsamen, 1944 in Wien geborenen Tochter, meiner Halbschwester Anka-Maria, nach Rumänien zurückgekehrt. Aber nicht auf Dauer. Irgendwann, wohl zwischen 1947 und 1949, 1948 floh er über Nacht. Allein. Ließ Frau und seine vierjährige Tochter Tochter zurück.

Nur einem einzigen Menschen, seinem besten Freund, Comandorul Constantin Copaciu soll er laut Copaciu davon erzählt. Angeblich wollte er alle anderen vor den Nachstellungen der Kommunisten schützen, indem er ihnen nichts erzählte, und sie dann guten Gewissens sagen konnten, nichts davon gewusst zu haben. 

Copaciu wurde anschließend verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Er kam ins rumänische Archipel Gulag, dem Zwangsarbeiterlager für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals. 

Anfang der 1980er-Jahre, mein Vater war bereits gestorben, traf ich Copaciu und seine Frau Valentina erstmals und wiederholt. Er war inzwischen aus der Haft entlassen worden, ein guter Freund von Jacques Cousteau und arbeitete in leitender Funktion im Institut des Ozeanographischen Museums von Monaco.

Er hegte keinen Groll gegen meinen Vater, war sehr glücklich, mich kennenzulernen, und meinte, der Fluchtgrund meines Vaters wäre eine spontane Wette gewesen: Dass er es trotz aller Widrigkeiten schaffen würde, die Grenzkontrollen zu überwinden und aus dem kommunistischen Rumänien wie aus dem gesamten Ostblock zu fliehen.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass diese freundschaftliche Beziehung der Grund für seine Verurteilung gewesen wäre. Doch Copaciu gehörte laut dem Jurnalul nach dem Krieg als Rumäniens führender Hydrograf der rumänisch-sowjetischen Kommission an, die die Grenze zwischen beiden Ländern festlegen sollte. Und da er die in der Kommission vereinbarten Gebietsabtretungen, etwa der Schlangeninsel, nicht abzeichnen wollte, soll er 1949 verhaftet, degradiert und zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden sein.

Erst nach 15 Jahren wurde Copaciu 1964 aus der Haft und mit seiner Frau Valentina ins Exil entlassen, nachdem Fürst Rainier von Monaco und der UNO-Generalsekretär U Thant sich für ihn eingesetzt haben. Mit Rainier war wiederum mein Vater in den 1950er-Jahren im Pariser Nachtleben unterwegs gewesen.

Meine Halbschwester bekam die Geschichte von der Flucht meines Vaters etwas anders erzählt. Offenbar musste mein Vater Rumänien verlassen, weil ihm die Verhaftung und Hinrichtung drohte. Zusammen mit seinem Freund Coca Romanos soll er die Flucht vorbereitet haben, etwa indem sie weiße Laken sammelten, um sich in den verschneiten Bergen damit tarnen zu können.

Er hat sich von seiner Frau verabschiedet und später behauptet, dass er geblieben wäre, wenn sie ihn darum gebeten hätte.

Als er mit Romanos dann aufbrach, soll jahrelang niemand gewusst haben, ob sie tatsächlich entkommen sind. Selbst die Securitate soll noch lange immer wieder in Rumänien nach ihm gefahndet haben.

Sonntag, 22. Juni 2025

Maia Sandu und der Franz-Josef-Strauß-Preis – oder: Von Söder, Stieren und Auerochsen

#söderwartet. Für einen Hashtag kommt das zu selten vor, aber diesen Samstag musste der Ministerpräsident im heißen Kaiserhof der Münchner Residenz sich duldsam zeigen, weil die Staatspräsidentin der Republik Moldau, Maia Sandu, trotz Motorradeskorte mit viertelstündiger Verspätung eintraf. 

Auf der internationalen politischen Bühne ist eben auch ein bayerischer Landesfürst mal bloß Unter und Söder zeigte nicht zwingend größeres Format, als er später im Kaisersaal seine Festrede mit den Worten „Willkommen im schönsten Land der Welt, willkommen im erfolgreichsten Land Deutschlands, willkommen in Bayern“ eröffnete.

Es galt Maia Sandu als erste Frau zu würdigen, die nach Männern wie Henry A. Kissinger, George H. W. Bush, Viktor Orbán, Roman Herzog, Helmut Kohl, Jean-Claude Juncker, Michail Gorbatschow, Reiner Kunze oder dem früheren rumänischen Staatspräsidenten Klaus Iohannis mit dem Franz-Josef-Strauß-Preis der Hanns-Seidel-Stiftung geehrt wurde. Ein Preis für Menschen, die sich „in herausragender Weise für Frieden, Freiheit und Recht, für Demokratie und internationale Verständigung eingesetzt“ haben. Und in Sandus Fall auch für eine „wahrheitsbasierte Erinnerungskultur zur kommunistischen Vergangenheit“, so der Europaabgeordnete und Stiftungsvorsitzende Markus Ferber in seiner Begrüßungsrede.

Nun fällt mir in dem Kontext zuerst ein Franz Josef Strauß ein, der mit Rumäniens sozialistischem Diktator Nicolae Ceausescu auf der Jagd war und auch sonst wenig Berührungsängste mit kommunistischen wie faschistischen Autokraten hatte. Soviel zur christlich-sozialen Erinnerungskultur in Bayern. Auf der Preisverleihung wird aber ein anderer FJS beschworen. Einer, der – so Söder – „zwar nicht unser Parteigründer“ war, aber von dem „jeder seiner Sätze ein Psalm, unser Parteiprogramm“ sei. Ein Mann, der für Demokratie und Freiheit stünde. Und Söder geißelte ausgerechnet in Herrschaftsbau der Residenz den Autokratismus, die Angst solcher Systeme vor der Freiheit des einzelnen, um diese starken Worte sogleich massiv einzuschränken. Denn der Ministerpräsident betonte ausdrücklich und ungewöhnlich defensiv, dass nur „unser Kontinent“ eine Region der Demokratie und Freiheit sein müsse. Staaten wie Saudi-Arabien oder die Volksrepublik China wird das freuen.

Insofern hat die Republik Moldau Glück, noch am Rande Europas zu liegen. Wenn von Moldau die Rede ist, werden viele eher an den tschechischen Fluss denken, einige an Bedřich Smetana. Fans des Eurovison Song Contest vielleicht auch an den gelegentlichen Teilnehmerstaat, der die besseren und erfolgreicheren rumänischen Songs am Start hatte. (Und wie Peter Urban früher bei der Aussprache der moldauischen Hauptstadt Chișinău hatte gestern Ilse Aigner Probleme mit dem Namen des neuen rumänischen Staatspräsidenten Nicușor Dan.)

Moldau? Rumänien? Das hängt durchaus schwer trennbar zusammen. Der rumänische Nationalstaat entstand aus der Vereinigung der Fürstentümer Walachei und Moldau – letzteres benannt nach dem rumänischen Fluss Moldova. Teile des Fürstentums Moldau, dessen Wappentier der rumänische Auerochse ist, fielen zeitweise an das russische Zarenreich, dann wieder an Rumänien, dann an die Sowjetunion und bilden inzwischen die unabhängige Republik Moldau, Moldawien oder Moldova, je nach Sprachgebrauch. Ein umkämpfter Landstrich am Fluss Pruth, wie etwa Curzio Malaparte als Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs lesenswert in „Die Wolga entspringt in Europa“ beschrieb. 

Maia Sandu, die bereits als Oppositionspolitikerin von der Hanns-Seidel-Stiftung hofiert und unterstützt wurde, ist nun Präsidentin des ärmsten Landes Europas, das als Pufferstaat zwischen Rumänien und der Ukraine liegt und von Russland innerhalb (Transnistrien) wie außerhalb seiner Grenzen belagert wird. Kein EU-Mitglied, aber durch die doppelte rumänisch-moldauische Staatsangehörigkeit von je nach Schätzung wohl fast einem Viertel bis der Hälfte seiner insgesamt 2,5 Millionen Einwohner (ohne Transnistrien) irgendwie auch EU, etwa wenn es um die Stimmen bei rumänischen oder EU-Wahlen geht.

Ein Land, in dem bereits Krieg herrscht, wenn auch kein physischer Krieg wie in der benachbarten Ukraine, sondern ein Krieg, bei dem Russland mit Hilfe von Fake News, Sozialen Medien und Wahlbeeinflussung für einen Umsturz der Demokratie kämpft, wie Sandu in ihrer auf Englisch vorgetragenen Dankesrede betont.

Wenn die Ukraine fällt, fällt Europa. Und die Republik Moldau ist der nächste Dominostein in Wladimir Putins Aggressionsstrategie. 

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der drohenden Gefahr für Europa wird ausgerechnet dem bedingt abwehrbereiten Starfighter-Strauß bei der Preisverleihung von den CSU-Granden neuer Nachruhm beschert. Plötzlich gilt er laut Sandus Laudatorin Ilse Aigner als „brillanter Analytiker und Visionär“ in Verteidigungsfragen.

„Wir werden nicht umhin kommen, uns zu schützen“, legte Söder vor. Und „Europa muss sich verteidigen können“, betonte Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Und das auch ohne US-amerikanische Hilfe, wie Söder betrübt einräumte, der davon schwärmte, dass er als Kind amerikanische Pizza vor der italienischen Pizza und amerikanisches Eis vor italienischem Eis kennengelernt hätte. Und selbst bei einem Angriff der Aliens hätte er als erstes die Amerikaner verständigt. Tempi passati.

Heutzutage müsse man auf die eigene Wehrbereitschaft setzen, weshalb Söder in seinem Vortrag für die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht plädierte. Und wie abwehrbereit sich der Ministerpräsident fühlt, hörte man während seiner recht ausufernden Rede in einem weiteren der seltenen Augenblicke, in denen er an diesem Vormittag Freude ausstrahlte. Putin hatte am Vortag eindringlich wie ausdrücklich davor gewarnt, dass Deutschland der Ukraine den Taurus (lateinisch für Stier) überlässt. Das freute Söder ungemein. Denn der Marschflugkörper wird natürlich im schönsten und erfolgreichsten Land produziert, im bayerischen Schrobenhausen.

Mittwoch, 14. Mai 2025

Der grüne Knoblauch

Ich nenne ihn immer Frühlingsknoblauch, die korrekte deutsche Übersetzung für den rumänischen usturoi verde (deutsch: grüner Knoblauch) ist aber wohl Schnittknoblauch. Entdeckt habe ich ihn, als ich Anfang der 1990er-Jahre das erste Mal in Rumänien war.

So wie in Bayern das Radieserl gehören in Rumänien die Knoblauchstengel zu jedem Brotzeitbretterl neben Wurst und Käse. Serviert mit einem Schälchen Salz, in das man den Stengel immer tupft, bevor man abbeißt. Aber auch bei warmen Mahlzeiten wird der Knoblauch als Vorspeise serviert.

Derart auf den Geschmack gekommen, wollte ich auch daheim in Deutschland den Genuss erleben. Aber ich konnte jahrelang auf keinem Münchner Markt den Frühlingsknoblauch entdecken. Ein einziges Mal wurde ich am Elisabethmarkt fündig. Das war wohl ein Ausnahmefall, denn seitdem gab es ihn am selben Marktstand nicht mehr.

In letzter Zeit habe ich die Suche aufgegeben. Vielleicht hat sich angesichts zehntausender Rumän*innen in München das Angebot verbessert. Aber als ich zufällig auf Facebook entdeckte, dass der Neufahrner Minimarkt La Românul gestern frisches Gemüse aus Rumänien erhalten hat, bin ich sofort hingefahren.

Usturoi, das rumänische Wort für Knoblauch, ist übrigens ein lustiges Wort. Das rumänische Verb ustura bedeutet nämlich jucken, stechen, brennen und ist wiederum auf den türkischen Ausdruck für Rasiermesser zurückzuführen. Das Substantiv existiert ähnlich auch im Armenischen, Persischen oder auf Hindi.

Sonntag, 30. März 2025

Little Bucuresti – Heimat auf dem Teller

In den Mutterleib können wir nicht zurück, aber die frühkindlichen Erfahrungen, die uns geprägt haben, die Sprache, das Essen, das Ausmaß an Zärtlichkeit und körperlicher Nähe, versuchen wir wiederherzustellen. Um so mehr, wenn man in der Diaspora lebt oder gar wie ich geboren und aufgewachsen ist.
Die Wohnung in der Ismaninger und später Tizianstraße war ein kleiner exterritorialer Fleck Erde im fremden München. Juridisch, weil die Wohnungen von Radio Freies Europa angemietet worden waren und unter dem Schutz der US-Amerikaner standen. Off limits für deutsche Behörden. Und privat, weil wir daheim Rumänisch sprachen, kochten, lebten.
Ich weiß nicht, wann meine Mutter kochen gelernt hatte. Denn aufgewachsen war sie in einem Regierungs- beziehungsweise Diplomatenhaushalt mit Domestiken, die so etwas übernahmen. Sie wurde von klein auf bekocht, chauffiert, umsorgt. Aber spätestens mit Verlust aller Privilegien nach dem Zweiten Weltkrieg, im Pariser Exil, völlig mittellos, begann sie, sich und ihrer Familie die Bekleidung zu schneidern und zu kochen. 
Essen stand bei uns immer an erster Stelle. Zwei warme Mahlzeiten am Tag. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert. (Und weil mein Vater ebenso gern kochte und krankheitsbedingt viel Zeit daheim verbrachte, auch mal eine weitere Mahlzeit zwischendurch.) Immer wieder wollte ich meine Mutter bitten, doch mal ihre Rezepte aufzuschreiben, zu verraten, wie man den köstlichen cozonac (Osterfladen), die piftie de porc (Schweinesülze) oder die salată de vinete (Auberginencreme) zubereitet. Und schob es so lange auf, bis ihre Demenz dann die Küchengeheimnisse im Nebel verschwinden ließ.
Wenn ich mich an meine Mutter erinnere, dann immer auch wie sie die Auberginen auf dem Herd grillte, die Hände von der Säure ganz rot. Die mit Geschirrtüchern bedeckten Kuchenformen in der Wohnung verteilte, damit die Hefe aufging. Oder im Winter die Teller mit der Sülze auf den Balkon stellte, damit die Masse erstarrte. Wenn gekocht wurde, dann viel. Eine fünfköpfige Familie, jahreweise um die Großeltern mütterlicherseits erweitert.
Als ich nach der Revolution, mit Anfang 30, das erste Mal nach Rumänien reisen konnte, in ein mir im Grunde völlig fremdes Land, war der ungewöhnlichste Eindruck, wie behütet ich mich dort fühlte. Wie die Sprache, das Essen, die Mentalität mich in einen Zustand frühkindlicher Geborgenheit wiegte. Unter lauter fremden Menschen.
Seitdem der Sender nach Prag gezogen ist und meine Eltern tot sind, ist auch mein Stück Heimat hier in München nahezu verschwunden. Ein paar wenige Landsmänner und Landsfrauen, die ich gelegentlich treffe. Die jährliche rumänische Filmwoche im Stadtmuseum. Und die immerwährende Suche nach dem Lokal, das die Delikatessen meiner Kindheit auftischt. Wobei – wer kann schon so gut wie die eigene Mutter kochen?
Das Klein Bukarest in der Thalkirchner Straße war legendär mittelmäßig und unfreundlich. Es existiert auch schon lange nicht mehr. (Mein Vater erzählte einmal, dass es bereits in den 1960er-Jahren ein Restaurant gleichen Namens im Lehel gegeben hätte, an dem er irgendwie beteiligt gewesen sei. In der Seitzstraße, wenn ich mich recht erinnere. Unweit von Radio Freies Europa am Englischen Garten.)
Der Sendlinger Pschorr-Krug oder das Transilvania in Bergkirchen sind recht rustikal. Eine Zeit lang gab es auch einen eher prätentiösen Versuch in einem Hotel an der Leopoldstraße.
Gestern hat nun das Little Bucuresti sein Grand Opening gehabt. Der Name erinnert an das Klein Bukarest, wenn auch aus unerfindlichen Gründen in einem englisch-rumänischen Mix, ohne das korrekte Cedille unter dem s (București). Die Lage am Oskar-Maria-Graf-Ring 23 sprichwörtlich mitten in der Walachei, dem grauen Nichts von Neuperlach. Das Gebäude von einer abweisenden Tristesse, der Eingang umrahmt von Spielautomaten rechts und links. Dahinter pure Gastfreundschaft, ein großer Biergarten (ausgeschenkt wird Schweiger-Bräu) und ein eher nüchtern eingerichteter Restaurantbereich, der so wenig einladend ist wie der Frühstücksraum von Hotels der Mittelklasse. An der Wand ein Großbildschirm, durch einen Spiegel am anderen Ende des Raumes verdoppelt. Es läuft östlicher Trash-Pop, unterbrochen von Werbeclips. Auf Wunsch von Gästen wird aber auch mal rumänische Folkore abgespielt, Doinas von Efta Botoca oder Ionel Budișteanu.
Das Essen ist das alles aber wert. Wenn auch sehr fleischlastig (16,90 bis 20,90) – und in Portionsgrößen, die meinen Fleischbedarf einer Woche decken könnten: Mici (die rumänischen Ćevapčići), sarmale cu carne de porc (mit Schweinehack gefüllte Krautwickerl), Wiener Schnitzel vom Schwein, Hähncheneintopf, Schweinenacken, Cordon Bleu. Auf der Tageskarte auch mal eine Lammkeule oder Dorade. Bei meinem Besuch verließ kaum ein Gast das Restaurant ohne Doggybag – so riesig sind die Portionen.
Die rumänische Küche an und für sich wäre wie alle Bauernküchen, sprich: Speisefolgen der ärmlichen Landbevölkerung und nicht etwa der Großgrundbesitzer und Bojaren, sehr vegetarisch oder gar vegan. Sărmăluțe în foi de viță (mit Reis gefüllte Weinblätter), die oben bereits erwähnte salată de vinete, mămăligă (Maisbrei) mit Milch oder Käse oder gebraten. Als streng orthodoxes Land herrschte in Rumänien schließlich auch fünf Monate lang Fastenzeit, auf Rumänisch: post.
Bei meiner Stippvisite habe ich die mächtigen Grillteller und Hauptgerichte nur bei den anderen Gästen betrachtet und mich an Kleineres gehalten. Die ciorbă de burtă (Kuttelsuppe mit Eigelb, Sahne und scharfer Peperoni) ist grandios, allein schon den weiten Weg und auch ihren Preis (9,50) wert. Bei der salată de vinete merkt man dann die Vielfalt der rumänischen wie wohl aller Landesküchen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Rezepturen, manchmal wird auch derselbe Namen für sehr unterschiedliche Gerichte benutzt. 
Im Little Bucuresti wird die Auberginencreme mit roten Zwiebeln und Mayonnaise zubereitet. Das macht sie sehr sämig und mächtig. Die kleine Portion, eine Vorspeise!, würde wohl drei bis vier Gäste satt machen und ist alleine kaum zu schaffen. Meine Mutter aber auch Kochbücher wie Radu Anton Romans „Bucate, vinuri și obiceiuri românești” („salată de vinete clasică – așa o făcea mama“) verzichten auf die Mayonnaise. Das macht sie viel leichter, sommerlicher und für meinen Geschmack leckerer. Eben vegan. Meine Mutter griff auch großzügig zum Knoblauch. 
Wirt und Koch des Little Bucuresti stammen aus dem transsilvanischen Mediaș – die Speisekarte dagegen bedient sich in mehreren Landesteilen. Wie man eben bei den papanași sieht. Bei meiner Mutter war das ein leichtes warmes Hauptgericht, gekochte Griesnockerl mit etwas Sahne, wie man es aus dem von der k.u.k.-Zeit geprägten Siebenbürgen kennt. Hier im Restaurant kommen dagegen die papanași moldovenești als Kalorienbombe auf den Tisch, frittierte Topfenknödel in Form eines Donuts zum Dessert. 


Sonntag, 9. Juni 2024

Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni!

Anläßlich des Todes des ehemaligen RFE-Mannes Mircea Carp beginnt der Nachruf von hotnews.ro mit einer längeren Passage von Mircea Morariu über meinen Vater Iani Popa aka Ion Măgureanu: 

„Până prin 1978, Programul politic, una dintre principalele emisiuni cu difuzare zilnică ale Departamentului românesc de la Radio Europa Liberă, a fost prezentat de cel pe care întreaga redacție de la München îl numea Iani Popa. Pentru ascultătorii din România, Ioan/Iani Popa, fostul secretar general de redacție de la Curentul, se numea Ion Măgureanu. Era, din câte se pare, un bonom și de fiecare dată începea programul cu formula de adresare Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni! 

Iani Popa avea, din câte mi s-a povestit, ceva de bunic poate și fiindcă albise prematur, avea și darul povestirii, fapt care îl obliga foarte adesea pe Noel Bernard, directorul de atunci al postului, să îi mai ceară câteodată să-și scurteze intervențiile cu care introducea subiectele în principal de politică externă. 

Când Iani Popa a ieșit la pensie, pentru o vreme Programul politic a fost prezentat fie de Victor Cernescu (Romilo Lemonidis), fie de Radu Vrancea (Cornel Ianatoș), acesta din urmă transferat de la Radiomagazin.“

Sonntag, 3. Dezember 2023

Traumtagebuch (17): București

Ich bin zu Besuch in Rumänien und übernachte allein in einer kleinen Wohnung in Bukarest, die mir eine Verwandte überlassen hat. Ich will zum Bahnhof, um dort kurz etwas zu erledigen, und suche auf der Hauptstraße nach der entsprechenden Bus- oder Tramlinie, was nicht ganz unkompliziert ist. Bus- und Tramhaltestellen sind nicht identisch, sondern so versetzt angelegt, dass man den Bus nicht mehr erwischt, wenn man an der Tramhaltestelle wartet. Und umgekehrt. 

Zudem sind die Haltestellen nur durch kleine Schilder gekennzeichnet und schwer auszumachen. Außerdem ist auf den Streckenverlauf der einzelnen Linien zu achten. Manche fahren Richtung Bahnhof, biegen aber vorher in eine andere Richtung ab. Dafür kommen im Streckenverlauf andere Linien von links, um dann zum Bahnhof zu fahren.

Ich gehe die Hauptstraße entlang, um eine passende Haltestelle zu finden. Am Straßenrand steht ein Baum. Auf einem Ast liegt, schlafend oder dösend, ein kleines Tier, das ich für eine Ratte halte. Ich bin fasziniert von der „Baumratte“ und mache mit dem Handy Fotos. Das Tier wacht auf. Es ist doch keine Ratte, aber ich kann mich nicht daran erinnern, was es tatsächlich für ein Tier gewesen ist. Es schlüpft kurz in eine Baumhöhle, dann kommt es wieder raus und klettert über die Äste Richtung Nachbarhaus, wo an einem offenen Fenster ein Käfig hängt.

Im Käfig ist ein grüner Papagei mit rotem Schnabel, ein weiterer turnt im offenen Fenster herum. Die „Baumratte“ versucht, katzenähnlich, mit der Pfote zwischen den Gittern den Papagei im Käfig zu erwischen. Der hackt mit dem Schnabel nach der Pfote. Sie scheinen sich zu kennen und es eher spielerisch zu machen.

Ich wende mich zum Baum hin und entdecke in der Baumhöhle eine kleine, gefleckte Raubkatze.

Ich greife mir die „Baumratte“ am Käfig, die sich in meinen Händen an mich schmiegt. Sie streichelnd laufe ich die Straße entlang, auf der Suche nach der richtigen Verbindung Richtung Bahnhof. Währenddessen überlege ich, ob man inzwischen Fahrkarten im Wagen kaufen kann oder sich wie früher an einem Kiosk damit eindecken muss.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich die „Baumratte“ immer weiter von ihrem Zuhause entfernt habe. Was, wenn sie nicht mehr in meinen Armen liegen will, sondern unruhig wird. Wieder auf den Boden will? Würde sie überhaupt allein wieder nach Hause finden? Ich kehre zurück, um sie dorthin zu bringen, wo ich sie entdeckt habe. 

Mittwoch, 2. August 2023

Unter Wilden – Anmerkungen zu den bayerisch-rumänischen Beziehungen und Barbara Stamm

Das Rumänien-Virus – oder im Diktum bayerischer Politikerinnen: der Rumänien-Virus – ist kein Drei-Tage-Fieber. Es scheint sich dabei um eine hartnäckige, ansteckende Krankheit zu handeln, die die CSU-Politikerin Barbara Stamm in ihrer Funktion als Staatssekretärin Anfang der 90er Jahre erwischte und seitdem ihr Leben lang begleitete, ob als Abgeordnete, Ministerin oder Landtagspräsidentin. 

Selbst nach ihrem Tod im Oktober letzten Jahres bleibt das Virus mit dem Namen Barbara Stamm auf weitere Zeiten verknüpft, denn das Bayerische Sozialministerium hat eine neue Auszeichnung geschaffen, die Barbara-Stamm-Medaille, mit der alle zwei Jahre bis zu fünf Empfänger*innen gewürdigt werden, die sich besonders um die Förderung der bayerisch-rumänischen Beziehungen verdient gemacht haben.  

Man könnte natürlich auch von einer Begeisterung, gar Liebe zu Rumänien sprechen, als aber Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) gestern Abend im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz erstmals die Auszeichnung übergab und Lorand Szüszner, Beate Blaha, Erika Kern und Wolfgang Schramm (von links nach rechts) damit ehrte, war den Festakt über immer nur vom Rumänien-Virus die Rede, der Barbara Stamms Weggefährten, Freunde und Familie angesteckt hätte.

Als ob wir es mit einer Krankheit, einem Infekt, einer Seuche zu tun hätten. Natürlich wurde auch, einmal, erwähnt, wie schön Rumänien sei. Ohne sich in Details zu verlieren. Weit ausufernder wurde dagegen in Anekdoten erzählt, wie sehr man unter dem Virus leide. Opa erzählt vom Krieg? Nein, nicht dieses Mal, die Zeiten, als deutsche Truppen Rumänien besetzt hatten, liegen schon länger zurück. Diesmal sind Politik und Hilfsorganisationen einmarschiert, und verstehen sie mich bitte nicht falsch, sie haben Großartiges geleistet. Aber muss man sein eigenes soziales Engagement überhöhen, indem man die Empfänger klein oder gar schlecht redet, die Zustände pauschal in düstersten Farben ausmalt anstatt auf Augenhöhe zu agieren? 

Wie gefährlich die nächtlichen Fahrten durch Rumänien in Dienstwagen der bayerischen Staatsregierungen gewesen wären, auf unbeleuchteten Straßen, wo jederzeit die Begegnung mit Vieh und Pferdekutschen drohte, höchste Unfallgefahr. Natürlich ist ein Land, in dem nicht nur Pferdefuhrwerke, sondern auch Hühner, Schweine, Kinder und Betrunkene die Straßen bevölkern, eine besondere Herausforderung. Nur finde ich, eine besonders schöne, natürliche, wo Freiheit keinen autogerechten Maßstäben unterliegt.

Noch schlimmer scheinen die Straßen gewesen zu sein, wenn man zu Fuß unterwegs war. Stets war man in Sorge um Barbara Stamms „Schühchen“. Ich habe dagegen in den 90er Jahren überlegt, ob ich nicht die Branche wechseln und ein Schuhgeschäft in Rumänien eröffnen sollte. Denn nirgendwo habe ich so viele Frauen, auch tagsüber, im Alltag, auf hochhackigen Schuhen herumlaufen sehen. Egal, in welchem Zustand der Bürgersteig war.

Besonders wichtig scheint es der bayerischen Entourage gewesen zu sein, in Rumänien stets genug fränkische Bocksbeutel mit sich zu führen. Damit die gute Laune gewährt bleibt. In einem Weinland wie Rumänien?

Die Hotels, so die Klage während des Festaktes in der Residenz, seien sehr teuer und verwanzt gewesen. Und die Festgesellschaft meinte nicht die Wanzen der Securitate, sondern die Parasiten. Nun war ich in den 90ern auch viel in Rumänien unterwegs, in Brașov, București, Cluj, Iași, Sibiu Suceava oder Timișoara, und es stimmt, die Hotels waren teuer … für Touristen und ausländische Geschäftsreisende. Denn es gab immer zwei unterschiedliche Preise, für Rumänen und Ausländer. Hinsichtlich der Wanzen fällt mir dagegen aus jener Zeit eher das Hilton in Chicago während der Bookfair America an. Es kann sie eben überall geben.

Doch schwelgte man beim Festakt nicht nur von den ersten Jahrzehnten nach der Revolution, sondern auch von den aktuellen Zeiten und Nöten, von den „EU-Waisen“, Kindern, die bei ihren „überforderten“ Großmüttern lebten, während die Eltern in anderen EU-Ländern für den Lebensunterhalt sorgten. Doch wenn man schon von EU-Waisen spricht, sollte man auch vielleicht über die EU-Sklaven nachdenken, über die Arbeitsbedingungen vieler Rumän*innen in Deutschland, wie sie ausgebeutet werden, ob als Auslieferer der Subunternehmer von Amazon, Erntehelfer, Pflegekräfte, Busfahrer, Sex Worker oder in der Gastronomie.

Aber das hätte den Festakt mit seiner Idylle zwischen Harfenklängen und Holunderschorle wohl getrübt, wenn man nicht nur über die elendigen Verhältnisse in diesem fernen Land namens Rumänien nachgedacht und gesprochen hätte, sondern auch, wie man in Bayern und dem restlichen Deutschland davon satt profitiert.

Update: Am 23. Oktober 2023 lädt die Hanns-Seidel-Stiftung zu einem Symposium, Festakt und Stehempfang zu Ehren von Barbara Stamm. Neben Podiumsgesprächen zu Barbara Stamms „Engagement für die Schwachen“ und ihren „besonderen Beitrag zur Förderung der bayerisch-rumänischen Beziehungen“ wird es eine Gedenkrede von Markus Söder geben.  

Fotos: Martina Nötel/StMAS (2), Dorin Popa