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Donnerstag, 22. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (22) und die CIA, die selbst meinen Bruder Dinu im Blick hatte

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Bruder Dinu Popa war Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre Kommunist oder sympathisierte zumindest mit ihnen. In der von meinen Eltern für meine beiden älteren Brüder angemieteten Wohnung um die Ecke in der Wilhelm-Düll-Straße 1 unterhielt er eine am Boden sitzende Lesegruppe, in der man gemeinsam „Das Kapital“ von Karl Marx studierte, während ich gelegentlich daneben saß.

Es dürfte auch kein Zufall gewesen sein, dass er zeitweise an der Ludwig-Maximilians-Universität Chinesisch studierte.

Und eines Tages hat er offenbar vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat an der Königinstraße gegen die Amis demonstriert. Es wird wohl, wie bei unserer Diskussion daheim in diesen Jahren, um den Vietnamkrieg gegangen sein.

Dieser Demobesuch blieb nicht unbemerkt. Die CIA fotografierte meinen Bruder nicht nur, sondern scheint ihn auch identifiziert zu haben. Denn am Arbeitsplatz meines Vaters, dem erst Anfang der 1970er Jahre der Aufsicht durch die CIA entzogenen Sender Radio Free Europe, wurde meinem Vater ein Foto meines demonstrierenden Bruders gezeigt. 

Freitag, 16. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (16), Radio Freies Europa und die Sicherheitsbedingungen am Englischen Garten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.

Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.

Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.

Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.

Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.

Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.

Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.

Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.

Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.

Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Dienstag, 13. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (13) und Leonid Breschnew

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Bei Radio Freies Europa konnten selbst Kleinigkeiten Wellen schlagen. Als etwa der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew (Foto) an einer Erkältung litt, wünschte ihm mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu in seiner politischen Radiosendung gute Besserung. Was sich nicht versendete, sondern für rege Diskussion sorgte. Selbst das galt im Kalten Krieg schon als Regelbruch.

Montag, 12. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (12), Frau Dr. Popa und den BND

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater Ion Popa hatte zusammen mit seinem besten Jugendfreund und mutmaßlichen Halbbruder in Iași studiert und auch promoviert. Den geisteswissenschaftlichen Doktortitel benutzte er aber nie und hatte ihn auch nicht in seinen Personaldokumenten vermerkt. 

Meine Eltern waren eher darüber amüsiert, wie im Unterschied etwa zu Rumänien oder Frankreich hier in Deutschland jeder seinen Dr. wie eine Monstranz vor sich hertrug, egal, in welchem Fach man promoviert hatte. Für uns war ein Dr. immer nur der Arzt.

Um so erstaunter war meine Mutter, als sie einmal bei uns in Gern die Metzgerei in der Kratzerstraße betrat und dort als Frau Dr. Popa begrüßt wurde. Meine Mutter besaß keinen Doktortitel und hatte zu ihrem Leidwesen auch nie studieren dürfen. Architektur wäre das Fach ihrer Wahl gewesen.

Von der Metzgerfamilie wurde sie entsprechend auch nur so begrüßt, weil sie die Frau von Herrn Dr. Popa war. Aber woher wußten die das überhaupt? Denn wie gesagt, mein Vater führte den Titel nie. Er war nicht in seinen Flüchtlingspapieren vermerkt. Und er bekam keine an Dr. Ion Popa  adressierte Post, womit auch der Briefträger als Informant fürs Viertel ausfiel.

Die Quelle war vielmehr der Bundesnachrichtendienst gewesen, der bei uns in der Nachbarschaft Erkundigungen zu meinem Vater sammelte und dabei eben nach Herrn Dr. Popa fragte.

Bloß weil mein Vater als Ion Măgureanu für Radio Free Europe arbeitete und somit unter dem Schutz der CIA und USA stand, bedeutete noch lange nicht, dass ihn der verbündete BND mit Nachstellungen verschont hätte.

Rund zehn Jahre später tauchte der BND dann bei einem meiner Brüder auf. Der war inzwischen Werbeleiter eines Münchner Tradionsunternehmens, und die Geheimdienstler wollten, dass er einem geflüchteten Rumänen, der unter der Protektion des Bundesnachrichtendienstes stand, einen Job gab. Mein Bruder schmiß sie hochkantig wieder raus.

Freitag, 9. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (9) und was ich von ihm gelernt habe

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat mich so ziemlich machen lassen, was ich mwollte. Man könnte auch sagen, dass er sich – wie meine Mutter – nicht sonderlich für mich interessiert hat. Nach der Volksschule und dem Mittagessen konnte ich zwischen Grünwaldpark und Nymphenburger Kanal einerseits sowie den Ruinen der Gerner Brauerei und dem Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal, den wir nur Würmkanal nannten, andererseits treiben, was ich wollte.

Während meiner gesamten Schulzeit war er nur ein einziges Mal, zu Grundschulzeiten, gekommen, um mit einer Lehrkraft über mich zu sprechen. Ich hatte im Zwischenzeugnis im Fach Schrift statt der über Jahre stabilen 4, ausreichend, eine 5 erhalten („Die Schrift könnte bei größerer Sorgfalt besser sein.“) und mein Vater war zur Sprechstunde in die Dom-Pedro-Schule erschienen, wo er die arme Lehrerin so zusammenschrie, dass ich es bis auf den Gang hörte.

Ansonsten interessierten sich meine Eltern weder für meine schulischen Leistungen, noch für meine außerschulischen Aktivitäten. Sie haben auch nie einen einzigen journalistischen Text von mir gelesen.

Das soll keinesfalls bedeuten, dass mich mein Vater nie abgefragt hätte. Historisches Wissen, Politik, Geografie, Literatur, im Gespräch prüfte er unermüdlich Wissen, das in keinem Zusammenhang mit dem Schulstoff stand. Und wenn ich etwas nicht wusste, lehrte er mich, es immer sofort nachzuschlagen. Das mache ich bis heute. Selbst, wenn ich ins Kino gehe oder eine Serie streame, recherchiere ich gern hinterher zu den Machern, Schauspieler*innen, literarischen Vorlagen oder den in der Handlung erwähnten Ereignissen.

Schon früh verfiel ich, durchaus als Verteidigung gegen meinen mitunter cholerischen, aber stets fordernden Vater, mich dümmer zu stellen, als ich war. Er fragte etwas ab, und ich kannte die richtige Antwort, sprach sie aber nicht aus. Es genügte mir, sie innerlich zu wissen, aber für mich zu behalten. Wollte ihm aber nicht die Befriedigung geben, richtig zu antworten. Es war eben auch zwischen uns beiden ein dysfunktionales Verhältnis, von der gesamten Familie ganz zu schweigen.

Mein Vater hatte aber, bei aller Intellektualität, auch eine animistische Seite. Er war überzeugt, dass allem, selbst einem Stein eine Seele innewohne, und lehrte mich, nicht nur mit Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern mit jedem Gegenstand respektvoll umzugehen. 

Andere Dinge, die er mir beigebracht hat, waren weit praktischer. Immer Streichhölzer dabei zu haben. Kleingeld für Münzfernsprecher. Und niemals, niemals einer Tram hinterherzulaufen, um sie noch zu erwischen. 

Donnerstag, 8. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (8), seine Anfänge bei Radio Freies Europa und meine vermeintliche Zeugung bei den Olympischen Spielen in Rom

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Im April 1951, wohl nach seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Israel, ist mein Vater Ion Popa in Paris als Flüchtling rumänischer Herkunft anerkannt worden, wobei das Dokument der Organisation Internationale pour les Réfugiés auf Ioan Popa ausgestellt wurde.

Das früheste Foto, auf dem meine Eltern Ion und Florica Popa gemeinsam zu sehen sind, stammt aber laut der rückseitigen Beschriftung bereits von 1950. Ich weiß nicht, wann und wo sie sich kennengelernt haben. Laut meinem Bruder Dinu sei es im Pariser Atelier des rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși gewesen. Brâncuși war 1903 zu Fuß von Rumänien über München nach Paris gewandert und hatte sich dann dort 1904 niedergelassen. Seine Ateliers waren nicht nur für die Pariser Künstlerszene, sondern auch für die rumänische Community ein Treffpunkt.

Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, wie auch der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Jean Dragesco, kannten Brâncuși nachweislich (1, 2). Es ist aber für mich kaum vorstellbar, dass meine Eltern sich nicht bereits früher andernorts begegnet waren. Mein Großvater als Journalist, Regierungssprecher und Diplomat verkehrte sicherlich in denselben Kreisen wie mein Vater. Meine Mutter war zwar wohl aufgrund des Diplomatenlebens das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien gewesen, aber das schließt nicht aus, dass sich meine Eltern, mein 1913 geborener Vater und meine 1922 geborene Mutter, bereits in Berlin, Rom, Paris oder Vichy begegnet wären.

Geheiratet haben sie in der rumänisch-orthodoxen Kirche des Saints-Archanges in Paris-St. Germain, wo früher auch Brâncuși Messdiener gewesen war. Offenbar hatte sich die erste Ehefrau meines Vaters, Hortensia, nach seiner Flucht aus Rumänien in Abwesenheit von ihm scheiden lassen. Am 3. Oktober 1952 kam als erster Sohn Dinu zur Welt, im Jahr darauf mein zweiter Bruder. Finanziell ging es meinen Eltern im Exil so schlecht, dass beide Kinder im Pariser Armenkrankenhaus Hôtel des Invalides geboren wurden. Meine Eltern hatten nicht einmal Geld, um zum Zahnarzt zu gehen, und meine Mutter, die mit Hauspersonal und Chauffeur aufgewachsen war und als junge Frau Maßgeschneidertes trug, fing an, sich ihre Kleider selbst zu schneidern.

Das Angebot, 1954 bei Radio Freies Europa in München anzufangen, war für meinen Vater der Ausweg aus der Armut. Dennoch blieb es ein Hin und Her zwischen Anstellung und Kündigung, München und Paris. 

Diese erste Anstellung als News Writer ab dem 22. Mai 1954 wurde mit monatlich 190 US-Dollar bezahlt. Der Sender übernahm die Unterbringung in einem Hotel oder einer Pension sowie die Reisekosten für die gesamte Familie. Da mein Vater weiterhin in Frankreich polizeilich gemeldet blieb, fielen keine Steuern oder Sozialabgaben in Deutschland oder den USA an. Die Familie war in dieser Zeit aber auch noch nicht über den Arbeitgeber krankenversichert. Adressiert war das vom European Director Richard J. Condon unterzeichnete Schreiben vom 25. Mai 1954 an meinen Vater im Park Hotel, Maximiliansplatz.

Am 6. Juli 1954 erhielt meine offenbar mitgereiste Mutter ihre Aufenthaltserlaubnis. Wohnhaft war sie in der Pension Elisabeth in der Schwabinger Jakob-Klar-Straße. 

Aber zehn Tage später kündigte mein Vater bereits wieder seine Redaktionsstelle bei Radio Freies Europa von einem Tag auf den anderen während der Probezeit.

Offensichtlich kehrte die Familie nach Paris zurück, weil mein Vater sich 1955 dort einen Presseausweis ausstellen ließ.

Am 13. April 1955 schrieb dann der Personalmanager Francis W. Erickson meinem Vater, dass eine Stelle als Romanian Researcher bei Radio Free Europe im News and Information Service ausgeschrieben worden sei und bot ein Vorstellungsgespräch an. Das Jahresgehalt betrug 1750 US-Dollar, also rund 146 US-Dollar im Monat und damit weniger als im Vorjahr.

Offensichtlich war das Vorstellungsgespräch gut verlaufen, so es überhaupt eins gab, denn bereits am 21. April 1955 begann mein Vater für 145 US-Dollar im Monat erneut bei Radio Free Europe zu arbeiten. Der Sender übernahm wieder die Reise- und Unterbringungskosten, aber keine Krankenversicherung.

Am 28. November 1955 wurde mein Vater dann versetzt. War er bislang Researcher im Bereich Evaluation & Resarch des News and Information Service gewesen, wurde er nun Editor Writer im Romanian Desk. Einen Monat später gab es eine Gehaltserhöhung von 145 auf 235 US-Dollar im Monat.



Zum Jahreswechsel gab es eine Danksagung von Noël Bernard, dem damaligen Leiter der rumänischen Redaktion.

Drei Jahre später erfolgte durch den Personalchef Donald L. Hershey die Beförderung meines Vaters zum Editor, also Redakteur, samt einer Gehaltserhöhung von inzwischen monatlich 263 auf 288 US-Dollar. Zudem gab es eine jährliche GFSA von 600 US-Dollar.  

Die Pariser Wohnung in der 6, rue Albert Samain existierte aber fort, denn am 18. Oktober 1958 ließ sich meine Mutter auf die Adresse einen französischen Führerschein ausstellen. Vermutlich handelte es sich dabei um die Wohnung meiner Großeltern und Angele „Maia“ Dragu, denn meine Mutter gab bereits 1944 dieselbe Adresse als Schülerin bei der École du Louvre an und ihr Bruder Jean Dragesco 1946 auf einer Visitenkarte

Im Grunde war mein Vater immer Journalist im Politik-Ressort gewesen, weshalb auch ich als Journalist mich lange Zeit geweigert habe, mich im selben Ressort zu betätigen, und lieber über die „schönen Dinge des Lebens“ schrieb. Deshalb kam für mich auch Radio nie in Frage. Ich wollte meine eigenen Wege gehen. 

In seinen Anfängen bei Radio Freies Europa soll er aber im Sport-Ressort angesiedelt gewesen sein, wie er mir erzählte. Aus den mir vorliegenden schriftlichen Unterlagen lässt sich das nicht konkretisieren. News sind News, ob Sport oder Politik. Er war aber auf jeden Fall 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom. Und meine Mutter hat ihn dort offenbar besucht oder die ganze Zeit begleitet, denn dort soll ich gezeugt worden sein. Was rechnerisch aber nicht ganz hinhaut, wenn die Spiele Ende August 1960 begannen, ich aber bereits Ende März 1961 geboren wurde.

Die ersten Monate 1954 bei Radio Freies Europa scheinen nicht angerechnet worden zu sein, denn für seine 10-jährige Betriebszugehörigkeit erhielt mein Vater erst 1965 eine Urkunde.

Zum 25-jährigen Bestehen der rumänischen Abteilung bei Radio Freies Europa gab es am 29. Oktober 1976 ein Stehrumchen im Studio 22 des Senders, zu dem der Direktor Albert E. Hemsing auf Rumänisch einlud.Die offizielle Postanschrift hatte sich inzwischen von One English Garden zu einem wesentlich profaneren Oettingenstraße 67 am Englischen Garten geändert. Unter Englischer Garten 1a firmiert heute die Orangerie, unter der Hausnummer 3 der Biergarten am Chinesischen Turm. 

Am 1. Januar 1978, im Alter von 65 Jahren, ging mein Vater schließlich in den Ruhestand. Zum Abschied schrieb ihm am 8. Februar 1978 noch einmal Noël Bernard, der zwischendurch 1958 den Sender verlassen hatte, aber 1965 oder 1966 wieder als Leiter der rumänischen Redaktion zurückgekehrt war. 
Bernard starb 1981 unter mysteriösen Umständen, ein Jahr vor meinem Vater. Flori Bălănescu und Cristian Troncotă weisen in „România 1945–1989, Enciclopedia Regimului Comunist – Represiunea“, Vol. I, A–E, Bucureşti 2011, darauf hin, dass drei Leiter der rumänischen Abteilung: Noël Bernard 1981, Mihai Cismărescu 1983 und Vlad Georgescu 1988 an Krebs gestorben sind, und vermuten, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen die Krankheit ausgelöst hätte. 

Mittwoch, 7. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (7): Alles außer Krebs

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meinen Vater habe ich nahezu ausschließlich als kranken Mann in Erinnerung. Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren litt er ständig an irgendetwas, ob daheim oder im Krankenhaus. Er hatte ein Magengeschwür und bekam einen Teil des Magens operativ entfernt, wurde an der Prostata operiert, hatte Herzinfarkte, einen Leistenbruch und vor allem eine unerträgliche Migräne, weshalb er daheim meistens einen nass-kalten Waschlappen mit einem Mulltuch an seiner Stirn befestigte.

Rückblickend klingt das nicht nach viel, aber auf die Frage, woran mein Vater denn leide, antwortete ich damals immer: Alles außer Krebs.

Wir rechneten ständig mit seinem Tod, aber als er dann nach vielen Krankheiten am 28. Oktober 1982 tatsächlich starb, waren wir überrascht, weil die Jahrzehnte in wiederholter Todesangst ihn für uns irgendwie auch unsterblich haben werden lassen.

Während eines seiner Herzinfarkte war ich daheim. Mein Schulkamerad Christian Stolberg und ich wollten gerade Tee trinken, als der Infarkt zuschlug. Christian schickte ich heim, und dann fuhr ich mit im Notarztwagen ins Krankenhaus.

Auch sonst war ich als Kind und Jugendlicher ein steter Begleiter meines Vaters im Krankenhaus. Als er beim Leibarzt von Franz Josef Strauß, Valentin Argirov, in dessen Privatklinik in Kempfenhausen lag,  mein Vater war sowohl über den Sender als auch privat und damit sehr gut krankenversichert, besuchte ich ihn ständig. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Starnberg und lief von dort zu Fuß am Nordufer des Starnberger Sees bis zur Klinik.

Anfangs war mein Vater Patient bei unserem Hausarzt, der, wenn ich mich recht erinnere, in der Böcklinstraße praktizierte. Später ließ sich ein Arzt rumänischer Herkunft schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße nieder, was mir erst jetzt im Nachhinein eher verdächtig vorkommt.

Medikamente waren ein steter Begleiter meines Vaters. Die Rollkur gegen das Magengeschwür, Nitro für die Angina Pectoris. Aber am meisten schluckte mein Vater gegen die Kopfschmerzen Dolviran, dessen alte Version als Kombipräparat 1983 verboten wurde. Er schluckte es über Jahre, gar Jahrzehnte in einem Ausmaß, dass es seinen Körper vergiftete. Manchmal verfiel er selbst in besseren Zeiten, in denen er seiner Arbeit bei Radio Freies Europa nachging, in einen Dämmerzustand. Wenn er etwa abends nicht vom Sender heimkam, lief ich ihm entgegen und fand ihn dann auf einer Bank im Grünwaldpark sitzend.

Manchmal verfiel er aber auch daheim in einen Wahnzustand, in dem ihn schlimme Erinnerungen aus seiner Vergangenheit heimsuchten. Meine Mutter und ich mussten ihn dann mit vereinter Kraft bändigen und in die Gegenwart zurückholen.

Klinikaufenthalte machten das nicht unbedingt besser. Denn die deutschen Ärzte und Krankenschwestern triggerten bei meinem Vater Erinnerungen ans KZ.

Dienstag, 6. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (6): Gute Amis, böse Amis – und ein bisschen Schleuserkriminalität

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Radio Freies Europa war eine Erfindung des 1949 gegründeten, antikommunistischen National Committee for a Free Europe, hinter dem die CIA steckte. Der Sender wurde in der Münchner Oettingenstraße am Englischen Garten (Foto) angesiedelt, wo seit dem Umzug von RFE nach Prag 1995 die Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem mit ihren Kommunikationswissenschaftlern residiert. Nur hieß die Adresse damals noch: One English Garden. Der Sendebetrieb wurde 1950 aufgenommen. 1951 starteten die ersten regelmäßigen Sendungen in die Tschechoslowakei. Es folgten Sendungen auf Ungarisch, Polnisch, Rumänisch. Um die Sowjetunion kümmerte sich das ebenfalls in München, am Oberwiesenfeld angesiedelte Radio Liberty, das erst in den 1970er-Jahren zu RFE in den Englischen Garten zog.

Meine Eltern lebten damals im Pariser Exil, wo auch meine Brüder 1952 und 1953 geboren wurden. 1955 begann mein Vater in München für den Romanian Desk von Radio Free Europe zu arbeiten, auf manchen Unterlagen auch Rumanian Department genannt.

Die CIA stellte nicht nur die Sendeanlage zur Verfügung, es war auch sonst ein rundum amerikanisches Unterfangen, unterstützt durch das Besatzungsstatut, das den US-Amerikanern in der Bundesrepublik recht weit gehende Verfügungsgewalt einräumte. Die Wohnungen der Mitarbeitenden wurden vom Sender angemietet und waren für deutsche Behörden fast schon wie ein exterritoriales Gebiet tabu. Die Möbel kamen aus den Lagern der US-Streitkräfte, weshalb unsere Betten etwas länger und breiter waren als die deutschen Durchschnittsbetten.

Mein Vater wurde anfangs in Militärdollar bezahlt, den sogenannten Military Payment Certificates (MPC). Später erfolgte die Gehaltszahlung in normalen US-Dollar, wobei damals noch der recht vorteilhafte Wechselkurs von rund vier D-Mark für einen US-Dollar galt.

Neben der privaten deutschen Krankenversicherung war die ganze Familie auch über den Sender betrieblich krankenversichert. In den Jahren, in denen ich mich um die Arzt- und Krankenhauskosten meiner Eltern kümmerte, also so ab Mitte der 1970er-Jahre, war es erst die Aetna, später die Cigna.

Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahren bekam mein Vater vom Sender das Angebot, der gesamten Familie die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Inklusive einem jährlichen Freiflug in die Staaten. Wie sonst auch meistens, war das meinem Vater vollkommen egal, und er ließ die Familie darüber entscheiden. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und nach kurzer heftiger Diskussion entschieden wir uns alle dagegen, weil wir das Vorgehen der Amerikaner in Indochina für ein Verbrechen hielten. Bei meinen Brüdern im wehrfähigeren Alter spielten vielleicht auch andere Gründe eine Rolle. Schließlich verzichteten sie auch auf die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen dank ihrer Geburt in Paris zugestanden hätte, um dem Wehrdienst zu entgehen.

So behielten wir als Staatenlose alle den blauen Pass, den Reiseausweis für Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Vorläufer dieses Konventionspasses war der sogenannte Nansen-Pass für Flüchtlinge und Staatenlose, der auch Nonsense-Pass genannt wurde, weil er nicht viel brachte.

So ein Pass verleiht keine Freiheit, er nimmt sie dir, um die Schriftstellerin Naja Ebrahimi zu zitieren. Mit unserem von Frankreich als Asylgeber ausgestellten Titre de Voyage brauchten wir für die meisten Länder dieser Welt ein Visum, um einreisen zu dürfen. Wenn man uns überhaupt einreisen ließ. Auch das benachbarte Österreich verlangte einen Sichtvermerk, selbst wenn wir nur mit der Bahn im Transit über Bregenz Richtung italienische Riviera oder Südfrankreich reisen wollten.

Von den Deutschen benötigte mein Vater eine regelmäßig zu erneuernde Arbeitserlaubnis und der Rest der Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Bereits als Kind übernahm ich auch diesen Behördengang. Mit dem Stapel blauer Pässe ging es in die Ausländerbehörde der Landeshauptstadt München, die damals noch im Polizeipräsidium in der Ettstraße angesiedelt war. Und jedes Mal spielten die Beamten eine Schmierenkomödie vor, drohten, zetterten, erklärten mir, dass wir nicht willkommen wären, das Land verlassen müssten, hier nichts verloren hätten.

Aber auf den Pässen waren kleine weiße Aufkleber angebracht, mit der magischen Formel RFE/RL. Und dank des Besatzungsstatuts hatten sie keine andere Wahl, als dem bei den Amis Beschäftigten und seiner Familie Arbeit und Aufenthalt zu gewähren.

Wir Osteuropäer waren damals in Deutschland nicht besser gelitten als heute die afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge. In Behörden und Redaktionen herrschten noch ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere. Selbst in der Hamburger Kampfpresse „Stern" und „Spiegel“ war die Rede von osteuropäischen Untermenschen. Als die Olympischen Spiele 1972 in München anstanden, sollten erst Mitarbeitende von Radio Free Europe die englischsprachige Postille betreuen. Doch bei den deutschen Veranstaltern gab es entschiedenen Widerstand dagegen, wie ein damaliger deutscher Mitarbeiter des Senders 2011 auf der Tagung „Voices of Freedom – Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe in Munich and Prague“ in der LMU erzählte. Stattdessen überließ man die Aufgabe der Frankfurter Redaktion von „Stars and Stripes“ bei den US-Streitkräften.  

Die vermeintlich große Stunde der deutschen Ämter kam erst, als mein Vater es schaffte,  seiner im kommunistischen Rumänien verbliebenen Tochter Anka-Maria, samt Gatten und Töchter Raluca und Ruxandra, die legale Ausreise zu arrangieren. Nicolae Ceaușescu ließ sie gehen. Aber die deutsche Botschaft in Bukarest weigerte sich, der Familie Visa für die Einreise in die Bundesrepublik auszustellen. Also flogen sie nach Wien, wo mein Bruder Dinu sie abholte und als Schleuser über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern schmuggelte.

In München brachten wir sie zur CIA-Niederlassung in der McGraw-Kaserne. Und ab diesem Augenblick, Besatzungsstatut sei Dank, waren sie safe und durften legal in Deutschland bleiben. Dass sie es nach diesem Erlebnis auf Dauer nicht mehr wollten, ist ein anderes Kapitel. Erst wanderten sie in die USA aus, siedelten sich später aber auf Dauer in der Schweiz an.

Sonntag, 4. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (4): Der an „Ion Măgureanu, Westeuropa“ adressierte Brief

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Die Journalist*innen und Moderator*innen von Radio Freies Europa (Foto) arbeiteten unter Pseudonym. Mihai Cismărescu nannte sich in seinen Sendungen Radu Gorun, Victor Cernescu war Romilo Lemonidis, Radu Vrancea war Cornel Ianatoș und mein Vater Ion Popa firmierte unter Ion Măgureanu. Man kann es naiv finden, aber die falschen Namen sollten schützen. Die Journalist*innen selbst vor den mitunter tödlichen Nachstellungen der östlichen Geheimdienste und die Verwandtschaft hinter dem Eisernen Vorhang vor Vergeltungsmaßnahmen. 

Es waren keine ständig wechselnden Pseudonyme, die vielleicht tatsächlich gewirkt hätten. Die über Jahre, Jahrzehnte genutzten Namen sollten durchaus zur unverwechselbaren Marke werden. Wann immer ich Leute traf, die als Erwachsene im Rumänien der 1970er-Jahre gelebt hatten, kannten sie das Pseudonym, die Stimme und die Begrüßungsformel meines Vaters in seiner werktäglichen Sendung: „Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni“ (Meine Damen und Herren, liebe Hörer, geliebte Freunde).

Der Sender betrieb sogar Marktforschung hinter dem eisernen Vorhang. Keine Ahnung, wie er oder die Geheimdienste es methodisch anstellten, aber es kursierten in Washington wie auch am Englischen Garten Statistiken. Und meinen Vater Ion Măgureanu soll in den 1970er-Jahren eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im kommunistischen Rumänien gehört und gekannt haben.

Entsprechend gab es auch Hörer*innenbriefe. Und eines Tages erreichte meinen Vater in München eine in Rumänien abgesandte Fanpost mit nicht mehr als „Ion Măgureanu, Westeuropa“ als Zieladresse. Der Brief kam an.

Ich als Kind fand das sensationell. Wenn man aber bedenkt, dass der Briefwechsel zwischen den Blöcken damals ein engmaschig betreuter Postweg war, erscheint das nicht mehr ganz so wundersam. Jede Sendung, die Ceaușescus Regime verlassen sollte, wurde natürlich von der Securitate bearbeitet.

Weniger bekannt war, dass aber auch auf der Gegenseite alle Post, die aus dem Ostblock eintraf, auch private Briefe, erst einmal von den westlichen Geheimdiensten als Open Source Intelligence empfangen und ausgewertet wurde. In Deutschland übernahm das der Bundesnachrichtendienst, wie der „Stern“ seinerzeit in einer Enthüllungsgeschichte publik machte. Im Rahmen seiner „strategischen Kontrolle“ öffnete der BND jährlich rund 1,6 Millionen Briefe im Postverkehr zwischen Ost und West. 

Samstag, 3. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (3): Ion Popa, Jacques Chaban-Delmas und die Grande Loge de France

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater war im Münchner Exil kein geselliger Mensch. Er fuhr mit der Tram zu seiner Arbeit in der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa (RFE) im Englischen Garten, mied aber – zumindest so wie ich ihn erlebte – ansonsten jeden Umgang mit allen außer der eigenen Familie.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod fand ich im Nachlass meiner Mutter dieses Foto, das meinen Vater (3. von links) mit Mitarbeiter*innen von Radio Freies Europa in München wie Octavian Vuia (3. von rechts) außerhalb des Senders in anscheinend geselliger Runde zeigt.

So habe ich ihn in den 21 Jahren, die wir gemeinsam erlebten, nicht gekannt. Er traf – soweit ich mich erinnere – niemals Kolleg*innen außerhalb der Arbeit. Verkehrte nicht in der rumänischen Community. Ging auf keine Veranstaltungen. Auch aus Eigenschutz. Es herrschte der Kalte Krieg und der Einfluß der Securitate reichte bis nach München, wo der eine oder andere Kollege vergiftet oder ermordet wurde. Drei Kollegen meines Vaters, Noël Bernard, Mihai Cismărescu und Vlad Georgescu sind an Krebs gestorben, und es wurde vermutet, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen den Krebs ausgelöst hätte. Zudem wimmelte es in diesen Kreisen von Doppelagenten. Es war, als hätte er in unserer Wohnung in der Tizianstraße 16a noch mal ein Exil im Exil gefunden, in dem er Schutz vor einer feindlichen, aber sicherlich auch seinen Ansprüchen nicht genügenden Welt suchte und fand.

Mit einer einzigen Ausnahme. Mitte Januar 1976 war der Bürgermeister von Bordeaux und ehemalige französische Premierminister Jacques Chaban-Delmas in der Librairie Française zu Besuch, um sein neues Buch „L'ardeur“ vorzustellen. Mein Vater fuhr mit mir in die Schellingstraße, um der Veranstaltung beizuwohnen und mit dem Politiker zu reden. Von einem Wiesnbesuch abgesehen war das das einzige Mal, dass mein Vater mit mir etwas unternahm, und ich kann mir bis heute nicht erklären, was ihn mit dem Gaullisten verband. Ob sie sich möglicherweise aus der Pariser Zeit meines Vaters kannten.

Viele Jahrzehnte später, ein paar Monate bevor er selbst gestorben ist, meinte mein neun Jahre älterer, in Paris geborener Bruder Dinu, als wir darüber sprachen, dass Chaban-Delmas und mein Vater eine gemeinsame Vergangenheit als Freimaurer gehabt hätten. 

Wie ich bereits vor zehn Jahren hier im Blog erwähnte, war mein Vater Ion „Iani“ Popa (aka Ion Măgureanu aka Popicu aka Pancrator) Mitte der 1950er-Jahre in Paris Mitglied bei den Freimaurern der Grande Loge de France (G.L.D.F. – „Liberté - Égalité - Fraternité“).   

Meiner Erinnerung an unsere Gespräche darüber zufolge aber nur, um für die Loge oder deren rumänische Abteilung „La Roumanie Unie“ Pressearbeit zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Mitgliedschaft nach seinem Umzug nach München in irgendeiner Form aktiv gewesen wäre. Bis zuletzt bewahrten er oder vielmehr meine Mutter aber noch den Mitgliedsausweis, diverse Drucksachen, die weißen Stoffhandschuhe und einen weißen, zierlosen Maurerschurz. 

Erst nach dem Tod meines Vaters im Oktober 1982, bei der Trauerfeier am Münchner Westfriedhof, erschien unvermittelt ein Vertreter der Freimaurer, den ich entfernt kannte, und legte eine Rose vor die Urne. Es könnte René Alecu de Flers gewesen sein, der später auch ein Buch über Radio Freies Europa („Radio Europa Liberă şi exilul românesc“) schrieb, aber meine Erinnerung an den Tag sind eher getrübt.  Es war wohl Roger Constantinescu. Im Nachlass meines Vaters findet sich ein Brief von ihm an „Jany Popa“ anläßlich eines Jubiläums des Grand Council of Royal and Select Masters of Germany. Constantinescu arbeitete auch bei Radio Freies Europa und war laut dem rumänischen Wikipedia im Monitoring beschäftigt.

Meine Halbschwester Anka schreibt in ihren Erinnerungen, dass vor der Einäscherung die französische Flagge und Freimaurersymbole den Sarg meines Vaters geschmückt hätten. Ich kann mich an nichts davon erinnern.








Samstag, 7. Dezember 2024

Der Tod zählt zur Familie

Irgendwann ist es mehr als genug. Irgendwann ist es zu viel. Aber irgendwann ist es auch vorbei. Selbst ein sich unbarmherzig wiederholendes Leid. 

Manchmal überfällt es einen überraschend schnell. Nach kurzer, schwerer Krankheit heißt es dann in den Nachrufen. Bei uns in der Familie war bisher eher das Gegenteil die Regel. Jahrelanges Siechtum. Stirb langsam. 

Als vorgestern mein Bruder Dinu im Alter von 72 Jahren verlosch, waren es dagegen nur wenige Wochen gewesen, zwei, drei Monate. „Nach kurzer, schwerer Krankheit“ schrieb ich in meiner Pressemeldung für die Branchenblätter und den Nachrichten für den Freundeskreis und die Angehörigen in Frankreich und Rumänien. Und dennoch war jeder Tag ein Tag zu viel gewesen. Denn an Creutzfeldt-Jakob stirbt man nicht, man krepiert. Diesen Sommer war es bei ihm ausgebrochen, wie es eben ausbricht. Ohne Anlass oder Ursache, aber dafür unbarmherzig tödlich. 

Das Hirn löst sich auf, man kann nicht mehr richtig sehen, stehen, gehen. Hat Wahnvorstellungen, Schwierigkeiten, sich zu artikulieren. Und zwischendurch immer wieder lichte Momente, was es nur grausamer macht, weil man den eigenen Untergang miterlebt. „Ich sterbe“, rief mein Bruder im Krankenhaus, als ein Verlagsvertreter auf Dinus Handy anrief und auf die Freisprecheinstellung geschaltet war. Und in diesem Satz war Dinu wieder ganz der Alte, extrovertiert, dramatisch, trotz der tödlichen Diagnose irgendwie übertreibend, aber nicht ohne Witz und Ironie. Selbst das Schlimmste, Persönlichste für eine Pointe nutzend.

Ausgerechnet Dinu, der intellektuellste oder eher einzige Intellektuelle von uns Söhnen, war im Hirn erkrankt. Eine meiner ältesten Erinnerungen an ihn ist, wie er in seiner ersten eigenen Wohnung in der Wilhelm-Düll-Straße 1 mit anderen zusammen auf dem Boden saß, „Das Kapital“ las und diskutierte. Die Marx-Engels-Lesegruppe. Jahrzehnte später lösten Dinu und ich für die slawistische Buchhandlung Kubon + Sagner ihr Warenlager in der Heßstraße auf und räumten meterweise Marx und Engels ab, in allen möglichen Sprachen. Die Bände lagern wohl immer noch in Dinus Lagerhalle in Frankfurt-Bockenheim.

Deutlich ältere Brüder zu haben, ist wunderbar, wenn man jung ist. Hat man doch als Kind schon Anteil an den Erfahrungen Reiferer. Als ich dagegen Dinu letztes Jahr im Sommer in Frankfurt besuchte, um gemeinsam Dario Argento im Deutschen Filminstitut zu erleben, hatte sich das Blatt gewendet. Jetzt sah ich vor mir, was mir in neun Jahren, vielleicht auch früher oder später, blüht: Einen alten Mann mit vielen Krankenhausaufenthalten hinter sich und einer unaufhörlichen Kette an Erkrankungen. Nichts lebensbedrohliches, aber doch das Leben bestimmendes. Ein Jahr später, als ihn Creutzfeldt-Jakob schon dahinzuraffen begann, lag er in einem Krankenhausbett mit der Modellbezeichnung Avant-Guard.

Doch im Sommer zuvor, nach Argentos Auftritt sind Dinu und ich um die Ecke Essen gegangen. Essen war in unserer Familie wichtig. Und kannte keine Grenzen. Markknochen, paniertes Hirn, blutige Steaks. Etwa als wir gemeinsam auf der BookExpo America in Chicago waren und keine Gelegenheit ausließen, gut zu speisen. 

Diese Erinnerungen bleiben, aber wenn man mich dieser Tage nach Dinus Lebenslauf fragt, muss ich passen und es fällt mir auf, wie wenig ich von seinem Leben weiß, eben auch weil er neun Jahre älter war und schon auszog, als ich noch ein Kind war.

Viele Jahre war er ein Hippie gewesen, langhaarig, mit Vollbart. Und ich weiß noch, wie ich eines Tages von der Schule nach Hause kam und mein Vater mich mit einem jungen, rasierten, kurzhaarigen Mann im Wohnzimmer erwartete und mir eröffnete, dass wir Besuch aus Rumänien hätten. Einen entfernten Cousin. Erst als beide schallend zu lachen begannen, begriff ich, dass das keineswegs ein entfernter Verwandter war, sondern mein Bruder, nur eben mit gestutzten Haaren.

Die letzten Jahre, in denen wir alle zusammen in der Tizianstraße wohnten, waren besonders eng gewesen. Nicht etwa nur die Eltern samt der drei Söhne in der Vier-Zimmer-Wohnung, die Radio Freies Europa für uns in München-Gern angemietet hatte. Denn eines Tages klingelte das Telefon. Meine Mutter ging ran, ich stand neben ihr. Ein Aufschrei. Ihre Mutter, meine Großmutter, Angela „Maia“ Dragu, war in Paris verunglückt. Sie hatte sich daheim hinsetzen wollen, war dabei unglücklich gestürzt und hatte sich so schwer am Kopf verletzt, dass sie fortan auf den Rollstuhl angewiesen war und kaum mehr sprechen konnte. Also zogen die Großeltern auch zu uns nach München. Meine Mutter hatte nun mehrere Jahre einen Sieben-Personen-Haushalt zu betreuen und ich erlebte Maias Siechtum aus nächster Nähe.

Bisher war ich der Meinung, das meine panische Angst vor Menschen, die sich schwer artikulieren können, deren Worte ich nicht verstehen kann, aus der Zeit stammt, als ich als Kleinkind in Deutschland lebte, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, weil wir daheim nur Rumänisch redeten. Inzwischen vermute ich, dass dieses Trauma eher mit meiner Großmutter zusammenhängt, deren Worte ich plötzlich nicht mehr verstehen konnte.

Irgendwann kehrten meine Großeltern wieder nach Paris zurück, aber die Wohnung blieb ein Hospiz. Nun war mein Vater dran, der an allerlei litt: Magengeschwüre und Prostatakrebs, Angina Pectoris und Migräne … Wobei letzteres mit das Schlimmste war, weil er dagegen Unmengen an Dolviran schluckte und sich damit regelrecht vergiftete. Wenn er mit der Trambahn zur Arbeit gefahren war, aber abends nicht nach Hause kam, machte ich mich als Kind auf den Weg, die Strecke nach ihm abzusuchen, ob er vielleicht irgendwo auf einer Parkbank vor sich hin dämmerte. Ich saß im Notarztwagen, als er nach einem seiner Herzinfarkte eingeliefert wurde. Und als er ein anderes Mal ausgerechnet in der Klinik des Leibarztes von Franz Josef Strauß in Kempfenhausen lag, fuhr ich allein immer mit der S-Bahn nach Starnberg und lief von dort zu Fuß zur Argirov-Klinik, um ihn zu besuchen. Denn Klinikaufenthalte waren für meinen Vater die Hölle, weil ihn die deutschen Ärzte und Krankenschwestern an seinen KZ-Aufenthalt erinnerten. Gestorben ist er dann mutterseelenallein im Bett daheim, als ich mit meiner Mutter zu Besuch in Paris war. Zu Lebzeiten hatte mein Vater immer gescherzt, dass meine Mutter sich anläßlich seiner Beerdigung sicher darüber beschweren würde, dass sie dafür so früh aufstehen muss. Und so war es dann auch tatsächlich.

Für meine Mutter, die zwischen den beiden Weltkriegen in einen Diplomatenhaushalt mit Domestiken und Haute-Couture hineingeboren wurde, aber später dann verarmt im Exil lebte, begann jetzt eine gute Zeit, in der sie nur noch für sich selbst sorgen musste. Nahezu dreißig schöne Jahre. Bis dann das Alter zuschlug. Sie war plötzlich auf einen Rollator angewiesen. Und sie, die nahezu jeden Tag in der Innenstadt einkaufen war, verließ plötzlich den Arabellapark nicht mehr. Im Rewe kaufte sie nur noch im Erdgeschoss ein und mied das Untergeschoss. Irgendwann verließ sie ihre Wohnung nicht mehr. Der Garten, den sie jahrzehntelang leidenschaftlich gepflegt hatte, wurde nicht mehr betreten. Dann fiel das Wohnzimmer weg. Und irgendwann verließ sie ihr Bett nicht mehr selbständig. 

Und so wie sich ihr Bewegungsfeld reduzierte, ließ auch ihre geistige Reichweite nach. Beginnende Demenz, die man als Sohn lange übersieht. Bis es dann nicht mehr ignoriert werden kann. Es beginnt mit dem schmutzigen Geschirr, das sich in der Spüle stapelt. Und dann findet man plötzlich, irgendwo versteckt, vollgeschissene Bettwäsche. Neun Jahre pflegten wir unsere Mutter daheim. Fütterten sie, wuschen sie, halfen ihr aufs Klo. Ein paar Jahre vor ihrem Tod stellte sie das Reden ein. Und wir kommunizierten nur noch über Blicke. Was soll man auch reden, wenn bei den intimsten Dingen plötzlich Mutter und Kind die Rollen tauschen. Und selbst mit Dritten zog eine Sprachlosigkeit ein, was meine Mutter betraf. Zu absurd war vieles. Etwa als die trockene Haut meiner Mutter immer mit Kokosnussöl eingerieben werden sollte. Ich zur gleichen Zeit eine Freundin hatte, die aufgrund ihrer Allergien Kokosnussöl als Gleitmittel nutzte. Und niemals zuvor oder danach ich etwas mit Kokosnussöl zu tun hatte, bis auf wenige Monate in dieser Konjunktion.

Sprachlosigkeit muss aber nicht zwingend schlecht sein. Mit meinem Bruder Dinu verstand ich mich auch ohne Worte. Wir sprachen kaum. Aber wir verstanden uns. Er war vielleicht der einzige, aber mit Sicherheit der letzte, dem ich mich nie erklären musste. Mit dem ich dieselbe Heimatlosigkeit teilte. Dabei waren wir grundverschieden. Er offen, freundlich, positiv. Ich verschlossen, misstrauisch, überkritisch. Wenn ich ihm eine böse Beobachtung zuraunte, plauderte er sie im nächsten Augenblick gegenüber dem Objekt meiner Kritik aus. Aber nicht etwa, um mich hinzuhängen, sondern um das Gespräch zu eröffnen. Und nie reagierte jemand böse auf meine weitergetragenen Bosheiten, weil die so entwaffnende Freundlichkeit meines Bruders selbst meiner Häme jede Schärfe nahm.

Ich bin mir nicht sicher, ob er mich tatsächlich erkannt hat, als ich ihn Mitte Oktober im Krankenhaus besuchte. Halb dämmerte er mit geschlossenen Augen vor sich hin. Bekam aber immer wieder durchaus mit, was um ihn herum geschah und äußerte sich dann plötzlich geistesgegenwärtig, mit dem ihm eigenen Schalk, um gleich darauf wieder wegzudämmern. Mal ein Auge geöffnet, mal beide Augen. Die „Rosenheim-Cops“ im Krankenhausfernseher verfolgend, die auch immer bei meiner Mutter liefen, als sie bettlägerig war.

An jenem Nachmittag in Wiesbaden war Dinu teilweise noch recht agil. Saß er erstmal im Rollstuhl, wusste er sich zu bewegen. Und als meine Schwägerin und ich eingetroffen waren, um ihn zu besuchen, trafen wir ihn erst einmal gar nicht an. Er war weder in seinem Bett, noch in seinem Zimmer oder gar auf der Station. Er war im Rollstuhl ausgebüxt. Und wir mussten das halbe Gebäude nach ihm absuchen, bis wir ihn dann im Erdgeschoss rollend fanden.

Als wir ihn später am Nachmittag, kurz bevor wir gingen, ein bisschen herumschoben, vermeinte ich auch zu hören, wir er mir ein „Dorinel“, kleiner Dorin, nachrief. Aber so leise, dass ich mir nicht sicher sein kann, ob er es tatsächlich rief. Ob er mich wiedererkannt hatte, einzuordnen wusste, in der grassierenden Unordnung seines Hirns.

Gemeinsam aßen wir noch etwas. Das Schlucken fiel ihm sichtlich schwer. Die Station hatte eigentlich auch verboten, ihm noch feste Nahrung zu geben. Aber er aß mit dem alten Appetit. Selbst wenn er sich dabei ständig verschluckte.

Das waren unsere letzten gemeinsamen Momente. Er durfte dann aus dem Krankenhaus noch ein paar letzte Wochen nach Hause, bevor er schließlich in einem Hospiz seine letzten Tage verbrachte und friedlich, in Anwesenheit seiner Frau, für immer einschlief.

(Foto mit der Barbie-Puppe: Peter Eising; Rest privat)

Sonntag, 9. Juni 2024

Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni!

Anläßlich des Todes des ehemaligen RFE-Mannes Mircea Carp beginnt der Nachruf von hotnews.ro mit einer längeren Passage von Mircea Morariu über meinen Vater Iani Popa aka Ion Măgureanu: 

„Până prin 1978, Programul politic, una dintre principalele emisiuni cu difuzare zilnică ale Departamentului românesc de la Radio Europa Liberă, a fost prezentat de cel pe care întreaga redacție de la München îl numea Iani Popa. Pentru ascultătorii din România, Ioan/Iani Popa, fostul secretar general de redacție de la Curentul, se numea Ion Măgureanu. Era, din câte se pare, un bonom și de fiecare dată începea programul cu formula de adresare Doamnelor și domnilor, dragi ascultători, iubiți prieteni! 

Iani Popa avea, din câte mi s-a povestit, ceva de bunic poate și fiindcă albise prematur, avea și darul povestirii, fapt care îl obliga foarte adesea pe Noel Bernard, directorul de atunci al postului, să îi mai ceară câteodată să-și scurteze intervențiile cu care introducea subiectele în principal de politică externă. 

Când Iani Popa a ieșit la pensie, pentru o vreme Programul politic a fost prezentat fie de Victor Cernescu (Romilo Lemonidis), fie de Radu Vrancea (Cornel Ianatoș), acesta din urmă transferat de la Radiomagazin.“