Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
Mein Vater Ion Popa war mindestens zweimal in Jugoslawien. Während des Zweiten Weltkriegs als Frontberichterstatter gemeinsam mit Curzio Malaparte, um über den Partisanenkampf gegen die Deutschen zu berichten. Und das letzte Mal unfreiwillig für längere Zeit nach seiner
Flucht aus dem kommunistischen Rumänien Ende der 1940er-Jahre. Ihm gelang es zwar, die erste Grenze zu überwinden, dafür wurde er aber in Titos Jugoslawien erwischt und kam zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk.
Dort gelang es ihm wiederum, zu entkommen. Aber nur mit Unterstützung Dritter. Eine jüdische Gruppe organisierte in der Mine die Flucht mehrerer jüdischer Zwangsarbeiter aus dem Bergwerk und Jugoslawien. Und obwohl wir keine Juden sind, sondern rumänisch-orthodox, halfen sie meinem Vater und nahmen ihn mit.
Er war sein Leben lang den Juden und dem Staat Israel dankbar. Und es ist kein Zufall, dass er – vor seiner Zeit als Ion Măgureanu bei Radio Free Europe – um 1950, 1951 herum für die Pariser „Radio Orient Telegram Press“, wohl unter den Pseudonymen J. P. Niopa und J. P. Lorkonits, sowie für „La libre Belgique“, möglicherweise unter der anonymen Autorenzeile „Correspondance particulière de la Libre Belgique“, auf Rumänisch und Französisch als Korrespondent aus Tel Aviv berichtete. Beiträge meines Vaters über Rumänien und Israel für „Radio Orient Telegram Press“ fanden sich im Archivnachlass des Exilpolitikers Ion Rațiu.
Wohl aus dieser Zeit in Israel besaß mein Vater ein antiquarisches, hebräisch-französisches
„Livre de prières“ (
pour jours de semaine, sabbat et fètes à l'usage des Israélites du rites Sephardi traduit en Français par A. Crehange, nouvelle édition corrigée et remaniée par Dr. Joseph Schaechter, avec trois gravures colorées, Vienne 1932, Librairie Jos. Schlesinger, 1, Seitenstettengasse 5), aus dem die obige Illustration stammt.
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