Freitag, 9. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (9) und was ich von ihm gelernt habe

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat mich so ziemlich machen lassen, was ich mwollte. Man könnte auch sagen, dass er sich – wie meine Mutter – nicht sonderlich für mich interessiert hat. Nach der Volksschule und dem Mittagessen konnte ich zwischen Grünwaldpark und Nymphenburger Kanal einerseits sowie den Ruinen der Gerner Brauerei und dem Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal, den wir nur Würmkanal nannten, andererseits treiben, was ich wollte.

Während meiner gesamten Schulzeit war er nur ein einziges Mal, zu Grundschulzeiten, gekommen, um mit einer Lehrkraft über mich zu sprechen. Ich hatte im Zwischenzeugnis im Fach Schrift statt der über Jahre stabilen 4, ausreichend, eine 5 erhalten („Die Schrift könnte bei größerer Sorgfalt besser sein.“) und mein Vater war zur Sprechstunde in die Dom-Pedro-Schule erschienen, wo er die arme Lehrerin so zusammenschrie, dass ich es bis auf den Gang hörte.

Ansonsten interessierten sich meine Eltern weder für meine schulischen Leistungen, noch für meine außerschulischen Aktivitäten. Sie haben auch nie einen einzigen journalistischen Text von mir gelesen.

Das soll keinesfalls bedeuten, dass mich mein Vater nie abgefragt hätte. Historisches Wissen, Politik, Geografie, Literatur, im Gespräch prüfte er unermüdlich Wissen, das in keinem Zusammenhang mit dem Schulstoff stand. Und wenn ich etwas nicht wusste, lehrte er mich, es immer sofort nachzuschlagen. Das mache ich bis heute. Selbst, wenn ich ins Kino gehe oder eine Serie streame, recherchiere ich gern hinterher zu den Machern, Schauspieler*innen, literarischen Vorlagen oder den in der Handlung erwähnten Ereignissen.

Schon früh verfiel ich, durchaus als Verteidigung gegen meinen mitunter cholerischen, aber stets fordernden Vater, mich dümmer zu stellen, als ich war. Er fragte etwas ab, und ich kannte die richtige Antwort, sprach sie aber nicht aus. Es genügte mir, sie innerlich zu wissen, aber für mich zu behalten. Wollte ihm aber nicht die Befriedigung geben, richtig zu antworten. Es war eben auch zwischen uns beiden ein dysfunktionales Verhältnis, von der gesamten Familie ganz zu schweigen.

Mein Vater hatte aber, bei aller Intellektualität, auch eine animistische Seite. Er war überzeugt, dass allem, selbst einem Stein eine Seele innewohne, und lehrte mich, nicht nur mit Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern mit jedem Gegenstand respektvoll umzugehen. 

Andere Dinge, die er mir beigebracht hat, waren weit praktischer. Immer Streichhölzer dabei zu haben. Kleingeld für Münzfernsprecher. Und niemals, niemals einer Tram hinterherzulaufen, um sie noch zu erwischen. 

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