Sonntag, 11. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (11) Ion Popa, Pamfil Șeicaru und Joseph Goebbels

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

 
Pamfil Șeicaru. Der Name fiel oft bei uns daheim in der Münchner Tizianstraße. Gesehen, habe ich ihn nie. Und mein Vater hat ihn nie empfangen oder besucht, obwohl Șeicaru nach vielen Jahren im spanischen Exil 1975 in die Münchner Region gezogen war. Wobei mein Vater zumindest in meiner Erinnerung grundsätzlich keinen einzigen Menschen besuchte oder empfing, mit zwei Ausnahmen, seiner Schwester Vasilica und seiner Tochter Anka, wenn sie das kommunistische Rumänien mal für wenige Tage verlassen durften.

Pamfil Șeicarus 1923 geborene Tochter Ana Viorela (hier 1931 porträtiert von Nicolae Tonitza) habe ich dagegen oft getroffen, denn sie war eine der besten Freundinnen meiner 1922 geborenen Mutter. Regelmäßig besuchte Viorela Șeicaru meine Mutter Florica Popa in München. Und wann immer meine Mutter und ich in Paris waren, trafen wir uns mit ihr. Sie lebte mit Mann und Tochter, nunmehr als Viorela Vergne, in Paris und oft holten wir Viorela nach Feierabend in einer Parfümerie ab, in der sie entweder arbeitete oder die ihr vielleicht auch gehörte. Viorelas Tochter übernachtete auch einmal bei uns, als sie zu Besuch in München war. 

Viorela starb Anfang der 1980er-Jahre bei einem tragischen Unfall in Frankreich. Eine Wespe oder Biene war in ihr Auto eingedrungen, woraufhin sie die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. 

Ich weiß nicht, ob Viorela und meine Mutter sich über meinen Vater oder über meinen Großvater kennengelernt hatten. Mein Großvater mütterlicherseits, Ioan Dragu, hat 1923 als Redaktionssekretär („secretarul de redacție“) mit Pamfil Șeicaru zusammen Nicolae Iorgas Zeitung „Neamul Românesc“ (Die rumänische Nation) geführt und nach deren Fusion mit „Îndrumarea“ (Die Anleitung) 1924 wiederum als Redaktionssekretär („secretarul de redacție“) wiederum mit Pamfil Șeicaru zusammen in der Gründungsredaktion der Tageszeitung „Cuvântul“ (Das Wort) gearbeitet. Schreibt zumindest Șeicaru in seiner „Istoria presei“ (Geschichte der Presse).

Vladimir Ionescu, der nach dem Krieg mit meinem Vater bei Radio Freies Europa zusammenarbeitete, war laut Șeicaru auch mit an Bord. 1928 trat mein Großvater in den diplomatischen Dienst ein und wurde Presseattaché an der Botschaft in Warschau, während Șeicaru „Cuvântul“ 1927 verlassen hatte, um 1928 seine eigene Tageszeitung, „Curentul“ (Die Aktuelle), zu gründen. Laut René Al. de Flers war mein 1913 geborener Vater vor dem Zweiten Weltkrieg Chefredakteur bei „Cuvântul“, als Șeicaru und Dragu bereits weg waren. Aber dann holte Șeicaru, wie Mircea Carp schrieb, meinen Vater zu „Curentul“ als Redaktionssekretär („secretar general de redacție“). De Flers zufolge müsste das 1940 gewesen sein.

„Curentul“ war nicht nur eine beliebige Tageszeitung in Bukarest und Pamfil Șeicaru keiner von vielen Blattmachern. Șeicaru gilt als einer der wichtigsten Journalisten Rumäniens aller Zeiten und „Curentul“ als technisch wie inhaltlich herausragende Tageszeitung, wobei inhaltlich durchaus auch im negativen Sinne herausragend.

Die Zeitung war 1928 von Șeicaru als Geschäftsführer und Chefredakteur gegründet worden und zog 1938 in einen futuristischen Palast in der Str. Eforie 5 um. (Nach dem Zweiten Weltkrieg soll hier laut MDR die Securitate residiert haben.) Das nationalistische Massenblatt stand politisch rechts, wird von vielen sogar als rechtsextrem eingestuft. Wobei Șeicaru laut Fănel Teodoraşcus 2010 veröffentlichten Artikel „The Newspaper Editorial Board, the Strength of the Journalistic Success (The Case of Curentul)“ seinen hoch bezahlten Redakteuren die Freiheit ließ, so ziemlich jede Meinung zu vertreten, von den faschistischen Ansichten der Eisernen Garde über liberale Standpunkte bis hin zu sozialistischen Thesen.

Șeicaru behauptet in seiner „Istoria presei“ (Geschichte der Presse): „Gazetarului nu-i este permis să asiste spectator indiferent la zbuciumul de fiecare zi al vieții sociale, să înregistreze pasiv variatele aspecte; el trebuie să trăiască cu intensitate, să participe impetuos la toate întâmplările din care se țese pânza misterioasă a istoriei. Unicul lui judecător, fără drept de apel, este cititorul. Un scriitor se poate consola de insuccesul momentan, gândindu-se la sentința postumă a generațiilor viitoare care revizuiesc toate judecățile contemporanilor. Unui gazetar nu îi este îngăduită această iluzie.“

„Dem Journalisten ist es nicht gestattet, das tägliche Getümmel des gesellschaftlichen Lebens gleichgültig zu betrachten und es aus jedem Blickwinkel nur passiv zu erfassen. Er muss intensiv leben, ungestüm an allen Ereignissen teilnehmen, aus denen das geheimnisvolle Netz der Geschichte gewoben wird. Sein einziger Richter, ohne Berufungsmöglichkeit, ist der Leser. Ein Schriftsteller kann sich über sein vorübergehendes Scheitern hinwegtrösten, indem er an das posthum gefällte Urteil künftiger Generationen denkt, die alle Urteile ihrer Zeitgenossen überprüfen werden. Einem Journalisten ist diese Illusion nicht gestattet.“

Technisch war man laut Teodoraşcu auf der Höhe: „Seicaru's financial strength became evident in 1936 when Curentul opened its own printing press, equipped with most modern printing techniques at the time. Pamfil Seicaru showed that, in 1939, at Curentul, he installed, in addition to the rotating Frankental, 18 linotypies manufactured in 1938 and also the last rotation model, created by MAN. »For that type only two copies were made, one for Prensa newspaper in Buenos Aires and another one for Curentul.«

Șeicaru mit seiner wortgewaltigen, aggressiven, gar pamphletischen Redaktionslinie wird angerechnet, die Presse als vierte Gewalt in Rumänien etabliert zu haben. Zugleich wird ihm aber vorgeworfen, Bestechung, möglicherweise durch die italienischen Faschisten und deutschen Nazis, und erpresserische Methoden gegenüber heimischen Politikern, Prominenten und Unternehmen in der rumänischen Presse etabliert zu haben. Der legendäre Historiker Nicolae Iorga soll Șeicaru einmal gefragt haben, ob es stimme, dass er jedes Stockwerk seines Verlagspalastes mit einer Erpressung finanziert habe. Im Rumänischen reimt sich auch Erpressung auf Stockwerk: şantajul und etajul. Șeicaru hätte erwidert, dass das Gebäude dann bis in den Himmel ragen müsste.

„His reputation of a blackmailer, appeared in the interwar period and reinforced in the Communist regime, overshadowed his journalistic achievements and compromised Curentul editorial board, built in the 16 years of activity“, schreibt Teodoraşcu über Șeicaru. In seiner sehr lesenswerten Studie „Germany's Empire in the East – Germans and Romania in an Era of Globalization and Total War“ hat David Hamlin dargelegt, dass die rumänische Presse bereits vor und während des Ersten Weltkriegs käuflich war: „A memorandum presumably drafted by Roselius in October 1914 suggested that a newspaper could, at lower cost, have the impact of an army corp. “ (…) „Newspapers that the Germans could not bribe were assumed to have been bought previously by the French and Russians. »It is an open secret that the publisher of the Bucharest newspaper Adverul had accepted a million franc bribe even before the outbreak of the war and that with very small exceptions all the Bucharest papers were paid for anti-German propaganda.«

Am 6. März 1944 hat mein Großvater Ion Dragu für Șeicaru einen Empfang in Paris organisiert, wie „Le Petit Parisien“ am Tag darauf unter der Überschrift „Une réception à Paris en l’honneur de M. Seicaru président de la presse roumaine“ schreibt: „M. Pamfil Seicaru, président de la presse roumaine, directeur du grand quotidien bucarestois Curentul, se trouve actuellement de passage à Paris. Au cours d’une réception de presse en panorthodoxie, tantôt, enpresse organisée hier par le conseiller de la légation de Roumanie M. Jean Dragu, le grand journaliste roumain a pris un amical contact avec les représentants de la presse parisienne.“

Kurz darauf verließ Șeicaru für immer Rumänien. Manche Quellen sagen, der rumänische Außenminister hätte ihn mit einer diplomatischen Mission in Spanien beauftragt. Andere behaupten, er wäre aus Eigeninitiative über Deutschland nach Spanien geflohen. Jedenfalls gerade noch rechtzeitig, bevor König Mihai I. am 23. August 1944 den faschistischen Dikator Ion Antonescu stürzte und Rumänien von den Achsenmächten zu den Alliierten wechselte. 

Șeicaru, inzwischen von Rumäniens Kommunisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt, blieb mehrere Jahrzehnte im spanischen Exil und wechselte schließlich 1974, ein Jahr vor Francos Tod, nach Bayern, zuerst nach München oder Karlsfeld und später nach Dachau. Währendessen begnadigte Nicolae Ceaușescu 1966 Șeicaru im Exil und die Securitate bezahlte ihn, um Rumäniens Sonderweg im Ostblock in Artikeln zu feiern. 1976 oder 1977 war er sogar auf Einladung der Securitate heimlich in Rumänien zu Besuch. Als Șeicaru 1980 in Dachau starb, würdigte ihn Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einem Beileidstelegramm als herausragenden rumänischen Journalisten, Patrioten und Freiheitskämpfer. 

Mein Vater hat oft von seinen Erlebnissen als Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs erzählt, aber nie von seiner Arbeit unter Șeicaru oder seinen in „Curentul“ veröffentlichten Beiträgen. Bis auf einziges Mal. Da bedauerte er zutiefst, einst einen Artikel geschrieben zu haben, in dem er Joseph Goebbels gelobt hatte. So hatte ich als Kind ihn zumindest verstanden.

Laut René Al. de Flers' Buch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ war das leider wohl noch schrecklicher. Horia Sima, Leiter der faschistischen Eisernen Garde, plante die Ermordung Șeicarus. Benito Mussolini hatte davon erfahren und lud Șeicaru zu seinem Schutz nach Italien ein. Dieser folgte recht übereilt der Einladung und setzte währenddessen in Bukarest meinen Vater als Statthalter in der „Curentul“-Redaktion ein:

„Probabil că încrederea lui Şeicaru, sau răspunderea cu care fusese însărcinat i se urcase la cap. Find șef în lipsa lui Şeicaru, făcuse câteva inovații și transformări. În locul rezervat pentru articolul de fond al lui Şeicaru, hotărâse să publice articole semnate de Joseph Goebbels, ministrul Propagandei în guvernul nazist. 

Popa cunoștea sensibilitatea lui Şeicaru și n-ar fi trebuit să o facă, dar nu gândise la urmări. Între timp, legionarii încercaseră să pună mâna pe putere, numai că rebeliunea de la 21-23 ianuarie 1941 n-a avut succesul dorit de ei. Şeicaru nemaiavând motiv să rămână la Roma, se reîntorsese în București. Ajuns la palatul Curentului, toți redactorii îl așteptau în sala de conferințe. Lipsea numai unul: Popa.
 
- Da unde este Iani?
A fost prima întrebare a lui Şeicaru și i s-a răspuns în unison: 
- Te așteaptă la Capșa, domnule director. 
- Cum așa? El trebuie să fie aici unde îi este locul ca să-mi dea raportul. Este o nerușinare din partea lui. Nu mai am nevoie de el, să rămână acolo unde se găsește. Nu vreau să-l mai văd. 
Cu asta, activitatea lui lani Popa la Curentul se terminase. Şeicaru nu înțelegea de glumă.“

„Şeicarus in ihn gesetztes Vertrauen oder die ihm übertragene Verantwortung stiegen ihm wohl zu Kopf. Als Verantwortlicher während Şeicarus Abwesenheit veranlasste er einige Neuerungen und Änderungen. Anstelle von Şeicarus Leitartikel druckte er Beiträge von Joseph Goebbels, dem Propagandaminister des Nazi-Regimes.

Popa kannte Şeicarus Empfindlichkeiten und hätte das besser unterlassen, aber er dachte nicht an die Folgen. Nachdem die versuchte Machtergreifung der Eisernen Garde mittels des Aufstandes vom 21. bis 23. Januar 1941 scheiterte, gab es für Şeicaru keine Grund mehr, in Rom zu bleiben. Er kehrte nach Bukarest zurück, wo ihn die versammelte Redaktion im Konferenzsaal des Verlagsgebäudes erwartete. Nur ein einziger fehlte: Popa.

- Aber wo steckt denn Iani?
So lautete Şeicarus erste Frage und man antwortete ihm im Einklang:
- Er wartet auf Dich im Capșa, Herr Direktor.
- Wie das? Er müsste hier sein, um mir Bericht zu erstatten. Wie unverschämt von ihm. Dann brauche ich ihn auch nicht mehr, dann soll er bleiben, wo er ist. Ich will ihn nie mehr sehen.
Und so endete die Arbeit von Iani Popa bei Curentul. Şeicaru verstand keinen Spaß.“


Keine Kommentare: