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Donnerstag, 22. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (22) und die CIA, die selbst meinen Bruder Dinu im Blick hatte

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Bruder Dinu Popa war Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre Kommunist oder sympathisierte zumindest mit ihnen. In der von meinen Eltern für meine beiden älteren Brüder angemieteten Wohnung um die Ecke in der Wilhelm-Düll-Straße 1 unterhielt er eine am Boden sitzende Lesegruppe, in der man gemeinsam „Das Kapital“ von Karl Marx studierte, während ich gelegentlich daneben saß.

Es dürfte auch kein Zufall gewesen sein, dass er zeitweise an der Ludwig-Maximilians-Universität Chinesisch studierte.

Und eines Tages hat er offenbar vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat an der Königinstraße gegen die Amis demonstriert. Es wird wohl, wie bei unserer Diskussion daheim in diesen Jahren, um den Vietnamkrieg gegangen sein.

Dieser Demobesuch blieb nicht unbemerkt. Die CIA fotografierte meinen Bruder nicht nur, sondern scheint ihn auch identifiziert zu haben. Denn am Arbeitsplatz meines Vaters, dem erst Anfang der 1970er Jahre der Aufsicht durch die CIA entzogenen Sender Radio Free Europe, wurde meinem Vater ein Foto meines demonstrierenden Bruders gezeigt. 

Mittwoch, 21. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (21) und das kyrillische Rumänisch

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Schriftsprache war Kirchensprache. Und die orthodoxen Nationen nutzten im Unterschied zu den Katholiken nicht das lateinische Alphabet, sondern die aus dem Phönizischem abgeleiteten griechischen oder kyrillischen Schriftsysteme. So auch Rumänien seit dem 16. Jahrhundert, obwohl es sich bei Rumänisch nicht um eine slawische Sprache handelt, sondern um eine romanische.

Erst Mitte der 1860er-Jahre wurde das rumänisch-kyrillische Alphabet – nach einer Zwischenphase mit einem Übergangsalphabet, das Buchstaben beider Schriften enthielt – durch die lateinischen Schrift abgelöst. Doch die kyrillische Schrift blieb vereinzelt bis in die 1920er-Jahre in Gebrauch.

Und mein 1913 geborener Vater Ion Popa erzählte, dass er als Kind im westmoldauischen Focșani gelernt hat, noch auf Kyrillisch zu schreiben.

(Foto: Anton Panns „Bazul teoretic și practic al muzicii bisericești sau Gramatica melodică“, 1845, via Wikipedia)

Dienstag, 20. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
 
Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das vom faschistischen Diktator General Ion Antonescu geführte Rumänien zu den Achsenmächten. Das war im Ersten Weltkrieg noch anders gewesen. Da kämpfte Rumänien in der Entente an der Seite Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland und Italien, worauf es von den Deutschen besetzt wurde. Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, der über seine Kriegserlebnisse eine Bestseller-Triologie geschrieben hatte, erzählte mir Jahrzehnte später mit größtem Bedauern, dass er damals einen bayerischen Gebirgsjäger erschossen hätte. Der Deutsche hatte seine Arme hoch gerissen, um sich zu ergeben. Aber bis mein Opa das begriff, hatte er schon reflexhaft abgedrückt.

Am 23. August 1944 stürzte der junge König Mihai I. in einem Staatsstreich den Militärdiktator Antonescu und Rumänien wechselte an die Seite der Allierten. Daraufhin wurden die rumänischen Diplomat*innen in Berlin und Wien, sowie weitere Journalist*innen und Künstler*innen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, interniert.

Drei Tage und Nächte lang sollen sie im Zugwaggon unterwegs gewesen sein, ohne zu wissen, wohin man sie bringt. Mein Vater, seine erste Ehefrau Hortensia und ihre wenige Monate alte Tochter kamen mit der „diplomatischen Austauschgruppe“ ins niederschlesische Krummhübel (auf Polnisch Karpacz), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie am Rande von Rübezahls Riesengebirge das Haus Brandenburg bezogen.

Weitere Bewohner in den Häusern Brandenburg und Brodtbaude waren der Dichter Vintilă Horia mit seiner Frau Olguța, der Maler Eugen Drăguţescu, der Dirigent Ionel Perlea, der Opernsänger Tomel Spataru, Viorel Gligore, Arzt an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, Hildegard Marie Praglowski vom Generalkonsulat in Wien, Maria Panteli, Henry Holban, Bucur Ţincu, Darascu Padureanu, Ioan Enescu. (Es fielen auch die Namen Silvestri und Solaculu). Manche sprachen von der Elite Rumäniens.

Ein Teil der rumänischen Austauschgruppe kam im benachbarten Brückenberg ins Haus Ermel.

In den Arolsen Archives findet sich eine Akte mit „Gesuchen von rumänischen Internierten (diplomatische Austauschgruppen) an das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes um die Erlaubnis der Übermittlung von Nachrichten an ihre Angehörigen“ in Rumänien. 

Der darin auftauchende Ion Popa war aber wohl nur ein Namensvetter, da er in Brașov ansässig war, mein Vater dagegen in Bukarest.

Auch wenn Krummhübel das Außenlager eines Konzentrationslagers war, wurde die rumänische Gruppe deutlich besser behandelt als die übrigen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter*innen. Sie sollten nicht vernichtet, sondern nur interniert werden. Wie man auf dem Foto sieht, behielten sie ihre Garderobe. Mangels Weihnachtsdekoration sollen die rumänischen Lagerinsass*innen zu Heiligabend 1944 ihren Christbaum mit ihren eigenen Juwelen und Schmuckstücken verziert haben.

Für meine Schwester bastelte man als Geschenk an ihrem ersten Weihnachsfest eine Mappe, die ein ihr gewidmetes Weihnachts- und Heimatgedicht Horias und zwei Porträtzeichnungen aus der Hand Drăguţescus enthielt.

Mein Vater und seine Familie blieben im Lager, bis sie von den Russen im Frühjahr 1945 befreit wurden. Vintilă Horia scheint zuvor ins österreichische Mariapfarr verlegt worden zu sein, wo ihn die Briten befreiten.

Doch auch wenn die Lagerbedingungen vergleichsweise gut gewesen zu sein scheinen, traumatisierten sie meinen Vater. Als er Jahrzehnte später im Krankenhaus war, triggerte der Umgang mit dem deutschen Arzt- und Pflegepersonal Ängste aus der KZ-Zeit.

Montag, 19. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (19) Ion Popa und das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater öfters ferngesehen hätte. Das war eher die Domäne meiner Mutter, während mein Vater lieber am Radio hing, das den ganzen Tag lief und Nachrichten lieferte.

Eines Abends war aber ein rumänisches Folklore-Ensemble in einer deutschen Fernsehshow zu Gast. (In meiner vagen Erinnerung war es Wim Thoelkes „Der große Preis“, aber das Format scheint eher keine solchen Programmelemente ausgestrahlt zu haben.)

Mein Vater schaute sich den Auftritt an. Und es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah.


Sonntag, 18. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (18) Ion Popa und seine moldauischen Wurzeln

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Obwohl in München geboren, habe ich mich immer als Rumäne gefühlt, weil meine Eltern mit mir nur Rumänisch sprachen, sie mich rumänisch-orthodox getauft hatten, und ich laut den Ausweispapieren ein staatenloser Flüchtling rumänischer Herkunft war. Und selbstverständlich betonten wir gerade in München immer, richtige Rumänen zu sein und nicht etwa Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben oder irgendwelche anderen Deutsch-Rumänen.

Der moderne rumänische Staat entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Fürstentümer Walachei und Moldau. Natürlich wusste ich, dass mein Vater in der westlichen Moldau geboren wurde und in der früheren Hauptstadt des Fürstentums Moldau, in Iași studiert hatte. Meine Mutter dagegen war zwar zufällig im siebenbürgischen Cluj geboren, war aber in der Walachei verwurzelt und wuchs in Bukarest und Craiova auf.

Moldau, Walachei, für mich war das alles eine Nation. Bis ich nach der Revolution Anfang der 1990er-Jahre erstmals nach Rumänien reisen durfte. Bei meinen Recherchen in Bukarest für einen Reiseführer wollte ich mich in einem Hotel nach den Zimmerpreisen erkundigen und fragte auf Rumänisch nach dem Preis für ein Zimmer, eine odaie. Man verstand mich nicht, denn odaie ist offenbar ein eher moldauisches Wort für Zimmer, angelehnt an die entsprechenden türkischen und bulgarischen Begriffe, während man in der Walachei oder auf Hochrumänisch cameră sagt. Der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu schrieb zwar: 

„Căci perdelele-ntr-o parte când le dai, și în odaie
Luna varsă peste toate voluptoasa ei văpaie,“

In der Übersetzung von Laurent Tomaiagă 1943:

„Hat man aber die Gardinen im Gemach beiseit’ geschoben,
Giesst der Mond dann über alles wonnevoll die Glut von oben“

Aber Eminescu stammt eben auch aus dem westmoldauischen Ipotești.

Das war das erste Mal, dass ich mir meiner moldauischen Wurzeln bewusst wurde. Inzwischen bekenne ich mich offensiv dazu, indem ich auf meiner rechten Hand Capul de bour, den Ochsenkopf, die erste moldauische Briefmarke von 1856, als Tätowierung trage.

Samstag, 17. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (17) Ion Popa und warum er uns Söhnen die Initialen D.P. für Displaced Person verpasste

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

Mein Vater Ion Popa hat mehr Zeit im Exil verbracht, als in seiner rumänischen Heimat. Dennoch blieb er durch und durch Rumäne. Wir sprachen daheim nur Rumänisch, sind  – wie mein Bruder Dinu auf dem Foto – rumänisch-orthodox getauft worden und hatten zwar keine rumänischen Pässe, waren aber staatenlose, politische Flüchtlinge rumänischer Herkunft, obwohl meine beiden Brüder in Paris geboren sind und ich in München. In meinem Falle lag der ererbte Status nahe, denn Deutschland setzt auf das ius sanguinis, die Staatsangehörigkeit qua Abstammung.

In Frankreich gilt aber wie in Großbritannien oder den USA das ius soli, das Recht des Geburtsortes. Wer in Frankreich geboren wurde, war Franzose. Vorausgesetzt, die Eltern entscheiden sich dafür – oder bei Erreichen der Volljährigkeit man selbst. Mein Vater lehnte das ab, und so wuchsen meine Brüder trotz ihres Anspruchs staatenlos auf, mit einem weitgehend nutzlosen Konventionspass für staatenlose Flüchtlinge.

Und natürlich wurden wir alle drei in der rumänisch-orthodoxen Église des Saints-Archanges in Paris-St. Germain getauft. In meinem Fall bedeutete es, dass ich nach meiner Geburt in der Münchner Geisenhofer Frauenklinik, vis-à-vis von Radio Freies Europa am Englischen Garten, bereits im zarten Alter von sechs Monaten meine erste Reise antrat. Nach Paris, um getauft zu werden.

Uns Brüder verbindet nicht nur die rumänische Muttersprache und die orthodoxe Taufe, wir drei, 1952, 1953 und 1961 Geborenen tragen auch alle dieselben Initialen: D. P. Mein Vater entschied sich bewusst für Vornamen, die daran erinnern sollten, dass seine nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Kinder D. P. sind, displaced persons.

Freitag, 16. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (16), Radio Freies Europa und die Sicherheitsbedingungen am Englischen Garten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.

Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.

Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.

Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.

Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.

Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.

Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.

Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.

Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.

Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (15) und seine bäuerlichen Kenntnisse

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mit wenigen Ausnahmen erlebte ich meinen Vater in den 1960er- und 1970er-Jahren nur an drei Orten. Bei der Arbeit im Sender Radio Freies Europa, daheim oder bei unseren Spaziergängen durch den Kleingartenverein Nord-West 1 am Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal.

Nun war mein Vater Geisteswissenschaftler, Journalist und augenscheinlich ein Städter. Bukarest, Tel Aviv, Paris, München. Meist in Anzug mit Krawatte unterwegs.

Wenn wir aber gemeinsam durch die Kleingartenanlage wandelten, erkannte er alles und konnte mir aufgrund der Blätter sagen, wo welches Gemüse wuchs oder an welchem Obstbaum oder -strauch wir gerade vorbeiliefen. 

Mittwoch, 14. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (14) Ion Popa und seine Schwester Vasilica Balaban

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Stammt mein Vater nun aus der Kreisstadt Focșani oder dem dörflichen Vereşti? Die Angaben dazu weichen voneinander ab. Doch seinen Erzählungen zufolge vermutete ich immer eine eher ländliche denn städtische Herkunft. Andererseits lebten seine Mutter und zwei seiner Geschwister, seine Schwester Vasilica Balaban und sein Bruder Dumitru („Mitică“), laut der Securitate nach dem Krieg in Focșani, während Polixenia („Pusy“) offenbar wie mein Vater zwischen den Weltkriegen nach Bukarest gezogen und dort verheiratet war. 

Meine Halbschwester Anka betont, dass sich die Securitate auch mal irren konnte, und mein Vater definitiv in Focșani geboren war.

Als einzige der Geschwister meines Vaters hat Vasilica uns einmal im Münchner Exil Anfang der 1970er-Jahre besucht. Und sie stammte für mich eindeutig vom Land. Andererseits: Was weiß ich von den Lebensbedingungen in einer rumänischen Kreisstadt zu dieser Zeit?Jedenfalls sah Vasilica am Stachus zum ersten Mal in ihrem Leben eine Rolltreppe.

Und auf dem Klo hielt sie es, wie sie es offenbar von daheim gewohnt war. Sie warf das benutzte Toilettenpapier nicht ins Klo, sondern durch das kleine Fenster auf den Balkon.

Wir Brüder machten uns darüber lustig, was meinen Vater sehr aufregte. Er hatte zu Recht wenig Verständnis für unsere städtische Arroganz.

Dienstag, 13. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (13) und Leonid Breschnew

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Bei Radio Freies Europa konnten selbst Kleinigkeiten Wellen schlagen. Als etwa der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew (Foto) an einer Erkältung litt, wünschte ihm mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu in seiner politischen Radiosendung gute Besserung. Was sich nicht versendete, sondern für rege Diskussion sorgte. Selbst das galt im Kalten Krieg schon als Regelbruch.

Montag, 12. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (12), Frau Dr. Popa und den BND

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater Ion Popa hatte zusammen mit seinem besten Jugendfreund und mutmaßlichen Halbbruder in Iași studiert und auch promoviert. Den geisteswissenschaftlichen Doktortitel benutzte er aber nie und hatte ihn auch nicht in seinen Personaldokumenten vermerkt. 

Meine Eltern waren eher darüber amüsiert, wie im Unterschied etwa zu Rumänien oder Frankreich hier in Deutschland jeder seinen Dr. wie eine Monstranz vor sich hertrug, egal, in welchem Fach man promoviert hatte. Für uns war ein Dr. immer nur der Arzt.

Um so erstaunter war meine Mutter, als sie einmal bei uns in Gern die Metzgerei in der Kratzerstraße betrat und dort als Frau Dr. Popa begrüßt wurde. Meine Mutter besaß keinen Doktortitel und hatte zu ihrem Leidwesen auch nie studieren dürfen. Architektur wäre das Fach ihrer Wahl gewesen.

Von der Metzgerfamilie wurde sie entsprechend auch nur so begrüßt, weil sie die Frau von Herrn Dr. Popa war. Aber woher wußten die das überhaupt? Denn wie gesagt, mein Vater führte den Titel nie. Er war nicht in seinen Flüchtlingspapieren vermerkt. Und er bekam keine an Dr. Ion Popa  adressierte Post, womit auch der Briefträger als Informant fürs Viertel ausfiel.

Die Quelle war vielmehr der Bundesnachrichtendienst gewesen, der bei uns in der Nachbarschaft Erkundigungen zu meinem Vater sammelte und dabei eben nach Herrn Dr. Popa fragte.

Bloß weil mein Vater als Ion Măgureanu für Radio Free Europe arbeitete und somit unter dem Schutz der CIA und USA stand, bedeutete noch lange nicht, dass ihn der verbündete BND mit Nachstellungen verschont hätte.

Rund zehn Jahre später tauchte der BND dann bei einem meiner Brüder auf. Der war inzwischen Werbeleiter eines Münchner Tradionsunternehmens, und die Geheimdienstler wollten, dass er einem geflüchteten Rumänen, der unter der Protektion des Bundesnachrichtendienstes stand, einen Job gab. Mein Bruder schmiß sie hochkantig wieder raus.

Sonntag, 11. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (11) Ion Popa, Pamfil Șeicaru und Joseph Goebbels

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 

 
Pamfil Șeicaru. Der Name fiel oft bei uns daheim in der Münchner Tizianstraße. Gesehen, habe ich ihn nie. Und mein Vater hat ihn nie empfangen oder besucht, obwohl Șeicaru nach vielen Jahren im spanischen Exil 1975 in die Münchner Region gezogen war. Wobei mein Vater zumindest in meiner Erinnerung grundsätzlich keinen einzigen Menschen besuchte oder empfing, mit zwei Ausnahmen, seiner Schwester Vasilica und seiner Tochter Anka, wenn sie das kommunistische Rumänien mal für wenige Tage verlassen durften.

Pamfil Șeicarus 1923 geborene Tochter Ana Viorela (hier 1931 porträtiert von Nicolae Tonitza) habe ich dagegen oft getroffen, denn sie war eine der besten Freundinnen meiner 1922 geborenen Mutter. Regelmäßig besuchte Viorela Șeicaru meine Mutter Florica Popa in München. Und wann immer meine Mutter und ich in Paris waren, trafen wir uns mit ihr. Sie lebte mit Mann und Tochter, nunmehr als Viorela Vergne, in Paris und oft holten wir Viorela nach Feierabend in einer Parfümerie ab, in der sie entweder arbeitete oder die ihr vielleicht auch gehörte. Viorelas Tochter übernachtete auch einmal bei uns, als sie zu Besuch in München war. 

Viorela starb Anfang der 1980er-Jahre bei einem tragischen Unfall in Frankreich. Eine Wespe oder Biene war in ihr Auto eingedrungen, woraufhin sie die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. 

Ich weiß nicht, ob Viorela und meine Mutter sich über meinen Vater oder über meinen Großvater kennengelernt hatten. Mein Großvater mütterlicherseits, Ioan Dragu, hat mit Pamfil Șeicaru gemeinsam 1924 in der Gründungsredaktion der Tageszeitung „Cuvântul“ (Das Wort) gearbeitet. 1928 trat mein Großvater in den diplomatischen Dienst ein und wurde Presseattaché an der Botschaft in Warschau, während Șeicaru „Cuvântul“ 1927 verlassen hatte, um seine eigene Tageszeitung, „Curentul“ (Die Aktuelle), zu gründen. Wie Mircea Carp schrieb, war mein Vater dort später leitender Redakteur („secretar general de redacție“).

Das war nicht nur eine beliebige Tageszeitung in Bukarest und Pamfil Șeicaru keiner von vielen Blattmachern. Șeicaru gilt als einer der wichtigsten Journalisten Rumäniens aller Zeiten und „Curentul“ als technisch wie inhaltlich herausragende Tageszeitung, wobei inhaltlich in einem negativen Sinn.

Die Zeitung war 1928 von Șeicaru als Geschäftsführer und Chefredakteur gegründet worden und zog 1938 in einen futuristischen Palast in der Str. Eforie 5 um. (Nach dem Zweiten Weltkrieg soll hier laut MDR die Securitate residiert haben.) Das nationalistische Massenblatt stand politisch rechts, wird von vielen sogar als rechtsextrem eingestuft. Wobei Șeicaru laut Fănel Teodoraşcus 2010 veröffentlichten Artikel „The Newspaper Editorial Board, the Strength of the Journalistic Success (The Case of Curentul)“ seinen hoch bezahlten Redakteuren die Freiheit ließ, so ziemlich jede Meinung zu vertreten, von den faschistischen Ansichten der Eisernen Garde über liberale Standpunkte bis hin zu sozialistischen Thesen.

Technisch war man laut Teodoraşcu auf der Höhe: „Seicaru's financial strength became evident in 1936 when Curentul opened its own printing press, equipped with most modern printing techniques at the time. Pamfil Seicaru showed that, in 1939, at Curentul, he installed, in addition to the rotating Frankental, 18 linotypies manufactured in 1938 and also the last rotation model, created by MAN. »For that type only two copies were made, one for Prensa newspaper in Buenos Aires and another one for Curentul.«

Șeicaru mit seiner wortgewaltigen, aggressiven, gar pamphletischen Redaktionslinie wird angerechnet, die Presse als vierte Gewalt in Rumänien etabliert zu haben. Zugleich wird ihm aber vorgeworfen, Bestechung, möglicherweise durch die italienischen Faschisten und deutschen Nazis, und erpresserische Methoden gegenüber heimischen Politikern, Prominenten und Unternehmen in der rumänischen Presse etabliert zu haben. Der legendäre Historiker Nicolae Iorga soll Șeicaru einmal gefragt haben, ob es stimme, dass er jedes Stockwerk seines Verlagspalastes mit einer Erpressung finanziert habe. Im Rumänischen reimt sich auch Erpressung auf Stockwerk: şantajul und etajul. Șeicaru hätte erwidert, dass das Gebäude dann bis in den Himmel ragen müsste.

„His reputation of a blackmailer, appeared in the interwar period and reinforced in the Communist regime, overshadowed his journalistic achievements and compromised Curentul editorial board, built in the 16 years of activity“, schreibt Teodoraşcu über Șeicaru. In seiner sehr lesenswerten Studie „Germany's Empire in the East – Germans and Romania in an Era of Globalization and Total War“ hat David Hamlin dargelegt, dass die rumänische Presse bereits vor und während des Ersten Weltkriegs käuflich war: „A memorandum presumably drafted by Roselius in October 1914 suggested that a newspaper could, at lower cost, have the impact of an army corp. “ (…) „Newspapers that the Germans could not bribe were assumed to have been bought previously by the French and Russians. »It is an open secret that the publisher of the Bucharest newspaper Adverul had accepted a million franc bribe even before the outbreak of the war and that with very small exceptions all the Bucharest papers were paid for anti-German propaganda.«

1944 verließ Șeicaru für immer Rumänien. Manche Quellen sagen, der rumänische Außenminister hätte ihn mit einer diplomatischen Mission in Spanien beauftragt. Andere behaupten, er wäre aus Eigeninitiative über Deutschland nach Spanien geflohen. Jedenfalls gerade noch rechtzeitig, bevor König Mihai I. den faschistischen Dikator Ion Antonescu stürzte und Rumänien von den Achsenmächten zu den Alliierten wechselte. 

Șeicaru, inzwischen von Rumäniens Kommunisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt, blieb mehrere Jahrzehnte im spanischen Exil und wechselte schließlich 1974, ein Jahr vor Francos Tod, nach Bayern, zuerst nach München oder Karlsfeld und später nach Dachau. Währendessen begnadigte Nicolae Ceaușescu 1966 Șeicaru im Exil und die Securitate bezahlte ihn, um Rumäniens Sonderweg im Ostblock in Artikeln zu feiern. 1976 oder 1977 war er sogar auf Einladung der Securitate heimlich in Rumänien zu Besuch. Als Șeicaru 1980 in Dachau starb, würdigte ihn Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einem Beileidstelegramm als herausragenden rumänischen Journalisten, Patrioten und Freiheitskämpfer. 

Mein Vater hat oft von seinen Erlebnissen als Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs erzählt, aber nie von seiner Arbeit unter Șeicaru oder seinen im „Curentul“ veröffentlichten Beiträgen. Bis auf einziges Mal. Da bedauerte er zutiefst, einst einen Artikel geschrieben zu haben, in dem er Joseph Goebbels gelobt hatte. 

Samstag, 10. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (10): In absentia

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Asylland meiner Eltern, Brüder und auch von mir  – trotz meiner Geburt in München – war viele Jahrzehnte Frankreich. Selbst nach dem Umzug zu Radio Freies Europa in München behielten meine Eltern und wir Kinder als Staatenlose und politische Flüchtlinge lange Zeit den französischen Tître de Voyage.

Zuständig war aufgrund des deutschen Wohnsitzes nunmehr die Préfecture administrative de la région Grand Est et du Bas-Rhin in Straßburg. Regelmäßig fuhren wir alle dorthin. Der Sender übernahm die Bahnfahrt 1. Klasse und zahlte uns auch das Hotel.

In Straßburg hatte ich als Kind meinen ersten Rausch. Wir waren mittags in einem Restaurant essen, und ich hatte so viel Cola getrunken, dass ich plötzlich zu lachen anfing und es nicht mehr abstellen konnte. Mein Bruder Dinu musste mit mir vor die Tür, bis sich der Anfall wieder legte.

Das Straßburg der 1960er- und 1970er-Jahre ist nicht mit dem aufgebrezelten Strasbourg der Gegenwart zu vergleichen. Der Bahnhof war noch nicht in eine pseudomoderne Plexiglashülle gewandet und die ganze Stadt, ob Straßen oder Kanäle, war etwas heruntergekommen, Ratten allgegenwärtig. Aber ich mochte die Stadt. So sehr, dass ich später, 1999, gerne für ein Jahr dorthin gezogen bin.

Zu meinem 14. Geburtstag änderte sich plötzlich die Routine. Ich sollte allein nach Strasbourg fahren, um meinen Konventionspass zu verlängern, dessen Gültigkeitsdauer wohl in dem Jahr von der meiner Eltern abwich. Der Sender zahlte wieder Bahnfahrt und dasselbe Hotel wie jedes Mal, aber eben nur für mich. Und so reiste ich allein nach Frankreich.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich überhaupt Französisch gelernt hatte. Rumänisch ist meine Muttersprache, denn daheim sprachen wir nur das. Deutsch hatte ich mit ungefähr drei Jahren auf den Straßen in Gern gelernt. Mein erstes Wort soll Polizei gewesen sein. In Kindergarten und Schule perfektionierte ich dann meine Kenntnisse.

Als ich noch ein kleines Kind war, wechselten meine Eltern ins Französische, wenn ich ihre Unterhaltung nicht verstehen sollte. Am Wittelsbacher-Gymnasium fing ich erst 1975 in der 9. Klasse, also im Alter von 14 Jahren, mit dem Französisch-Unterricht an, aber da konnte ich es längst.

Irgendwie haben die jährliche Aufenthalte mit meinen Eltern in Paris und Straßburg, die daheim herumliegenden französischen Zeitungen und Zeitschriften sowie der Umstand, dass daheim der französische Sender Europe 1 ständig lief, mir die Sprache eingetrichtert.

Auch Behördengänge waren mir nicht fremd, hatte ich diese doch schon jahrelang für meine Eltern übernommen, wenn auch nur in München, und auf Deutsch.

So stand ich nun 1975 in Strasbourg allein vor einem Beamten, der mir erklärte, dass mir Frankreich das Asyl aufkündigt, mir keinen neuen Reiseausweis für Flüchtlinge ausstellt, und ich also in deutsche Obhut wechseln würde.

Der Zweck dieser ganzen Reise war offensichtlich gewesen, diesen Verwaltungsakt an mir persönlich durchführen zu können. Man könnte es auch ein abgekartetes Spiel nennen, wobei meine Eltern nichts davon geahnt haben dürften, sonst hätten sie mich vorgewarnt. Wir waren zwar eine dysfunktionale Familie und nicht sonderlich gut darin, untereinander zu kommunizieren, aber wir logen uns nicht an.

Nicht weniger merkwürdig und genauso länderübergreifend war es sieben Jahre später, als mein Vater starb. Meine Mutter war nach Paris gereist, ich sollte ihr folgen. Vormittags hatte mein Vater mir noch zu Hause das Frühstück gemacht, dann flog ich auch nach Paris. Wir hausten in der Wohnung einer Freundin meiner Mutter, im roten Vorstadtgürtel von Paris.

Ich war abends aus gewesen, und als ich nach Hause kam, saßen meine Mutter und eine Freundin mit ernsten Mienen da. Ich sagte „Oh, Scheiße“, mir war sofort klar, dass mein Vater gestorben war.

Einer meiner Brüder organisierte sofort für den nächsten Morgen ein Flugticket, damit meine Mutter nach München zurückkehren konnte. Ich dagegen sollte am Flughafen versuchen, meinen ursprünglichen Rückflug eine Woche später umzubuchen, damit ich gemeinsam mit meiner Mutter einchecke.

Natürlich hat das nicht geklappt. Weder ich, noch meine Mutter hatten Geld, um auf eigene Kosten ein Ticket für mich zu erstehen. Und so flog meine Mutter allein nach München, während ich mit meinem Gepäck in die  Wohnung zurückkehrt bin. Ich blieb die volle Woche in Paris, und es war ein merkwürdiger Zustand, einerseits zu trauern, andererseits aber ins Kino zu gehen, Konzerte zu besuchen und all das zu tun, was ich mir für Paris vorgenommen hatte.

Ich kam gerade noch rechtzeitig für die Trauerfeier am Westfriedhof zurück und hatte mich dennoch nie wirklich von meinem Vater verabschieden können.

Über vierzig Jahre später erreichte mich dann in München das Gerücht, dass mein Vater Suizid begangen hätte. Ein Freund meiner Brüder behauptete es. Ich kann es mir nicht vorstellen, so, wie ich ihn in seinen letzten Wochen erlebt hatte. Und es zirkulierten über uns auch immer die unsinnigsten Gerüchte in unserem deutschen Umfeld. Etwa, dass ich von Personenschützern zur Schule begleitet worden wäre, weil mein Vater ein wichtiger Dissident gewesen sei. Aber was weiß ich schon.


 


Freitag, 9. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (9) und was ich von ihm gelernt habe

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater hat mich so ziemlich machen lassen, was ich mwollte. Man könnte auch sagen, dass er sich – wie meine Mutter – nicht sonderlich für mich interessiert hat. Nach der Volksschule und dem Mittagessen konnte ich zwischen Grünwaldpark und Nymphenburger Kanal einerseits sowie den Ruinen der Gerner Brauerei und dem Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal, den wir nur Würmkanal nannten, andererseits treiben, was ich wollte.

Während meiner gesamten Schulzeit war er nur ein einziges Mal, zu Grundschulzeiten, gekommen, um mit einer Lehrkraft über mich zu sprechen. Ich hatte im Zwischenzeugnis im Fach Schrift statt der über Jahre stabilen 4, ausreichend, eine 5 erhalten („Die Schrift könnte bei größerer Sorgfalt besser sein.“) und mein Vater war zur Sprechstunde in die Dom-Pedro-Schule erschienen, wo er die arme Lehrerin so zusammenschrie, dass ich es bis auf den Gang hörte.

Ansonsten interessierten sich meine Eltern weder für meine schulischen Leistungen, noch für meine außerschulischen Aktivitäten. Sie haben auch nie einen einzigen journalistischen Text von mir gelesen.

Das soll keinesfalls bedeuten, dass mich mein Vater nie abgefragt hätte. Historisches Wissen, Politik, Geografie, Literatur, im Gespräch prüfte er unermüdlich Wissen, das in keinem Zusammenhang mit dem Schulstoff stand. Und wenn ich etwas nicht wusste, lehrte er mich, es immer sofort nachzuschlagen. Das mache ich bis heute. Selbst, wenn ich ins Kino gehe oder eine Serie streame, recherchiere ich gern hinterher zu den Machern, Schauspieler*innen, literarischen Vorlagen oder den in der Handlung erwähnten Ereignissen.

Schon früh verfiel ich, durchaus als Verteidigung gegen meinen mitunter cholerischen, aber stets fordernden Vater, mich dümmer zu stellen, als ich war. Er fragte etwas ab, und ich kannte die richtige Antwort, sprach sie aber nicht aus. Es genügte mir, sie innerlich zu wissen, aber für mich zu behalten. Wollte ihm aber nicht die Befriedigung geben, richtig zu antworten. Es war eben auch zwischen uns beiden ein dysfunktionales Verhältnis, von der gesamten Familie ganz zu schweigen.

Mein Vater hatte aber, bei aller Intellektualität, auch eine animistische Seite. Er war überzeugt, dass allem, selbst einem Stein eine Seele innewohne, und lehrte mich, nicht nur mit Menschen, Tieren und Pflanzen, sondern mit jedem Gegenstand respektvoll umzugehen. 

Andere Dinge, die er mir beigebracht hat, waren weit praktischer. Immer Streichhölzer dabei zu haben. Kleingeld für Münzfernsprecher. Und niemals, niemals einer Tram hinterherzulaufen, um sie noch zu erwischen. 

Donnerstag, 8. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (8), seine Anfänge bei Radio Freies Europa und meine vermeintliche Zeugung bei den Olympischen Spielen in Rom

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Im April 1951, wohl nach seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Israel, ist mein Vater Ion Popa in Paris als Flüchtling rumänischer Herkunft anerkannt worden, wobei das Dokument der Organisation Internationale pour les Réfugiés auf Ioan Popa ausgestellt wurde.

Das früheste Foto, auf dem meine Eltern Ion und Florica Popa gemeinsam zu sehen sind, stammt aber laut der rückseitigen Beschriftung bereits von 1950. Ich weiß nicht, wann und wo sie sich kennengelernt haben. Laut meinem Bruder Dinu sei es im Pariser Atelier des rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși gewesen. Brâncuși war 1903 zu Fuß von Rumänien über München nach Paris gewandert und hatte sich dann dort 1904 niedergelassen. Seine Ateliers waren nicht nur für die Pariser Künstlerszene, sondern auch für die rumänische Community ein Treffpunkt.

Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, wie auch der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Jean Dragesco, kannten Brâncuși nachweislich (1, 2). Es ist aber für mich kaum vorstellbar, dass meine Eltern sich nicht bereits früher andernorts begegnet waren. Mein Großvater als Journalist, Regierungssprecher und Diplomat verkehrte sicherlich in denselben Kreisen wie mein Vater. Meine Mutter war zwar wohl aufgrund des Diplomatenlebens das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien gewesen, aber das schließt nicht aus, dass sich meine Eltern, mein 1913 geborener Vater und meine 1922 geborene Mutter, bereits in Berlin, Rom, Paris oder Vichy begegnet wären.

Geheiratet haben sie in der rumänisch-orthodoxen Kirche des Saints-Archanges in Paris-St. Germain, wo früher auch Brâncuși Messdiener gewesen war. Offenbar hatte sich die erste Ehefrau meines Vaters, Hortensia, nach seiner Flucht aus Rumänien in Abwesenheit von ihm scheiden lassen. Am 3. Oktober 1952 kam als erster Sohn Dinu zur Welt, im Jahr darauf mein zweiter Bruder. Finanziell ging es meinen Eltern im Exil so schlecht, dass beide Kinder im Pariser Armenkrankenhaus Hôtel des Invalides geboren wurden. Meine Eltern hatten nicht einmal Geld, um zum Zahnarzt zu gehen, und meine Mutter, die mit Hauspersonal und Chauffeur aufgewachsen war und als junge Frau Maßgeschneidertes trug, fing an, sich ihre Kleider selbst zu schneidern.

Das Angebot, 1954 bei Radio Freies Europa in München anzufangen, war für meinen Vater der Ausweg aus der Armut. Dennoch blieb es ein Hin und Her zwischen Anstellung und Kündigung, München und Paris. 

Diese erste Anstellung als News Writer ab dem 22. Mai 1954 wurde mit monatlich 190 US-Dollar bezahlt. Der Sender übernahm die Unterbringung in einem Hotel oder einer Pension sowie die Reisekosten für die gesamte Familie. Da mein Vater weiterhin in Frankreich polizeilich gemeldet blieb, fielen keine Steuern oder Sozialabgaben in Deutschland oder den USA an. Die Familie war in dieser Zeit aber auch noch nicht über den Arbeitgeber krankenversichert. Adressiert war das vom European Director Richard J. Condon unterzeichnete Schreiben vom 25. Mai 1954 an meinen Vater im Park Hotel, Maximiliansplatz.

Am 6. Juli 1954 erhielt meine offenbar mitgereiste Mutter ihre Aufenthaltserlaubnis. Wohnhaft war sie in der Pension Elisabeth in der Schwabinger Jakob-Klar-Straße. 

Aber zehn Tage später kündigte mein Vater bereits wieder seine Redaktionsstelle bei Radio Freies Europa von einem Tag auf den anderen während der Probezeit.

Offensichtlich kehrte die Familie nach Paris zurück, weil mein Vater sich 1955 dort einen Presseausweis ausstellen ließ.

Am 13. April 1955 schrieb dann der Personalmanager Francis W. Erickson meinem Vater, dass eine Stelle als Romanian Researcher bei Radio Free Europe im News and Information Service ausgeschrieben worden sei und bot ein Vorstellungsgespräch an. Das Jahresgehalt betrug 1750 US-Dollar, also rund 146 US-Dollar im Monat und damit weniger als im Vorjahr.

Offensichtlich war das Vorstellungsgespräch gut verlaufen, so es überhaupt eins gab, denn bereits am 21. April 1955 begann mein Vater für 145 US-Dollar im Monat erneut bei Radio Free Europe zu arbeiten. Der Sender übernahm wieder die Reise- und Unterbringungskosten, aber keine Krankenversicherung.

Am 28. November 1955 wurde mein Vater dann versetzt. War er bislang Researcher im Bereich Evaluation & Resarch des News and Information Service gewesen, wurde er nun Editor Writer im Romanian Desk. Einen Monat später gab es eine Gehaltserhöhung von 145 auf 235 US-Dollar im Monat.



Zum Jahreswechsel gab es eine Danksagung von Noël Bernard, dem damaligen Leiter der rumänischen Redaktion.

Drei Jahre später erfolgte durch den Personalchef Donald L. Hershey die Beförderung meines Vaters zum Editor, also Redakteur, samt einer Gehaltserhöhung von inzwischen monatlich 263 auf 288 US-Dollar. Zudem gab es eine jährliche GFSA von 600 US-Dollar.  

Die Pariser Wohnung in der 6, rue Albert Samain existierte aber fort, denn am 18. Oktober 1958 ließ sich meine Mutter auf die Adresse einen französischen Führerschein ausstellen. Vermutlich handelte es sich dabei um die Wohnung meiner Großeltern und Angele „Maia“ Dragu, denn meine Mutter gab bereits 1944 dieselbe Adresse als Schülerin bei der École du Louvre an und ihr Bruder Jean Dragesco 1946 auf einer Visitenkarte

Im Grunde war mein Vater immer Journalist im Politik-Ressort gewesen, weshalb auch ich als Journalist mich lange Zeit geweigert habe, mich im selben Ressort zu betätigen, und lieber über die „schönen Dinge des Lebens“ schrieb. Deshalb kam für mich auch Radio nie in Frage. Ich wollte meine eigenen Wege gehen. 

In seinen Anfängen bei Radio Freies Europa soll er aber im Sport-Ressort angesiedelt gewesen sein, wie er mir erzählte. Aus den mir vorliegenden schriftlichen Unterlagen lässt sich das nicht konkretisieren. News sind News, ob Sport oder Politik. Er war aber auf jeden Fall 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom. Und meine Mutter hat ihn dort offenbar besucht oder die ganze Zeit begleitet, denn dort soll ich gezeugt worden sein. Was rechnerisch aber nicht ganz hinhaut, wenn die Spiele Ende August 1960 begannen, ich aber bereits Ende März 1961 geboren wurde.

Die ersten Monate 1954 bei Radio Freies Europa scheinen nicht angerechnet worden zu sein, denn für seine 10-jährige Betriebszugehörigkeit erhielt mein Vater erst 1965 eine Urkunde.

Zum 25-jährigen Bestehen der rumänischen Abteilung bei Radio Freies Europa gab es am 29. Oktober 1976 ein Stehrumchen im Studio 22 des Senders, zu dem der Direktor Albert E. Hemsing auf Rumänisch einlud.Die offizielle Postanschrift hatte sich inzwischen von One English Garden zu einem wesentlich profaneren Oettingenstraße 67 am Englischen Garten geändert. Unter Englischer Garten 1a firmiert heute die Orangerie, unter der Hausnummer 3 der Biergarten am Chinesischen Turm. 

Am 1. Januar 1978, im Alter von 65 Jahren, ging mein Vater schließlich in den Ruhestand. Zum Abschied schrieb ihm am 8. Februar 1978 noch einmal Noël Bernard, der zwischendurch 1958 den Sender verlassen hatte, aber 1965 oder 1966 wieder als Leiter der rumänischen Redaktion zurückgekehrt war. 
Bernard starb 1981 unter mysteriösen Umständen, ein Jahr vor meinem Vater. Flori Bălănescu und Cristian Troncotă weisen in „România 1945–1989, Enciclopedia Regimului Comunist – Represiunea“, Vol. I, A–E, Bucureşti 2011, darauf hin, dass drei Leiter der rumänischen Abteilung: Noël Bernard 1981, Mihai Cismărescu 1983 und Vlad Georgescu 1988 an Krebs gestorben sind, und vermuten, dass das kein Zufall sei, sondern die Securitate mit radioaktiven Stoffen die Krankheit ausgelöst hätte. 

Mittwoch, 7. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (7): Alles außer Krebs

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meinen Vater habe ich nahezu ausschließlich als kranken Mann in Erinnerung. Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren litt er ständig an irgendetwas, ob daheim oder im Krankenhaus. Er hatte ein Magengeschwür und bekam einen Teil des Magens operativ entfernt, wurde an der Prostata operiert, hatte Herzinfarkte, einen Leistenbruch und vor allem eine unerträgliche Migräne, weshalb er daheim meistens einen nass-kalten Waschlappen mit einem Mulltuch an seiner Stirn befestigte.

Rückblickend klingt das nicht nach viel, aber auf die Frage, woran mein Vater denn leide, antwortete ich damals immer: Alles außer Krebs.

Wir rechneten ständig mit seinem Tod, aber als er dann nach vielen Krankheiten am 28. Oktober 1982 tatsächlich starb, waren wir überrascht, weil die Jahrzehnte in wiederholter Todesangst ihn für uns irgendwie auch unsterblich haben werden lassen.

Während eines seiner Herzinfarkte war ich daheim. Mein Schulkamerad Christian Stolberg und ich wollten gerade Tee trinken, als der Infarkt zuschlug. Christian schickte ich heim, und dann fuhr ich mit im Notarztwagen ins Krankenhaus.

Auch sonst war ich als Kind und Jugendlicher ein steter Begleiter meines Vaters im Krankenhaus. Als er beim Leibarzt von Franz Josef Strauß, Valentin Argirov, in dessen Privatklinik in Kempfenhausen lag,  mein Vater war sowohl über den Sender als auch privat und damit sehr gut krankenversichert, besuchte ich ihn ständig. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Starnberg und lief von dort zu Fuß am Nordufer des Starnberger Sees bis zur Klinik.

Anfangs war mein Vater Patient bei unserem Hausarzt, der, wenn ich mich recht erinnere, in der Böcklinstraße praktizierte. Später ließ sich ein Arzt rumänischer Herkunft schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße nieder, was mir erst jetzt im Nachhinein eher verdächtig vorkommt.

Medikamente waren ein steter Begleiter meines Vaters. Die Rollkur gegen das Magengeschwür, Nitro für die Angina Pectoris. Aber am meisten schluckte mein Vater gegen die Kopfschmerzen Dolviran, dessen alte Version als Kombipräparat 1983 verboten wurde. Er schluckte es über Jahre, gar Jahrzehnte in einem Ausmaß, dass es seinen Körper vergiftete. Manchmal verfiel er selbst in besseren Zeiten, in denen er seiner Arbeit bei Radio Freies Europa nachging, in einen Dämmerzustand. Wenn er etwa abends nicht vom Sender heimkam, lief ich ihm entgegen und fand ihn dann auf einer Bank im Grünwaldpark sitzend.

Manchmal verfiel er aber auch daheim in einen Wahnzustand, in dem ihn schlimme Erinnerungen aus seiner Vergangenheit heimsuchten. Meine Mutter und ich mussten ihn dann mit vereinter Kraft bändigen und in die Gegenwart zurückholen.

Klinikaufenthalte machten das nicht unbedingt besser. Denn die deutschen Ärzte und Krankenschwestern triggerten bei meinem Vater Erinnerungen ans KZ.