Dienstag, 26. Mai 2026

Keine Erinnerungen an meinen Vater bei Horia Stanca

Seitdem ich erfahren habe, dass mein Vater Ion Popa von 1941 bis 1944 an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin als Presseattaché beziehungsweise Statthalter der staatlichen Nachrichtenagentur Rador tätig war, suche ich nicht nur nach Zeitungsausschnitten dazu, sondern vor allem nach Augenzeugenberichten.

Große Hoffnung hatte ich dabei auf Horia Stancas  Memoirenband „Fragmentarium berlinez 1942–1945“ gesetzt. Stanca war von 1942 bis 1944 einer der Presseattachés an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin und später auch Teil der 1944/1945 im Erzgebirge internierten diplomatischen Austauschgruppe.

Es war war aber nicht ganz einfach, das im Jahr 2000 veröffentlichte, längst vergriffene Buch zu finden. Die Bayerische Staatsbibliothek listet es zwar in ihrem Bestand, erlaubt aber keine Ausleihe, weil der Titel zwar seinerzeit im Buchhandel bestellt und prompt in den Katalog aufgenommen wurde, aber nie in der Stabi  eingetroffen ist.

Fündig wurde ich dann aber bei Okazii.ro (deutsch: Gelegenheiten), eine Art rumänisches eBay. Das Problem war nur, dass die Plattform ausschließlich auf Bestellungen und Lieferungen innerhalb des Landes ausgerichtet ist. Die Bestellmaske erlaubt es erst gar nicht, ein Angebot zu erwerben, wenn man keine Adresse in Rumänien angibt.

Immerhin kann man die Anbietenden kontaktieren und so brachte ich einen Antiquar dazu, den Titel bei der Plattform auszulisten und stattdessen mir direkt zu verkaufen. 10 Euro für den Titel und 20 Euro für die Kurierkosten.

Nun brachte der rumänische Kurierdienst einen Zahlendreher in die Empfängeranschrift. Aus der Barer Str. 86a wurde Barer a, 86. Das genügte, damit DPD als deutscher Subunternehmer die Sendung als unzustellbar deklarierte.

Meine Versuche, die Empfängeranschrift zu korrigieren, scheiterten telefonisch und per Mail an der KI, die solche Begehren abschmettert. Und während man früher solche Probleme persönlich bei DPD in Neufahrn lösen konnte, empfängt dort inzwischen niemand mehr außer den Pförtnern, die wahnsinnig freundlich, aber ebenso hilflos waren. Adressänderungen muss der Absender vornehmen.

Gesagt, getan. Der Antiquar informierte seinen örtlichen Kurierdienst, dass es Barer Str. 86a heißen müsste. Auf dem Dienstweg zu DPD in Deutschland wurde daraus Barer a 86 68 a. Und somit erneut eine unzustellbare Sendung.

Glücklicherweise hatte ich aber im Sendungstracking gesehen, dass der Kurier mit der unzustellbaren Sendung noch bei mir in der Straße unterwegs war, lief mehrmals aus meiner Wohnung herunter, hielt immer nach ihm Ausschau und winkte ihm heftig zu, als er tatsächlich vorbeifahren wollte. Es half, dass eine rote Ampel ihn ausbremste. Der Kurierfahrer, natürlich ein Rumäne, hielt nach der Kreuzung an und ich konnte mich der Sendung bemächtigen.

Viel Aufwand für nichts. Stanca berichtet zwar auf nahezu 300 Seiten recht detailliert über seine Berliner Jahre während des Zweiten Weltkriegs, von über einem Dutzend seiner Kolleg*innen an der Botschaft und privaten Begegnungen mit Corina Sombart, Sergiu Celibidache, Dinu Lipatti, Mircea Eliade, Dreharbeiten in Babelsberg und Ufa-Stars und -Starlets wie Gustav Fröhlich, Lil Dagover, Paul Wegener, Käthe Dykhoff, Dagmar Altrichter und Vera Achilles. Aber meinen Vater erwähnt er mit keiner Silbe.

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