Freitag, 10. April 2026

Erinnerungen (46) an meinen Vater Ion Popa als Berliner Korrespondent der Agentur Rador

Im „Curentul“ vom 4. April 1942 wurde ein Ion Popa als Berliner Korrespondent der Agentur Rador zitiert. Demnach hat mein Vater nicht nur nach dem Krieg für eine Radio Orient Telegram Press (Rador Telepress) aus Israel berichtet, sondern bereits während des Zweiten Weltkriegs für die gleichnamige Nachrichtenagentur Rador als Korrespondent im Deutschen Reich.

Die Frage ist nur, ob er das nach seiner Tätigkeit als Presseattaché der rumänischen Gesandtschaft in Berlin getan hat, parallel zu seiner diplomatischen Tätigkeit oder ob er seine Tätigkeit als Presseattaché an der Gesandtschaft überhaupt nur als Vertreter der seit 1926 verstaatlichten Nachrichtenagentur Rador ausübte. Seit dem 10. März 1938 unterstand die Agenția Rador der neu geschaffenen Direcția generală a presei și propagandei (Generaldirektion für Presse und Propaganda), welche bei der Preşedinţia Consiliului de Miniştri (Vorsitz des Ministerrats) angesiedelt war. 

Nach Deutschlands Überfall auf Polen gründete Rumänien am 3. Oktober 1939 ein Propagandaministerium, das sowohl Einrichtungen wie die Nachrichtenagentur Rador als auch die Arbeit der Presseattachés in den rumänischen Gesandtschaften kontrollierte, wie Lucian Jora in seinem Buch „Diplomația culturală a României în perioada interbelică“ (Rumäniens Kulturdiplomatie zwischen den Weltkriegen) ausführlich beleuchtet.

Jora zitiert Überlegungen, die Presseattachés an den wichtigsten Gesandtschaften in Kulturattachés umzuwandeln und die Kontakte zur Presse den Repräsentanten der Nachrichtenagentur Rador in diesen Städten zu überlassen. Adrian Viţalaru schreibt dagegen in seinem Aufsatz „Diplomacy and war. Diplomatic missions of Romania during WWII“, dass die rumänische Gesandtschaft in Berlin 1941 allein vier Presseattachés beschäftigt hätte und die rumänischen Botschaften in den Jahren bis 1944 oft ihren Personalbestand noch weiter deutlich erhöht hätten.

Die Bukarester Tageszeitung „Timpul“ berichtete am 4. September 1942 von einem Empfang, den mein Vater Ion Popa zum einjährigen Bestehen des Berliner Korrespondentenbüros gegeben hätte. Da Dumitru Cristian Amzăr in seinem „Jurnal Berlinez“ (Berliner Tagebuch) am 23. August 1941 die bevorstehende Ankunft meines Vaters an der Berliner Gesandtschaft erwähnte, scheint die Rolle meines Vaters in der Gesandtschaft wohl darin bestanden zu haben, Rador in der Reichshauptstadt zu vertreten. Weitere Korrespondenten gab es beispielsweise in Rom, Vichy, Paris und Sofia. Ein Organigramm von 1942 erwähnt auch noch Madrid, Bern, Zagreb, London, Ankara, Helsinki, Stockholm, Budapest, Lissabon, Bratislava und Moskau.

Die rumänische Nachrichtenagentur Rador (Agenţia Orient-Radio – Agence Radio Orient) wurde am 16. Juni 1921 mit „ideeller und materieller Unterstützung des rumänischen Außenministeriums“ (Dumitru Preda 2001 im Vorwort zu Noti Constantinides „Valiza diplomatică“) als Kapitalgesellschaft gegründet, lieferte Nachrichten auf Rumänisch sowie Französisch und war zwischen den Weltkriegen die wichtigste Nachrichtenagentur des Landes. 

Carmen Ionescu nennt in ihrem Buch „Agenţiile de presă din România“ Noti Constantinide, Legationssekretär an der rumänischen Gesandtschaft in Paris, und Sebastian Șerbescu, Anwalt und Doktorand an der Sorbonne, als wichtigste Gesellschafter von Rador. Die französische Nachrichtenagentur Havas unterstützte die Gründung, das rumänische Außenministerium war der wichtigste Kunde und subventionierte zudem Rador. Im Gegenzug verpflichtete sich die Nachrichtenagentur, die politischen und militärischen Interessen Rumäniens zu wahren und der Propaganda zu dienen. Weitere Gesellschafter waren Grigore Gafencu, Ioan Cantacuzino, Dimitrie Ghika, Emil Sturdza, Grigore Trancu, D. Leonida und die Chrissoveloni-Bank. Geleitet wurde die Nachrichtenagentur anfangs von Vasile Stoica.

1925 übernahmen das Außenministerium, die Nationalbank und die Industrie- und Handelskammer alle Anteile. Ein Jahr später wurde die Nachrichtenagentur Rador verstaatlicht. Florica Vrânceanu geht in ihrem Buch „Un secol de agenţii de presă româneşti 1889-1989“ sehr detailliert auf die Gründungsgeschichte von Rador und die Entwicklung der Nachrichtenagentur vor und während des Zweiten Weltkriegs ein. Nach Kriegsende und der Machtübernahme durch die Kommunisten wurde Rador 1949 in Agerpress umbenannt bzw. von Agerpress übernommen. 

Nach dem Sturz der Kommunisten 1989 griff der öffentlich-rechtliche rumänische Rundfunk, Radio România, auf den bewährten Namen zurück und gründete eine Nachrichtenagentur Rador, ohne dass die beiden gleichnamigen Agenturen eine Verbindung hätten. Die Abkürzung stand nun für Radio Observator.

Die in Paris ansässige Radio Orient Telegram Press (Rador Telepress), für die mein Vater in den 1950er-Jahren gearbeitet hat, war wiederum auch nicht identisch mit der gleichnamigen staatlichen rumänischen Nachrichtenagentur der 1930er- und 1940er-Jahre, aber es scheint wohl personelle Kontinuitäten gegeben zu haben. Möglicherweise wurde sie von Exil-Rumänen gegründet oder übernommen. Denn es könnte sich um das Pariser Korrespondentenbüro der staatlichen Agentur Rador gehandelt haben, das sich vielleicht nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in Rumänien abgespalten hat. 

Disclaimer: Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

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