Dass ihn in den 1960er-Jahren ein Brief aus Rumänien erreichte, auf dem nicht mehr als sein Pseudonym Ion Măgureanu und die Ortsangabe Westeuropa stand, machte ihn in meinen Augen recht einzigartig.
Und jahrzehntelang schien jeder, der aus Rumänien stammte, meinen Vater Ion Popa zu kennen oder vielmehr sein Pseudonym und seine Stimme, weil sie seinen politischen Radiosendungen gelauscht hatten.
Nach der rumänischen Revolution 1989 hatte ich fest damit gerechnet, dass die Geschichte von Radio Europa Liberă und damit auch das Arbeitsleben meines Vaters aufgearbeitet werden würde. Doch nichts geschah. Zumindest mein Vater geriet in Vergessenheit. Es existiert nicht einmal ein Wikipedia-Beitrag.
Das lag zum einen sicher daran, dass er die letzten Jahrzehnte sehr zurückgezogen lebte und später als Rentner weiter schwieg und im Unterschied zu Kolleg*innen wie René Al. de Flers oder Ioana Măgură Bernard keine Erinnerungsbücher schrieb.
Und in den Werken Dritter tauchte er, wenn überhaupt, eher am Rand auf. Besonders auffällig erscheint mir das in Liviu Tofans „Antologia Radio Europa Liberă“. Tofan war 1973 aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert, fing bei Radio Freies Europa an, wechselte dann aber in die Theaterwelt nach Konstanz und kehrte erst später wieder zu RFE zurück. Insofern hatte er zwar meinen Vater sicherlich noch anfangs kurz im Sender als Kollegen erlebt, aber den Schwerpunkt seiner redaktionellen Arbeit bei Radio Free Europe erst gehabt, als mein Vater bereits im Ruhestand war.
In seiner Anthologie geht Tofan sehr detailverliebt auf das rumänische Programm des Senders ein. Die erste Sendung auf Rumänisch sei bereits am 14. Juni 1950 ausgestrahlt worden, die rumänische Redaktion aber erst am 29. Oktober 1951 gegründet worden.
Anfangs hätte man täglich nur eine halbe Stunde Sendezeit produziert, dann eine Stunde, schließlich fünf Stunden in den 1960er-Jahren. Zwischen 1970 und 1980 wären es täglich zwölf Stunden gewesen und sonntags sogar 17 Stunden.
Angefangen hätte die rumänische Redaktion mit drei Mitarbeiter*innen und schließlich mit 46 Leuten, inklusive Direktion, Redaktion, Verwaltung, Sekretariat und Technik den Höchststand erreicht. Nach der bulgarischen Redaktion sei es die zweitkleinste Redaktion im Haus gewesen. Trotz der kleinen Redaktion hätte aber das rumänische Programm die meisten Hörer*innen unter allen Programmen von RFE erreicht.
Das 50 Minuten dauernde „Programul Politic“ (Political Program) meines Vaters wäre immer um 17 Uhr ausgestrahlt und dann um 20.10 Uhr und 23.10 Uhr wiederholt worden.
Als Basisteam des „Programul Politic“ erwähnt Tofan nur Mircea Carp, Romilo Lemonidis, Raluca Petrulian, Ricks Vater Thomas Kavinian, Mircea Vasiliu und Viictor Eskenazy. Mein Vater bleibt in dem Zusammenhang unerwähnt.
Erst Seiten später schreibt Tofan dann, dass bei den rumänischen Redakteur*innen aus der Zeit von 1950 bis 1970 15 weitere erwähnt werden könnten. Darunter eben auch mein Vater Ion Popa. Im Personenregister des Buches taucht mein Vater überhaupt nicht auf.
Das ist zumindest seltsam, weil Ioana Măgură Bernard und Mircea Morariu zufolge mein Vater eben nicht nur ein Mitarbeiter unter vielen gewesen sei, sondern das politische Programm präsentierte und mit dessen Erfolg untrennbar verbunden gewesen sei.


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