Montag, 8. Februar 2010

Deef: „Rechercheleistung“ oder Zufallsfund?

„Eigentlich heißt es ja immer, dass das Netz nicht recherchieren kann, aber in diesem Fall beruhen alle heutigen qualitäts-journalistischen Artikel (siehe unten, FAZ und Welt) auf einem Eintrag von Deef Pirmasens' Blogs Gefühlskonserve.“ (Thierry Chervel, Perlen-taucher)
Knapp vorbei ist auch daneben. Natürlich ist Deefs Blogeintrag zu Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine Leistung, aber mit Sicherheit keine Rechercheleistung. Am 3. September trug Deef im Rahmen seiner multimedialen Lesung aus Airens „Strobo“ vor und war dementsprechend gut mit dem Text vertraut. Insofern kein Wunder, daß ihm gewisse Passagen bekannt vorkamen, als er Hegemanns Werk las. Ob er „Axolotl“ nun zufällig las oder – von dem Presseecho aufmerksam gemacht – tatsächlich wissen wollte, wie eine Minderjährige „so glaubhaft“ über seinen Lieblingsclub, den Berghain, schreiben konnte.
Eine Rechercheleistung wäre es gewesen, wenn Deef tatsächlich umfassend „eine Liste von Zitaten und Motiven“ recherchiert hätte, „die Helene Hegemann in #AxolotlRoadkill plagiiert hat“ (Zitat: Deef Pirmasens). Also das Buch Seite für Seite durcharbeitet und mögliche weitere Quellen geprüft hätte, wie sie Hegemann jetzt auch gegenüber dem „BuchMarkt“ nennt: „Maurice Blanchot, Kathy Acker, Pascal Laugier, Jonas Weber Herrera und alle meine Freunde“.
So bleibt es ein Zufallsfund, recht aggressiv, um nicht zu sagen spammäßig von ihm gepusht, was gar nicht nötig gewesen wäre, da so eine Glanzleistung sich von alleine durchgesetzt hätte. Und durch Deefs gewählten Titel „Alles nur geklaut?“ auch recht angreifbar.
Also keine Rechercheleistung, aber deswegen nicht minder bedeutsam, denn Deef Pirmasens hat sich als erster getraut, auf den Makel hinzuweisen, und vor allem bewiesen, wie Blogeinträge aus der zweiten oder gar dritten Reihe Nachrichten setzen können. Dafür gebührt ihm aller Dank.
Auch wenn ich persönlich hoffe, daß daraus jetzt keine Hetzjagd auf eine 17-Jährige erwächst, sondern eine Diskussion über Literatur und dem Umgang mit Texten.

Updates:

„Die Quellenangabe ist für mich ein ästhetisches Problem, wobei ich aber aus ethischen Gründen glaube, dass sie trotzdem richtig ist – das versäumt zu haben, hat also mit reiner Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit zu tun und mit uneingestandenem Narzissmus.“
Helene Hegemann im Interview mit der „Welt“

„Es ist eine Art moderne Beatliteratur, es geht um Sex, Drogen, Traurigkeit und das Chaos des Lebens. Besonders die Beziehung der Protagonistin zu ihrer toten Mutter und die vorkommenden Verlustgefühle beschreibt sie mit starken Worten und wundervoll böse.“
Deef auf sueddeutsche.de über „Axolotl“

„Ich habe unterschiedliche Elemente aus unterschiedlichsten Quellen aufgeschnappt und einfach große Lust gehabt, daraus eine frei erfundene Geschichte zusammenzusetzen – die natürlich auch meine eigenen Hintergründe behandelt und sich an Fragen abarbeitet, die ich mir selber stelle. Das alles dann aufzuschreiben, hat total Spaß gemacht, weil man beim Schreiben Erfahrungen macht, ohne irgendwann die Konsequenzen dafür tragen zu müssen.“
Helene Hegemann in der Verlagsvorschau Frühjahr 2010 des Ullstein-Verlags (pdf)

„Natürlich habe ich das Buch unterschätzt. Vielleicht war ich ungerecht, weil ich kurz vorher 'Naked Lunch' noch einmal gelesen hatte und mir viele Motive deshalb so epigonal erschienen. Kein Zweifel, das Talent der jungen Autorin ist außerordentlich. Vor allem die Lakonie und Komik der Dialoge können beeindrucken, das lässige Hinwerfen filmisch prägnanter Szenen. Die Versiertheit, mit der die Siebzehnjährige die um 1960 von Burroughs eingeführte Cut-up-Methode praktiziert.“
Wolfgang Schneider im boersenblatt.net

„Helene Hegemann, der neue Shootingstar der Literatur, hat abgeschrieben. Na und? Das haben schon ganz andere vor ihr getan. Die Plagiatsdebatte um ihren Roman 'Axolotl Roadkill' ist naiv: Publikum und Kritiker wollen hinter die Errungenschaften der Moderne zurück.“
Daniel Haas auf Spiegel online

„Dass sich Helene Hegemann bei Airen (sowie bei Salinger, Kerouac, Rolf Dieter Brinkmann, Rimbaud und anderen poètes maudits) bedient hat, ist klar. Interessant ist, was sie aus dem Gefundenen und Gelesenen macht. Denn die siebzehnjährige Dichterin ist zwar an Jahren jung, aber in professioneller Hinsicht eine Veteranin. Sie steht am Ende einer langen Tradition des Jungseins in der Literatur. Und sie bedient sich aus dieser Tradition, wo sie nur kann. Sie zapft fremde Erfahrungen an, sie sammelt und exzerpiert, sie durchforscht das Internet nach Texten zu ihrem Thema. Sie zitiert sogar, wenn es ihr passt, den Kirchenvater Eusebius von Cäsarea: 'Wehe dem, der die Hölle jetzt für lächerlich hält und die Hölle erst an sich selbst erfahren muss, ehe er an sie glaubt.' Das Einzige, was die kluge Dichterin Hegemann versäumt hat, ist der Nachweis der Quellen, aus denen ihre Selbsterfahrungsprosa strömt.“
Andreas Kilb in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

„Ich habe ihren Roman gelesen, es ist genau die Art von Buch, die ich gern lese, aber es wäre auch ohne meine Stellen cool gewesen. (...) Helene Hegemann hat mir nichts getan, sie hat mich nicht angegriffen. Mir fehlt nichts, die Geschichte ist immer noch meine. Dass es jetzt durch diesen Skandal hochkommt, empfinde ich als unangenehm, aber es ist natürlich auch Publicity, ein Bonus, den ich sonst nie gehabt hätte. Ein Opfer? Was die Urheberrechtsverletzung angeht: ja. Helene Hegemann hat sich auf eine ungerechte Art und Weise bereichert, wie es viele Menschen jeden Tag tun, aber nicht auf meine Kosten.“

Airen im „F.A.Z.“-Interview

„Ein Star muss wissen, was cool ist, und dies darstellen und verkörpern können. Und es gehört Rücksichtslosigkeit dazu. Der Star benutzt die ganze Welt als Ressource, nimmt sich mit dem selbstverständlichen Recht des Halbgottes das, was er oder sie glaubt, ihm zustehe.“
Tobias Rapp im „Spiegel“

Und wann präsentiert der „Stern“ auf seiner Titelseite zwanzig prominente Schriftsteller mit der Headline: Wir haben abgeschrieben!


Kommentare:

Halofyt hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Halofyt hat gesagt…

Meine Güte. Dann gönne ich dir auch mal einen Kommentar: Man kann ein Thema nur recherchieren, wenn man den Haken an der Sache auch sieht. Manchmal ist das eben Zufall. Und dem Deef hat jetzt dieser Zufall geholfen. Wie das halt meist so geht, wenn man eine wirklich gute Story hat und keinen Informanten, der einen darauf stößt.

Auf jeden Fall scheinen sich mehr Leute dafür zu interessieren als für deine Geschichten.

Dorin Popa hat gesagt…

Für die BILD-Zeitung (Headline: „Alles nur geklaut!“) interessieren sich sogar noch mehr Menschen als für Deef (Headline: „Alles nur geklaut?“)

Aber ich weiß gar nicht, worüber Du Dich aufregst. Ich denke, daß Deefs wirklich gute Story nur noch mehr davon profitiert hätte, wenn er in manchen Dingen seriöser formuliert hätte.

Und an der Medienresonanz insgesamt stört mich, wie geschludert und untereinander abgeschrieben statt recherchiert wird.

Irgendwie gehen bei vielen die Emotionen durch.

À propos Informanten. Schon seltsam, daß alle Welt, einschließlich Deef und Frank Maleu Interviews und Statements geben, aber Airen nicht. Oder habe ich das übersehen? Du bist doch so gut informiert.

morgencafélatte hat gesagt…

"recht aggressiv, um nicht zu sagen spammäßig von ihm gepusht"

Sag mal, geht's noch, Dorin? Ausgerechnet dieser Deef war doch derjenige, der am freundlichsten und schonendsten geurteilt hat, gerade auch in dem ursprünglichen Blogeintrag.

In Deinem anderen Blogeintrag wird Deef auch noch als Spammer kritisiert, nur weil er einen Tweet mit einem Hashtag zu irgendeinem Literaturveranstaltungs-Dings versieht, der völlig nachvollziehbar erscheint. Absurder als Deine Kritik geht's kaum.

Reg Dich lieber über den dummen Hype um das Buch (siehe z.B. Kaube in FAZ.net) und die Plagiatsverharmlosungen auf (siehe von Gehlen bei jetzt.de oder Stefanowitsch im Sprachlog), anstatt Deinen kulturkritischen Kompass hier verrückt spielen zu lassen.

Dorin Popa hat gesagt…

Klar ist es nachvollziehbar, einen Hashtag zu wählen, der auf Platz 1 der trending topics steht.

Aber was, bitteschön, hat die #buchsw-Veranstaltung mit Deefs Blogeintrag zu tun? Nichts!

Man kann das clever nennen, ich würde es Spam nennen, und in diesem Fall völlig überflüssig, da der Beitrag auch so seinen Weg in die Feuilletons gefunden hätte.

Ich habe zum Beispiel am Ende der tagung kurz erwogen, die Teilnehmer via Hashtag und Twitterwall darauf hinzuweisen, daß unmittelbar im Anschluß in der Nähe die Auftaktkundgebung gegen die Münchner Sicherheitskonferenz anstand. Da die Siko und sie sichernden 3700 Polizisten mehrmal Thema der Buchsw-Tweets waren, hätte es sogar einen Bezug gegeben. Ich habe es aber dennoch unterlassen, weil ich die Konferenz nicht hijacken wollte. Da habe ich vielleicht mehr Taktgefühl als Deef, was aber auch leichter fällt, wenn man vor Ort sitzt und sich nicht aus der Ferne aufdrängt.

Ansonsten hat Deef sicherlich die Hexenjagd eröffnet, auch wenn er dann - offenbar über die Auswirkungen erschrocken - deutlich abgemilderter urteilte.

Zu behaupten, Deef wäre derjenige, der am „freundlichsten und schonendsten“ geurteilt hat, grenz aber schon an Geschichtsklitterung.

Und ob Deef oder Hegemann, warum muß immer alles schwarzweiß beurteilt werden, warum gibt es in der ganzen Diskussion sowenig einerseits, andererseits?

morgencafélatte hat gesagt…

Weil es bei zentralen Aspekten an dieser Geschichte kein "Einerseits, andererseits" gibt -- die ganze Sache ist eine einzige Blamage für weite Teile der Feuilleton- und Literatur-Szene. Da betreibt jemand dreist ein Vielfach-Plagiat an verschiedenen Autoren, und dann schwadroniert sie auch noch selbstgerecht herum.

Und über Schwarzweiß-Malerei kannst Du Dich nun überhaupt nicht beklagen -- was Du da oben bringst, ist ja wirklich ein Best-of der unfreiwilligen Blamagen in dieser Sache. Nichts von den prinzipiellen Kritiken zur ganzen Sache (von denen ich einige mal in Klammern oben erwähnte). "Hexenjagd" auch noch, ach du lieber Himmel... Die Göre kann froh sein, dass man so verantwortungsvoll mit ihrer jungen Seele umgegangen ist und dass das Kulturestablishment im Vordergrund der Kritik stand.

Halofyt hat gesagt…

@Dorin

> Aber ich weiß gar nicht, worüber
> Du Dich aufregst.

Keine Ahnung, ich fühle mich eigentlich vollkommen unaufgeregt.

> Ich denke, daß Deefs wirklich
> gute Story nur noch mehr davon
> profitiert hätte, wenn er in
> manchen Dingen seriöser
> formuliert hätte.

Meinst du die Überschrift? ("Alles nur geklaut?"). Ist ein Eyecatcher, über den man streiten könnte. Die eigentliche Story ist jedoch äußerst professionell und unreißerisch mit jeder Menge Fakten unterfüttert.


>Irgendwie gehen bei vielen die
>Emotionen durch.

Das scheint mir auch so...


>À propos Informanten. Schon
>seltsam, daß alle Welt,
>einschließlich Deef und Frank
>Maleu Interviews und Statements
>geben, aber Airen nicht. Oder
>habe ich das übersehen? Du bist
>doch so gut informiert.

Inzwischen dürftest du ja auch Airens Statements kennen. Mehr wusste ich auch nicht.

Dorin Popa hat gesagt…

@halofyt

Ja, ich meinte die Überschrift und den Deefs Blogeintrag propagierenden Tweet, die Headline findest Du ja offenbar auch fragwürdig, und der Tweet war Spam. Beides schaden einfach Deefs ansonsten wertvollem Beitrag. Zumal es angesichts der Überschrift unglaubwürdig wirkt, wenn Deef plötzlich Hegemann in Schutz nimmt.

Und Airens Statements in Süddeutsche, FAZ und Spiegel kamen spät, aber schön, daß man ihn nun auch im Original hört. Es war doch etwas irritierend, lange Zeit nur Statement aus zweiter Hand, also von Deef und Maleu zu vernehmen.

Halofyt hat gesagt…

@dorin

>findest Du ja offenbar auch
>fragwürdig,

Nein. Ich habe gesagt, es war ein Eyecatcher. Die Frage in der Überschrift war zumindest berichtigt.

>und der Tweet war
>Spam.

Spam ist das, was ich jeden Tag in meiner E-mail an Uhrenangeboten, Gewinnanzeigen und Abmagerungsmittelangeboten vorfinde. Und an Werbung meiner E-Mailprovider.

Dorin Popa hat gesagt…

Dann willkommen im 21. Jahrhundert, in dem es Kommentar-, Twitter-, Hashtag- und Buzz-Spam gibt...

Halofyt hat gesagt…

@dorin

Bei Twitter muss ich aber niemandem folgen und kann mir also auch seine Kommentare vom Leib halten, indem ich den Kumpel rausschmeiße. habe ich auch schon gemacht.

Dorin Popa hat gesagt…

Es geht doch nicht ums Followen via Twitter, sondern daß er mit Bedacht einen Hashtag benutzt hat, der ihn auf die Twitterwall einer Tagung bringt und in die Timeline aller, die nicht ihm folgen, sondern sich für die Tagung interessieren. Ohne daß der Tweet auch nur irgendetwas zur Tagung beiträgt.

Gibt schlimmeres, zeugt aber von Deefs selbstverliebten aufdringlichen Art und ist Spam.