Keinen Augenblick kommt Horwitz zur Ruhe, nie findet er zu jener Verzögerung, Ruhe, mit denen man sogar Lachnummern zuspitzen kann. Statt wallonischer Melancholie, frechem
Witz und anarchistischer Poesie wird der Grand Guignol gegeben, der französische Hanswurst, als sei Horwitz' blendendes Rollenrepertoire, sein Film- und Bühnenruhm („Black Rider“, „Der große
Bellheim“, „Stalingrad“) nur eine Verirrung in der Entwicklung vom Suppen- zum Superkaspar.
Doch dem Publikum gefällt's, das Fratzenschneiden à la Louis de Funès erweist sich als Schenkelklopfer, die
Stimmung steigt. Der lächerliche französische Akzent, mit dem der perfekt zweisprachige Mime anfangs auf Deutsch zwischen den Originaltexten moderiert, geht im Laufe der Vorstellung glücklicherweise verloren. Die Verwirrung bleibt, ob da nun jemand – wie Klaus Hoffmann letztes Jahr – Jacques Brel spielt oder nur singt. Bisweilen geht der agile Interpret auf Distanz („Das ist nicht von mir, sondern von Jacques Brel“), um dann wieder genüßlich den Applaus zu schlürfen.
Abseits der gefühlsschwangeren, impressionistischen Klassiker („Amsterdam“, „Ne me quitte pas“) finden sich bei Brel einige angejahrte Pretiosen, deren Gesellschaftskritik, Frauenbild oder
Weltkriegsatmosphäre eine kluge Brechung oder Neuinterpretation gut vertragen hätten. Dominique Horwitz und sein hervorragendes Begleitquintett rund um den Akkordeonisten Efim Jourist blieben lieber harmlos werkgetreu.
Dieser Artikel erschien unter meinem Pseudonym Fredi Hallenberger in der „Berliner Morgenpost“ vom 4. Oktober 1998. Am 28. und 29. November 2026 tritt Dominique Horwitz mit einem gleichnamigen Programm wieder in der Berliner Bar jeder Vernunft auf. Nur dass ihn diesmal kein Quintett, sondern nur der Pianist Andreas Reukauf begleitet.
(Foto: Barbara Braun/Bar jeder Vernunft)

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