Mittwoch, 18. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (38) und seinen Wandel zum Eremiten

Zwischen den Kriegen und auch während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater offenbar kein Kind von Traurigkeit und selbst später im Exil und den damit verbundenen prekären Lebensumständen schien er das Beste daraus zu machen, pflegte regen Umgang und war auch dem Pariser Nachtleben nicht abgeneigt.

Nach dem Umzug mit Frau und Söhnen zu Radio Freies Europa in München war die Familie finanziell aus dem Gröbsten raus und mein Vater zeigte offenbar weiter Präsenz. Es gibt viele Fotos mit Kolleg*innen (hier der zweite von links auf dem 1959 entstandenen Bild), er ließ sich auch allein im Sender fotografieren und René Al. de Flers zufolge erschien mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu samt Frau und Kindern auch außerhalb der Arbeitszeit, wenn der Chef zu sich nach Hause einlud. 

In seinem Erinnerungsbuch „Radio Europa Liberă şi exilul românesc: o istorie încă nescrisă“ (Radio Freies Europa und das rumänische Exil: eine noch ungeschriebene Geschichte) schreibt de Flers über Weihnachten 1959 (deutsche Rohübersetzung nach dem rumänischen Original): „În perioada lui Ghiță Ionescu, de când fusese numit director la Departamentul Român de Emisiuni, se stabilise un obicei; când veneau sărbătorile nașterii lui lisus Christos, el organiza sărbătoarea pomului de Crăciun la el acasă, la care erau invitați toți membrii Departamentului. Anul acesta fusesem invitat și eu. Secretara lui, Malila Szabados, fata profesorului universitar român Constantinescu de la Roma, mă anunțase de invitație, dar nu întrebase dacă aveam copii. Spunându-i soției, dânsa n-a vrut să mă însoțească. Mi-a răspuns că rămâne acasă cu copiii, dar eu să mă duc. M-am dus la Ghiță Ionescu împreună cu Madeleine. Ajuns acolo, lani Popa a venit la mine, se uita oarecum mirat și m-a întrebat imediat: Da unde este soția și unde sunt copiii? Nu știam ce să răspund, și am spus că eu fiind nou la München, nu cunoșteam obiceiurile de aici.
- Domnule Popa, nu mi-a spus nimeni că trebuia să-i aduc. Apoi, încă nu cunosc datinile voastre. 

La pomul de Crăciun este obiceiul din străbuni să se împartă cadouri la copi, exact cum s-a petrecut și în seara aceea. Uitându-mă la copiii colegilor de sus care primeau cadouri, aveam o plăcere imensă să văd nesfarșita fericire care strălucea în ochii lor. Mã gândeam că nu mai era mult până voi remarca aceeași bucurie și în ochii copiilor mei, dar la mine acasă. Sărbătorile trecuseră, mă găseam din nou la mine în birou și m-am pomenit cu Malila venind să-și ceară scuze că nu mă invitase la Pomul de Crăciun împreună cu toată familia. Îmi adusese cadouri și pentru copii. N-am idee cine o fi spus lui Ghiță Ionescu că aveam copii, dar bănuiam că vinovatul era Popa.“

„Seit Ghita Ionescu die rumänische Redaktion leitete, hatte es sich eingebürgert, dass er anläßlich der Geburt Jesu Christi alle Mitarbeitenden zu einem Weihnachtsfest bei sich daheim einlud. In diesem Jahr bin ich auch eingeladen worden. Seine Sekretärin, Malila Szabados, die Tochter des rumänischen Universitätsprofessor Constantinescu in Rom, hatte mich wissen lassen, dass ich eingeladen sei, aber nicht gefragt, ob ich Kinder hätte. Als ich meiner Frau von der Feier erzählte, sagte sie mir, dass sie mich nicht begleiten wollte. Sie würde mit den Kindern zu Hause bleiben, aber ich solle hingehen. Gemeinsam mit Madeleine bin ich zu Ghiță Ionescu. Als ich eingetroffen war, kam Iani Popa auf mich zu, schaute verwundert und fragte mich sofort, wo denn meine Gattin und die Kinder wären. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und erklärte ihm, dass ich als Neuankömmling in München nicht die Gepflogenheiten hier kennen würde.
- Herr Popa, es hat mir niemand gesagt, dass ich sie mitbringen sollte. Ich kenne Ihre Gebräuche noch nicht.

Am Weihnachtsbaum ist es von je her Brauch, Geschenke an die Kinder zu verteilen. Und so wurde es auch an diesem Abend gehandhabt. Als ich beobachtete, wie die Kinder der Redaktionskollegen beschert wurden, bereitete es mir großes Vergnügen, in ihren Augen die unendliche Freude erstrahlen zu sehen. Ich dachte daran, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich auch bei meinen Kindern diese glücklichen Augen sehen würde, nur eben bei mir daheim. Nach den Feiertagen schaute Malila bei mir am Arbeitsplatz vorbei, um sich zu entschuldigen, dass sie mich nicht samt meiner ganzen Familie eingeladen hatte, und brachte auch Geschenke für meine Kinder mit. Keine Ahnung, wer Ghiță Ionescu erzählt haben mag, dass ich Kinder habe, aber ich vermute, dass Popa der Schuldige war.“

Irgendwann Mitte der 1960er-Jahre änderte mein Vater dann drastisch sein Verhalten. Er verbot ausdrücklich, im Sender fotografiert zu werden, brach die Beziehungen zu allen Mitarbeitenden außerhalb der Arbeitszeit ab und fing an, sehr zurückgezogen zu leben.

Hing das mit Nicolae Ceaușescus Machtübernahme in Rumänien 1965 zusammen? Hatte sich die Gefahrenlage verändert? Oder war die Rückkehr Noël Bernards 1966 als Leiter der rumänischen Redaktion ein Auslöser? War mein Vater nur zu krank geworden, um irgendwelchen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen? Oder war er, nachdem 1963 seine in Rumänien zurückgelassene Tochter Anka Maria mit ihm plötzlich brieflich Kontakt aufgenommen hatte, nur vorsichtiger und rücksichtsvoller, um sie nicht zu gefährden und vielleicht zu ermöglichen, dass sie ihn 1968 ein erstes Mal in München besuchen durfte? Ich habe keine Ahnung. Aber der Ion Popa, den ich als Kind erlebte, war nicht zu vergleichen mit dem Lebemann, der er früher gewesen war.  Er war nun zum Eremiten geworden.

Keine Kommentare: