Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.
Mit wenigen Ausnahmen erlebte ich meinen Vater in den 1960er- und 1970er-Jahren nur an drei Orten. Bei der Arbeit im Sender Radio Freies Europa, daheim oder bei unseren Spaziergängen durch den Kleingartenverein Nord-West 1 am Nymphenburg-Biedersteiner-Kanal.
Nun war mein Vater Geisteswissenschaftler, Journalist und augenscheinlich ein Städter. Bukarest, Tel Aviv, Paris, München. Meist in Anzug mit Krawatte unterwegs.
Wenn wir aber gemeinsam durch die Kleingartenanlage wandelten, erkannte er alles und konnte mir aufgrund der Blätter sagen, wo welches Gemüse wuchs oder an welchem Obstbaum oder -strauch wir gerade vorbeiliefen.
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