Posts mit dem Label Deutscher Filmpreis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Deutscher Filmpreis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 30. Mai 2026

Viel Schatten und viel Sonne: Der Deutsche Filmpreis 2026

Es fing im Berliner Palais am Funkturm so beschwingt mit einem Duett des singenden Schauspielers Christian Friedel und der schauspielernden Sängerin Lary an: „Wir sehen uns im Film", hieß das Eröffnungsstück beim Deutschen Filmpreis, doch zeitweise sah man auf dem Bildschirm so wenig wie seinerzeit in Rainer Werner Fassbinders düsterem „Berlin Alexanderplatz“. Die Gesichter verschwanden im Schatten, bis man endlich die Scheinwerfer in den Griff bekam. 

Dafür strahlte dann auf der Bühne umso mehr Sonne: Mascha Schilinskis bereits letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes groß gefeierter Spielfilm „In die Sonne schauen" räumte auch Freitagabend beim Deutschen Filmpreis eine Lola nach der anderen ab. Bestes Maskenbild, bestes Kostümbild, bestes Szenenbild, beste Kamera/Bildgestaltung, bester Schnitt, beste Tongestaltung, bestes Drehbuch, beste Regie, Lena Urzendowsky (Foto) als beste Nebendarstellerin und schließlich sogar bester Spielfilm. 

Pleiten, Pech und Pannen schienen ausgeräumt, selbst Staatsminister Wolfram Weimer, der umstrittene Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, erntete zumindest während des Livestreams keine Buhrufe. Doch kurz nach 20 Uhr musste die Übertragung abrupt und ohne Erklärung für 40 Minuten unterbrochen werden. Eine Leinwand im Saal war ausgefallen. 

Zeitdiebe kamen auch beim Preis für die besten visuellen Effekte zur Geltung, den „Momo" er-hielt. Senta Berger und Michael Wittenborn wurden für ihre Rollen als exzentrische Großeltern in Simon Verhoevens „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ausgezeichnet. Der Preis für die beste Filmmusik und die silberne Lola für den zweitbesten Film gingen an „Gelbe Briefe", Ilker Çataks Drama um die Einmischung eines rechtsautoritären Staates in die Kulturlandschaft.

„Wir feiern die Freiheit der Kunst“, betonte zuvor Moderator Christian Friedel unmittelbar, bevor er Weimer im Saal begrüßte, und äußerte später sein Bedauern, dass Iris Berben noch nicht Staatsministerin für Kultur sei. Aber schließlich sei ja stattdessen demnächst das Amt der Bundespräsidentin zu haben. 

Versionen dieses Textes erschienen in der „tz“ und im „Münchner Merkur“ vom 30. Mai 2026.

(Fotos: Eventpresse Fuhr/Deutscher Filmpreis)

Samstag, 10. Mai 2025

Deutschland kann Hollywood: Der Deutsche Filmpreis

In der letzten Staffel von „White Lotus“ sollte Christian Friedel in der Rolle des Hoteldirektors noch eine Gesangsnummer liefern. Doch von dem Auftritt blieb nur wenig in der fertigen Fassung. Dafür konnte der Schauspieler als Gastgeber des Deutschen Filmpreises am Freitagabend in Berlin mehrmals seiner Sangeslust frönen. 

Die Gala bot, was man sonst von der Oscar-Verleihung gewohnt ist: Einen singenden Moderator, umrahmt von Showtänzern. Doch bevor sich die rund 1700 Gäste am Potsdamer Platz zu sehr dem Vergnügen hingaben, unterbrach Friedel sein Lied zu einer ernsten Zwischenrede und rief zu einer gemeinsamen Haltung gegen die Autokraten weltweit auf. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer rang das nur ein sardonisches Lächeln ab. 

Aber spätestens, als der Pianist Igor Levit auf der Bühne stand, um die Lola für die beste Filmmusik an „Islands“ zu verleihen, verging allen das Grinsen. „Es ist gerade ein bisschen schwer, aber es gibt Momente, die sind größer als jeder Preis“ sagte Levit und ließ die ahnungslosen Gäste wissen, dass Margot Friedländer gestorben sei. Tränen flossen, der Saal erhob sich zu Standing Ovations, alle waren aufgelöst, ob Iris Berben, Andrea Sawatzki, Volker Schlöndorff, Annalena Baerbock oder Sabin Tambrea. 

Und die Preisträger*innen des Abends fügten sich gut in Friedländers Anspruch nach mehr Menschlichkeit ein. „September 5“, das unglaublich dicht erzählte Drama über den Anschlag bei den olympischen Spielen 1972 in München, mit dem der deutsche Film Hollywood-Niveau beweist, gewann die Preise für den besten Spielfilm, Regie (Tim Fehlbaum), Nebendarstellerin (Leonie Benesch), Drehbuch, Schnitt, Kamera, Tongestaltung, Maskenbild und Szenenbild. 

Als bester Dokumentarfilm wurde „Petra Kelly – Act Now!“ von Regisseurin Doris Metz (rechts) und Produzentin Birgit Schulz gekürt. „Welcher Häme und Hetze waren die Klimaaktivist*innen täglich ausgesetzt“, mahnte Metz und forderte mehr Achtung für gesellschaftliches Engagement ein. Kellys Vermächtnis sei wichtiger denn je, ob in den USA oder bei uns in Deutschland.

Versionen dieses Textes erschienen in der „tz“ und im „Münchner Merkur“ vom 10./11. Mai 2025.

(Fotos: Eventpress Fuhr/Deutscher Filmpreis)

Samstag, 4. Mai 2024

Filmpreis 2024 – Lolas Absturz in den Partykeller

Eine der schönsten Nachrichten letztes Jahr war, dass Samira El Ouassil mit dem Michael-Althen-Preis ausgezeichnet wurde. Um so mehr hatte ich mich auf den Deutschen Filmpreis 2024 gefreut, als bekannt gegeben wurde, dass sie gemeinsam mit Lars Jessen die künstlerische Leitung des Abends übernähme. Nun, die Ernüchterung kam gestern Abend. Selbst Samira El Ouassil gelingt nicht alles.
Ein langatmiger Abend mit einem halben Dutzend verloren wirkenden Moderator*innen rund um einen Tresen – bei mir löste das Erinnerungen an triste Obermenzinger Partykeller in den 1970er-Jahren aus. Mittendrin Jürgen Vogel als „Hausmeister“, der zu Beginn viel versprach: „Spürt ihr das, was für eine Energie. Die Kraft des Schaffens, des Scheiterns, der Liebe“, bevor er sich hinter den Tresen verzog, um fernzusehen. Was blieb, war nur das Scheitern.
Wenn, ja wenn nicht trotz all der schlecht geskripteten Show das Politische, Ayşe Polat, Margot Friedländer und eine phänomenale Hanna Schygulla gewesen wären. Ayşe Polat, deren deutsch-kurdisches Drama „Im toten Winkel“ für das beste Drehbuch und die beste Regie ausgezeichnet wurde sowie die bronzene Lola für den besten Spielfilm erhielt, packte schon in ihre erste Dankesrede eine Forderung, die man sich auch für die Veranstaltung gewünscht hätte: „Neue Erzählformen sind wichtig, weil sie neue Denk- und Fühlräume schaffen.“ Stattdessen war die Preisverleihung ein kraftloser, fader Fernsehabend. Abbild eines Deutschlands, das einem Darsteller von „Im toten Winkel“, Ahmet Varli, die Teilnahme an der Lola-Show versagte, weil man ihm das Einreisevisum verwehrte, wie Polat auf der Bühne beklagte.
Der Deutsche Filmpreis als Veranstaltung nur für Deutsche?
„Es gibt kein christliches oder arabisches Blut“, mahnte Margot Friedländer in einem Gastauftritt, „es gibt nur menschliches Blut“. Sie erinnerte daran, dass unter den Nazis nicht nur Juden verfolgt wurden, sondern auch politisch Andersdenkende, Homosexuelle, Sinti, Roma, kranke Kinder, alte Menschen und viele weitere ermordet wurden. Und wandte sich an den Saal: „In diesem Raum sitzen ganz viele Geschichtenerzähler. Ihr habt die Kraft, mit Filmen Geschichten zu erzählen, damit so etwas nie wieder passiert.“ 
Die mit dem Ehrenpreis gefeierte Hanna Schygulla (Foto) zeigte sich auch sehr „beunruhigt, was sich auf deutschem Boden tut und nachwächst". Etwa, dass sehr viele junge Erstwähler sich für die AfD entscheiden. Jemand, der das alles erklären könnte, wäre Alexander Kluge, dem Schygulla einige Worte widmete: „Er ist nicht einer der Aufgeschlossensten, aber er hat viel zu sagen. Bloß wann, wo?“, wunderte sie sich. Früher hätte er sogar seinen eigenen Sender gegründet, doch jetzt höre man von ihm nichts mehr.
Sie selbst kokettierte damit, sich keine Texte mehr merken zu können, um kurz darauf beiläufig anzumerken, dass sie im Oscar-prämierten „Poor Things“ mitgespielt hätte. Und die Auszeichnung quittierte sie mit einem: „So viel Ehre. Früher konnte ich das Wort überhaupt nicht leiden. Aber heute fühle ich, dass es mir auch guttut.“ Es war ein zwischen Slapstick und Melancholie oszillierender Auftritt, halb Diva, halb Derwisch im destruktiven Ringen mit dem Mikrofon. 
„Aber das Glück ist auch nicht immer lustig“, zitierte Schygulla schließlich Rainer Werner Fassbinder. Was man auch über diesen Lola-Abend sagen kann. Nur ohne dass ihn Fassbinders Genialität gestreift hätte.

(Foto: Eventpress/Deutsche Filmakademie)

Freitag, 23. April 2010

Deutscher Filmpreis: Diktatur, Manipulation & Schizophrenie bei der Lola? (ARD, 21.45 Uhr)

Die Münchner „Abendzeitung“ hat heute einen bereits mehrere Tage in den Medien kursierenden Offenen Brief des Filmjournalisten, Regisseurs und Produzenten Eckhart Schmidt veröffentlicht:

„Sehr geehrte Damen und Herren,
Mitglieder der Deutschen Filmakademie,

ich behaupte Diktatur, Manipulation, Schizophrenie in der Akademie: Warum Diktatur? Ich fühle mich diktatorisch bevormundet, wenn eine Jury vorentscheidet, über welche Filme ich dann als Mitglied der Akademie entscheiden darf.
Die Filmakademie wurde nicht zuletzt deshalb ins Leben gerufen, um das manipulative Jury-Unwesen abzuschaffen. Durch die Hintertür ist die Diktatur einer Jury zurück gekehrt. Offenbar misstraut man einem freiheitlichen Verfahren und traut den Regisseuren, Kameraleuten, Produzenten etc. nicht zu, selbst die Besten aus ihren Reihen zu nominieren. Entmündigung und Diktatur statt Freiheit.
Warum Manipulation? Wenn es ein Film soweit gebracht hat, in der Kategorie 'Bester Film' von der Vor-Jury nominiert zu werden, dann setzt die Manipulation der Filmakademie noch einmal ein. Ich möchte mich unter der handvoll nominierter Filme nur für einen einzigen entscheiden: für meinen Lieblingsfilm! Das aber darf ich nicht. Ich muss insgesamt drei Filme wählen oder meine Stimme ist ungültig. Ich muss also neben meinem Lieblingsfilm noch für zwei weitere Filme stimmen, egal, wie unterirdisch ich sie finde.
Die Konsequenz dieser manipulativen Praxis ist, dass ein Film plötzlich die Lola als 'Bester Film' erhalten kann, den ein Großteil der Akademie-Mitglieder gar nicht wählen wollte, den sie aber auch wählen mussten, damit ihre Stimme nicht ungültig wird!
Warum Schizophrenie? Fast alle deutschen Filme entstehen mit Beteiligung des Fernsehens als Co-Produzent. Das Fernsehen ist deshalb zum entscheidenden Faktor für das Zustandekommen eines Films geworden. Es ist Schizophrenie der Filmakademie, diesen für den Film wichtigen Partner nicht zum vollwertigen Partner zu machen und ihn wie jeden anderen Produzenten zu beteiligen. Selbst TV-Co-Produzenten de in der Kategorie 'Bester Film' nominierten Filme werden nicht zu der vom Fernsehen (!) ausgestrahlten Lola-Show eingeladen oder müssen um ihr Ticket kämpfen. Schizophrener geht's nicht.
Eckhart Schmidt
(zur Zeit noch Mitglied der Deutschen Filmakademie“


(Foto: rbb/picture-alliance/dpa)