Mittwoch, 8. Juli 2026

Wenn Ministerien halluzinieren: Am Tag nach dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis für besonderen Courage gegen Antisemitismus

Gestern Abend wurde in Münchens schönstem Treppenhaus, dem Lichthof des Justizpalastes, der Fritz-Neuland-Gedächtnispreis für besonderen Courage gegen Antisemitismus verliehen. Es war wie ein Auswärtsspiel der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG): Von Jessica Flaster bis Armand Presser waren alle bekannten Gesichter aus dem Jüdischen Gemeindezentrum versammelt. Roman Habermann („Ich habe nur eine Kreditkarte mit meinem Namen dabei.“) kam auch ohne Einladung oder Personalausweis an der Justizwache vorbei. Bernd Knobloch schleuste ihn durch die strengen Sicherheitskontrollen. 

Und statt wie im Hubert-Burda-Saal der IKG in den ersten Reihen zu sitzen, sammelten sich die Honoratioren vom Sankt-Jakobs-Platz diesmal in der letzten Reihe, wo sie bis ins Detail die Ergebnisse der gerade absolvierten Gemeindewahl diskutierten, während das Polizeiorchester spielte.

Justizminister Georg Eisenreich nutzte seine Laudatio auf Preisträger Matthias Burghardt, um zu betonen, wer seiner Meinung nach in Bayern offenbar zur Gesellschaft zählt und wer nicht: „Antisemitismus gibt es am Rand der Gesellschaft, in der Mitte der Gesellschaft - und auch unter Zuwanderern.“ Innenminister Joachim Herrmann ließ sich bei seiner Laudatio auf den Preisträger Harald Frießner von Staatssekretär Sandro Kirchner vertreten.

Dass es sich bei dem Preis um keine rein staatliche Initiative handelt, sondern um eine Kooperation mit Michael Frederic Fischbaum, merkte man spätestens an der Qualität des Flying Buffets: getrüffelter Risotto und Black Cod.

Benannt ist die Auszeichnung nach Charlotte Knoblochs Vater, dem Rechtsanwalt und früheren Präsidenten der IKG Fritz Neuland.

Dennoch verwunderte es, dass Justiz- und Innenministerium heute früh kurz nach 8 Uhr eine Pressemitteilung verschickten und auf ihre Webseiten stellten, der zufolge Charlotte Knobloch „im Justizpalast an die Verdienste ihres Vaters erinnerte“. Denn die gerade wiedergewählte Präsidentin der IKG war gesundheitsbedingt bei der Preisverleihung gar nicht anwesend gewesen. Auf Anraten ihres Arztes hatte Knobloch sich schonen müssen. Ihre Rede wurde vertretungsweise von ihrem Sohn verlesen.

Fake News aus den Ministerien oder zumindest eine arg missverständliche Formulierung? Ward die Pressemitteilung bereits gestern tagsüber vor der Veranstaltung kalt formuliert worden? Hat eine Künstliche Intelligenz halluziniert? Auf meine schriftliche Anfrage hin bedankte sich ein Sprecher des Innenministeriums auf der Mailbox meines Smartphones herzlich für den Hinweis, ließ aber die Fragen nach der Ursache unbeantwortet.

Auf den Webseiten beider Ministerien wurde danach die Formulierung still und heimlich korrigiert. Nun heißt es: „Bernd Knobloch erinnerte in Vertretung für seine Mutter Charlotte Knobloch im Justizpalast an den Vater.“ Zumindest das Innenministerium sparte es sich aber, die zuvor per Mailverteiler breit verschickte fehlerhafte Fassung zurückzurufen oder auf die Korrektur hinzuweisen.


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