In den Mutterleib können wir nicht zurück, aber die frühkindlichen Erfahrungen, die uns geprägt haben, die Sprache, das Essen, das Ausmaß an Zärtlichkeit und körperlicher Nähe, versuchen wir wiederherzustellen. Um so mehr, wenn man in der Diaspora lebt oder gar wie ich geboren und aufgewachsen ist.
Die Wohnung in der Ismaninger und später Tizianstraße war ein kleiner exterritorialer Fleck Erde im fremden München. Juridisch, weil die Wohnungen von
Radio Freies Europa angemietet worden waren und unter dem Schutz der US-Amerikaner standen. Off limits für deutsche Behörden. Und privat, weil wir daheim Rumänisch sprachen, kochten, lebten.
Ich weiß nicht, wann meine Mutter kochen gelernt hatte. Denn aufgewachsen war sie in einem Regierungs- beziehungsweise Diplomatenhaushalt mit Domestiken, die so etwas übernahmen. Sie wurde von klein auf bekocht, chauffiert, umsorgt. Aber spätestens mit Verlust aller Privilegien nach dem Zweiten Weltkrieg, im Pariser Exil, völlig mittellos, begann sie, sich und ihrer Familie die Bekleidung zu schneidern und zu kochen.
Essen stand bei uns immer an erster Stelle. Zwei warme Mahlzeiten am Tag. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert. (Und weil mein Vater ebenso gern kochte und krankheitsbedingt viel Zeit daheim verbrachte, auch mal eine weitere Mahlzeit zwischendurch.) Immer wieder wollte ich meine Mutter bitten, doch mal ihre Rezepte aufzuschreiben, zu verraten, wie man den köstlichen cozonac (Osterfladen), die piftie de porc (Schweinesülze) oder die salată de vinete (Auberginencreme) zubereitet. Und schob es so lange auf, bis ihre Demenz dann die Küchengeheimnisse im Nebel verschwinden ließ.
Wenn ich mich an meine Mutter erinnere, dann immer auch wie sie die Auberginen auf dem Herd grillte, die Hände von der Säure ganz rot. Die mit Geschirrtüchern bedeckten Kuchenformen in der Wohnung verteilte, damit die Hefe aufging. Oder im Winter die Teller mit der Sülze auf den Balkon stellte, damit die Masse erstarrte. Wenn gekocht wurde, dann viel. Eine fünfköpfige Familie, jahreweise um die Großeltern mütterlicherseits erweitert.
Als ich nach der Revolution, mit Anfang 30, das erste Mal nach Rumänien reisen konnte, in ein mir im Grunde völlig fremdes Land, war der ungewöhnlichste Eindruck, wie behütet ich mich dort fühlte. Wie die Sprache, das Essen, die Mentalität mich in einen Zustand frühkindlicher Geborgenheit wiegte. Unter lauter fremden Menschen.
Seitdem der Sender nach Prag gezogen ist und meine Eltern tot sind, ist auch mein Stück Heimat hier in München nahezu verschwunden. Ein paar wenige Landsmänner und Landsfrauen, die ich gelegentlich treffe. Die jährliche rumänische Filmwoche im Stadtmuseum. Und die immerwährende Suche nach dem Lokal, das die Delikatessen meiner Kindheit auftischt. Wobei – wer kann schon so gut wie die eigene Mutter kochen?
Das Klein Bukarest in der Thalkirchner Straße war legendär mittelmäßig und unfreundlich. Es existiert auch schon lange nicht mehr. (Mein Vater erzählte einmal, dass es bereits in den 1960er-Jahren ein Restaurant gleichen Namens im Lehel gegeben hätte, an dem er irgendwie beteiligt gewesen sei. In der Seitzstraße, wenn ich mich recht erinnere. Unweit von Radio Freies Europa am Englischen Garten.)
Der Sendlinger
Pschorr-Krug oder das
Transilvania in Bergkirchen sind recht rustikal. Eine Zeit lang gab es auch einen eher prätentiösen Versuch in einem Hotel an der Leopoldstraße.
Gestern hat nun das
Little Bucuresti sein Grand Opening gehabt. Der Name erinnert an das Klein Bukarest, wenn auch aus unerfindlichen Gründen in einem englisch-rumänischen Mix, ohne das korrekte Cedille unter dem s (București). Die Lage am Oskar-Maria-Graf-Ring 23 sprichwörtlich mitten in der Walachei, dem grauen Nichts von Neuperlach. Das Gebäude von einer abweisenden Tristesse, der Eingang umrahmt von Spielautomaten rechts und links. Dahinter pure Gastfreundschaft, ein großer Biergarten (ausgeschenkt wird Schweiger-Bräu) und ein eher nüchtern eingerichteter Restaurantbereich, der so wenig einladend ist wie der Frühstücksraum von Hotels der Mittelklasse. An der Wand ein Großbildschirm, durch einen Spiegel am anderen Ende des Raumes verdoppelt. Es läuft östlicher Trash-Pop, unterbrochen von Werbeclips. Auf Wunsch von Gästen wird aber auch mal rumänische Folkore abgespielt, Doinas von Efta Botoca oder Ionel Budișteanu.
Das Essen ist das alles aber wert. Wenn auch sehr fleischlastig (16,90 bis 20,90) – und in Portionsgrößen, die meinen Fleischbedarf einer Woche decken könnten: Mici (die rumänischen Ćevapčići), sarmale cu carne de porc (mit Schweinehack gefüllte Krautwickerl), Wiener Schnitzel vom Schwein, Hähncheneintopf, Schweinenacken, Cordon Bleu. Auf der Tageskarte auch mal eine Lammkeule oder Dorade. Bei meinem Besuch verließ kaum ein Gast das Restaurant ohne Doggybag – so riesig sind die Portionen.
Die rumänische Küche an und für sich wäre wie alle Bauernküchen, sprich: Speisefolgen der ärmlichen Landbevölkerung und nicht etwa der Großgrundbesitzer und Bojaren, sehr vegetarisch oder gar vegan. Sărmăluțe în foi de viță (mit Reis gefüllte Weinblätter), die oben bereits erwähnte salată de vinete, mămăligă (Maisbrei) mit Milch oder Käse oder gebraten. Als streng orthodoxes Land herrschte in Rumänien schließlich auch fünf Monate lang Fastenzeit, auf Rumänisch: post.
Bei meiner Stippvisite habe ich die mächtigen Grillteller und Hauptgerichte nur bei den anderen Gästen betrachtet und mich an Kleineres gehalten. Die ciorbă de burtă (Kuttelsuppe mit Eigelb, Sahne und scharfer Peperoni) ist grandios, allein schon den weiten Weg und auch ihren Preis (9,50) wert. Bei der salată de vinete merkt man dann die Vielfalt der rumänischen wie wohl aller Landesküchen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Rezepturen, manchmal wird auch derselbe Namen für sehr unterschiedliche Gerichte benutzt.
Im Little Bucuresti wird die Auberginencreme mit roten Zwiebeln und Mayonnaise zubereitet. Das macht sie sehr sämig und mächtig. Die kleine Portion, eine Vorspeise!, würde wohl drei bis vier Gäste satt machen und ist alleine kaum zu schaffen. Meine Mutter aber auch Kochbücher wie Radu Anton Romans „Bucate, vinuri și obiceiuri românești” (
„salată de vinete clasică – așa o făcea mama“) verzichten auf die Mayonnaise. Das macht sie viel leichter, sommerlicher und für meinen Geschmack leckerer. Eben vegan. Meine Mutter griff auch großzügig zum Knoblauch.
Wirt und Koch des Little Bucuresti stammen aus dem transsilvanischen Mediaș – die Speisekarte dagegen bedient sich in mehreren Landesteilen. Wie man eben bei den papanași sieht. Bei meiner Mutter war das ein leichtes warmes Hauptgericht, gekochte Griesnockerl mit etwas Sahne, wie man es aus dem von der k.u.k.-Zeit geprägten Siebenbürgen kennt. Hier im Restaurant kommen dagegen die papanași moldovenești als Kalorienbombe auf den Tisch, frittierte Topfenknödel in Form eines Donuts zum Dessert.