Donnerstag, 8. Januar 2009

We are family

„Bei einer Veranstaltung vor einigen Wochen in München habe ich mich mit Marcus Rosenmüller unterhalten. Es ging darum, warum Filme aus Berlin und Filme aus München sich so unterscheiden. Ich meinte, dass das - unabhängig von Reichtum, HFF, Bavaria, Kirch, all den ökonomischen Sachen - damit zu tun hat, dass München ein Umland hat, wo Eltern leben. Es gibt dadurch auch eine Erdung in Familiengenealogien. 'Ich fahre am Wochenende raus zu meinen Eltern' - diesen Satz würde man in Berlin nie hören, weil es keine Eltern gibt. Man zog in den Achtzigern nach Berlin, in die Mauerstadt, weil das so weit weg war von den Eltern wie es nur ging.“

Regisseur Christian Petzold („Jerichow“) gestern im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“


Kommentare:

mawa hat gesagt…

Kluge Analyse. Stimmt. Danke für den Hinweis auf das Zitat.

Dorin Popa hat gesagt…

Gern, wobei ich es aber nicht unterschreiben würde.

Für die Westberliner Vorwendezeit mag es hinsichtlich zugewanderter (Lebens-)Künstler gelten, wobei es damals wie heute auch durchaus autochthone Gewächse gab, die Mami und Papi irgendwo zwischen Spandau, Dahlem und Britz hatten.

In Ostberlin sah es schon immer anders aus, und mit der Wende hat Berlin eh seinen elternfernen Inselstatus verloren.

Persönlich denke ich, daß das soziale Umfeld einer Metropole, die zudem noch weit günstiger Lebenshaltungskosten als Bad München zu bieten hat, stärkeren Einfluß darauf hat, welchen Künstlertyp es nach Berlin zieht und welche Kunst er sich da zu produzieren leisten kann.

mawa hat gesagt…

Was die Unterscheidung vor/nach der Wende angeht, hast Du vollkommen recht. Aber: Wohnen nicht heute wahrscheinlich summenmäßig mehr Menschen aus den alten Bundesländern in Berlin als damals (und lassen sich wöchentliche Rationen an vorgekochten Spätzle und die Abrechnung vom Bausparvertrag in die Hauptstadt schicken)? War West-Berlin vor 1989 nicht für viele eher ein Sehnsuchtsziel denn tatsächlicher Wohnort?

Interessant fänd ich auch die Frage (die ich selber nicht beantworten kann), ob seinerzeit interessantere (weil gewagtere) Kunst in Börlin entstanden ist - ob also heute mehr die Leute kommen, die es in einer in der Tat schwierigen anderen Stadt wie MUC nicht packen mit dem Selbstentwurf als Artist.

Dorin Popa hat gesagt…

Soweit ich das für die Zeit von 1983 bis 1999 aus eigener Anschauung beurteilen kann, war die Vorwendezeit eine harmlosere, da man in Westberlin à la Herr Lehmann eher angenehm soff, sumpfte und am Subventionstropf mittelbar oder unmittelbar hing.

Mit der Wende kam ein großartiger Vitaminstoß seitens der ganzen ostdeutschen Kreativen, die noch weit unkorrumpierter, kritscher waren, sowie die ganze Zuwanderung junger Wilder aus aller Herren Länder, das macht Berlin auch heute noch gerade zu einer ungemein spannenden Stadt, gerade weil es nicht Berliner Kunst ist, sondern russische, amerikanische, spanische, polnische oder woher die Leute sonst stammen.