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Mittwoch, 12. August 2026

„Ausländerbehörde. Abwehrbehörde. Kränkungsbehörde“

„Meine Eltern vertrauten keinem nationalen Pass mehr. Sie waren sicher, dass ein UN-Staatenlosen-Pass der richtigere gewesen ist. Ein Irrtum. Er führte uns über fast zwei Jahrzehnte von Ausländerbehörde zu Ausländerbehörde. Abwehrbehörde. Kränkungsbehörde“. 

Aus Michel Friedmans Rede am 26. Juli 2026 bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen" am Eröffnungswochenende zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele

Dienstag, 9. Juni 2026

Staatenlos? Ein paar ungeordnete Gedanken und persönliche Erfahrungen dazu

Dieser Tage habe ich in der deutschen Presse wiederholt einigen Unsinn über Staatenlose lesen müssen. Dass sie in Deutschland keine Wohnung mieten dürften, kein Bankkonto eröffnen könnten, selbst als in Deutschland geborene Staatenlose sich kaum einbürgern lassen könnten.

Das Thema, das im Grunde seit dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise der Russischen Revolution viele betrifft und in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Displaced Persons, ob jüdischer oder nicht-jüdischer, osteuropäischer Herkunft, keine Seltenheit war, ist sicherlich eine gründliche Analyse wert.

Ich will aber nur kurz ein paar Einwände oder abweichende Erfahrungen zu den diversen Artikeln dieser Tage äußern, die aus meiner persönlichen Erfahrung herrühren. Anekdotische Evidenz. Manche Erfahrungen sind Jahrzehnte alt. Andere nur wenige Jahre.

Grundsätzlich muss man zwischen Staatenlosen und Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit unterscheiden. Staatenlose sind Menschen, die durch Krieg, politische Systemwechsel, Flucht, Emigration oder Ausbürgerung heimatlos geworden sind und mit der Zeit auch über kein gültiges Ausweisdokument mehr verfügen. Der französische Ausdruck Apatride, in der Regel gefolgt von einem d'origine …, das auf das Herkunftsland verweist, gefällt mir da besser als das bürokratische staatenlos. Staatenlos wird man, wenn der das ursprüngliche Ausweisdokument ausstellende Staat nicht mehr existiert. Oder wenn der Pass abgelaufen ist und nicht erneuert werden kann. Oder die Ausweispapiere verloren gegangen sind und nicht ersetzt werden können.

Für diese Menschen haben der Völkerbund und später die Vereinten Nationen einen Passersatz kreiert, einen Reiseausweis, Titre de Voyage. Der erste hieß Nansen-Pass. Namensgeber war der zuständige Hochkommissar des Völkerbundes für Flüchtlingsfragen Fridtjof Nansen. Umgangssprachlich nannte man den Ausweis aber Nonsense-Pass, weil er sich oft als wenig brauchbar herausstellte.

Staatenlos wird man aber auch durch Geburt, wenn die Eltern staatenlos sind und man in einem Land geboren ist, in welchem das ius sanguinis statt dem ius soli gilt: die Staatsangehörigkeit also durch die Abstammung, sprich Eltern oder Vorfahren übertragen wird und nicht durch den Geburtsort. Wer in Frankreich, den USA oder früher auch in Großbritannien geboren war, hatte damit automatisch Anspruch auf die Staatsbürgerschaft. Wer in Deutschland geboren wird, braucht deutsche Eltern oder Vorfahren, um Deutscher zu sein.

Meine Eltern waren als politische Flüchtlinge rumänischer Herkunft seit Ende der 1940er-Jahre bis zu ihrem Tod 1982 respektive 2019 staatenlos. Ob in Frankreich als Asylland oder später in Deutschland. 

Daher war ich ab meiner Geburt 1961 bis zu meiner Einbürgerung 1983 Staatenloser.

Wir besaßen den blauen Reiseausweis nach der Genfer Flüchtlingskonvention, der natürlich zu viel mehr als nur zum Reisen dient. Während in Frankreich auch Ausländer und Staatenlose einen Personalausweis erhalten, dient gerade in Deutschland der Passersatz als zentrales Ausweisdokument.

Und natürlich konnten sowohl meine Eltern als auch ich selbst als Staatenlose in Deutschland wie jeder hier lebende Ausländer Konten eröffnen, Wohnungen mieten und auch sonst ein relativ normales Leben führen, ohne Staatsbürger zu sein.

Manchmal hatte es sogar Vorteile Staatenloser und damit Ausländer zu sein. Auf der Trauerfeier für meinen Bruder Dinu erzählte ein Klassenkamerad, wie sie Ende der 1960er-Jahre, Anfang der 1970er-Jahre mit einem schrottreifen Auto ohne TÜV nach Frankreich fuhren, weil mein Bruder als Staatenloser und damit Ausländer problemlos das nötige Zollabzeichen organisieren konnte.

Und ich hätte 1980 als Staatenloser unabhängig vom Numerus Clausus jedes Fach studieren können, weil die Studienplatzverteilung für Ausländer und somit selbst Staatenlose mit bayerischem Abitur unabhängig vom Notenschnitt erfolgte.

Nur ausgerechnet beim Reisen entpuppt sich der Reiseausweis für Staatenlose oft als wertloser Nonsense-Pass. Denn die meisten Länder dieser Welt verweigern Staatenlosen die Einreise, wie mein anderer, eher spontan losreisender Bruder zigfach schmerzhaft erleben durfte. Am Zielflughafen oder Grenzübergang in Afrika oder Asien war für ihn meistens Schluss und er musste postwendend zurückkehren.

Österreich ließ uns einreisen, aber auch nur, wenn wir uns vorher im Generalkonsulat in der Ismaninger Straße ein Visum beschafft hatten, selbst wenn wir nur bei Bregenz kurz das Land Richtung Schweiz queren wollten.

Meine Staatenlosigkeit verlor ich übrigens nicht erst mit der Einbürgerung, sondern bereits ein Jahr vorher. Denn als in Deutschland geborener Staatenloser hätte ich einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung besessen. Daher wies mir die bayerische Staatsregierung nach meinem Antrag auf Einbürgerung nach, dass ich überhaupt nicht staatenlos sei, sondern nach rumänischem Recht rumänischer Staatsangehöriger. Aus dem Rechtsanspruch auf eine kostenlose Einbürgerung wurde damit ein Antrag auf eine kostenpflichtige Ermessenseinbürgerung. Nur musste ich dafür 1982 zuerst zur rumänischen Botschaft nach Köln reisen, um für rund 500 Mark beim Conducator Nicolae Ceaușescu die Entlassung aus der rumänischen Staatsangehörigkeit zu beantragen. Im Jahr darauf bekam ich dann von der bayerischen Staatsregierung für rund 1200 Mark die deutsche Staatsangehörigkeit.

Mal gucken, wie lange es bis zur Remigration dauert.

Dienstag, 6. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (6): Gute Amis, böse Amis – und ein bisschen Schleuserkriminalität

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Radio Freies Europa war eine Erfindung des 1949 gegründeten, antikommunistischen National Committee for a Free Europe, hinter dem die CIA steckte. Der Sender wurde in der Münchner Oettingenstraße am Englischen Garten (Foto) angesiedelt, wo seit dem Umzug von RFE nach Prag 1995 die Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem mit ihren Kommunikationswissenschaftlern residiert. Nur hieß die Adresse damals noch: One English Garden. Der Sendebetrieb wurde 1950 aufgenommen. 1951 starteten die ersten regelmäßigen Sendungen in die Tschechoslowakei. Es folgten Sendungen auf Ungarisch, Polnisch, Rumänisch. Um die Sowjetunion kümmerte sich das ebenfalls in München, am Oberwiesenfeld angesiedelte Radio Liberty, das erst in den 1970er-Jahren zu RFE in den Englischen Garten zog.

Meine Eltern lebten damals im Pariser Exil, wo auch meine Brüder 1952 und 1953 geboren wurden. 1955 begann mein Vater in München für den Romanian Desk von Radio Free Europe zu arbeiten, auf manchen Unterlagen auch Rumanian Department genannt.

Die CIA stellte nicht nur die Sendeanlage zur Verfügung, es war auch sonst ein rundum amerikanisches Unterfangen, unterstützt durch das Besatzungsstatut, das den US-Amerikanern in der Bundesrepublik recht weit gehende Verfügungsgewalt einräumte. Die Wohnungen der Mitarbeitenden wurden vom Sender angemietet und waren für deutsche Behörden fast schon wie ein exterritoriales Gebiet tabu. Die Möbel kamen aus den Lagern der US-Streitkräfte, weshalb unsere Betten etwas länger und breiter waren als die deutschen Durchschnittsbetten.

Mein Vater wurde anfangs in Militärdollar bezahlt, den sogenannten Military Payment Certificates (MPC). Später erfolgte die Gehaltszahlung in normalen US-Dollar, wobei damals noch der recht vorteilhafte Wechselkurs von rund vier D-Mark für einen US-Dollar galt.

Neben der privaten deutschen Krankenversicherung war die ganze Familie auch über den Sender betrieblich krankenversichert. In den Jahren, in denen ich mich um die Arzt- und Krankenhauskosten meiner Eltern kümmerte, also so ab Mitte der 1970er-Jahre, war es erst die Aetna, später die Cigna.

Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahren bekam mein Vater vom Sender das Angebot, der gesamten Familie die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Inklusive einem jährlichen Freiflug in die Staaten. Wie sonst auch meistens, war das meinem Vater vollkommen egal, und er ließ die Familie darüber entscheiden. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und nach kurzer heftiger Diskussion entschieden wir uns alle dagegen, weil wir das Vorgehen der Amerikaner in Indochina für ein Verbrechen hielten. Bei meinen Brüdern im wehrfähigeren Alter spielten vielleicht auch andere Gründe eine Rolle. Schließlich verzichteten sie auch auf die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen dank ihrer Geburt in Paris zugestanden hätte, um dem Wehrdienst zu entgehen.

So behielten wir als Staatenlose alle den blauen Pass, den Reiseausweis für Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Vorläufer dieses Konventionspasses war der sogenannte Nansen-Pass für Flüchtlinge und Staatenlose, der auch Nonsense-Pass genannt wurde, weil er nicht viel brachte.

So ein Pass verleiht keine Freiheit, er nimmt sie dir, um die Schriftstellerin Naja Ebrahimi zu zitieren. Mit unserem von Frankreich als Asylgeber ausgestellten Titre de Voyage brauchten wir für die meisten Länder dieser Welt ein Visum, um einreisen zu dürfen. Wenn man uns überhaupt einreisen ließ. Auch das benachbarte Österreich verlangte einen Sichtvermerk, selbst wenn wir nur mit der Bahn im Transit über Bregenz Richtung italienische Riviera oder Südfrankreich reisen wollten.

Von den Deutschen benötigte mein Vater eine regelmäßig zu erneuernde Arbeitserlaubnis und der Rest der Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Bereits als Kind übernahm ich auch diesen Behördengang. Mit dem Stapel blauer Pässe ging es in die Ausländerbehörde der Landeshauptstadt München, die damals noch im Polizeipräsidium in der Ettstraße angesiedelt war. Und jedes Mal spielten die Beamten eine Schmierenkomödie vor, drohten, zetterten, erklärten mir, dass wir nicht willkommen wären, das Land verlassen müssten, hier nichts verloren hätten.

Aber auf den Pässen waren kleine weiße Aufkleber angebracht, mit der magischen Formel RFE/RL. Und dank des Besatzungsstatuts hatten sie keine andere Wahl, als dem bei den Amis Beschäftigten und seiner Familie Arbeit und Aufenthalt zu gewähren.

Wir Osteuropäer waren damals in Deutschland nicht besser gelitten als heute die afrikanischen und asiatischen Flüchtlinge. In Behörden und Redaktionen herrschten noch ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere. Selbst in der Hamburger Kampfpresse „Stern" und „Spiegel“ war die Rede von osteuropäischen Untermenschen. Als die Olympischen Spiele 1972 in München anstanden, sollten erst Mitarbeitende von Radio Free Europe die englischsprachige Postille betreuen. Doch bei den deutschen Veranstaltern gab es entschiedenen Widerstand dagegen, wie ein damaliger deutscher Mitarbeiter des Senders 2011 auf der Tagung „Voices of Freedom – Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe in Munich and Prague“ in der LMU erzählte. Stattdessen überließ man die Aufgabe der Frankfurter Redaktion von „Stars and Stripes“ bei den US-Streitkräften.  

Die vermeintlich große Stunde der deutschen Ämter kam erst, als meine im kommunistischen Rumänien verbliebenen Halbschwester Anka-Maria es schaffte, samt Gatten und Töchter Raluca und Ruxandra legal in den Westen auszureisen. Die KSZE-Schlussakte von 1975, das sogenannte Helsinki-Abkommen, hatte es möglich gemacht. Familienzusammenführung mit unserem Vater in Deutschland. Die ersten Ausreiseanträge wurden abgelehnt. Sie verlor ihre Arbeit als Englischlehrerin. Aber dann ließ Nicolae Ceaușescu sie doch gehen. Doch die deutsche Botschaft in Bukarest weigerte sich, der Familie Visa für die Einreise in die Bundesrepublik auszustellen. Also flogen sie nach Wien, wo mein Bruder Dinu sie abholte und als Schleuser über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern schmuggelte.

In München brachten wir sie zur CIA-Niederlassung in der McGraw-Kaserne. Und ab diesem Augenblick, Besatzungsstatut sei Dank, waren sie safe und durften legal in Deutschland bleiben. Mit der Tolstoi Foundation waren sie im Gespräch, um in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Meine Halbschwester wäre gern in München geblieben, wo sie wohl auch bei Radio Freies Europa hätte anfangen können. Dann wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Securitate sie kontaktiert hätte. Aber ihr Mann fand einen Arbeitsplatz in der Schweiz und so konnten sie dauerhaft dorthin übersiedeln.

Dienstag, 25. Juli 2023

Die Polizei und ich

Das erste deutsche Wort, das ich aufgeschnappt haben soll, war Polizei. Und wie es mit Erinnerungen aus frühkindlichen Tagen so ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich daran erinnern kann oder nur die stetig wiederholten Erzählungen Dritter verinnerlicht habe, bis ich sie für eigene Erinnerungen hielt. Aber offenbar bin ich im Alter von drei Jahren, bei uns in Gern um die Ecke, die Wilhelm-Düll-Straße entlanggelaufen und habe „Polizei, Polizei“ gerufen.

Rückblickend interpretiere ich das gern als Warnruf, aber vielleicht identifizierte ich mich beim Spielen auch mit den Ordnungshütern und fand „Polizei, Polizei“ einfach nur hübscher als ein „Tatütata“.

In der Wilhelm-Düll-Straße wohnte auch mein erster deutscher Spielkamerad, Klaus-Thomas. Sein Vater war Polizist, was er aber nur zweimal mir gegenüber heraushängen ließ. Das erste Mal, als eine alte, paranoide Frau aus dem Viertel Klaus und mich als Privatdetektive anheuerte. Sie war überzeugt, dass während ihrer Abwesenheit Fremde ihre Wohnung durchstöberten, und so bat sie uns, im Schrank auf der Lauer zu sitzen, um die Einbrecher in flagranti zu erwischen. Als der Vater davon erfuhr, setzte er sich mit Klaus und mir zusammen und erläuterte eindringlich aus seiner polizeilichen Praxis, dass früher oder später die alte Dame uns beide verdächtigen würde, sie zu bestehlen. Wir mussten die Detektivarbeit umgehend einstellen.

Jahre später hatten meine Eltern im selben Haus, in dem Klaus lebte, die Erdgeschosswohnung angemietet. Zuerst für meine beiden älteren Brüder. Zeitweise lebte auch mein Vater drin, der es nicht mehr mit meiner Mutter unter einem Dach aushielt. Klaus und ich hatten uns inzwischen auseinandergelebt. Ferenc, wie ich ein Flüchtlingskind, war mein neuer bester Freund. Seit er in meiner Klasse an der Dom-Pedro-Schule war, wurde ich nicht mehr täglich von den deutschen Mitschülern verprügelt. Eines Tages wollten Ferenc und ich im Erdgeschoss der Wilhelm-Düll-Straße übernachten, was Klaus im zweiten Stock offenbar mitbekam. Vielleicht haben wir es ihn auch wissen lassen. Kinder können grausam sein. Und der fürsorgliche Vater stieg ins Erdgeschoss herunter, stellte uns beide mit der Autorität eines Staatsdieners zur Rede und verbat uns kurzerhand, in der Wohnung zu übernachten.

Ich war nicht viel älter, als ich im Münchner Polizeipräsidium bereits regelmäßiger Gast war. Meine Eltern, staatenlose politische Flüchtlinge rumänischer Herkunft mit Asyl in Frankreich, mussten die deutsche Aufenthaltserlaubnis in ihren Nonsense-Pässen regelmäßig erneuern. Und es war meine Aufgabe, diesen Behördengang für sie zu erledigen. Die Ausländerbehörde befand sich damals noch in der Ettstraße, wo man mir jedes Mal zu verstehen gab, dass wir in Deutschland unerwünscht seien. Aber immer auch die Aufenthaltserlaubnis verlängern musste, weil auf dem Titre de voyage meiner Eltern Aufkleber mit dem magischen Kürzel RFE waren. 

Das Mißtrauen gegenüber der deutschen Polizei war auch der einzige Grund, dass ich mich mit 21 Jahren einbürgern ließ. Schluss mit der Drohkulisse, ausgewiesen zu werden. Im selben Jahr zog ich nach West-Berlin und pendelte auf der Transit-Strecke ständig zwischen neuer und alter Heimat. Es war die Zeit der Roten Armee Fraktion und ich wie meine Mitfahrgelegenheiten passten offenbar ins Raster. Jedenfalls drangsalierte uns die bayerische Grenzpolizei immer ungleich härter als die Kollegen auf Seiten der DDR. Fahrzeugkontrollen, Personenkontrollen, penible Ausweiskontrollen, das ganze Programm.

Nennen wir es die bayerische Linie, denn merkwürdigerweise kreisen alle meine negativen Erinnerungen um die hiesige Polizei, während ich mit den französischen oder Berliner Ordnungshütern nie aneinandergeraten bin.

Inzwischen war ich Journalist geworden und irgendwann nach München zurückgekehrt. Demonstrationen journalistisch zu begleiten gehörte zu meinem Alltag. Mal lief das besser. Etwa als am Marienplatz während einer Großkundgebung gegen die Sicherheitskonferenz ein mir völlig unbekannter Zivilist mich mit meinem Namen ansprach, mir die Hand schüttelte und sich als Mitarbeiter der Pressestelle im Polizeipräsidium vorstellte. Mal weniger gut, als ich während einer Kundgebung am Odeonsplatz zwecks besserer Übersicht die Treppe zur Feldherrnhalle hochstieg, einem USK-Beamten meinen Presseausweis entgegenhielt und er mich dann die Treppe wieder herunterstieß.

Dir Steigerung eines Presseausweises ist wohl eine Akkreditierung bei der Munich Security Conference, der – sicherheitstechnisch betrachtet – Schnittmenge aus Polizei, Bundeswehr und Geheimdiensten. Natürlich habe ich es geschafft, dort als akkreditierter Journalist von der Polizei sistiert und zur Personenkontrolle festgehalten zu werden. Die Einsatzkräfte bemühten sich sogar in vielen Telefonaten, mir die Akkreditierung entziehen zu lassen, scheiterten aber an der souveränen Konferenzleitung.

Versuche, meine Arbeit als Vertreter der Presse zu unterbinden, gab es öfter. Und manchmal kann man sich zumindest im Nachhinein dagegen wehren. Als etwa der Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität besetzt worden war, bereitete die Polizei die Räumung vor, und der Staatschutz sorgte als erstes dafür, dass auch die Presse weiträumig ausgesperrt wurde. Der Bayerische Journalisten-Verband und der Deutsche Journalisten-Verband teilten meine Bedenken gegen diese Behinderung der Presse, und letztendlich musste der Unipräsident und nicht etwa das Polizeipräsidium sich für dieses „Missverständnis“ entschuldigen.

Missverständliche Signale strahle ich bei Terminen der Staatsregierung offenbar auf die Personenschützer aus. Vielleicht lassen sie meine Tattoos, lackierten Fingernägel und Outfits nervös bis gereizt reagieren. Bei der Eröffnung der Außenstelle eines Ministeriums kam Söders Regenschirmträger sofort auf mich zu, nachdem er ausgestiegen war. Ich stand auf dem Vorplatz des Ministeriums neben einem Verkehrszeichen. Tiefbesorgt prüfte der Leibwächter, ob das Schild wirklich fest verankert und nicht als Waffe zu missbrauchen war. Danach wich er mir nicht mehr von der Seite und positionierte sich stets zwischen mir und dem Ministerpräsidenten. Während der Feierstunde im gesicherten Gebäude verlangte er dann plötzlich meinen Presseausweis zu sehen, den ich ihm gern zeigte. Als er aber dann auch noch zu wissen verlangte, für wen ich denn schriebe, verwies ich ihn kurzerhand an die Pressestelle des Ministeriums. Die hätte mich akkreditiert, also könne man ihm dort sicher weiterhelfen.

Wesentlich besser läuft es dagegen die letzten drei Jahre bei der alltäglichen Recherche zwischen der Polizei und mir als Tageszeitungsjournalist. So wie ich mit Klimagruppen wie Fridays for Future, Extinction Rebellion, Anti-IAA, dem Antikapitalistischen Klimatreffen oder der Letzten Generation spreche, telefoniere oder maile, rede ich auch immer wieder mit Einsatzkräften oder der Pressestelle im Polizeipräsidium, frage nach Teilnehmerzahlen, besonderen Vorkommnissen oder anderen wichtigen Fakten. Eine so vertrauensvolle Zusammenarbeit, dass selbst Hintergrundinformationen, die man nicht drucken soll, in die Gespräche einfließen.

Dass das Bayerische Landeskriminalamt währenddessen auf Anordnung der Münchner Generalsstaatsanwaltschaft Pressekontakte zur Letzten Generation überwachte, fügt sich da leider nicht ins Bild.