Dienstag, 20. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (20) Ion Popa und seine Zeit in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen. 
 
Während des Zweiten Weltkriegs gehörte das vom faschistischen Diktator General Ion Antonescu geführte Rumänien zu den Achsenmächten. Das war im Ersten Weltkrieg noch anders gewesen. Da kämpfte Rumänien in der Entente an der Seite Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland und Italien, worauf es von den Deutschen besetzt wurde. Mein Großvater mütterlicherseits, Ion Dragu, der über seine Kriegserlebnisse eine Bestseller-Triologie geschrieben hatte, erzählte mir Jahrzehnte später mit größtem Bedauern, dass er damals einen bayerischen Gebirgsjäger erschossen hätte. Der Deutsche hatte seine Arme hoch gerissen, um sich zu ergeben. Aber bis mein Opa das begriff, hatte er schon reflexhaft abgedrückt.

Am 23. August 1944 stürzte der junge König Mihai I. in einem Staatsstreich den Militärdiktator Antonescu und Rumänien wechselte an die Seite der Allierten. Daraufhin wurden die rumänischen Diplomat*innen, Journalist*innen und Künstler*innen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, interniert.

Den Erinnerungen ihrer Mutter zufolge spricht meine Schwester davon, dass die Mitarbeitenden der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, ihre Ehepartner und Kinder, drei Tage und Nächte lang im Zugwaggon unterwegs gewesen sein, ohne zu wissen, wohin man sie bringt. 

Mein Vater, seine erste Ehefrau Hortensia und ihre wenige Monate alte Tochter kamen mit der „diplomatischen Austauschgruppe“ ins niederschlesische Krummhübel (auf Polnisch Karpacz), in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie am Rande von Rübezahls Riesengebirge das Haus Brandenburg bezogen.

In  einem Tagebucheintrag vom 29. Dezember 1944 zitiert der rumänische Diplomat Raoul Bossy aus einem Brief des dort internierten Mihai Stănescu, demzufolge rund 400 rumänische Diplomat*innen, Beamte und Verwaltungsangestellte der Gesandtschaften und Konsulate in Berlin, Wien, Prag, Belgrad, Bratislava und Budapest in Krummhübel versammelt seien. Bossy hatte von 1941 bis 1943 gleichzeitig die rumänischen Gesandtschaften in Berlin und Kopenhagen geleitet. Anschließend vertrat er das Rumänische Rote Kreuz in Genf und wurde 1945 auch Vertreter Rumäniens beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf. In dieser Funktion bemühte er sich auch darum, die in Krummhübel Internierten mit Lebensmittelpaketen zu versorgen.

Laut dem „Almanahul Literar“ von 1969 seien auch 300 Rumän*innen aus Italien nach Krummhübel deportiert worden.

Zu den in Krummhübel Internierten zählten neben Stănescu in den Häusern Brandenburg und Brodtbaude der Dichter Vintilă Horia mit seiner Frau Olguța, der Maler Eugen Drăguţescu, der Dirigent Ionel Perlea, der Opernsänger Tomel Spataru, Viorel Gligore, Arzt an der rumänischen Gesandtschaft in Berlin, Hildegard Marie Praglowski vom Generalkonsulat in Wien, Maria Panteli, Henry Holban, Bucur Ţincu, Darascu Padureanu, Ioan Enescu. (Es fielen auch die Namen Silvestri und Solaculu). Manche sprachen von der Elite Rumäniens. In den „Anale de Istorie“, 33. Jahrgang, Hefte 1–6, von 1987 werden auch colonelul Constantin Ștefănescu, ehemaliger Militärattaché in Bratislava, colonelul Cosloschi, ehemaliger Militärattaché in Budapest, und maiorul Andrei als in Krummhübel internierte Militärangehörige genannt.

Ein Teil der rumänischen Austauschgruppe kam im benachbarten Brückenberg ins Haus Ermel. Laut „Viaţa Românească“, 1982 (Anul 77, nr. 9, Seite 68), konnten sich die in Krummhübel und Brückenberg Internierten gegenseitig besuchen.

In den Arolsen Archives findet sich eine Akte mit „Gesuchen von rumänischen Internierten (diplomatische Austauschgruppen) an das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes um die Erlaubnis der Übermittlung von Nachrichten an ihre Angehörigen“ in Rumänien. 

Der darin auftauchende Ion Popa war aber wohl nur ein Namensvetter, da er in Brașov ansässig war, mein Vater dagegen in Bukarest.

Auch wenn die Rumänen in Krummhübel im Außenlager eines Konzentrationslagers untergebracht waren, wurde die rumänische Gruppe deutlich besser behandelt als die übrigen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter*innen. Sie sollten nicht vernichtet, sondern nur interniert werden. (In der Ortschaft Krummhübel befand sich zu der Zeit auch das Ausweichquartier des Berliner Auswärtigen Amtes.) Die ehemaligen Diplomat*innen der deutschen Gesandtschaft in Rumänien sollen schlechter behandelt und den Russen überlassen worden sein. 

Wie man auf den Fotos oben und unten sieht, behielt die rumänische Austauschgruppe in Krummhübel ihre Garderobe. Mangels Weihnachtsdekoration sollen die rumänischen Lagerinsass*innen zu Heiligabend 1944 ihren Christbaum mit ihren eigenen Juwelen und Schmuckstücken verziert haben.

Für meine Schwester bastelte man als Geschenk an ihrem ersten Weihnachtsfest eine Mappe, die ein ihr gewidmetes Weihnachts- und Heimatgedicht Horias und zwei Porträtzeichnungen aus der Hand Drăguţescus enthielt.

In „Luceafărul“, Nr. 15/1990, war dieses Foto einer Gruppe von Männern im Anzug mit Vintilă Horia abgedruckt. Die Bildunterschrift: „Cu un grup de prieteni la intrarea in lagarul de concentrare de la Krummhübel“  – „Mit einigen Freunden am Eingang des KZ Krummhübel“.

Wie der Name Austauschgruppe schon andeutet, sollten die ehemaligen rumänischen Diplomat*innen im Deutschen Reich gegen ihren Gegenpart, die deutschen Diplomat*innen in Rumänien, auf Vermittlung der Schweiz und Schwedens 1945 ausgetauscht werden. Das Kriegsende kam dem aber zuvor.

Mein Vater und seine Familie blieben möglicherweise im Lager, bis sie von den Russen im Frühjahr 1945 befreit wurden. Zumindest wurde es mir so erzählt. Horia, Drăguţescu, Perlea und die meisten anderen wurden nachweislich ins österreichische Mariapfarr verlegt, wo die Briten sie im Mai 1945 befreiten und nach Rom brachten. Da mein Vater samt Familie nach dem Krieg auch in Rom waren, waren sie vielleicht doch auch in Mariapfarr dabei und gar nicht bis zuletzt in Krummhübel.

Drăguţescu erzählte 1968 in einem Interview in der Januar-Ausgabe der Brașover „Astra“, dass rund 300 in Krummhübel Internierte aus Furcht der Deutschen vor den heranrückenden Russen auf drei Zugwaggons verteilt wurden und acht Tage lang mit unbekanntem Ziel unterwegs waren. Nach einer kurzen Zwischenstation in Wien, wo sie kurz aussteigen und sich mit Schnee waschen konnten, seien sie dann nach Mariapfarr gelangt, wo die Haftbedingungen deutlich schlechter waren als in Krummhübel.

Doch auch wenn die Lagerbedingungen vergleichsweise gut gewesen zu sein scheinen, traumatisierten sie meinen Vater. Als er Jahrzehnte später im Krankenhaus war, triggerte der Umgang mit dem deutschen Arzt- und Pflegepersonal Ängste aus der KZ-Zeit.

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