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Sonntag, 1. März 2026

Bettgeschichten

Freitagabend ist mein Bett zusammengekracht. Und der Anlass war alles andere als ekstatisch. Während Lustschreie im Rhythmus der knarzenden Liegestatt derzeit allabendlich meiner Nachbarwohnung vorbehalten sind, frästen sich bei mir nur die Schrauben der Leiste, die das Lattenrost trug, durchs Holz, bis sie jeden Halt verloren.

Andere behelfen sich dann vorübergehend mit Ziegelsteinen als Stütze, ich packte einen Stapel Bücher unter die linke Betthälfte. Drei Jahrzehnte hat mir mein Doppelbett nun gute Dienste geleistet. Erworben habe ich es Mitte der 1990er-Jahre in Berlin, in einem Fachgeschäft in der Potsdamer Straße, das regelmäßig im „tip“ warb. Wenn ich mich recht erinnere Kirschholz, um die 1500 Mark.

Als ich 1983 das erste Mal nach Westberlin gezogen war, hatte ich noch eins jener Betten dabei, mit denen Radio Freies Europa den Haushalt meiner Eltern Mitte der 1950er-Jahre aus US-Army-Beständen ausgestattet hatte. Etwas länger und breiter als die deutschen Normbetten. Irgendwann, bei meinen ständigen Umzügen innerhalb von und zwischen München und Berlin ging es dann kaputt und ich stieg auf ein Pappbett um, das erstaunlich stabil war und mir lange gute Dienste bot. 

Die Betten wechselten, aber etwas blieb. Stets weiße Bettwäsche und immer Kissen und Decken für zwei, selbst wenn ich allein lebte. (Als ich während meiner Münchner Jahre mal in Berlin zu Besuch war und in einer Pension landete, in der sonst Drückerkolonnen absteigen, musste ich in einem schmalen Bett mit Michael-Schumacher-Bettwäsche übernachten. Widerwillig, äußert widerwillig.)

Oft war mein Bett auch bei Freunden im Keller oder bei Zapf eingelagert, weil ich als Untermieter von möblierter Wohnung zu möblierter Wohnung zog. Das Berliner Modell: Lebenskünstler mit Wohnberechtigungsschein vermieteten ihre billige Sozialwohnung mit Aufschlag an Leute wie mich und leben von der Differenz. Dann konnte ich mir schließlich wieder eigene Wohnungen leisten. In Straßburg (Burda!) und München (Springer!) sogar Drei-Zimmer-Wohnungen. Eines zum Fernsehen, eines zum Arbeiten, eines zum Schlafen. Bis mir das zu dumm war und ich mich auf ein Zimmer gesundschrumpfte.

Mein massives Berliner Doppelbett überstand die Ortswechsel gut. Parkettböden bekamen ihm dagegen weniger gut, da neigte es dazu, durch den Raum zu wandern, wenn ich nicht allein war und nicht schlief. Gummistopper unter den vier Bettpfosten beendeten die Wanderlust. Möglicherweise ein Fehler, denn die kinetische Energie suchte sich einen anderen Weg: Das Bett krachte mitten im Akt zusammen. Wir hatten mit unseren Schwingungen den Holzpfeiler, der den Lattenrost in der Mitte des Bettes stützte, gecrasht. Und konnten darauf nur mit herzlichem Lachen reagieren. 

Mein Bett war auch eine begehrte Kulisse. Als der „Stern“ einmal über das Sexleben der Generation 40+ berichtete und auch mich dafür interviewte („Lust ohne Last, Sex ohne Scham, Gefühle ohne Grenzen“), musste ich zur Bebilderung unter anderem im Gaddafi-T-Shirt auf meinem Bett stehend posieren.

Ein Jahr später hatte ich mal wieder einen Durchlauf meines Pop-up-Stores 100 Tage Bücher, aus dem ich täglich in einem eigenen Blog berichtete. Nur sonntags gab es nichts zu berichten, weil der Laden geschlossen war. Also kreierte ich die Rubrik Sleepy Sunday, in der ich statt aus der Buchhandlung mehr oder weniger nackte Tatsachen aus meinem Bett bloggte.

Auch Frauen nutzten mein Bett gern als Requisite. Sei es I. für ihr Fotoprojekt, bei dem sie im Alter von Ende 20, Anfang 30 sonst für Profis posierte, um dann zu ihrem 40. eine Ausstellung dieser Aktbilder au präsentieren. Sei es L., die freizügige Bilder wünschte, um sie ihren zahlreichen Lovern zukommen zu lassen.

Vielleicht war das alles meinem Bett zu viel geworden. Auch wenn sich inzwischen weit weniger Aufregendes darauf abspielt. Wenn jetzt ab Februar die Sonne hoch genug steht, um über die Dächer zu scheinen, ist mein Bett der bequemste Platz, um mich bei geöffnetem Fenster zu sonnen. So lange die Bücher mich noch tragen.

Sonntag, 22. Februar 2026

Eine Art vorgezogener Nachruf

„»Ich bin ein Gatekeeper - am Tag als Journalist, bei Nacht als Türsteher«, sagt Dorin Popa, freier Journalist, über sich. Sein Vater war Journalist, die ersten Texte schrieb er für Stadtzeitungen in München, Nürnberg und Berlin, später auch für überregionale Magazine. Ein Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit lag bei diversen Entwicklungs- und Gründungsredaktionen, unter anderem im Auftrag von Burda. Dorin Popa gründete 1984 einen Verlag, der Literatur, Lyrik und Bildbände herausbrachte (unter anderem Werke von Serge Gainsbourg und Eugene Ionesco). Als fester Freier war der gebürtige Münchener für den Berliner Tagesspiegel tätig, später für diverse Frauenzeitschriften. Seit 2020 ist er als Freelancer im Spätdienst für die Printausgabe der Münchner tz verantwortlich. Dorin Popa ist aktiv in den sozialen Kanälen wie Facebook oder X unterwegs, was ihm sogar eine Reportage im Spiegel bescherte. Am 25. März feiert er seinen 65. Geburtstag. Im BJV ist er seit 1997 Mitglied.“
BJVreport 1/2026

Freitag, 16. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (16), Radio Freies Europa und die Sicherheitsbedingungen am Englischen Garten

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Ich ging zwar bei Radio Freies Europa nicht ein und aus, aber ich war doch wohl für ein Kind ungewöhnlich oft zu Besuch im Gebäude am Englischen Garten. Mal besuchte ich meinen Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu, um mit ihm zu Mittag zu essen. Meistens in der Kantine im Untergeschoss, wo es auch die amerikanischen Schokoriegel Butterfinger zu kaufen gab.

Einmal gingen wir ins Restaurant des nahen Park-Hilton, wo das Chateaubriand dann am Tisch tranchiert wurde.

Oder mein Vater hatte bei den Kolleg*innen der ungarischen Redaktion eine ganze Salami gekauft und ich holte sie ab, um sie nach Hause zu bringen. In meiner kindlichen Vorstellung die Salami wie eine Bazooka auf der Schulter balancierend.

Gelegentlich saß ich auch bei der Schaltkonferenz (mit den USA?) dabei oder schaute zu, wenn mein Vater für seine Sendung im Studio war. Aufgezeichnet (ausgestrahlt?) wurde sie in meiner Erinnerung spätnachmittags oder am frühen Abend.

Und immer wieder holte ich meinen Vater ab und dann fuhren wir gemeinsam mit der Tram nach Hause.

Manchmal besuchte ich auch den jungen rumänischen Radio-DJ Cornel Chiriac, der 1969 bei RFE zu arbeiten begonnen hatte, bevor er 1975 ermordet wurde.

Als mein Vater zunehmend krank war und nach seiner Pensionierung war ich oft im Sender, um bei der Personalabteilung die Arzt-, Medikamenten- und Krankenhausrechnungen vorbeizubringen, die dann an die US-amerikanische Krankenversicherung, erst Aetna, dann Cigna, weitergeleitet wurden. Später zog die Personalabteilung von RFE/RL in das backsteinrote Gebäude in der Arabellastraße 21, wo zeitweise Burda die Redaktionen von „Focus“ und dem „Playboy“ untergebracht hat.

Die ersten Jahre waren die Besuche am Englischen Garten unkompliziert. Ich konnte den Sender betreten und durch das Gebäude laufen, wie ich wollte.

Irgendwann Ende der 1960er- oder Anfang der 1070er-Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. Und das lange vor dem Bombenanschlag 1981 durch den venezolanischen Terroristen Carlos im Auftrag von Nicolae Ceaușescu.

Plötzlich gab es im Foyer eine Schleuse aus Panzerglas. Mein Vater musste mich am Eingang abholen, damit ich den Sender betreten durfte. Und auf dem Betriebsparkplatz kontrollierten Sicherheitsleute jedes Auto mit Unterboden-Inspektionsspiegeln auf Bomben.

Montag, 20. Oktober 2025

House of Art – Die Kunst auf den Münchner Medientagen (Updates)

Münchens wohl bestbesuchte Kunstausstellung diese Woche ist gar keine. Und natürlich kommen die über 5000 Besucher*innen nicht wegen der im House of Communication am Ostbahnhof herumstehenden oder hängenden Werke zu den Medientagen. Aber spätestens in der Kaffeepause hört man oft die Frage, ob man wisse, von wem das Werk stammt, vor dem man gerade steht. An den Bildern und Skulpturen führt während der drei Tage kein Weg vorbei. Und ein langjähriger Paradegast der Programmschiene beklagte sich neulich bei mir sogar, dass die Kunstwerke ein Problem seien, weil man ständig darauf Rücksicht nehmen müsse und nicht mehr so frei walten und schalten könne wie an der früheren Location, dem Internationalen Congress Center in der Messestadt.

Kunst ist schön, aber eben auch eine Herausforderung. Gerade wenn sie nicht bei den Unternehmer*innen daheim oder im Vorstandsbüro hängt, sondern für alle Mitarbeiter*innen und Besucher*innen sichtbar präsentiert wird. Was wäre auch Burda während meiner Zeit dort ohne den Warhol im Verlagsentrée gewesen. Oder die Lobby des BMW-Hochhauses ohne Gerhard Richters „Rot - Gelb - Blau“, denen die Jahrzehnte mit Publikumsverkehr aber letztendlich so sehr zusetzten, dass sie restauriert und verglast werden mussten.

Bei Aktienunternehmen wie der Deutschen Bank oder Hypo-Vereinsbank werden Teile der Kunstsammlung irgendwann verscherbelt. Bei inhabergeführten Unternehmen bildet sie vielleicht den Grundstock für ein oder mehrere Museen.

Die Kunstsammlung der Serviceplan-Granden Florian und Peter Haller im House of Communication verzichtet auf jeden musealen Ansatz. Ziemlich ungeschützt und ohne jede Nennung der Künstler*innen, Titel und Entstehungsjahre sind die rund 150 von Thaddaeus Ropac kuratierten Werke einfach da, wie selbstverständlich in den Arbeits- und Tagungsalltag integriert. Auf dem Foto hier zum Beispiel Antoni Tàpies' „Retrat de K“ aus dem Jahr 2002 über den Tassen für die Kaffeepause. 110 Kunstwerke sind während der Medientage zugänglich, und wer die 369 bis 1290 Euro für das Kongressticket scheut: Es werden das Jahr über „exklusive“ Führungen durch die Kunstsammlung angeboten.

Insgesamt umfasst die Privatsammlung der Hallers rund 250 Werke, darunter Werke von Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Gerhard Richter, Emil Nolde, Tony Cragg, Alex Katz, Francis Bacon, Rainer Fetting, Victor Vasarely oder Rupprecht Geiger. 

„Wenn der Ton ausfällt, können Sie 20 Sekunden lang Kunst anschauen. Das hat kein anderer Tagungsort in der Welt“, so Gastgeber Stefan Sutor von der Medien Bayern GmbH in seinem Schlusswort auf den Medientagen dieses Jahr.

Hier ein paar Eindrücke und Zuordnungen von den letzten Medientagen und heuer:

Das sieht nach einer Skulptur von Stephan Balkenhol aus. Es gibt noch einige mehr von ihm, denn „wir haben Portraits unserer Kolleg:innen vom weltweit bekannten Bildhauer Stephan Balkenhol anfertigen lassen. (…) Die Werke haben nun einen besonderen Platz im Herzen unseres House of Communication München.“

Stephan Balkenhol: „Ohne Titel“, 2022. Porträts von zwölf vom Künstler ausgewählten Serviceplan-Mitarbeitenden. 

Julian Opie, „Lucia 5“, 2017.


Julian Opie: „Women Taking off Jeans“, 2003. 

Julian Opie: „Flight Attendant and Solicitor“, 2015.

A. R. Penck: „Überflug“ und „Tanzender Troll“, 1997.

A. R. Penck: „Spirit of Europe“.

A. R. Penck.


Hans Joachim Volbracht.

Hans Joachim Volbracht.


Alexander Calder: „Looped Red“, 1974.

Jonathan Meese: „Erzkunst-Macht-K.U.N.S.T.!“, 2020.

Jonathan Meese.

Jonathan Meese: „Keinen Menschenkult, bitte ihr Menschlein, nein, nein, nein“, 2008

Jonathan Meese: „Balthysmeese IV“, 2001.

Cailyn Dawson: „Sunset“, 2022.

Ernst Wilhelm Nay: „Comet“, 1964 und „Metagrün“, 1963.

Gabriel Holzner: „We Had a Hell of a Run 4“, 2022

John Hoyland: „Hating and Dreaming“, 1990.
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Antoni Tàpies: „Ohne Titel“ aus „Suite Catalana“, 1972.

Joan Miró: „La Captive“ und „La Dentellière“, 1969.

Daniel Richter: „Mühen der Ebene“ und „Beschlossene Feindschaft“, 2023.

Daniel Richter: „Seele, heimatlos etc.“, 2023.

Sean Scully: „Blue Yellow“, 2023.

Sean Scully: „Paris Yellow“, 2021.

Anselm Kiefer: Werkgruppe „Für Walther von der Vogelweide“, Memento Mori, 2019. 

Anselm Kiefer: „Maria im Rosenhag“, 2006.

Anselm Kiefer: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit“, 2022.

Anselm Kiefer: „Geheimnisse der Farne“, 1996–2000.

Georg Baselitz: „Häßliches Porträt 1“, 1987–1988.

Georg Baselitz: „Schönes Porträt 2“, 1987–1988.

Georg Baselitz: „Tre Dite“, 2010.

Georg Baselitz: „Der Maler hinterm Gartenzaun“, 2013, und „Elke“, 2012.

Antoni Tàpies: „Suite Catalana“, 1972.

Bernhard Schultze: „Verschränktes Kauderwelsch“, 1991.

Rupprecht Geiger: „Metapher Zahl 0–4“ und „Metapher 5–9“, 1985–1989.

Joseph Albers: „Homage to the Square“, 1950.

Otto Ritschl: „Komp. 57/18“, 1957.

Rechts: Otto Ritschl: „Komp. 65/21“, 1965.

Sonntag, 4. Mai 2025

Trauer muss man sich leisten können

Meine erste Leiche war Frau Ritter. Ich war im Grundschulalter und sie war die Besitzerin des Mehrfamilienhauses in der Wilhelm-Düll-Straße, bei mir um die Ecke. Im ersten Stock mit der Terrasse lebte sie. Im zweiten Stock wohnte eine Polizistenfamilie, deren Sohn damals mein bester Freund war. Das Erdgeschoss hatten meine Eltern mal gemietet. Als erste Wohnung meiner großen Brüder. Später kam dann auch mein Vater kurze Zeit mal dort unter. Nach ihrem Tod wurde Frau Ritter im offenen Sarg aufgebahrt. Meine erste Leiche.

Dann kam fast zwei Jahrzehnte lang keine Leiche. Nur der Tod. Mein Vater Iani Popa starb am 28. Oktober 1982. Ich war 21 und der letzte, der ihn lebend sah. Meine Brüder waren ausgezogen, meine Mutter zu Besuch in Paris. Am Morgen hatte mein Vater mir Frühstück gemacht, dann war ich auch nach Paris geflogen. Dort ereilte uns die Nachricht, dass er gestorben sei. Wir brachen den Urlaub ab. Für meine Mutter hatte einer meiner Brüder ein Flugticket hinterlegt. Ich fuhr mit zum Flughafen. Mit der naiven Vorstellung, ich könnte das Bodenpersonal überreden, mein Flugticket für eine Woche später aufgrund des Todesfalles auf einen sofortigen Rückflug umzubuchen. Ging natürlich nicht. Und so flog meine Mutter allein zurück, während ich die Woche in Paris blieb und erst mit meinem ursprünglich geplanten Flug nach München zurückkehrte. Ich selbst hätte mir kein neues Flugticket leisten können. Und von meiner Familie sah wohl keiner die Notwendigkeit, mich auch sofort zurückzuholen. Und so kehrte ich erst gerade rechtzeitig für die Trauerfeier heim. Ohne meinen toten Vater wiedergesehen zu haben. 

Die erste Leiche, die ich als Erwachsener zu sehen bekam, war ein Fremder. Ein Bruder meines Vaters. Da mein Vater 1945 bei Nacht und Nebel und wohl eher aus einer spontanen Laune heraus aus dem kommunistischen Rumänien geflohen war, wo er Frau und Tochter zurückließ, und später dann auch noch für das regimekritische Radio Freies Europa gearbeitet hatte, gab es nahezu keinen Kontakt zu unseren Verwandten väterlicherseits. Meine Halbschwester und ihre Familie besuchten uns in München und irgendwie schaffte es mein Vater auch, alle vier legal aus Ceaușescus Reich loszueisen und illegal nach Deutschland zu bringen. Von seinen Geschwistern hatten mit Ausnahme seiner Vasilica aber alle anderen den Kontakt abgebrochen, um es sich nicht mit dem kommunistischen Regime zu verderben. 

Nach der Revolution konnte ich nun aber endlich auch nach Rumänien reisen. Weggefährten und Verwandte meiner Eltern kennenlernen. Und einen Bruder meines Vaters. Oder zumindest dessen Leiche. Er war während eines meiner Aufenthalte in Bukarest gestorben und ein gemeinsamer Cousin nahm mich selbstverständlich zum Trauern mit. Der Leichnam war auf der Couch im Wohnzimmer aufgebahrt. Die Wohnung war voll mit Verwandten, Kollegen und Klageweibern. Denn wir Verwandte mussten still sein, durften nicht lauthals trauern. Das übernahmen die Klageweiber.

Dann wurde der Leichnam in einen offenen Sarg gelegt. Die Sargträger hatten Handtücher auf der Schulter, die anschließend an den Außenspiegeln der Autos in der Trauerkolonne gebunden wurden. Der Sarg selbst lag offen auf der Ladefläche eines Transporters. Der Korso fuhr durch die Stadt an sämtlichen Stationen seines Lebens vorbei, an den Filialen seiner Bäckerei, hin zum Friedhof, wo die Sargträger wieder die Handtücher von den Autos losbanden, auf die Schulter legten und darauf den Sarg zum Grab trugen, wo neben den Trauernden auch bereits viele Arme warteten. Denn bei jeder Beerdigung wird Essen mit ihnen geteilt.

In meinem Alter verbringe ich inzwischen mehr Zeit am Friedhof denn im Nachtleben. Das allgegenwärtige Sterben begann mit den Vorbildern, Mentoren, Tanten und Onkeln. Schließlich die Eltern. Dann erwischte es die eigene Generation: Schulkameraden, Kolleg*innen, Freund*innen, Geschwister. Aber trotz all dieser Gelegenheiten habe ich bis heute nicht verstanden, welche Regeln greifen. Wer wo sitzt. Ob der Leichenschmaus Pflicht ist und wer dazu einlädt. Jede Trauerfeier, jede Beerdigung oder Einäscherung unterscheidet sich von den anderen. Je nach Nationalität oder Glaubensgemeinschaft. Je nachdem, ob Hinterbliebene, die Nachbarn oder die Stadt die letzten Dinge geregelt hat.

Als meine Mutter Rica Popa nach jahrelanger Pflege daheim starb, fand ich die Vorstellung, für sie eine Trauerfeier abzuhalten, absurd. Die letzten neun Jahre hatte außer uns drei Söhnen niemand sie mehr besucht. Ich hatte sie noch schwer schnaufen gehört, als ich die Einkäufe in der Küche abgestellt hatte. War dann in der Burda-Bar nebenan frühstücken gewesen und als ich wieder kam, um sie zu wecken und ihr Frühstück zu machen, lag sie tot im Bett. Zumindest wirkte sie tot. Und es war ein absurdes, nahezu slapstickhaftes Unterfangen, festzustellen, ob sie es tatsächlich war. Soll man da nicht den Puls fühlen? Sie zwiscken oder piksen? Einen Spiegel vor den Mund halten? 

Meine Mutter hatte sich immer gewünscht, eingeäschert und im Meer verstreut zu werden. Mein Frankfurter Bruder und ich wollten keine Trauerfeier, mein Münchner Bruder hat trotzdem eine bestellt und bezahlt. Florica Popa, Hausfrau, stand in der Tageszeitung bei den Traueranzeigen. Zur Trauerfeier ist wohl niemand erschienen, auch nicht derjenige, der sie bestellt hat. Ich hätte die Asche im Schwarzen Meer verstreut, wo meine Mutter ihre schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen hatte. Auch als Rückkehr in ihre Heimat. Mein Bruder bestand auf die Côte d'Azur, wo sie als Erwachsene schöne Erlebnisse hatte. Ich hätte ihn dorthin begleiten können, aber ich meide meinen Bruder und ich denke, dass das alles für meine tote Mutter auch keine Rolle mehr spielt, Trauerfeiern den Lebenden Trost spenden sollen, wo das noch möglich ist.

Der Bruder meiner Mutter, Jean „Ţuţi“ Dragesco, ebenfalls ein Kind des Exils, starb in den Corona-Jahren in seiner französischen Wahlheimat. Bei Montpellier. Und ich wäre gern hingefahren. Aber meine Cousins und Cousinen verständigten mich leider recht kurzfristig von der Trauerfeier. Ich hätte ein, zwei Tage Zeit gehabt, um von München dorthin zukommen. Angesichts der Reisebeschränkungen während der Pandemie kaum machbar und so kurzfristig wohl für mich auch nicht finanzierbar.

Wenn ich andere Expats und Familien im Exil erlebe, bin ich immer erstaunt, wie sie durch die Welt reisen. Ob zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen. Bei uns war das immer anders, und ich weiß nicht, ob das an der Zurückgezogenheit meines Vaters lag, der zu Zeiten von Radio Freies Europa den Kontakt zu den meisten Menschen abgebrochen hatte, oder ob es daran lag, dass meine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg mittellos waren und lange auf jeden Pfennig achten mussten. Vielleicht strahlte die Dysfunktionalität meiner Familie auch nur auf den Umgang mit weiteren Verwandten aus.

Dann erwischte es meinen Frankfurter Bruder Dinu Popa. Creutzfeldt-Jacob. Als die Diagnose kam und die Krankheit so wild wie schnell voranschritt, reiste ich kurzfristig zu ihm ins Krankenhaus nach Mainz, um ihn zumindest noch halbwegs so zu erleben, wie ich ihn in Erinnerung behalten will. Und wahrscheinlich spricht man über solche Banalitäten nicht, aber einfach von heute auf morgen die hundert Euro für die Zugfahrt morgens hin und abends zurück zu organisieren, war nur mit Anstrengung und einigen Problemen in den darauf folgenden Wochen möglich.

Wenige Wochen später dann sein Tod und die Trauerfeier. Und wieder keine Ahnung, wie so etwas abläuft und wie man sich zu verhalten hat. In der Traueranzeige, auf der Trauerkarte und auf einem Kranz stand mein Name, ohne dass jemand mit mir darüber gesprochen hätte. Und wer entscheidet darüber, wer allein genannt wird und wer mit Partner*in oder Familie? Zum Leichenschmaus hatte mich niemand eingeladen. Aber vielleicht muss man dafür auch nur einfach nach der Trauerfeier vor der Kirche rumstehen, bis einen jemand mitnimmt. Die Urnenbeisetzung sollte laut Traueranzeige „zum späteren Zeitpunkt im engsten Kreis der Familie“ stattfinden. Ich erfuhr davon erst im Nachhinein durch ein Foto vom Grab. Auf welchem Friedhof das ist, weiß ich bis heute nicht.

Mittwoch, 20. November 2024

Entmietung am Wedekindplatz: „Nehmen Sie es nicht persönlich, es geht ums Geschäft“ (Update)

Am Wochenende war mir die „Abendzeitung“ mit der Meldung zuvorgekommen, dass das Occam-Deli am Wedekindplatz zum 1. Januar schließen muss, weil der Pachtvertrag von den neuen Hausbesitzern nicht verlängert wurde. Ich saß schon seit Allerheiligen an der Geschichte, brauchte aber länger als geplant für meine Recherchen im Grundbuchamt und Handelsregister, sprach mit ehemaligen wie aktuellen Mietern der Feilitzschstraße 15, denn die Geschehnisse im Haus treffen bei weitem nicht nur die Wirte des einen Lokals. 

Das Aus für das Occam-Deli ist nur der Höhepunkt einer Entwicklung, wo ausgerechnet in dem Viertel mit dem romantischen Namen Altschwabing Alteingesessene von Spekulanten entmietet werden, Einzelhändler von gastronomischen Betrieben verdrängt werden und individuelle Lokale von Gastro-Ketten. 

Das alles kulminiert in der Feilitzschstraße 15 unter einem Dach in wenigen Monaten aufgrund des Verkaufs der Immobilie. Das Haus gehörte jahrzehntelang der Familie B., an die noch der Türgriff in Form eines Initials erinnert. Der ursprüngliche Hausbesitzer Josef B. war verstorben, zwei Verwandte hatten geerbt. B.s Töchter, Witwe und seine erste Frau sollen im Haus nebst all den Mietern gewohnt haben. Eine vertraute Hausgemeinschaft. 2019 wurde dann die Feilitzschstraße 15 GmbH & Co. KG gegründet, die die Immobilie von Familie B. erwarb und im März 2020 ins Grundbuch von Schwabing (Blatt 12895) eingetragen wurde. Hinter dem Firmenmantel steckt auch eine Familie, der Münchner Habermann-Clan. 

Die 2019 verstorbene Mutter Helene Habermann galt in Münchens besserer Gesellschaft als Grande Dame und First Lady. Nach ihr ist auch ein Gymnasium in Fasangarten benannt. Die Söhne Harry und Roman Habermann versuchen, ihre Werte hochzuhalten. Als Michel Friedman vorletzte Woche sein neues Buch in München präsentierte, war für Roman (Foto) ein Platz in der zweiten Reihe des Hubert-Burda-Saals reserviert und er grüßte die Honoratioren der ersten beiden Reihen aufs herzlichste. 

Über den Bruder schrieb eine Zeitung: „beruflicher Erfolg ist für Harry Habermann mit der Verpflichtung zu sozialem Engagement verbunden“, als der Unternehmer vor drei Jahren vom bayerischen Justizminister Georg Eisenreich das Bundesverdienstkreuz am Bande ausgehändigt bekam. „Sie sind treibende Kraft bei zahlreichen gemeinnützigen Projekten und widmen sich mit großem Einsatz den Schwächsten in unserem Land“, betonte der Justizminister in seiner Laudatio. Mit einem wie Harry Habermann posieren auch Oberbürgermeister Dieter Reiter und Landtagspräsidentin Ilse Aigner gern, Journalisten wie Wolfram Weimer, Unternehmer wie Wolfgang Reitzle oder seine Ex Alice Brauner. 

Mieter, vor allem die sozial Schwächeren fürchten die Habermanns dagegen eher. Und Mieter gibt es genug. Was Harry Habermann mal gegenüber der „Abendzeitung“ als „familienbetriebenes Unternehmen“ klein redete, wird von der „Immobilien Zeitung“ schon treffender als „Münchner Family Office“ bezeichnet. Der Begriff Family Office wird bei Veröffentlichungen gern für Investoren benutzt, die hunderte Millionen von Euro eigenen Vermögens bewegen und aus Diskretionsgründen nicht mit Namen erwähnt werden wollen. 

Die gerade auch auf „Revitalisierung“ von Immobilien spezialisierte Unternehmensgruppe Habermann ist bundesweit in vielen Projekten involviert. Hier in unserer Region etwa bei der ehemaligen Agnespost, dem Klinikstandort Am Isarkanal, der Damenstiftstraße 11, der Daxenbergerstraße 8 (aktuell im Angebot zwei Zimmer mit 58 qm für 1766 Euro warm), dem Starnberger Dinard-Park (aktuell 3 Zimmer mit 151 qm für 3929 Euro warm) der Englschalkinger Straße 283, dem früheren Kaufhaus Beck an der Fürstenrieder Straße in Laim, dem Pacelli-Palais in der Georgenstraße 8, der Goethestraße 10, der Hansastraße 183, der Ismaninger Straße 55 und 67, dem Kaiserplatz 5, der Maximilianstraße 47, wo das GOP.-Varieté residiert, der Nymphenburger Straße 172, der Pelkovenstraße 101, der Pettenkoferstraße 29, der Rauchstraße 9–11, der Richard-Strauss-Straße 81, der Rüthlingstraße 1 (aktuell im Angebot ein 36 qm großes Zimmer für 1220 warm), der Schellingstraße 36 und 38, der Sendlinger Straße 46 mit dem Mio-Hotel der Amano-Group, der Türkenstraße 71 und 82 oder der bei Eisliebhabern beliebten Wilhelmstraße 23.
Mal agieren Habermanns als GbR, mal als GmbH oder GmbH & Co. KG. 

Mit der Amano-Group ist auch das prominenteste Projekt der Unternehmensgruppe verknüpft, der Neubau eines Hotels an der Sonnenstraße / Ecke Schwanthalerstraße. Dem Bauprojekt fiel der legendäre Techno-Tempel Harry Klein zum Opfer. Clubgesellschafter und Stadtrat David Süß von den Grünen traf sich sogar mit Alessandra Habermann, der nächsten Generation des Immobilien-Clans, um auszuloten, ob es nicht auch im Neubau eine Chance für das Harry Klein gäbe. Alessandra verneinte. Es würde nicht ins Konzept passen. Vielleicht weil die Amano-Group in ihren Häusern gern mit eigenen Bars die Nachtschwärmer abschöpft. Ansonsten sollen die Habermanns gegenüber dem Harry Klein bis zum Abbruch der Immobilie korrekte Vermieter gewesen sein. 

Bei der Feilitzschstraße 15 gehen die Meinungen dazu eher auseinander. Die Immobilie am Wedekindplatz, in der sich Anfang des letzten Jahrhunderts das Kaufhaus G. Schmidt befand, wird vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als Baudenkmal geführt: „Mietshaus, viergeschossiger Neurenaissance-Eckbau mit breit abgeschrägter und übergiebelter Ecke sowie stuckierten Fensterrahmungen, Ende 19. Jh.“ Die erste recherchierbare Eigentümerin war 1911 Mathilde Bledy, geborene Schmidt. Unter den Nazis, aber noch vor dem „Anschluss“ hat Mathilde Bledy (ein völlig anderer Name als der der oben erwähnten Familie B.) das Haus Feilitzschstraße 15 am 30. September 1935 in einem notariellen Tauschvertrag mit dem Wiener Maschinenfabrikanten Oskar Lintner und dessen Schwester Rosa gegen eine Immobilie im österreichischen Tullnerbach getauscht. Da die Münchner Immobilie wertvoller war, verpflichteten sich Herr und Frau Lintner zu einer Aufzahlung von 24.000 Reichsmark an Frau Bledy.

Nachdem die Habermanns es erworben hatten, reichten sie im Februar 2023 beim Bezirksausschuss 12 Schwabing-Freimann einen Bauantrag ein: „Verkleinerung einer zweigeschossigen Ladeneinheit im EG sowie Nutzungsänderung im 1.OG zu einer drei Zimmer Wohnung mit Rückbau einer internen Verbindungstreppe und Schließen der Deckenöffnung, Ausbau eines Dachspeichers 2.DG Nord und Zusammenlegung mit der Bestandswohnung 18 im 2.DG mit Fluchttreppe in das 1.DG und damit verbundene Verkleinerung der bisherigen Maisonettewohnung 14 im 1. und 2.DG zu einer zwei Zimmer Wohnung im 1.DG, Ausbau eines Dachspeichers 2.DG Süd zu einer Wohnung 19 mit Fluchttreppe in das 1.DG und damit verbundene Verkleinerung der Bestandswohnung 16 im 1.DG“. Sowohl der Unterausschuss Stadtplanung, Architektur und Wohnen wie auch der Bezirksausschuss winkten den Antrag einstimmig durch. 

Das ist bei weitem nicht das ganze Ausmaß der im Haus durchgeführten Veränderungen. Das Ziel scheint klar: Alte Mieter und Pächter raus, Luxussanierung, neu vermieten. Der Vermieter bestreitet den Vorwurf. Wobei es diskreter passiert als im legendären Spekulationsobjekt gegenüber in der Occamstraße 1, wo die Altschwabing Projekt GmbH des Bogenhausener Anwalts Michael Georg Sachs das gesamte Haus bis auf einen letzten Verbliebenen entmietet hat, wie das Klingelschild belegt.

Bei Habermanns in der Feilitzschstraße 15 wird nach außen hin Normalität vorgegaukelt. Klingelanlage und Briefkästen sind vollständig beschriftet, als wäre das Haus bis unters Dach bewohnt. Doch unter den Namen sind auch alle ausgezogenen oder gar verstorbenen Mieter. Geisterbewohner.

Betritt man dagegen die Immobilie wird es rustikaler. Im Ton wie in der Optik. Ein Mieter erinnert sich an seine erste Begegnung mit den neuen Eigentümern: „Wir streichen Ihre Mietschulden und sie verschwinden“ – wobei er überhaupt keine Mietschulden hatte. Der Vermieter bestreitet das Zitat. Einem Pächter sollen sie erklärt haben: „Nehmen Sie es nicht persönlich, es geht ums Geschäft. Doppelte Miete oder wir finden jemand anderen.“ Der Vermieter bestreitet das Zitat.

Zum Ladengeschäft der Boutique Leib & Seele im Erdgeschoss gehörte früher auch noch eine durch eine Wendeltreppe verbundene Wohnung im ersten Stock. Beides zusammen für zuletzt rund 8800 Miete. Nachdem Leib & Seele einer deutlichen Pachterhöhung nicht zustimmte und auszog, wurden – wie im Bauantrag erwähnt – die beiden Etagen getrennt und allein das Ladengeschäft im Erdgeschoss mit rund 9000 Euro neu vermietet. Die Wohnung im ersten Stock wird noch luxussaniert, aber eine ähnliche Wohnung auf derselben Etage soll, „weil Sie es sind“, jemandem zum Freundschaftspreis von über 3000 Euro angeboten worden sein. 

Aktuell stehen offenbar sechs Wohnungen im ersten bis vierten Stock leer und wohl mindestens drei Wohnräume im Dachgeschoss. Eine erste, 50 qm große, fertig sanierte Wohnung wird aktuell online für 1755 Euro warm angeboten. „Zum 15.11.2024 können Sie diese Wohnung im dritten OG, die durch eine luxuriöse Innenausstattung besticht, beziehen. Bei dieser ansprechenden Immobilie handelt es sich um einen Erstbezug nach Sanierung. In den zwei schönen Zimmern können Sie sich nach Ihrem Geschmack einrichten und entfalten. Die letzte Modernisierung fand erst vor Kurzem, im Jahr 2024, statt.“  Statt einer Küche gibt es in der Wohnung offenbar nur eine Küchenzeile in einem der beiden Räume. 

Altmieter zahlen für in der Größe vergleichbare Wohnungen im Haus laut eigenen Angaben mindestens 40 Prozent weniger. Sie wehren sich auch nicht unbedingt gegen die Sanierung. Auf die Aufforderung des Vermieters: „Bitte ziehen sie doch aus, wir wollen die Wohnung renovieren“ (der Vermieter bestreitet das Zitat), reagierte ein Mieter mit dem Angebot, vorübergehend auszuziehen, wenn ihm garantiert werden würde, dass er nach der Renovierung auf Grundlage des alten Mietzinses zuzüglich angemessener Umlegung der Sanierungskosten wieder zurückkehren könne. Der Vermieter soll dem Mieter zufolge das Angebot ignoriert haben. Die Feilitzschstraße 15 GmbH & Co. KG bestreitet den Vorwurf.

Obwohl die Habermanns das Haus an der Feilitzschstraße 15 offensichtlich für die Luxussanierung eher leeren wollen, bot die Unternehmensgruppe Habermann dasselbe Haus erstaunlicherweise als Ersatzwohnraum für die Mieter eines ihrer anderen zahlreichen Objekte an, die dort vor der Modernisierung weichen mussten, wie die Abteilung Wohnraumerhalt im Amt für Wohnen und Migration des Münchner Sozialreferats bestätigte: „Für die Geeignetheit des Ersatzwohnraumes muss unter anderem die Eigentümeridentität vorliegen. Unter welchen Fallkonstellationen dies gegeben ist, kann nicht pauschal beantwortet werden. Vielmehr prüft der zuständige Bereich dies anhand der Eigentümerstruktur, des Gesellschaftervertrages und lässt sich hierzu aktuelle Unterlagen vorlegen. Eigentümeridentität muss dabei nicht bedeuten, dass Gesellschafter beziehungsweise Komplementäre zu 100 Prozent übereinstimmen.“

Inzwischen ist es auch in der Feilitzschstraße für die verbliebenen Mieter längst ungemütlich geworden, wie es eben bei laufenden Sanierungen immer öfter vorkommt: Von Montag bis Samstag selbst bei Frosttemperaturen eine sperrangelweit offene Haustür. Baulärm von über 70 dB im Treppenhaus. Wasserschäden, die jahrelang unbehandelt bleiben (der Vermieter bestreitet den Vorwurf). Ein mit Folien ausgelegtes Treppenhaus, das eher an einen Tatort des Serienkillers Dexter denn an Neurenaissance erinnert. Längere Ausfälle der Warmwasserversorgung oder immer wieder, ohne Vorwarnung, gar kein fließendes Wasser. So berichten es zumindest Mieter.

Oder, in der Einschätzung von Monika Schmid-Balzert aus der Geschäftsführung des Mietervereins: „In jüngster Zeit hatten wir vermehrt Anfragen von Mitgliedern aus diesem Haus. Das ist für uns oft ein Signal, dass sich die Situation für die Mieter vor Ort gerade verschlechtert. Bewohner des Hauses haben uns geschildert, dass sie den Eindruck haben, dass es ihnen möglichst ungemütlich gemacht werden soll. Das Treppenhaus sei dreckig, seitdem leerstehende Wohnungen modernisiert werden. Das Wasser werde immer wieder ohne Ankündigung abgestellt. Wenn es Wasser gebe, dauere es mitunter lange, bis es warm werde. Auch die kaputte Gegensprechanlage werde nicht repariert. Ein solches Vorgehen beobachten wir häufig, wenn Eigentümer es zumindest billigend in Kauf nehmen, dass langjährige Mieter irgendwann entnervt aufgeben und aus einem Haus ausziehen. Leer stehende Wohnungen können dann modernisiert und teurer vermietet oder verkauft werden. Wir werden versuchen, die Mieter des Hauses zu vernetzen, um ihnen ihre rechtlichen Möglichkeit aufzuzeigen.“ 

Ein Mieter empfand den Auftritt der neuen Vermieter als Mobbing. Viele wirken offensichtlich verängstigt. „Bei Habermanns muss man sehr vorsichtig sein“, gibt ein anderer zu bedenken. Der rustikale Ton der Vermieter im Gutsherrenstil, ihr Beharren auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zeigt Wirkung. Und Bewertungsportale für Arbeitgeber legen nahe, dass die Textilunternehmen, die zur Habermann-Gruppe gehören, ähnlich unangenehm auffallen.  

Da ein Ende der massiven Beeinträchtigungen aufgrund der laufenden Modernisierungsmaßnahmen im Haus nicht abzusehen ist, kann man sich auch fragen, wie Neumieter, die diese Woche bereits für über 30 Euro pro Quadratmeter in eine der luxussanierten Wohnungen einziehen könnten, auf die Zustände im Haus reagieren. Luxus besteht nicht nur aus Parkettböden und schicken Küchenzeilen innerhalb der eigenen Wohnung, sondern auch aus der Atmosphäre im Haus und Annehmlichkeiten wie Stille, Sauberkeit oder fließend warmes Wasser.

Probleme, die seitens der Vermieter niemand ernst zu nehmen scheint. Die erste Hausverwaltung unter den neuen Eigentümern, ADIX, soll nie erreichbar gewesen sein. Dann übernahm die familieneigene HH Immobilien-Service (HH wie Harry Habermann). Die soll stets erreichbar sein, aber laut Mietern nichts unternehmen. Meistens hätten sie sich „um nichts gekümmert, und wenn doch, bleiben Löcher zurück.“ Der Vermieter bestreitet den Vorwurf und will sich zu „Vertragsbeziehungen“ mit Hausverwaltungen nicht äußern.

Ein Mieter, der Alessandra Habermann für eine Angestellte der Hausverwaltung hielt, versuchte ihr Mitgefühl zu wecken, indem er appellierte, dass sie doch sicherlich selbst auch irgendwo Mieterin sei und seine Sorgen verstehen müsste. Worauf Alessandra Habermann erwidert haben soll: „Wissen Sie was, ich bin keine Mieterin. Ich bin mein ganzes Leben schon Eigentümerin gewesen.“ Der Vermieter bestreitet namens Frau Habermann das Zitat.

Auch bei den Nebenkosten langten die Habermanns zu und erhöhten sie deutlich um einen dreistelligen Betrag. Auf Nachfrage nach einer Begründung für die Erhöhung der fälligen Abschlagszahlungen sollen sie geantwortet haben: „Wir haben so entschieden, dass sie mehr zahlen müssen.“ Der Vermieter bestreitet das Zitat. Zu Vertragsbeziehungen mit Mietern will man sich nicht äußern. Es hatte aber offenbar keine negativen Folgen, wenn man sich nicht auf die geforderte Erhöhung der Abschläge für die Nebenkosten einließ und weiter nur den alten Betrag überwies. Man erhielt nur jeden Monat eine Mahnung mit den aufgelaufenen vermeintlichen Schulden für nicht gezahlte Abschläge. 

Dann erhielten Mieter eine erste Nebenkostenabrechnung des neuen Vermieters. Ein Mieter sah mit Freuden, dass ihm ein höherer dreistelliger Betrag als Rückzahlung für zu viel bezahlte Abschläge zustand. Und das, obwohl er die Erhöhung der Abschläge ignoriert und weiter nur Abschläge in alter Höhe überwiesen hatte. Das Guthaben wurde ihm aber bis heute nicht erstattet. Ein Jahr darauf sah die Nebenkostenabrechnung so aus, dass jetzt eine Nachzahlung in niedriger dreistelliger Höhe heraus kam. Die aber immer noch niedriger als sein Guthaben vom Vorjahr war. Auf eine Rückerstattung des Restbetrags wartet er noch immer. Ein anderer Mieter erwähnt ebenfalls, dass ihm wegen zu viel bezahlter Abschläge bei den Nebenkosten „auch ein richtig großes Guthaben“ zustünde. Der Vermieter bestreitet die Vorwürfe. 

Dabei können Alessandra Habermann und Barbara S., die rechte Hand des Seniors, durchaus auch anders. Kerem „Keko“ Özkan, der in München unter anderen die Drawn.ink Tattoostudios und den Kida Ramadan Barbershop betreibt, war schon anderthalb Jahre an den leerstehenden Räumlichkeiten im Erdgeschoss, wo früher das Leib & Seele war, interessiert, um eine Café-Bar zu eröffnen. Er schwärmte anfangs von den Vermietern. Der Kontakt war so herzlich, dass er Alessandra sogar zu einem von ihm veranstalteten Boxkampf einlud. 

Nachdem Keko zusammen mit seinem Geschäftspartner Cagri Kara für rund 40.000 Euro neue Fenster einbauen ließ, stand im August der Innenausbau an. Zudem musste nach der Trennung der Ladenfläche von der Wohnung im ersten Stock die Holzbalkendecke ertüchtigt und eine Brandschutzdecke eingebaut werden. Wenige Tage zuvor meldete der Vermieter, dass man in die Räumlichkeiten wolle, um neue Steig- und Abwasserleitungen für das Haus zu verlegen. Die Handwerker des Vermieters blockierten die Geschäftsräume dann unabgesprochen fast den ganzen August. Özkan und Kara mussten den geplanten Innenausbau für viel Geld stornieren und verschieben. Zurück ließ die Hausverwaltung Bauschutt, offene Wände, beschädigte Böden und ein großes Loch, weil die Kernbohrung für die Wasserleitungen erst falsch angesetzt worden ist. Zudem wurde den ganzen August über täglich von 9 bis 16 Uhr ohne vorherige Absprache das Wasser abgestellt. Inzwischen wurde das Mietverhältnis aufgelöst. Laut Kara will man Schadensersatzforderungen und die Rückzahlung der Kaution vor Gericht einklagen. 

Doch selbst wenn alles scheinbar einvernehmlich läuft, und man als Pächter alles erfüllt, was die Habermanns fordern, kann es schlecht enden. Das Occam Deli hatte sich mit dem Vermieter arrangiert und sogar der neuen, mehr als doppelt so hohen Pacht zugestimmt. Dennoch wurde der Pachtvertrag dann überraschend doch nicht verlängert, und das Lokal muss nach fast zwölf Jahren zum 1. Januar 2025 schließen und ausziehen.

Nachmieter wird laut der „Abendzeitung“ die Berliner Fast-Food-Kette Burgermeister, die nun neben McDonald’s, der Hamburgerei und Ruff’s der vierte Burger-Laden am Wedekindplatz ist. 
Das verspricht auch laute Nächte oder hörbare Beeinträchtigungen in dieser „belebten Wohnlage“, um den Vermieter zu zitieren. Das Occam Deli schließt bereits um Mitternacht, aber Burgermeister hat zumindest in seinen Berliner Filialen ein lebhaftes Nachtgeschäft bis 2 oder gar 4 Uhr früh. 

Nun hat sich ein Altmieter der Feilitzschstraße 15 schon immer gern über den lauten Hotspot Wedekindplatz mit seinen hunderten von Besuchern und deren Musikboxen oder gar größeren Anlagen beschwert. Und so oft am Abend bei der Polizeiinspektion Schwabing angerufen, dass die Dienststelle gar nicht mehr abhob, wenn seine Rufnummer erschien. Und das war ein Mieter zu alten, günstigen Konditionen. Wie werden erst neue Mieter reagieren, die bei dem aufgerufenen Luxusmietzins vielleicht eine ruhige Nacht erwarten?
Unruhige Nächte gibt es im Haus aktuell auch bei der Schwabinger 7. Deren Schicksal konnte ich leider nicht abschließend klären. Bei einem Gespräch mit dem aktuellen Wirt Gerry am Samstagabend erwähnte er auch eine erhöhte Pacht und die Sorge, dass er nicht wisse, ob er nach dem Dezember noch auf hätte. Da er aber als Unterpächter nicht direkt in Kontakt mit der Feilitzschstraße 15 GmbH & Co. KG steht und es auch Verständigungsprobleme bei unserem Gespräch gab, konnte ich das nicht verifizieren. 

Hinsichtlich der Zukunft der Schwabinger 7 wie auch betreffs aller anderen hier genannten Vorkommnisse hatte ich vorgestern den Vermieter gebeten, Stellung zu beziehen. Zur Schwabinger 7 äußerte er sich nicht. Namens der Feilitzschstraße 15 GmbH & Co. KG bestätigte mir Kommanditist Kurz Kürzinger als Geschäftsführer unter dem fehlerhaften Briefkopf „Feilitzschtraße 15 GmbH & Co. KG“: „Wie Sie zurecht feststellen, ist das Gebäude teilweise in schlechtem Zustand und wird zurzeit schrittweise saniert. Nach der Sanierung einer Einheit werden diese umgehend wieder vermietet. (…) Schäden an der Altsubstanz, die uns von Mietern gemeldet werden, oder die von uns erkannt sind, werden von uns mit hohem Aufwand durch ausgewählte Fachfirmen so schnell es geht beseitigt. Die Häufung und die Art der Schäden zeigen, wie notwendig die jetzt durchgeführte Sanierung des Altbestandes ist. (…)

Ihre Aussagen einzelner Personen und Zitate weisen wir zurück. Diese Aussagen und Zitate, auch die Aussagen, die Sie Frau Habermann unterstellen, sind unzutreffend und unrichtig. Aus unserer Sicht sind die in Ihrem Fragenkonvolut aufgestellten Vorwürfe frei erfunden und ihre mutmaßliche Quelle scheint eine sehr subjektiv geprägte Belastungstendenz vorzutragen.“ 

Update vom 25. Januar 2025:
Seit über vier Wochen ist die Schwabinger 7 wegen eines „Wasserschadens“ geschlossen. Damit blieb sie auch zum ersten Mal  seit 55 Jahren Heiligabend zu. Nun gibt es einen Aushang von Manila an der Tür, der vermuten läßt, dass sie an diesem Ort nie mehr öffnen wird: 
»nach einem turbulenten aber wunderbaren Leben in Schwabing zur Regeneration ins künstliche Koma versetzt und wie ihr seht „unzerstörbar“ bald wieder erwacht«

„tz“ und „Münchner Merkur“ vom 27. Januar 2025 zu den Gerüchten um ein Ende der Schwabinger 7.

Update vom 27. Januar 2025: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat heute mit Manila telefoniert, und der hat Entwarnung gegeben: Nach einem gravierenden Wasserschaden brauche es eine neue Theke, das dauere noch ein paar Wochen. Aber dann werde man wieder aufsperren.

Die „Abendzeitung“ vom 28. Januar 2025 zum Rätselraten rund um die Schwabinger 7.

Die „tz“ vom 28. Januar 2025 zur Zukunft der Schwabinger 7.

Update vom 29. Januar 2025: Neue Details zum Wirrwarr um die Schwabinger 7. Wie die „tz“ heute meldet, ist der Unterpächter Gerry Iannascoli seit Dezember raus und plant nun im Viertel ein eigenes Lokal unter dem Namen Schwabinger 6. Hauptpächter Gerd „Manila“ Waldhauser führt dagegen die Schwabinger 7 fort und plant eine Wiedererölffnung im März.
Die Nachmieter des Leib & Seele, Kerem „Keko“ Özkan & Cagri Kara, sind dagegen seit Dezember wieder raus aus der angemieteten Immobilie und werden sich wohl vor Gericht mit Habermanns um die Kaution und Schadensersatzforderungen streiten. Mehr dazu dieser Tage hier.

Update vom 19. Mai 2025:
Die seit Weihnachten geschlossene Schwabinger 7 ist immer noch geschlossen, obwohl eine Wiedereröffnung für März versprochen worden war.
Burgermeister will seinerseits nun am 31. Mai aufsperren und hat nicht nur die Räumlichkeiten des Occam-Deli übernommen, sondern auch die benachbarte Ladenfläche, wo früher das Leib & Seele war und zuletzt Kerem „Keko“ Özkan und Cagri Kara ein Café planten. 

Update vom 10. Juni 2025: Die Schwabinger 7 hat für den 20. Juni ihr Re-Opening angekündigt. Und die „Abendzeitung“ nutzt den Anlass, um auf meine Recherche hinzuweisen: „Fällt die Kultkneipe etwa einer Luxussanierung des Altbaus zum Opfer, wie sie laut Journalist Dorin Popa vom neuen Besitzer der Immobile, der Feilitzschstraße 15 GmbH & Co. KG, geplant sei?“

Update vom 13. Juni 2025: „Dabei ist es völlig gleich, ob in Witten der Personalmangel die Frittenbude killt oder in München-Schwabing das Occam Deli dichtmachen muss, weil die Hausbesitzer lieber die fünfzigtausendste seelenlose Burgerkette ins Ladenlokal hieven.“ Micky Beisenherz in der „Süddeutschen Zeitung“ von heute.

Historische Aufnahme: Georg Pettendorfer/Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-0830