Dienstag, 10. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (36) und das Schicksal, vergessen worden zu sein

Wohl die meisten Kinder halten ihren Vater für einen Helden. In meinem Falle wurde diese Vorstellung gefördert. Nicht von meinem Vater selbst, den ich eher immer nur leidend, zweifelnd, zurückgezogen erlebte, sondern von der Außenwelt. 

Dass ihn in den 1960er-Jahren ein Brief aus Rumänien erreichte, auf dem nicht mehr als sein Pseudonym Ion Măgureanu und die Ortsangabe Westeuropa stand, machte ihn in meinen Augen recht einzigartig.

Und jahrzehntelang schien jeder, der aus Rumänien stammte, meinen Vater Ion Popa zu kennen oder vielmehr sein Pseudonym und seine Stimme, weil sie seinen politischen Radiosendungen gelauscht hatten.

Nach der rumänischen Revolution 1989 hatte ich fest damit gerechnet, dass die Geschichte von Radio Europa Liberă und damit auch das Arbeitsleben meines Vaters aufgearbeitet werden würde. Doch nichts geschah. Zumindest mein Vater geriet in Vergessenheit. Es existiert nicht einmal ein Wikipedia-Beitrag.

Das lag zum einen sicher daran, dass er die letzten Jahrzehnte sehr zurückgezogen lebte und später als Rentner weiter schwieg und im Unterschied zu Kolleg*innen wie René Al. de Flers oder Ioana Măgură Bernard keine Erinnerungsbücher schrieb.

Und in den Werken Dritter tauchte er, wenn überhaupt, eher am Rand auf. Besonders auffällig erscheint mir das in Liviu Tofans „Antologia Radio Europa Liberă“. Tofan war 1973 aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert, fing bei Radio Freies Europa an, wechselte dann aber in die Theaterwelt nach Konstanz und kehrte erst später wieder zu RFE zurück. Insofern hatte er zwar meinen Vater sicherlich noch anfangs kurz im Sender als Kollegen erlebt, aber den Schwerpunkt seiner redaktionellen Arbeit bei Radio Free Europe erst gehabt, als mein Vater bereits im Ruhestand war. 

In seiner Anthologie geht Tofan sehr detailverliebt auf das rumänische Programm des Senders ein. Die erste Sendung auf Rumänisch sei bereits am 14. Juni 1950 ausgestrahlt worden, die rumänische Redaktion aber erst am 29. Oktober 1951 gegründet worden.

Anfangs hätte man täglich nur eine halbe Stunde Sendezeit produziert, dann eine Stunde, schließlich fünf Stunden in den 1960er-Jahren. Zwischen 1970 und 1980 wären es täglich zwölf Stunden gewesen und sonntags sogar 17 Stunden.

Angefangen hätte die rumänische Redaktion mit drei Mitarbeiter*innen und schließlich mit 46 Leuten, inklusive Direktion, Redaktion, Verwaltung, Sekretariat und Technik den Höchststand erreicht. Nach der bulgarischen Redaktion sei es die zweitkleinste Redaktion im Haus gewesen. Trotz der kleinen Redaktion hätte aber das rumänische Programm die meisten Hörer*innen unter allen Programmen von RFE erreicht.

Das 50 Minuten dauernde „Programul Politic“ (Political Program) meines Vaters wäre immer um 17 Uhr ausgestrahlt und dann um 20.10 Uhr und 23.10 Uhr wiederholt worden.

Als Basisteam des „Programul Politic“ erwähnt Tofan nur Mircea Carp, Romilo Lemonidis, Raluca Petrulian, Ricks Vater Thomas Kavinian, Mircea Vasiliu und Viictor Eskenazy. Mein Vater bleibt in dem Zusammenhang unerwähnt.

Erst Seiten später schreibt Tofan dann, dass bei den rumänischen Redakteur*innen aus der Zeit von 1950 bis 1970 15 weitere erwähnt werden könnten. Darunter eben auch mein Vater Ion Popa. Im Personenregister des Buches taucht mein Vater überhaupt nicht auf.

Das ist zumindest seltsam, weil Ioana Măgură Bernard und Mircea Morariu zufolge mein Vater eben nicht nur ein Mitarbeiter unter vielen gewesen sei, sondern das politische Programm präsentierte und mit dessen Erfolg untrennbar verbunden gewesen sei.

Montag, 9. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (35) und die griechische Frage

Die unterschiedlichsten, nicht unbedingt sich widersprechenden Erklärungen hört man bei der Frage, warum alle Nahestehenden meinen Vater Iani riefen. 

Laut seinen Ausweispapieren hieß er Ion Popa, manche Quellen nennen ihn Ioan, selbst bei seinem Pseudonym im Sender Freies Europa, Ion Măgureanu, behielt er seinen angestammten Vornamen.

Doch wir alle riefen ihn immer nur Iani.

Nun sind Spitznamen eine rumänische Manie. Unter unseren Verwandten und Bekannten wurden oft statt der Taufnamen kindliche Rufnamen genutzt: Gigi, Coca,Ţuţi, Maia, Pusy, Bobbie – die allesamt nichts mit dem eigentlichen Vornamen zu tun hatten.

Und dann gibt es natürlich abgekürzte Vornamen, wie bei meiner Mutter Rica statt Florica, oder Diminuitive wie bei meinem Großvater Ionel statt Ion bzw. Ioan.

Aber es kommt ausgesprochen selten vor, dass man eine ausländische Form des ursprünglich rumänischen Vornamens wählt. 

Was machte nun meinen Vater zu Iani, dem Griechen?

Die harmloseste und zugleich am wenigsten glaubwürdige Erklärung soll mein Vater selbst erzählt haben. Schon als Kind soll er zu Jähzorn geneigt haben. Und wenn seine Eltern ohne ihn und seine Geschwister weggehen wollten, soll er sich wutentbrannt auf den Boden geworfen und gebettelt haben: „Ia-ne, ia-ne și pe noi“. Nehmt uns, nehmt uns auch mit! Aus dem Ia-ne, nehmt uns, wäre sein Spitzname Iani entstanden.

Glaubwürdiger ist die These, dass eine reiche Griechin, bei der seine Mutter Ecaterina möglicherweise arbeitete, seine Taufpatin gewesen sei. Meine Schwester erwähnt da Urania Polatos, zu der man tatsächlich auch Informationen online findet. Ihr Vater Anton Polatos war ein reicher Bäcker in Focșani und einer ihrer Brüder hieß auch Iani. Die Familie scheint dann aber 1914, ein Jahr nach der Geburt meines Vaters pleite gegangen zu sein. Für die Taufpaten-Version würde auch sprechen, dass eine weitere Schwester meines Vaters, Pusy, auf den ebenfalls griechischen Namen Polixenia getauft worden war. 

Als grenznahe Handelsstadt war Focșani Anfang des 20. Jahrhunderts Wohnort vieler griechischer Bänker und Kaufleute.  

Eine Cousine von mir hat wiederum gehört, dass es in unserer Familie einen griechischen Ahnen gegeben hätte. Dass aber auch ein Familienmitglied adoptiert worden sei.

Als ich in den 1990er-Jahren erstmals in Bukarest zu Besuch war, erzählte man mir wiederum eine ganz andere Geschichte. Der tatsächliche Vater meines Vaters sei nicht Ecaterinas Ehemann Ignat gewesen, sondern ein griechischer Bojar, ein Großgrundbesitzer in Focșani. Er hätte meinem Vater auch das Studium in Iași finanziert, wo mein Vater Latein und Altgriechisch studierte. Zur Uni begleitet hätte meinen Vater sein Halbbruder, der legitime Sohn des Griechen, der zugleich auch der beste Freund meines Vaters gewesen wäre.


Fritz Eichenbergs Holzschnitte zu Emily Brontës „Wuthering Heights“

Auch wenn ich Emily Brontë und ihre Geschwister über französische Ausgaben ihrer Bücher und André Téchinés Biopic kennenlernte, besitze ich natürlich auch eine englischsprachige Originalausgabe von  „Wuthering Heights“. Zudem eine ganz besondere, denn 1945 hat Fritz Eichenberg für den New Yorker Verlag Random House Holzschnitte geschaffen, um das Werk zu illustrieren. Die dem Werk vorangestellten „Biographical Notice of Ellis and Acton Bell“ und „Editor's Preface to the new edition of Wuthering Heights“ stammen von Currer Bell. Hinter den Bell-Pseudonymen verbargen sich Emily (Ellis Bell), Anne (Acton Bell) und Charlotte Brontë (Currer Bell).  

Das antiquarisch erworbene Exemplar stammt laut Prägestempel auf dem Frontispiz aus der Rhoads General Hospital Library Utica 5, N.Y.


 
















Wochenplan (Updates)

Gründung der TUM Security and Defense Alliance / TUM Campus Ottobrunn-Taufkirchen; Feierliche Eröffnung der 200. Toilette für alle mit Ulrike Scharf und Verena Dietl / Elisabethmarkt;  „Münchner Off-Spaces“ – Premiere von zwölf Filmporträts / Lenbachhaus; Pressekonferenz zu Kreta als Reiseziel und Schwerpunktthemen der Reisemesse f.re.e. / Staatliche Antikensammlung; Kundgebung anläßlich des Großstreiktags von ver.di / Odeonsplatz; Gespräch „Spielräume erfinden – Bühnenbild im Theater“ mit den Bühnenbildnerinnen Katrin Brack und Marlene Lockemann / Deutsches Theatermuseum; Podiumsdiskussion „Die Welt ordnet sich neu: Von der Erde bis ins All“ mit Christoph Safferling, Martin Schulze Wessel, Astrid Séville, Quentin Gärtner, Frank Sauer, Juliana Süß, Michael Traut, Andreas Lermann, Clemens Verenkotte, Birgit Kappel & Werner Reuß / Bayerische Akademie der Wissenschaften; „Hacking Smart Cities: How to Defend European Critical Infrastructure“ / Presseclub; Verleihung der Wilhelm-Hausenstein-Ehrung für Verdienste um kulturelle Vermittlung an Daniel Grossmann (Jewish Chamber Orchestra Munich) / Bayerische Akademie der Schönen Künste; Death by Romy (Foto) / Strøm; Einweihung des neuen Beruflichen Schulzentrums für Farbe und Gestaltung Neuperlach; „Germany's Next Top Model“ / Pro Sieben & Joyn; Vernissagen „Hans-Jochen Vogel. Ein Leben für Demokratie und Gerechtigkeit“ / Bayernforum der Friedrich-Ebert-Stiftung und „One Night Only“ / Sperling, Rettberg & van de Loo; „Stadt innovativ“ / Munich Urban Colab; Diner Party der Royal Jordanian Airlines / M8; öffentliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags auf die ver.di-Streikdemonstration vom 13. Februar 2025 / Karl- Ecke Seidlstraße; TUM Speakers Series: Vitalij & Wladimir Klitschko sowie Jens Stoltenberg / TUM Audimax; Friday Afternoon DJ Salon: Klaus St. Rainer / Gebr. Keller & Erben; Encantada: „Salón Sonoro“ / Salon Pitzelberger; Krause trifft Habeck / Muffathalle

Sonntag, 8. Februar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (34) und die goldene Uhr zum Ruhestand

Als mein Vater Ion Popa alias Ion Măgureanu 1978 bei Radio Freies Europa nach 24 Jahren in den Ruhestand trat, gab es nicht nur einen Abschiedsbrief von seinem Chef Noël Bernard, sondern auch eine goldene, na ja, goldfarbene Uhr sowie 30.000 Mark.

Da mein Vater, soweit ich mich zurückerinnere, nie eine Uhr trug, gab er sie mir. Es war eine Seiko, mit einer Gravur auf der Rückseite, an deren Wortlaut ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Ich selbst besaß zuvor und danach auch nie eine Armbanduhr, aber diese trug ich, bis sie ihren Geist aufgab.

Die 30.000 Mark teilte mein Vater gleichmäßig unter seinen drei Söhnen auf. Ich legte meine 10.000 DM bei der Bank für Gemeinwirtschaft in Sparbriefe an und finanzierte damit vor allem Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre meine Reisen nach Paris.

Samstag, 7. Februar 2026

Emily Brontë und die Gründung des Popa-Verlags – oder: Von Kate Bush über Isabelle Adjani zu Charli xcx

Warum gründet man einen Verlag? Bei mir ging es nie darum, ein Unternehmen aufzubauen. Ich wollte nur die Bücher auf Deutsch herausbringen, die ich vermisste. Im Grunde zwei Bücher, die ich in Paris entdeckt hatte, wo ich Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre oft war.

Zum einen hatte ich die junge magersüchtige Autorin Valérie Valère 1980 zu einem Interview getroffen. Ihr Buchdebüt, „Das Haus der verrückten Kinder“, war gleich ein Bestseller und auch in Deutschland erschienen. Sie erzählte mir von ihrem neuesten Roman, „Obsession Blanche“, und als dieser keinen Verlag für die deutsche Übersetzung fand, war ein Grundstein für mein Debüt als Verleger gelegt.

Zum anderen war 1979 André Téchinès „Les Sœurs Brontë“ in den französischen Kinos angelaufen. Mit Isabelle Adjani als Emily, Isabelle Huppert als Anne, Marie-France Pisier als Charlotte und Pascal Greggory als Branwell Brontë. Die französische Presse war voll mit Beiträgen über die unheimlichen Geschwister aus der englischen Provinz, die ihr eigenes literarisches Wunderland geschaffen hatten.

Bei meiner Mutter im Bücherschrank entdeckte ich „Les Hauts de Hurle-Vent “, eine französische Ausgabe von „Wuthering Heights“, die sie sich 1941 in Vichy gekauft hatte. Und als Kate-Bush-Fan war mir das Drama um Cathy und Heathcliff „out on the wily, windy moors“ eh seit 1978 ein Begriff.


Dann fand ich zwei Bände der 1972 bei Pauvert erschienenen kritischen Ausgabe der Brontë-Werke.

In der Pariser FNAC kaufte ich schließlich am 9. Juni 1981 den 1963 erschienenen Gallimard-Band mit Emilys Gedichten. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass Emilys zwischen 1836 und 1846 geschriebenen Gedichte noch nie ins Deutsche übersetzt worden waren. Und so gab ich es für eine zweisprachige Ausgabe in Auftrag.

1984 begann dann der Popa-Verlag mit den zwei Titeln, Valérie Valère „Weißer Wahn“ und Emily Brontës „Gedichten/Poems“, sowie einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse zu existieren.

Benedikt Erenz lobte in der „ZEIT“ in seiner Nachlese von der Buchmesse: „Überraschungen? Neue Namen? Das Neue ist zum Teil recht alt: Es sind die Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen, Früchte einer Nachlese, die eigentlichen Überraschungen dieser Buchmesse. Im Manesse Verlag die lang schon fällige Neuedition eines Meisterwerks der englischen Literatur, Charlotte Brontës »Villette«, und der kleine Münchener Popa-Verlag ergänzt mit Gedichten der Schwester Emily: Erstmals in einer deutschen Übersetzung, vorzüglich besorgt von Elsbeth Orth, eine Auswahl von sechzig Gedichten der Dichterin der »Wuthering Heights«.“

Als mein Bruder Dinu dann später den Verlag von mir übernahm, ließ er einen zweiten Band mit weiteren Gedichten Emily Brontës folgen. Beide Ausgaben blieben aber ein nicht sonderlich erfolgreiches Liebhaberprojekt für Brontë-Fans.



Kommenden Donnerstag startet das neueste Projekt von Brontë-Fans: Emerald Fennells Neuverfilmung von „Wuthering Heights“ mit Margot Robbie in der Hauptrolle und Musik von Charli xcx. Vielleicht findet sich nun auch für die Gedichte neues Interesse und ein neuer Verlag, so wie auch ein weiteres Buch aus den Anfängen des Popa-Verlags in den 1980er-Jahren, Serge Gainsbourgs Roman „Die Kunst des Furzens“„dieser soooo traurige Roman“ (Maxim Biller), erst richtig erfolgreich war, als der Blumenbar-Verlag unsere Übersetzung aufgriff und 2010 unter dem neuen Titel „Das heroische Leben des Evgenij Sokolov“ auf den Markt brachte. Was den Verlag aber auch nicht vor der Pleite bewahrte.

Natürlich besitze ich auch eine englischsprachige Ausgabe von Emily Bronte „Wuthering Heights“ mit wunderbaren Holzschnitten von Fritz Eichenberg. 



Erinnerungen an meinen Vater (33) und Szenen einer Ehe

So lange ich mich zurückerinnern kann, hatten meine Eltern getrennte Schlafzimmer. Und das in einer 5-Zimmer-Wohnung, in der zeitweise bis zu sieben Menschen lebten. 

Eine kurze Zeit übernachtete mein Vater auch in den Räumen in der Wilhelm-Düll-Straße 1, die sie ursprünglich für meine beiden großen Brüder angemietet hatten. Und ich meine mich erinnern zu können, dass er auch mal schräg gegenüber von unserer Wohnung in der Tizianstraße 16 a eine kleine Wohnung nutzte: In der Tizianstraße 63, im selben Haus, wo sein Arzt Dr. Willkomm eine Praxis hatte.  

So lange ich mich zurückerinnern kann, stritten sie. Sie schrieen sich an,  Geschirr wurde zertrümmert, sie lebten mehr aneinander vorbei, denn miteinander. Es war, so lange ich mich zurückerinnern kann, keine glückliche Ehe. 

Main Vater sagte einmal voraus, dass meine Mutter sich, sobald er tot war, darüber beschweren würde, dass die Trauerfeier so früh am Morgen begänne. Und tatsächlich war es dann auch so.

Und es mag kein Zufall sein, dass wir drei Söhne, die aus dieser Beziehung hervorgegangen sind, allesamt keine Kinder haben und dieser Familienzweig mit uns aussterben wird.

Montag, 2. Februar 2026

Wochenplan (Updates)

Programmvorstellung Mietendemo / Bellevue di Monaco;  Eröffnung des Innovationszentrums der Bundeswehr in Erding und Pressetermin im Karrierecenter der Bundeswehr mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius; Wahlkampfveranstaltung der Münchner Linken mit Heidi Reichinnek (Foto) / Freiheitshalle; Jahrespressekonferenz MuSeenLandschaft Expressionismus / Infopoint Museen und Schlösser in Bayern; OB Dieter Reiter / Presseclub; Gastvortrag Laurentius Eschlböck: „Jüngere Änderungen im Ordensrecht und ihre Folgen für das Leben der Ordenschristen, et vice versa“ / LMU; Festakt 200 Jahre Ludwig-Maximilians-Universität in München und Amtseinführung des neuen Universitätspräsidenten Matthias Tschöp / Große Aula der LMU; Festakt „Gestalter mit Klarsicht“ zum 100. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel mit Andreas Voßkuhle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Christian Ude & Franz Maget / Altes Rathaus; Lesung „Annette Kolb – Zwischen uns. Briefe der Freundschaft“ / Literaturhaus; Premiere von Marc Rothemunds „Ein fast perfekter Antrag“ mit Iris Berben und Heiner Lauterbach / Astor im Arri; Vollversammlung des Münchner Stadtrats / Rathaus & Livestream; Pressekonferenz München-O-Mat zur Kommunalwahl / Presseclub; Pressetermin Kassenzone der Zukunft / V-Markt; Eröffnung der Industrial AI Cloud / KI-Fabrik der Telekom im Tucherpark & Innovation Center Marsstraße; Amtsübergabe des Staatlichen Hofbräuhauses an den neuen Direktor Jörg Lehmann / Hofbräuhaus; Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung mit Natalie Amiri / Audimax der LMU; Artist Talk Sarah Zagefka & Larissa van Look / Lohaus Sominsky; „Zukunft findet Stadt“ mit Elisabeth Merk, Ursula Münch & Christina Wolf / Literaturhaus; Vernissagen Diplom-Ausstellung / Akademie der Bildenden Künste, Nnenna Okore: „The Way Things Are“ / Behncke, Ksenia Hnylytska: „Ewigkeiten“ / Halle 6 und Master-Ausstellung / Akademie der Bildenden Künste; „Digitale Teilhabe“ – Jahrestagung Netzwerk Medienethik / Katholische Stiftungshochschule; Jahrespressekonferenz des Bayerischen Brauerbunds / Brauerhaus; James L. Brooks' „Ella McCay“ mit Emma Mackey, Jamie Lee Curtis, Albert Brooks & Woody Harrelson / Disney+; Pressekonferenz zum Baufahrplan der Deutschen Bahn bei der Zweiten Stammstrecke; Richtfest und Pressebegehung Residenzstraße 24; Eröffnung der Studienfakultät Gesundheit & Pflege / Hochschule München; OB-Check – das Herausforderer-Gespräch des Kreisjugendrings mit Clemens Baumgärtner, Dominik Krause, Jörg Hoffmann, Stefan Jagel, Tobias Ruff & Verena Dietl / Black Box im Fat Cat; Podiumsdiskussion „KI schreibt Geschichte – Chance oder Risiko?“ mit Michael Gödde, Daniel Harrich, Birgit Kappel, Sylvia Rothe & Holger Wendling / Archäologische Staatssammlung; Mehr Lärm für München: Disco und Diskurs mit Ricarda Lang & Dominik Krause / Prygoshin; Premiere von Albert Ostermaiers „Munich Machine“ mit Brigitte Hobmeier als Klaus Lemke und Musik von DJ Hell / Residenztheater; Mietendemo: „Uns glangt's! Mieten runter!“ / Odeonsplatz; Münchner Premiere von Christian Freis Dokumentarfilm „Blame“ / Monopol; Olympische Winterspiele / ARD, ZDF & HBO Max; Drei Jahre fesch; LUNAspecial Maskenball / Nightclub des Bayerischen Hofs; Konferenz „(Dis)comfort Zones – Antisemitismuskritik in Kunst und Kultur“ mit Stella Leder, Barbara Mundel, Doron Rabinovici, Mirjam Wenzel, Daniel Kühnel, Anton Biebl u. a. / Therese-Giehse-Halle; SuperBowl LX: New England Patriots vs. Seattle Seahawks / ProSieben

Sonntag, 1. Februar 2026

Wahlhelfende in Zeiten von Apps und Bayern-ID: München fehlen noch 1.000 von 14.000 Kräften zum Auszählen der Stimmen

Bei meinen ersten Einsätzen als Wahlhelfer wurde ich noch bar bezahlt. An jedem Wahltag machten sich ein oder mehrere Männer vom Kassenamt auf den Weg, klapperten sämtliche Wahllokale ab und überreichten die Aufwandsentschädigung cash gegen Quittung. An und für sich auch ein guter Aufhänger für einen ganz anderen Krimi am Wahltag: Was, wenn die Geldboten überfallen worden wären? 

Später sparte sich die Landeshauptstadt den Aufwand und überwies die Aufwandsentschädigung. Seit der Europawahl 2024 ist nicht mehr nur die Bezahlung digitalisiert, sondern die vollständige Erfassung und Betreuung der Wahlhelfenden.

Das sorgt derzeit im Vorfeld der Kommunalwahl am 8. März für einige Verwirrung. Auf Sozialen Medien wie Linkedin und Facebook kursieren irritierte Meldungen wie: „Warum sucht München so dringend Wahlhelfer/-innen (neudeutsch "Wahlhelfende"), dass Werbung in der S-Bahn geschaltet wurde? Es ist kompliziert: Man braucht eine "Bayern ID", einen digitalen Personalausweis, muss eine App installieren und am Ende braucht man einen Kartenleser oder ein NFC-fähiges Handy. Sich bei Elster einzuloggen ist auch für irgendwas gut, reicht aber nicht. Dann müssen halt die Generationen ran, die gern über die analog aufgewachsenen Generationen lästern. Viel Spaß mit den panaschierten und kumulierten Stimmzetteln und den Auswertungs-Bögen, auf denen 80 Kreuzerl pro Wähler anfallen.“

So kompliziert sei das alles überhaupt nicht, widerspricht das Kreisverwaltungsreferat (KVR) auf Anfrage: „Die Anmeldung als Wahlhelfende*r erfolgt zwar über das BayernID-Portal, es müssen aber lediglich E-Mailadresse und Passwort angegeben werden. Online-Ausweis, App, Kartenleser oder ELSTER-Konto sind nicht erforderlich. Die Wahlhelfenden benötigen nicht einmal ein Smartphone, da sich die Anmeldeseite auch am Computer im Browser öffnen lässt.“

Das bisschen Technik scheint auch nicht den Zustrom an Interessierten zu hemmen. Laut KVR war die erforderliche Zahl an Wahlhelfenden bei der letzten Bundestagswahl innerhalb von weniger als zwei Wochen erreicht und beim Bürgerentscheid zur Olympiabewerbung innerhalb von neun Stunden.

Bei Kommunalwahlen tut man sich generell etwas schwerer, weil man mit 14.000 Kräften deutlich mehr Leute als bei Bundestags- (2025: 7.700) oder Europawahlen (2024: 6.400) braucht und das länger: die Auszählung kann nicht am selben Tag beendet werden, sondern geht am Montag weiter. Schließlich haben die Wählenden beim Stadtrat und den Bezirksausschüssen vielfältige Möglichkeiten, ihre Stimmen zu vergeben (Listenwahl, Kumulieren, Panaschieren, Streichen von Kandidierenden). Das auszuwerten kostet Zeit.

Außerdem sind zu den Kommunalwahlen erheblich mehr Gremien in den Wahlräumen und bei der Briefwahl vorgesehen. Zum Vergleich: Zur Bundestagswahl 2025 gab es 470 Wahlräume (= Wahl- bzw. Stimmbezirke), zu den Kommunalwahlen 2026 werden es 686 Wahlräume (= Stimmbezirke) sein. Bei der Briefwahl waren es zur Bundestagswahl 473 Gremien, jetzt werden es 670 Briefwahlgremien sein. Nur für diese zusätzlichen 413 Gremien werden schon mehr als 4.000 Wahlhelfende benötigt.

Doch trotz des erhöhten Bedarfs an Helfenden fehlen derzeit nur noch rund 1.000 von 14.000 benötigten Kräften. Falls noch jemand am 8. und 9. März Zeit sowie Bock auf praktizierte Demokratie hat und sich als Wahlhelfer*in beim Wahlhelfer-Portal anmelden will: Je nach Aufgabe im Wahlvorstand erhalten Wahlhelfende eine Aufwandsentschädigung zwischen 130 und 180 Euro. Für den Einsatz am Sonntag können sie entweder einen freien Tag (Beschäftigte im öffentlichen Dienst) oder zusätzlich 50 Euro (alle Wahlhelfenden) beantragen.

Erinnerungen an meinen Vater (32) und die Kunst, eine Krawatte zu binden

Es gibt kaum Fotos meines Vaters Ion Popa, auf denen er ohne Krawatte zu sehen ist. Selbst auf der Wiesn trug er Schlips. Als junger Mann im Bukarest der 1930er- und 1940er-Jahre soll er für seine schicken Krawatten berühmt gewesen sein, wie ich bereits erzählt habe.

Und so habe ich, neben den bereits erwähnten eher theoretischen Dingen, als Kind von ihm auch gelernt, wie man eine Krawatte bindet. 

Ich bin zwar, wie meistens mit meinen Händen, nicht sonderlich geschickt darin und brauche es nur alle ein, zwei Jahre mal, da ich äußerst ungern einen Schlips anlege. Aber ein einziges Mal gezeigt und irgendwie doch nie mehr vergessen.

Samstag, 31. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (31) und das Capșa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Jeden Abend nach dem Andruck des „Curentul“ Ende der 1930er, Anfang der 1940er-Jahre ging mein Vater Ion Popa ins Capșa. Das legendäre, bis heute existierende Lokal in der Calea Victoriei, einer der Hauptstraßen von Bukarest, war nicht nur für Journalisten der Treffpunkt.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre erstmals selbst nach Rumänien reisen konnte, schaute ich natürlich im Capșa vorbei. Und traf später auch einen Schwager meines Vaters, Eugen „Nicu“ Filimon, der damals noch lebte. Filimon war mit Polixenia „Pusy“, einer der Schwestern meines Vaters, verheiratet gewesen und hatte zwischen den Kriegen und/oder während des Zweiten Weltkriegs eine leitende Funktion bei der Rumänischen Nationalbank bekleidet.

Nicu bestätigte mir nicht nur, dass mein Vater gern und oft im Capșa feierte, sondern dass damals auch regelmäßig auf jedem der beiden Oberschenkel meines Vaters jeweils eine Frau gesessen hätte. Wer wie ich oder meine Schwester unseren Vater erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte, kann sich schwer vorstellen, dass dieser eher schwermütige, depressive, zurückgezogen lebende Mann in den 1930er- und 1940er-Jahren offenbar ein Schwerenöter und latin lover gewesen sei.

Mein Vater soll in Bukarest auch dafür bekannt gewesen sein, dass er die schicksten Krawatten der ganzen Stadt getragen hat, die er sich regelmäßig in Berlin besorgte.

Freitag, 30. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (30) und unsere Flugreise nach Zürich

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Während meiner Kindheit und Jugend lebte mein Vater sehr zurückgezogen. Anfangs fuhr er noch mit uns im Auto in den Urlaub nach Italien. Selbstverständlich war er dabei, wenn die ganze Familie ihre Flüchtlingspässe in der Straßburger Präfektur verlängerte beziehungsweise erneuerte. Und ganz selten, vielleicht auch nur einmal begleitete er in den 1960er- und 1970er-Jahren meine Mutter und mich auf unseren ständigen Bahnreisen nach Paris. 

Erinnern kann ich mich an kein einziges Mal, aber es gibt zumindest ein Gruppenfoto mit uns, der Familie meines Onkels mütterlicherseits und dessen Schwiegereltern Joffé in Le Vésinet. Da mein Onkel Jean „Ţuţi“ Dragesco nicht auf dem Bild ist, stand er wohl hinter der Kamera.

Um so merkwürdiger ist daher die einzige Reise, die mein Vater und ich allein unternahmen. Wir flogen Mitte bis Ende der 1960er-Jahre nach Zürich. Meine erste Flugreise. Und ich habe nicht die leiseste Vorstellung, warum wir diesen Tagestrip, morgens hin, abends zurück, unternommen haben. Hat er jemanden getroffen? Musste er etwas erledigen? 

Ich kann mich auch nur noch an ein einziges Detail genauer erinnern. Wir suchten einen Spielwarenladen auf und ich freute mich, an einem Märchenautomaten mir eine Geschichte über Kopfhörer vorspielen zu lassen. Nur verstand ich kein einziges Wort. Das Märchen war auf Schwizerdütsch.

(Foto: Aero Icarus/Wikipedia) 

Berater in der Münchner Stadtverwaltung – oder: Wie die Kämmerei mauert und mit Terminen und Begriffen mogelt

Seit einem Jahr analysieren Berater*innen von Partnerschaft Deutschland den Produkthaushalt der Landeshauptstadt München. Teilergebnisse liegen seit Monaten bereits vor, sollen aber bis nach der Kommunalwahl am 8. März geheim gehalten werden. Nachdem Anfang Dezember hier in meinem Blog und wenige Tage später in der „Abendzeitung“ erste Details geleakt wurden,  war die Empörung groß – bei der Stadtkämmerei.

In seiner großen Haushaltsrede vor der Vollversammlung des Münchner Stadtrats Mitte Dezember empörte sich Kämmerer Christoph Frey (Foto) unter dem Beifall des gesamten Stadtrats über den „persönlichen Angriff auf mich, auf jemanden, der sich sein ganzes Berufsleben lang politisch der kommunalen Daseinsvorsorge geradezu verschrieben hat“.

Nun ist es mit der moralischen Empörung gewählter Repräsentanten nicht erst seit Uwe Barschel so eine Sache. Glaubwürdiger wird man damit selbst in der Kommunalpolitik nicht unbedingt.

Ein Blick auf die Zahlen und Begriffe hilft, gerade bei einem scheinbar faktenorientierten Haus wie der Kämmerei.

Bei dem Versuch, sich zu rechtfertigen, dass die Ergebnisse der Haushaltsanalyse durch die externen Berater*innen erst nach dem 8. März publiziert und öffentlich diskutiert werden würden, rekurriert die Kämmerei hartnäckig auf die Behauptung, „die konkreten Ergebnisse“ würden „ – wie zu Beginn des Projektes angekündigt – Anfang des zweiten Quartals 2026 vorliegen“.

Wahr ist dagegen, dass zu Projektbeginn nur allgemein vom Frühjahr 2026 die Rede war und die Stadtkämmerei noch im November 2025 auf meine Anfrage hin schriftlich konkretisierte, die Ergebnisse „im ersten oder zweiten Quartal 2026“ vorzulegen.

Jetzt plötzlich nur noch vom zweiten Quartal zu sprechen, ist höchstens die halbe Wahrheit. Und so zu tun, als ob das nie anders gewesen wäre, der Versuch, rückwirkend einen Zick-Zack-Kurs zu vertuschen. 

Spannend ist auch ein Blick auf das prozedurale Verfahren, ganz unabhängig von den Ergebnissen. Die Kämmerei spricht da gern von „intensiven Austauschen und Workshops“. Der Plural ist zumindest gerechtfertigt, weil es in jedem Referat einen Workshop gab und es nunmal 15 städtische Referate gibt.

Nun will die Kämmerei nicht nur zum Prüfauftrag und den Vertragsbestandteilen keine Stellung nehmen, sondern hält auch die laufenden Beratungsabläufe als interne Verwaltungsvorgänge für geheimhaltungswürdig. Es gibt sogar einen Maulkorberlass, der es den Referaten sowie den städtischen Eigenbetrieben, Beteiligungsgesellschaften, Regiebetrieben und sonstigen Häusern untersagt, mit der Presse zu sprechen. Alle Anfragen darf nur die „federführende“ Stadtkämmerei beantworten.

Nicht alle halten sich daran. Und ich hätte gern ein vollständiges Bild erarbeitet, aber so müssen die Erfahrungsberichte einzelner Beteiligter als pars pro toto dienen.

„Intensive Austausche und Workshops“? Von „intensivem Austausch“ im „Vorfeld und Nachgang der Workshops“ konnte mir seitens der Referate niemand berichten. Ganz zu schweigen von einem „interaktiven Austausch“. Und es gab zumindest in den mir bekannten Häusern eben auch überhaupt nur einen einzigen Workshop pro Referat. 

Nur was ist ein Workshop? Landläufig stellt man sich darunter eine kooperative, moderierte, austauschorientierte, konstruktive Arbeitssitzung vor. Tatsächlich sollen Workshops mit Partnerschaft Deutschland so aussehen, dass die Berater*innen der anwesenden Referatsleitung und deren Haushaltsexpert*innen erklären, was ihres Erachtens alles zu streichen sei oder um die Stadtkämmerei zu zitieren: Welche „Potentiale“ im jeweiligen Haus auszuschöpfen wären. Das allein nimmt schon fast die gesamte veranschlagte Zeit in Anspruch und zum Schluss kann das Referat sich dazu äußern, was es davon für nicht umsetzbar hält. Danach trennt man sich und die Referate werden erst wieder in den kommenden Wochen mit den Endergebnissen konfrontiert werden. Selbst Frontalunterricht ist kooperativer denn diese Workshops.

Das steht offenbar auch im Widerspruch zum anfänglichen Auftrag, denn in einem Interview mit der Abendzeitung vom 31. Januar 2026 behauptet die Fraktionsvorsitzende der Rathaus-Grünen Mona Fuchs: „Wir versuchen auch, nicht nur von oben zu kürzen, sondern fordern die Mitarbeiter auf, Vorschläge zu machen. Das zu professionalisieren, war der Auftrag für PD.“

Diese Einbindung von Vorschlägen der Mitarbeitenden durch Partnerschaft Deutschland scheint nicht stattzufinden, denn Stadträtin Anne Hübner, die Vorsitzende der SPD-Rathausfraktion, betonte in Abgrenzung zur Arbeitsweise der externen Berater von PD: „Da ziehe ich den Diskussionsprozess des Sozialreferats mit der Wohlfahrt und dem KJR vor, in dem man gemeinsam schaut, was es braucht (und was nicht).“

Überhaupt fällt auf, dass manche ehrenamtliche Stadträt*innen längst sehr detailliert informiert sind über die Ergebnisse der Haushaltsanalyse durch Partnerschaft Deutschland. Darauf angesprochen, rechnet sich die Stadtkämmerei das selbst an: „Im Rahmen des von der Stadtkämmerei jährlich veranstalteten Haushaltsseminars wurden die Städträte*innen über den Prozess und Projektstand informiert.“ Als ob die Fraktionsführungen sich nicht regelmäßig mit ihren Referent*innen treffen und detailliert austauschen würden – ganz ohne Zutun der Kämmerei.

In den städtischen Eigenbetrieben, Beteiligungsgesellschaften, Regiebetrieben und sonstigen Häuser traten die Berater*innen von Partnerschaft Deutschland überhaupt nicht in Erscheinung. „Es ist richtig, dass mit dem gewählten Ansatz keine Organisationsuntersuchung – weder in den Referaten noch in den Eigenbetrieben o.ä. stattgefunden hat. Diese wäre im Rahmen des Projektes auch nicht leistbar gewesen“, schreibt die Kämmerei. Die Zuwendungen würden aber durchaus auf dem Prüfstand stehen. Wobei ein Haus mir gegenüber betonte, dass sie eh schon von sich aus „laufend an ihrer Kosteneffizienz“ arbeiteten.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (29) und seine Abscheu vor dem Münchner Hauptbahnhof

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Als Jugendlicher liebte ich den Münchner Hauptbahnhof, weil es dort die ganzen internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu kaufen gab, von den „Cahiers du Cinéma“ über „Libération“ bis hin zum französischen „lui“ und den US-amerikanischen „Penthouse Letters“.

Mein Vater hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Nicht wegen der erotischen Heftchen, sondern wegen des Ortes an und für sich. Für ihn verkehrten an Bahnhöfen nur Spione und Sex Worker.

Mittwoch, 28. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (28) und die Bombardierung von Dresden

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Mein Vater erzählte, wie er die Bombardierung von Dresden erlebt hat. Die Detonationen, das Feuer, aus der Ferne, aber doch nah genug, dass er den Zug, in dem er damals unterwegs war, verlassen musste, um am Bahndamm Schutz zu suchen.

Nun waren mein Vater, seine Ehefrau, die gemeinsame Tochter und viele mit ihnen aus Berlin, Wien und dem übrigen Deutschen Reich deportierte Rumän*innen im Winter 1944/1945 in Krummhübel, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, interniert, bis sie die russische Armee im Frühjahr befreite.

Weshalb nur der erste Luftangriff der „8th Air Force der USAAF mit 65 B-17 Flying Fortress auf die Industrie in Freital (Mineralölwerk der Rhenania-Ossag in Birkigt), das Industriegelände Gittersee und Wohnanlagen“ (Wikipedia) am 24. August 1944 in Frage käme. „Eine Bombe fiel auf Coschütz. Bei dem Angriff starben 241 Menschen.“

Deportiert und interniert worden waren die Rumän*innen wegen des sogenannten Königsputsches einen Tag zuvor am 23. August 1944, bei dem der junge König Mihai I. den Militärdiktator Ion Antonescu stürzte und Rumänien damit die Achsenmächte verließ und sich den Alliierten anschloss.  

Dienstag, 27. Januar 2026

Die Sparvorschläge von Partnerschaft Deutschland kommen manchem Referat vielleicht gelegen

Wofür bezahlt man ein Jahr lang eine Beratungsfirma wie Partnerschaft Deutschland? Damit sie – wie berichtet – drastische Sparmaßnahmen für die Landeshauptstadt München entwickelt, die dann im Papierkorb landen? Oder damit diese Vorschläge auch umgesetzt werden?

Ersteres könnte man glauben, wenn man die Fraktionsvorsitzende der Rathaus-SPD, Anne Hübner, liest: „Das werden so NIE die Pläne der Stadt.“ Anlass für diesen emotionalen Ausbruch nach vielen Wochen des Schweigens war der Versuch der konkurrierenden Linken, die Debatte über die Sparmaßnahmen auf die Zeit vor der Kommunalwahl am 8. März zu legen, während die grün-rote Rathaus-Koalition Ergebnisse wie Diskussion der Sparvorschläge erst nach der Wahl zulassen will.

Spielt es denn eine Rolle, wann zwischen guten und schlechten Vorschlägen, zwischen Töpfchen und Kröpfchen entschieden wird? Sind denn die berufsmäßigen Stadträt*innen, also die Referent*innen nicht auch nach dem 8. März weiter im Amt?

Wenn man sich mit dem Kulturreferenten Marek Wiechers unterhält, kommt man nicht umhin, annehmen zu müssen, dass ihm alle freiwilligen Leistungen seines Hauses am Herzen liegen und er wie eine Löwenmutter für sie kämpfen wird.

Aber es gibt auch andere Konstellationen, wo das Überleben mancher freiwilliger Leistungen eben nicht nur von der Referatsleitung abhängen wird, sondern von den möglicherweise wechselnden Mehrheiten im Rathaus.

Um ein Fallbeispiel aus meiner eigenen Erfahrung zu nehmen: Von 2019 bis 2022 war ich als Konfliktmanager für AKIM, dem beim Sozialreferat angesiedelten Allparteilichen Konfliktmanagement in München unterwegs. In derselben Abteilung sind auch die Moderation der Nacht (vulgo: Nachtbürgermeister*in)  und MUCAware angesiedelt.

Es war damals ein offenes Geheimnis, dass die Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD), eine Juristin, nicht verstand, warum sich das Sozialreferat um Konflikte im öffentlichen Raum kümmern sollte. Das sei doch Aufgabe der Polizei.

Gerade aber wo es an Hot Spots wie dem Wedekindplatz, der Messestadt West oder der Türken-/Ecke Schellingstraße parallel zu Einsätzen der Konfliktmanager*innen, Polizeieinheiten wie BePo oder USK und am Wedekindplatz zeitweise auch noch des Kommunalen Außendienstes kam, konnte man sehr wohl sehen, dass es einen Unterschied ausmacht, ob man den Bürger*innen deeskalierend oder mit Schlagstock entgegentritt.

Nur dem Einsatz der grünen Rathausfraktion und nicht etwa der Referatsleitung war es geschuldet, dass AKIM und die Moderation der Nacht gefördert wurden.

Als freiwillige Leistungen sind diese nun stark gefährdet, weil eben kaum Rückhalt in der Referatsleitung besteht.

Insofern war das Münchner Stadtmuseum vielleicht seiner Zeit voraus, als es bereits 2021 die AKIM-Weste für museal erklärte.

(Fotos: Jens Hartmann, Dorin Popa)

Erinnerungen an meinen Vater (27) Ion Popa alias Ion Măgureanu und Noël Bernard bei Radio Freies Europa

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Noël Bernard leitete von 1955 bis 1958 sowie von 1966 bis 1981 die rumänische Redaktion von Radio Freies Europa. In ihrem 2007 veröffentlichten Erinnerungsbuch „Directorul postului nostru de radio“ (Der Direktor unseres Radiosenders) schrieb seine Witwe Ioana Măgură Bernard (1940–2022) auch über meinen Vater (deutsche Übersetzung weiter unten):

„Prezentatorul programului politic a fost, vreme de vreo 20 de ani, lon Măgureanu. Nu era rudă nici cu cel de la SRI, serviciul român de informații, nici cu vreun altul, pentru bunul motiv că acesta era tot un pseudonim. Numele lui adevărat era lon Popa; lani pentru familie și prietenii apropiați; Popicu pentru colegi. Ziarist de profesie, se bucura de o mare popularitate pentru ascultători. Era un tip romantic, un gazetar democrat de factură veche și de stil latin, spre deosebire de pildă de Noël, prin excelență tipul de jurnalist anglo-saxon, riguros, sintetic și strict la obiect. Numele lui lon Măgureanu era legat indisolubil de programul politic. Într-un fel, se poate spune că și-au creat reciproc celebritatea. Prezentările lui Popicu erau directe, calde, originale și adesea pline de floricele. Ele debutau invariabil cu «dragi prieteni». Cînd începea să depene amintiri și să se lanseze în divagații, care veneau în contradicție cu însăși natura programului, Noël îi tăia pasaje întregi, ceeace îl supăra foarte tare, căci Popicu pe acestea le considera cele mai valoroase. Nu era vorba de cenzură, dar Noël nu voia ca prezentarea să se dilueze și, prin îndepărtarea de subiect și obiect, să piardă din acuitate și in ultimă instanță din impact. Cu toate acestea, îl aprecia mult pe lani – Noël așa îi spunea - atît ca ziarist cît și ca om. Popicu era un profesionist talentat, cu multă imaginație –  poate chiar prea multă – și un personaj deosebit de pitoresc. Avea chiar la 50 de ani înfățișarea unui bunic sfătos destul de scund, rotofei, cu părul alb și sprincene stufoase, oricînd bucuros să stea la taifas și să vorbească in pilde. Mi-l amintesc ieșind uneori din biroul lui Noël, încins și roșu la față, după vreo dispută profesională, care nu avea însă niciodată urmări. Dovada prețuirii de care se bucura, stă in faptul că Popicu a fost titularul programului politic pînă cînd a ieșit la pensie, în 1978.“

Grobe Übersetzung: Ungefähr 20 Jahre lang präsentierte lon Măgureanu die politische Sendung. Er war weder mit dem rumänischen Geheimdienstchef Virgil Măgureanu verwandt noch mit sonst jemandem diesen Namens, weil es sich bei diesem Nachnamen um ein Pseudonym handelte. In Wahrheit hieß er Ion Popa; Iani für seine Familie und engen Freunde; Popicu unter Kollegen. Als Berufsjournalist erfreute er sich großer Beliebtheit bei der Hörerschaft. Er war ein Romantiker, ein demokratischer Journalist alter Schule und romanischen Stils, im Unterschied zu Noël Bernard (Foto), der ein Paradebeispiel englischen Journalismus war, rigoros, prägnant und auf den Punkt. lon Măgureanu war untrennbar mit dem politischen Programm verbunden. Man könnte sagen, dass diese Kombination den Erfolg des Moderators und der Sendung begründete. Popicus Moderation war direkt, warmherzig, originell und somit auch blumig. Stets eröffnete er das Programm mit den Worten „liebe Freunde“. Wann immer er zu sehr abschweifte und sich nicht streng an den Kern des Programms hielt, strich ihm Noël ganze Passagen, was Popicu sehr erzürnte, weil er gerade diese Momente für die wertvollsten hielt. Man kann nicht von Zensur sprechen. Noël wollte nur nicht, dass die Inhalte verwässert werden und das Programm durch den Verlust an Focus auch an Schärfe und letztendlich an Wirkung einbüßt. Nichtsdestotrotz schätzte Noël Iani – so nannte er ihn – sowohl als Journalisten als auch als Menschen. Popicu war ein begabter Profi, mit großem, vielleicht sogar zu großem Einfallsreichtum und einer auffälligen Erscheinung. Mit gerade mal 50 Jahren wirkte er schon wie ein weiser Großvater, ziemlich klein und pummelig, weißhaarig und mit buschigen Augenbrauen. Stets zu einem Schwatz aufgelegt und bereit, Geschichten zum besten zu geben.Ich kann mich erinnern, wie er manchmal nach einem heftigen Streit aus Noëls Büro kam, erregt und im Gesicht rot angelaufen. Doch diese Auseinandersetzungen hatten niemals Folgen. Wie sehr Popicu geschätzt wurde, sieht man daran, dass er bis zu seinem Ruhestand 1978 die politische Sendung behielt.

Montag, 26. Januar 2026

Erinnerungen an meinen Vater (26), den 54er-Bus und die Tramlinien 4, 20 und 22

Als ich vor ein paar Wochen einen Arzttermin bei einer Humangenetikerin wahrnahm, musste ich feststellen, dass ich sehr detailliert Bescheid wusste über meine Vorfahren mütterlicherseits, aber nahezu nichts über die Familie meines Vaters. Durch seine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien und seine Arbeit für Radio Freies Europa waren alle Kontakte gestört, wenn nicht völlig unterbrochen. Ich besitze keine familiären Unterlagen aus der Zeit vor dem Exil, kenne kaum lebende Verwandte aus dem Zweig der Familie. Was mir bleibt sind nur die Fakten vom Hörensagen, die Erzählungen meines Vaters Ion Popa alias Ion Măgureanu. Bei meiner Geburt war mein Vater bereits 48 Jahre alt. Und da er mit zunehmendem Alter oft krankgeschrieben war, verbrachte ich als Kind und Jugendlicher viel Zeit mit ihm. Zeit, in der er mir viel aus seinem Leben erzählte. Vielleicht gebe ich nach 50, 60 Jahren manche Details falsch wieder, vielleicht habe ich sie schon beim ersten Mal als Kind nicht ganz begriffen. Aber so lange ich mich noch daran erinnere, möchte ich sie schriftlich festhalten. Tag für Tag, in ungeordneter Reihenfolge. Nicht zuletzt, um in den kommenden Monaten dem einen oder anderen Detail in Archiven nachzugehen und gegebenenfalls bei den entsprechenden Anekdoten zu ergänzen.

Meine Eltern besaßen bis in die 1970er-Jahre ein Auto, einen Ford Taunus 17 M, aber mein Vater fuhr immer öffentlich zum Sender.  Auf dem Weg zu Radio Freies Europa am Englischen Garten nahm er wohl, wie ich nach Rücksprache mit dem Stadtneurotiker vermute, am Rotkreuzplatz die Tramlinie 22 und stieg dann am Nikolaiplatz auf den 54er-Bus Richtung Tivolistraße um.

Zum Rotkreuzplatz lief er von  unserer Wohnung in der Tizianstraße zu Fuß, vielleicht nahm er für das Stück gelegentlich die Tramlinie 4.

Wann immer ich meinen Vater im Sender besuchte, nahm ich auch Tram und/oder Bus.

In den Tagen, in denen meinen Vater aufgrund seines Dolviran-Missbrauchs Ausfallserscheinungen hatte, kam es, wie ich bereits erzählt habe, vor, dass er abends überfällig war und ich dann Richtung Rotkreuzplatz lief. Meist fand ich ihn dann auf einer Parkbank im Grünwaldpark im Dämmerzustand.

Jahre zuvor will mein Vater beim Umstieg am Rotkreuzplatz meinen Bruder Dinu beim Betteln auf der Straße gesehen haben. Aber weder er noch ich sprachen mit ihm jemals darüber.

Gelegentlich müssen wir aber eine andere Route genommen haben, als die über Schwabing. Wohl die Tramlinie 20 von RFE Richtung Innenstadt und dann der Umstieg auf die Linie 4 über Maximilianstraße und Lenbachplatz Richtung Gern.

Denn ich kann mich erinnern, dass wir einmal am Stiglmaierplatz ausgestiegen sind, weil mein an der Prostata erkrankter Vater dringend aufs Klo musste. Er ging in den Löwenbräukeller, um sich zu erleichtern, während ich als Kind davor wartete. Seitdem bin ich auch so auf das Thema Öffentliche Toiletten fixiert.

(Oberes Foto: Reinhard Fuchs/Sammlung Straßenbahnfreunde München e.V.)